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N Schläfen und mein Herz zuckt erschreckt zusammen.
nähern sich meiner Thüre, sie geht auf und Elly stürmt herein. Sie trägt ein kurzes, weißes Kleidchen, Hals und Aermchen sind bloß und sehen ganz blau gefroren aus.
„Mein Gott, Elly!“ rufe ich besorgt,„wie kannst Du die kalte Treppe in diesem leichten Anzuge herauf kommen?“
„Mama schickt mich, ich soll Dich holen!“
„Aber so hat Dich Mama sicherlich nicht geschickt. Dein Tuch?“ f ö
„Mein Tuch? Ich habe gar keins umgenommen. Mir ist auch garnicht kalt— wirklich nicht.“
„Aber Du mußt Dich erkälten. Mama wird sonst schelten.“
„Dazu hat Mama gar keine Zeit, die spricht mit dem Onkel Assessor, er schenkte ihr soeben ein wundervolles Bouquet.“
„Aber Deine Bonne, wo ist sie?“
„Die hilft den Thee serviren.“
Wir steigen die erleuchtete Treppe hinab.
„Elfriede!“
Die Stimme kenne ich— mir schlägt das Herz. des Vorsaals steht auf, er kommt uns entgegen.
„Elfriede, wie konntest Du in Deinem leichten Kleidchen fortlaufen!“ zürnte er.
„O, Papa, ich sollte das Fräulein holen, sie hat mir ein Tuch umgegeben.“
Jetzt erst blickt er nach mir hin. Er stutzt, das volle Licht des hell erleuchteten Vorsaals fällt auf mein erblaßtes Gesicht und läßt ihn einen Moment wie vor einer Vision zurückprallen. Aber hier ist nicht der Ort, seinem Erstaunen, seinem Befremden Ausdruck zu geben. Die hin und wieder eilenden Diener, das unruhige Kind, welches mich vorwärts in den Saal zerrt, neu ankommende Gäste, lassen nur eine flüchtige, förmliche Begrüßung zu. An dem Ausdruck seines Gesichtes erkenne ich aber genugsam, wie diese Begegnung ihn verwirrt, erschüttert hat. Auch mein Herz klopft schneller, meine Wangen glühen, ich sehe das, als mein Blick zufällig in den hohen Trümeau fällt, welcher sich dem Eingange des Empfangszimmers gegenüber befindet. Wo ist meine Ruhe, meine Resignation? O, um die Selbstüber⸗ schätzung, mit der ich mich in eine so thörichte, verhängnißvolle Sicherheit eingewiegt habe. Wie eine Blinde, so umklammere ich die weiche, schwache Hand des Kindes und bitte mit leiser Stimme, daß es bei mir bleiben möchte.
„Natürlich, Fräulein!“ versicherte es wichtig.„Ich freue mich ja so sehr, daß Sie da find, ich habe Niemand so lieb wie Sie — Papa ausgenommen!“
„Und Mama, Du vergißt Mama!“
„O, die hat nie Zeit für mich. Heute Morgen noch hat Papa ihr gesagt, sie überließe mich viel zu sehr der Bonne und ginge nur ihrem Vergnügen nach!“
Welches Familienbild giebt diese altkluge Geschwätzigkeit des Kindes! 8
Ihre Mutter hat uns jetzt bemerkt. Sie löst sich aus einem Kreis von Herren und Damen und kommt auf mich zu.„Ich sehe schon, ich muß Ihnen entgegen kommen, sonst hält sie Ihre Bescheidenheit von einer Begrüßung zurück und mein selbstsüchtiges Töchterlein nimmt Sie wieder allein in Beschlag. Heute ge— hören Sie aber mir und meinen Gästen. Sie sind mein Pro— tege, mit dem ich glänzen will!“
Mit mir glänzen! Ich muß lächeln. Ich kann ihr höchstens zur Folie dienen. Sie scheint meine Gedanken zu errathen; denn sie erröthet und betheuert lebhaft:„Ich bin überrascht, wie gut Sie ausseh'n!“ Dann, als fühle sie die Zweideutigkeit dieses Kompliments, setzt sie hinzu:„Sie sollten immer Blau tragen, es hebt die Farbe Ihrer Augen!“
Ich werde jetzt von ihr einigen Damen vorgestellt, welche dieses Mal die arme Gesanglehrerin mehr beachten als am Christ⸗ abend und einige freundliche Worte mit mir sprechen. Auch mehrere Herren ließen sich mir vorstellen, nur er hält sich mir fern; aber oft fühle ich mehr, als ich es sehe, seine Blicke auf mir mit einem befremdlichen Ausdruck ruhen. Sollte er etwa glauben, daß ich mich ihm absichtlich in den Weg gestellt? Das Blut strömt mir bei diesem Gedanken glühend heiß 91 den
ein, zu einer so niedrigen Beurtheilung meines Charakters habe ich ihm
Wo ist
Hier, nimm diesen Shawl,
Die Thüre
keine Veranlassung gegeben und ihm selbst liegen so kleinliche Gedanken sicherlich fern. Vollständig vermag ich aber die Be⸗ sorgniß, daß er meine Anwesenheit falsch beurtheilen könnte, nicht zu bannen. Am liebsten möchte ich die Gesellschaft verlassen, daran ist aber nicht zu denken. Ich muß aushalten. Ich muß das Mendelssohn'sche Duett begleiten, das ungetheilten Beifall erntet, muß jetzt selbst ein Lied vortragen. Jeder scheint an— zunehmen, daß dieses auf dem Programm des Abends steht. Was soll ich singen? Mit brillanten Koloraturen zu glänzen habe ich aufgegeben, meine Stimme hat nach meiner Krankheit ihre Biegsamkeit und Höhe verloren. Sie reicht nicht mehr aus, einen Konzertsaal zu füllen, hier in diesem hohen, aber nicht übermäßig großen Zimmer darf ich es wagen. Ich wähle„Mein Lied“.— Es liegt in ihm alles, was ich noch von Glück auf Erden besitze, das soll er wissen.—(Fortsetzung folgt.)
