Ausgabe 
15.1.1888
 
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Wladislava hören Sie auf, ich bitte Sie, ich kann Sie nicht weinen sehen, flehte ich, indem ich versuchte, ihr sanft die Hände vom Antlitz zu ziehen.

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich zu fassen. Ich sah die nickenden Wasserrosen an ihrer Brust auf den schlanken Stielen ein paar Mal heftig auf- und niederschwanken, dann sagte sie, wie entschuldigend, mit einem unendlich rühren den Lächeln:Ich konnte nichts dafür es war der Schrecken, der noch in meinen Nerven nachzitterte. Ich weiß wohl, ich war recht kindisch, aber jetzt ist es vorüber, ich bin wieder ganz ruhig.

Trotz dieser Versicherung zitterte sie, als sie sich aufrichtete, so heftig, als ob sie sich kaum noch auf den Füßen halten könne.

Zur Gesellschaft möchte ich indeß doch nicht mehr zurück⸗ kehren, fuhr sie mit ganz sicherer Stimme fort;es ist ja auch schon spät; wollen Sie es übernehmen, mich drinnen zu entschuldigen? 5

Sie sah an mir vorüber, während sie sprach. Mir schien es, als lausche sie nach dem Flusse hin.

Ich antwortete nur durch eine stumme Verbeugung.

Sie wollte mich verabschieden, ich merkte es wohl, aber ich ließ den Wink unbeachtet, wußte ich doch nur zu gut, warum!

Einen Augenblick schwieg sie; als ich aber keine Miene machte, mich zu entfernen, streckte sie mir mit einemGute Nacht die schlanke Hand entgegen, indem sie zugleich mit einigen stammelnden Worten mir ihren Dank aussprach.

Ich fühlte es wie einen scharfen Stich im Herzen, während ich die kleine bebende Hand an meine Lippen zog. Jetzt sollte es also zur Entscheidung kommen aber nein, ich war ent schlossen, sie noch so lange wie möglich hinauszuschieben.

Komtesse wollen mich fortschicken, sagte ich im Tone scher⸗ zender Vernunft;nein, nein, das geht nicht. Ihr Herr Vater hat mir die Ehre erzeigt, Sie meinem Schutze anzuvertrauen, und es wäre unverantwortlich von mir, wenn ich Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustande verlassen wollte.

Aber ich fühle mich wirklich wieder ganz kräftig, Sie dürfen unbesorgt sein! sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme, während die angstvolle Ungeduld aus jedem ihrer Züge sprach.

Ich wußte, wie ich sie quälte, es war grausam von mir; aber ich konnte nicht anders.

Nicht doch, Komtesse, Sie zittern ja noch wie Espenlaub, fuhr ich daher unbarmherzig fort.Bin ich Ihnen denn so unsympathisch, daß Sie mich durchaus los sein wollen?

Nein, nein, gewiß nicht, wo denken Sie hin! rief die also in die Enge Getriebene in fast verzweifeltem Tone,aber ich fühle, daß Ruhe und Alleinsein mir wohlthun würden, und, nicht wahr, wenn ich Sie nun herzlich darum bitte, so werden Sie gut sein und mir den Willen thun?

Welch' unwiderstehlicher Klang in der süßen Stimme! Aber nein, konnte ich die Ursache dieses Flehens vergessen? In trotzigem Schmerz biß ich die Zähne aufeinander.

Ich möchte gern jeden Ihrer Wünsche erfüllen, Komtesse, beharrte ich bei meinem Widerstande,aber der Herr Graf ich kann wirklich nicht....

Wenn ich Ihnen doch nun versichere, daß mein Vater nichts dagegen haben würde und ich überdies die Verantwortung bei ihm übernehme! Ah... da kommt er selbst! Gott sei Dank!! 8

Sie flog dem Grafen entgegen, der, einen schwanbesetzten weißen Kaschmirmantel auf dem Arm, soeben auf die Gallerie hinaustrat. 8

Lieber Vater, komm' doch her und entbinde meinen allzu pflichttreuen Ritter seines Wortes! rief sie mit erzwungenem Scherz.Ich möchte allein sein, aber er meint, mich nicht ohne Deine Erlaubniß verlassen zu dürfen, obschon ich wieder ganz wohl bin.

Das freut mich, zu hören, mein Kind, erwiderte Graf

Szariszow lächelnd.Welchen Schrecken hast Du uns ein gejagt! Ich kannte ja meine tapfere Wlada gar nicht wieder in Dir! Nun, es scheint, Du hast die kindische Anwandlung schnell überwunden! Nehmen Sie herzlichsten Dank, Herr Lieutenant, für Ihren Beistand, wandte er sich dann zu mir, und verzeihen Sie, daß ich so lange auf mich warten ließ;

meine Gäste drinnen bestürmten mich mit theilnehmenden Fragen, so daß ich mich nicht eher losmachen konnte. Aber nun dürfen Sie sich der Gesellschaft wirklich nicht länger entziehen. Ich glaube, die Jugend möchte noch tanzen, da sind die Herren Ofsiziere unentbehrlich. Da also meine Tochter uns, wie sie versichert, nicht mehr braucht, so denke ich, kehren wir in den Saal zurück.

