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gefunden haben. Ich versprach Ihnen, da Sie ja Liebhaber und zugleich Kenner sind, dieselbe einmal zu zeigen und habe sie heute mitgebracht. Herr Lieutenant,“ wandte er sich an mich,„wollen Sie die Güte haben, sie herbeizuholen? sie steckt in einem Etuis draußen in meinem Ueberrock.“
Ein gebieterischer Blick begleitete die Aufforderung, deren geheimen Zweck ich nur zu wohl verstand: es sollte mir dadurch Gelegenheit gegeben werden, mich unauffällig aus dem Saale zu entfernen. Mein Herzschlag stockte, während ich mich ver— beugte und gewohnheitsmäßig mein„Zu Befehl, Herr Oberst“ murmelte.
„Aber das ist ja nicht nöthig,“ protestirte der Graf liebens— würdig,„es könnte ja ebenso gut einer der Diener...“
„Nicht doch, ich fürchte, der würde lange suchen müssen, ehe er unter der stattlichen Mäntelzahl den richtigen herausfände!“ lachte der Oberst.„Sie, Herr Lieutenant, kennen ja den meinen und werden daher schneller zum Ziel gelangen. Ich hoffe, Sie machen Ihre Sache gut! Uebrigens,“ fügte er, von der scharfen Betonung der letzten Worte zu einem sehr natürlich angenom⸗ menen gutmüthigen Accent übergehend, hinzu,„will ich Sie nicht länger als nöthig von der Betheiligung am Tanze zurück⸗ halten, Sie können uns Ihren Fund durch einen Diener in jene Plauderecke bringen lassen, wohin ich unsern liebenswürdigen Wirth zu entführen gedenke.“
Er deutete auf ein entferntes Seitenkabinet, indem er den Arm des Grafen, von dem er mich so geschickt befreit, durch den seinen zog.
Mit einem Gefühl dumpfer Pein sah ich die Beiden sich durch die tanzenden Paare winden, dann richtete ich mich straff auf und eilte dem als Garderobe dienenden Vorzimmer zu. Der bezeichnete Gegenstand' war bald gefunden; ich händigte ihn, den Wink des Obersten befolgend, dem dort harrenden Dien er ein, mit der Weisung, ihn in jenes Seitenkabinet zu bringen.
So wie der Diener den Rücken gewandt, riß ich Mütze und Degen von der Wand und stürmte auf dem mir wohlbekannten Wege durch den nach der Hinterfront des Schlosses führenden langen Korridor hinaus in's Freie.(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Schmuggler an der salzburgisch⸗bayerischen Grenze.(Siehe Illustration.) Kaum ein anderer Mensch in der weiten Welt wandelt so gefährliche Wege, als der Schmuggler im Hochgebirge. Ist es für den Touristen oder Gemsjäger schon im Hochsommer gefährlich, sich auf wenig betretenen Pfaden auf die Joche und Grate der Bergriesen hinaufzuwagen, so wächst die Gefahr beim Eintritt der rauhen Herbststürme ganz gewaltig. Stürme, die uns in den tiefen Thalmulden schwach und ungefährlich erscheinen, toben droben auf den Berghöhen mit rasender Gewalt. Da prasseln dicke Hagelkörner auf den einsamen Wanderer nieder, die ihm Gesicht und Hände blutig schlagen, da braust der Sturmwind über ihn hin, daß er Mühe hat, sich auf den Beinen zu erhalten, da durchnässen ihn Regen⸗ fluthen bis auf die Haut oder dichte Schneewehen überschütten im Nu die schmalen Felsstiege und lassen den Wanderer rathlos in der un⸗ geheuren Oede der Felsregionen. Die Schmuggler aber, welche um kargen Gewinnes willen Waaren von der österreichischen Grenze zur bayerischen hinüberschleppen, müssen die einsamsten Wege wandern und diese sind natürlich die gefährlichsten. Da geschieht es denn oft, daß sie mitsammt ihrer schweren Last in schneeüberdeckte Felsspalten hinabrutschen und qualvolle Stunden erleben, bis die Gefährten sie befreien können, oder daß sie gar elendiglich in der Kälte zu Grunde gehen. Mancher bricht im Steingeröll den Fuß und kann froh sein, wenn die Genossen, die ihn zurücklassen müssen, um ihre Waaren in Sicherheit zu bringen, später rechtzeitig wiederkehren, um ihn auf einer Tragbahre zu Thal zu schleppen. Wer nun den Elementen da droben so kühn die Stirn bieten muß, der schrickt auch nicht vor einem Kampf mit den Grenzwächtern zurück. Gar mancher Hüter des Gesetzes wurde da droben schon mit durchschossener Brust oder zerschlagenen Gliedern todt in den Felsenklüften aufgefunden. Je höher die Zollschranken an den Grenzen aufgerichtet werden, desto größer wird die Zahl der Schmuggler, das zeigte sich am Klarsten, als Napoleon die Kontinentalsperre einführte. Die fast uner⸗ schwingliche Höhe des Zolls machte derzeit die Hälfte der Greuzbewohner zu Schmugglern. R. E.