Lee ät
Schill's Aufruf an das Deutsche Volk vom Jahre 1809. Das Original dieses historischen Schriftstückes, welches man nicht mehr vorhanden glaubte, ist kürzlich aufgefunden worden und befand sich im Besitze einer Familie in Königsberg i. Pr. Der Inhalt des von Ferdinand v. Schill eigen⸗ händig entworfenen Aufrufes ist wörtlich folgender:
„An die Deutschen, meine in den Ketten eines fremden Volkes schmachtenden Brüder.
Der Augenblick ist erschienen, wo ihr die Fesseln abwerftet und eine neue Verfassung wieder erhalten könnt, unter welcher ihr seit Jahrhunderten glücklich Lebtet, bis der unbegräntzte Ehrgeitz eines Kühnen Eroberers unermeßliches Elend über das Vaterland verbreitete. Einmahl auch folgt
meinem Winke! und wir sind wie wir ehemahls, zeigt die Flugglocke
dieses schröcklichen Zeigen des Brandes, fasset in eure Herzen die reine Flamme der Vaterlandsliebe an, und seid für eure Unterdrücker das Zeichen des Unterganges. Alles greife zu den Waffen, Sensen und Picken mögen die Stelle der Gewehre vertreten. Bald werden englische Waffen sie ersetzen, die schon angekommen sind. Mit kräftiger Hand geführt, wird auch die Senze zu streiten willkommen sein. Jeder greife zu den Waffen, nehmet Theil an der Befreiung des Vaterlandes, erkämpfet für euch und eure Enkel Ruhe und Zufriedenheit. Wer feige genug ist, sich der ehren⸗ vollen Aufforderung zu entziehen, den dreffe Schmag und Verachtung, der sei zeitlebens gebrandtmarkt; ein edles deutsches Mädchen reiche nie die Hand einem solchen Verachter. Fasset Muth! Gott ist mit uns, und unsere gerechte Sache. Das Gebet der Greise möge Segen für uns er⸗ flöhen. Siegreich rücken Oestreicher Heere vor, trotz der prahlerischen Versprechungen Frankreichs. Die Tyroler haben schon ihre Fesseln zer⸗ brochen. Die braven Hessen haben sich gesammelt. An der Spitze ge⸗ prüfter, im Kampfe geübter Krieger eile ich zu euch. Balt wird die ge⸗ rechte Sache siegen, der alte Ruhm des Vaterlandes wieder hergestellt sein. Auf zu den Waffen. F. v. Schill.“ M. LI.
Große Prachtschiffe der Vorzeit. Hiero von Syrakus hatte eine be⸗ sondere Vorliebe für Schiffbaukunst, und ließ unter andern ein Schiff bauen, welches hinsichtlich seiner Größe und Pracht seines Gleichen suchte. Das Holz zu diesem Schiffe wurde vom Aetng geholt, welcher auch die beiden kleinen Maste lieferte; der dritte größte Mast wurde aber von Eng⸗ land herübergeschafft. Dieses ungeheure Schiff hatte drei Stockwerke; wunderschöne Mosaiken, das Leben Homers und Scenen aus der Iliade darstellend, bildeten die Fußböden. Es befanden sich auf diesem Schiffe sogar mehrere Tempel und verschiedene Bäder. Der Saal der Venus war mit Achat gepflastert, die Thüren waren von Elfenbein, an den Wänden standen Vasen und Statuen. Auch ein Garten war angelegt, der Lauben gänge von Epheu und Wein enthielt, und durch Springbrunnen von süßem Wasser bewässert wurde. Der Bibliotheksaal war von Buchs⸗
baumholz, in der Kuppel desselben waren die Sternbilder dargestellt,
welche zur Zeit der Abfahrt des Schiffes am Himmel standen. Im untersten Stockwerke befanden sich zehn Pferde in einem großen luftigen Stalle, die Knechte hatten ihre Wohnungen über demselben. Außer einem Fischbehälter mit Meerwasser konnte das Schiff noch 60 000 Liter Wasser fassen. Küchen und Bäckereien schwammen in kleinen Thürmchen zu beiden Seiten des Schiffes. Acht große Thürme mit allen möglichen Ver⸗ theidigungs⸗ und Belagerungsmaschinen, unter denen auch die des Ar⸗ chimedes sich befand, welche einen Stein von drei Centnern eine Stadie weit schleuderte, erhoben sich über das oberste Verdeck, welches von zwei Reihen Karyathiden getragen wurde. Das Schiff hatte vier eiserne und vier hölzerne Anker. Hiero schickte dieses Schiff als Geschenk für Ptole⸗ mäus nach Aegypten, wo es um so willkommener war, da gerade Hungers⸗ noth herrschte, und es außer Fischen, Fleisch, Oel und anderen Lebens⸗ mitteln noch 60 000 Maaß Getreide enthielt. NM.
Eine Dame kommt eiligen Schrittes zu einem Arzt.„Herr Doktor, mein Mann hat sich erkältet. Rasch etwas gegen das Reißen; es muß ein rheumatischer Anfall sein.“„So, so,“ meint der Arzt und verschreibt etwas, dann sagt er:„Rasch in die Apotheke und rasch einreiben! Hilft es, so kommen Sie schleunigst und sagen es mir; ich leide selbst am Reißen.“
W. G.


