Ausgabe 
14.10.1888
 
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Vorbei, vorbei! Die geliebten Hände der Eltern haben lange den ewigen Feierabend gemacht und die fröhliche Weihnachtszeit ist mit ihnen gestorben!

Daß die besten Menschen oft am frühesten heimgehen müssen? Daß in Familien, wo keine Gespenster umgehen, der Tod das gefürchtetste Gespenst, am liebsten Einkehr hält! Es ist als neide er den Glücklichen ihr sanftes Wallen im Erdenthal, wo doch nur Kampf und Noth ist, als müsse er den Faden ab⸗ schneiden, den Lauf der glücklich Vereinten trennen, damit ihre beladenen Brüder und Schwestern einen breiteren Weg haben. Die erste Stunde ist vorüber. Assessor L. hat wirklich eine schöne, aber gänzlich ungeschulte Stimme. Ich fürchte aber, ich werde ihr nicht viel Schule beibringen, denn er hält nichts vom Ueben, er will gleich Lieder singen. Dabei detonirt er unaus⸗ gesetzt. Wenn ich ihn darauf aufmerksam mache und wie noth⸗ wendig es sei, einige Zeit wenigstens fleißige Uebungen vorzu nehmen, lacht er und meint, er beabsichtige durchaus nicht, Konzert⸗ sänger zu werden und das Detoniren könnte er auch im Lieder⸗ singen ablegen, wenn ich ihn darauf aufmerksam machte. Er scheint daran gewöhnt zu sein, daß ihm alles ohne Anstrengung zufällt. Neulich, als Elly's Mutter mich zum ersten Male mit ihrem Töchterchen besuchte, war er gerade bei mir. Sie zeigte sich sehr überrascht, ihn zu finden und äußerte mit einem Lächeln, das mich förmlich verwirrte, er scheine ja ein ungewöhnlich eifriger Schüler zu sein. Sie glaubt doch nicht, daß er bei seinem Unterricht Nebenabsichten verfolgt? Wenn mir das Urtheil der Welt nicht so gleichgültig geworden und ich eine Nachrede zu fürchten hätte, so könnte es mir fast bange werden, daß er so viel bei mir aus- und eingeht. Der Gedanke ist aber zu lächerlich, daß ich sein Magnet bei dem Eifer sein soll, mit der er die Stunden besucht. Wer aber denn? Was bedeutete ihr viel sagendes Lächeln? Sollte etwa nein, nein das ist nicht möglich, das kann nicht sein, ich will diesen abscheulichen Ge danken nicht ausdenken! Ich will mit diesem Gespenst nichts zu thun haben! Aber besser ist es doch, ich sage ihm, daß ich eine Stunde in der Woche genügend finde! Der Gedanke ist nun einmal da und nicht fortzubannen. Ich werde bitten, daß er am Vormittag seine Stunde nimmt, da bleibt er vielleicht nicht so lange; neulich, als Frau von S. bei mir war, dehnte sich die Stunde bis acht Uhr aus, das paßt mir nicht.

Der Versuch ist mißglückt. Ich kann es nicht erreichen. Seine einzige freie Zeit ist Nachmittags, und eine Stunde genügt ihm nicht. Ich bin recht niedergeschlagen. Der Gedanke läßt

mir Tag und Nacht keine Ruhe, daß die Gesangstunden nur Mittel zum Zweck sind.

Ich komme mir wie Judas Ischarioth vor, der seinen Herrn um dreißig Silberlinge verrieth! Nein, der Vergleich paßt nicht. Ich habe nichts gethan, was einem Verrath gleich kommt. Und doch, und doch, ich wollte, ich wäre in der Lage, die Stunden aufzusagen. Ach, wie unsagbar schwer die Fessel der Armuth drückt, wenn sie uns in Verhältnisse hineindrängt, gegen welche sich unser Stolz, unsere Ehre empört.

Heute Morgen kam Frau von S. zu mir und lud mich un gewoͤhnlich herzlich zu einer musikalischen Soiree in ihrem Hause ein. Sie fragte mich, welche Stunde mir wohl am besten passen würde, wo sie mit Assessor L. sich bei mir ein Duett für diesen Abend einüben könnte.