Die Cagots. Die Distrikte im Westen und Süden Frankreichs, von Bretagne und Maine an durch Poitou, Guienne, Gascogne, Bearn und die baskischen Provinzen bis nach Navarra und über die Pyrenäen hin⸗ über sind wenig erforscht und die Bevölkerung zeigt an manchen Orten noch einen ganz primitiven Typus.
Ueber diesen ausgedehnten Landstrich zerstreut wohnt ein Volk, dessen Ursprung noch ein Räthsel, das noch weniger gelöst ist als das über die Zigeuner, von denen wir, wegen ihrer eigenthümlichen Sprache,
wenigstens so viel wissen, daß sie aus Indien stammen müssen; dies Volk ist seit undenklichen Zeiten unter den Namen Cagots, Capots, Agots oder Gahets, oder unter dem noch seltsameren Chrestiaa (Christ) bekannt, obwohl letzterer ganz in Vergessenheit gekommen zu sein scheint. 2
Fast jedes Dorf besitzt eine oder zwei Cagotfamilien, zum Mindesten findet sich Zeugniß ihres früheren Daseins in dem Namen ihres Wohn⸗ sitzes, namentlich im spanischen Navarra, welches wohl ihr Hauptsitz ge⸗ wesen ist und wo sie noch jetzt ziemlich zahlreich sind. Ihre Wohnungen waren fast immer auf eine besondere Straße oder Stadtabtheilung be⸗ schränkt und in Dörfern bewohnten sie meist einen besonderen Weiler, der häufig durch einen Fluß von den anderen Wohnungen geschieden war. An manchen Orten, wo die Cagotfamilien seit geraumer Zeit ausgestorben sind, scheinen ihre Wohnungen zerstört worden zu sein, und der Name tous Cagots oder tous Chrestias haftet jetzt an unbewohnten Plätzen, oder ihre Wohnungen dienen jetzt einem schimpflichen Zwecke; zu Mont de Marsan z. B. ist jetzt das ganze Quartier der Cagots, hier Gezits genannt, von übelberüchtigten Leuten eingenommen. In den Kirchen findet man die zahlreichsten und dauerndsten Anzeichen des Daseins der Cagots, sowie des Abscheues, den die übrigen Einwohner gegen sie hegten. An einigen Orten scheinen sie vor Alters eigene Kapellen gehabt zu haben, in den meisten Kirchen des westlichen und südwestlichen Frank⸗ reichs aber findet sich eine kleine, jetzt oft vermauerte Thür, die Cagot⸗ thüre genannt, durch welche sie nach einem besonderen Theile der Kirche gingen und sich auch eines besonderen kleinen Weihwasserkessels bedienen mußten, denn auch die Kirche betrachtete sie, an manchen Orten noch kurz vor dem Ausbruche der Revolution, als eine verfluchte Race; man erzählt noch aus dem Jahre 1789 Fälle, wo Cagots, die sich des allge⸗ meinen Weihwassers bedienten, beinahe als Opfer der Volkswuth gefallen wären. Das Vorurtheil gegen die Cagots beschränkte sich nicht auf das Innere der Kirche, denn fast in jedem Kirchspiel hatten sie einen beson⸗ deren Kirchhof, oder wenigstens eine besondere Abtheilung auf demselben; ebenso wenig durften sie an demselben Brunnen Wasser holen, wie andere Leute, weshalb an vielen Orten sich sogenannte Cagotsbrunnen finden.