Ich verneigte mich stumm. geschnürt.

Du willst uns also nicht begleiten, der Graf.

Nein, dazu fühle ich mich doch zu angegriffen; ich möchte noch ein wenig hier in der frischen Luft verweilen, klang es leise zurück. 5

So nimm zuvor den Mantel, den ich Dir mitgebracht. Er hüllte die bebende Gestalt fest in den weichen, schmiegsamen Stoff, dessen schwanbesetztes Kapuchon er ihr über das dunkle Köpfchen zog. In welch' statuenhafter Blässe sich das Antlitz aus dem flockigen Weiß hervorhob! Sie barg es einen Augen blick an der Brust des Grafen:Dank, liebster Vater, und Gute Nacht! klang es halb erstickt. Seine Arme schlossen sich sekundenlang fest und zärtlich um die feine Gestalt. Es schien mir, als wenn er hastig etwas auf sie herabflüsterte.Muth! glaubte ich zu verstehen.Gute Nacht, mein Kind, sagte er dann laut, sie von sich lassend,bleib' nicht mehr zu lange in der kühlen Nachtluft! Kommen Sie, Herr Lieutenant!

Er schob seinen Arm durch den meinen, es blieb mir nichts übrig, als ihm zu folgen. Wie im Traum fühlte ich noch den zitternden Druck einer kleinen kalten Hand, hörte ein halb ge flüstertesGute Nacht, Herr Lieutenant. Gleich darauf stand ich wieder in dem erleuchteten Saale, dessen blendende Lichtfülle beinahe schmerzhaft meine Augen berührte.

Die Gesellschaft war in lebhafter Bewegung die Jugend, auf Anregung des Obersten, in voller Tanzbereitschaft. Alles, was an den verhängnißvollen Bleiguß erinnerte, war sorgfältig weggeräumt. Man wartete nur auf beruhigende Nachrichten des Gastgebers, um sich auf's Neue der lautesten Fröhlichkeit zu überlassen.

In den ersten Sekunden erfaßte ich indeß nichts von alle dem. Vor meinen Blicken zeichnete sich mit beinahe schmerz hafter Deutlichkeit ein ganz anderes Bild, das ich in eifersüch tiger Qual mit allen Sinnen verfolgte. Ich sah eine weißver⸗ huͤllte Elfengestalt die Stufen der Gallerie hinabsteigen und weiter in todesmuthiger Liebe durch den wilden Graus der Sturmnacht bis hinab an das wogengepeitschte Ufer......

Ein finsterer Blick meines Obersten verscheuchte jäh die Vision und rief mich zum Bewußtsein der Wirklichkeit und meiner versäumten Pflicht zurück.

Mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung empfand ich jetzt den Druck des fremden Armes, der den meinen gefangen hielt und mich dadurch an der anbefohlenen Verfolgung gehindert hatte. Ich wußte mich durch diese Thatsache entschuldigt und beantwortete seinen Blick daher nur mit einem trotzigen Achsel zucken. Wenn ich indeß gehofft hatte, der mir übertragenen Mission ledig zu sein, so hatte ich ohne die Energie und Zähigkeit meines Chefs gerechnet. Derselbe erfaßte schnell die Situation und wußte sie zu beherrschen. Mit liebenswürdiger Beflissenheit eilte er auf den Grafen zu, dessen beruhigende Ver⸗ sicherungen er mit der Miene aufrichtiger Freude entgegennahm.

Ah, dann steht ja nun der Erfüllung Ihrer heimlichen Wünsche nichts mehr im Wege, meine jungen Herrschaften, rief er mit der jovialen Heiterkeit, die ihm so gut zu Gesicht stand. Herr Graf, erbarmen Sie sich der tanzlustigen Füßchen unserer jungen Damen.

Mit lächelnder Bereitwilligkeit gab der Graf das Zeichen zum Beginn der Musik; die Aufforderung kam augenscheinlich seinen eigenen Absichten entgegen; er ahnte sicher nicht, daß der harmlos lächelnde Oberst Komödie mit ihm spielte.

So, nun ist die Jugend befriedigt, sagte Letzterer,und ich denke, wir können nun eine Weile gemüthlich mit einander plaudern, mein lieber Graf! Sie erinnern sich, daß ich Ihnen bei unserer letzten Begegnung von einer äußerst seltenen alten Münze sprach, die meine Soldaten vor Kurzem in hiesiger Gegend

Die Kehle war mir wie zu

mein Kind? fragte