Die tief gewurzelte Abneigung gegen diesen als verflucht angesehenen Stamm drang in alle Lebensberhältnisse ein; kein Cagot konnte Priester werden, und daher das im Baskenlande gewöhnliche Sprichwort, um etwas Unmögliches zu bezeichnen:„Das geschieht nicht eher als bis ein Cagot Priester wird.“ Männer und Weiber, die sich mit Cagots ver⸗ mählten, verloren dadurch sozusagen ihre Kaste und wurden von ihren nächsten Verwandten geflohen. An vielen Orten dauert dies Vorurtheil noch bis auf den heutigen Tag und man erzählt Fälle, die in der Bre⸗ tagne, wo man gerade schon sehr früh das Loos der Cagots zu bessern sich bemühte(die Cacous von St. Malo erhielten bereits von Herzog Franz II., dem Vater der bekannten Anna von Bretagne, einige Milde— rungen ihres Looses, auch Franz J., König von Frankreich, gab einige Verordnungen zu ihren Gunsten. Im Jahre 1681 wurde ein Gesetz erlassen:„Da keine Aussätzigen, Ladres oder Caquins sich mehr zu Kerroch, Kirchspiel St. Caradec d'Hennebon, befinden, so soll in Zukunft kein Unterschied mehr unter den Bewohnern des Dorfes— welche bis⸗ her Begräbnißplätze und Kapellen abgesondert gehabt haben— gemacht und alle während ihres Lebens zur Wohlthat der Kirchspielsunterstützung zugelassen und nach dem Tode in der Kirche begraben werden.“), vor einigen Jahren vorgekommen sind und von dem vielfach verbreiteten Vorurtheil zeugen, daß die meisten Personen aus reinem Blute, die sich mit Cagots verbinden, bald nach der Heirath krank würden und daß viele davon stürben, während die, welche genesen, kräftiger seien als zuvor. Michel, auf dessen Werk:„Histoire des races maudites de la France et de Ihspagne“ man lange Zeit mit großer Spannung gewartet hatte, der aber über die eigentlichen Cagots nur Materialien gesammelt hat, welche zu einer künftigen Bearbeitung der Geschichte dieser Menschenklasse ein nützlicher Beitrag sind, ohne etwas Neues darzubieten, behauptet auf die Glaubwürdigkeit eines Korrespondenten hin, daß es Fälle gäbe, wo Cagotfrauen in kurzer Zeit drei junge und kräftige Ehemänner, die keine Cagots waren, aus dem Leben hinausbeförderten, und daß der um⸗ gekehrte Fall, wo Cagotmänner ebenso rasch drei Nicht⸗Cagotweiber um— brachten, gleichfalls vorgekommen sei.
Merkwürdig ist, daß die Cagots, im Ganzen genommen, die tyrannische Verachtung, der sie ausgesetzt waren, mit Resignation trugen, obgleich sie oft reicher und auch in anderer Beziehung den vermeintlichen reinen Racen überlegen waren. In ihren populären Balladen sprechen sie von ihrer Stellung oft mit Scherz und ohne Bitterkeit und nur selten sind die Fälle, wo sie sich der Mißhandlung offen widersetzten. In einigen Dörfern bilden indeß solche Streitigkeiten noch jetzt das Gespräch unter alten Leuten. g 8
Jetzt ist durch die mannigfache Vermischung das Vorurtheil größten⸗ theils gebrochen und die physischen Eigenthümlichkeiten, wenn sie solche besaßen, sind verschwunden. Ziemlich allgemein stimmen die Nachrichten überein, daß den Cagots das untere Ohrläppchen gefehlt habe, weshalb man sie Kurzohren genannt, was noch jetzt an manchen Orten gebräuch⸗ lich ist, auch sollen sie sich durch eine besonders weiße Haut und einen breiten Kopf ausgezeichnet haben. Daß sie aber durchgehends Cretins gewesen sind, ist nicht an dem, freilich fanden und finden sich körperlich Entartete in den Tiefthälern vor, doch solche Cagots, welche in offenen Gegenden, auf Bergen oder Ebenen wohnen, sind meist hochgewachsen, ziemlich hager, muskulös, haben eine lange, vorspringende Nase, stark ausgeprägte Züge und dichtes, kastanienbraunes Haar. Eine andere Ursache ihres baldigen Erlöschens, wenigstens in den baskischen Pro— vinzen, sind die seit längerer Zeit erfolgenden Auswanderungen, denn die baskischen Auswanderer, welche nach Amerika, meist nach Uruguay, gehen, sind größtentheils Cagots. Dr A. k.