Was sollte ich antworten? Ich war in einiger Verlegenheit. Sie hatte die Frage so natürlich, so unbefangen gestellt, schien es als ganz felbstoerständlich anzunehmen, daß ich nicht einen Moment zögern würde, ihr die Stunde zu nennen, und als es doch geschah, deutete sie mein Zögern so beschämend falsch, meinte lebhaft, natürlich honorire ich diese Stunde noch ganz besonders, daß ich, über und über roth, nur unbeholfen stammeln konnte, daß hiervon durchaus nicht die Rede sein könnte, ich wäre ihr ja so sehr zum Dank verpflichtet.

Nun gut, mein liebes Fräulein, schnitt sie eine weitere Entgegnung ab,so lassen Sie uns nur noch Tag und Stunde festsetzen, sagen wir morgen, da ist Mittwoch, so viel ich mich erinnere, hat Herr von L. dann auch gerade seine Stunde und wir können gleich zusammen das Duett versuchen. Sonnabend

ist unsere Gesellschaft, geht es noch nicht sicher mit dem Duett, bleiben uns noch zwei Probetage. gleich zwei Stunden berichtige; denn ich fürchte, wir werden mit einer keinenfalls genug haben! 5

Was sollte ich thun? Ich wollte das Geld zurückweisen,

etwas erwidern, sie ließ es garnicht dazu kommen. Sie legte

es hastig auf den Tisch, rief mir noch in der Thüre einAuf 1

Wiedersehn, morgen Nachmittag zu, und fort war sie. Eine tiefe Mißstimmung, eine bange Angst bemächtigte sich meiner. Nicht allein wegen dieser angesagten Stunden, nein augen⸗ blicklich beunruhigte mich fast noch mehr der Gedanke, daß ich in der Soirke erscheinen, ihm wieder begegnen soll. Dieses Mal kann ich weder meine Augen hinter der entstellten blauen Brille bergen, noch mich vollständig im Hintergrund halten, da ich das Duett begleiten muß. 0 Unter andern Verhältnissen hätte ich mit Freuden die Ge⸗ legenheit ergriffen, mich dadurch in der Gesellschaft bekannt zu machen. So muthlos ich auch geworden, so unmoglich mir auch jedes Auftreten in einem öffentlichen Lokale schien, so hatte die schwere Zeit, in der ich unter bitteren Enttäuschungen um meine Existenz gerungen, mir zur Genüge bewiesen, daß wenn ich mich ängstlich gegen jede Berührung mit der Welt, den Menschen abschloß, und gleich die erste Gelegenheit, welche sich mir darbot, mein Inserat durch mein Auftreten in einem gewahlten Kreise zu unterstützen, unbenutzt vorüber gehen ließ, ich ebenso unklug als thöricht handelte. War ich auch bei jener Frau nichts als das Mittel zum Zweck, so brauchte ich sie im Grunde genommen doch auch nur als ein solches zu betrachten, wenn sich auch mein Herz gegen eine derartige Berechnung empörte. Was ging mich uͤberhaupt ihre Moral an? Und dann, seh' ich nicht vielleicht Gespenster, die nur mein Mißtrauen gegen seine Frau herauf beschworen hatten? Und die Begegnung mit ihm, weshalb fürchte ich dieselbe? Es war ja zwischen uns lange, lange alles anders geworden! Seit Jahren hatten wir nichts von einander gehört. Jahre, in denen mein Glücksschiff gescheitert, er hingegen aus den brandenden Wogen sein Schiff in den sichern Hafen geführt. Freilich, demüthigend war es, furchtbar demüthigend, der Protege seiner Frau zu sein. Einzugestehn ohne Worte, daß ich mit meiner Stimme nichts von den erträumten Schätzen erreicht, ihn fühlen zu lassen, wie recht er daran gethan, auf diese Schätze nicht zu rechnen! Aber ich will stark sein, ich will ihm zeigen, daß ich die Protektion, die Abhängigkeit von seiner Frau, fern aller kleinlichen Bedenken, ohne falschen Stolz, dankbar an⸗ genommen habe und daß, wenn auch in allen Hoffnungen be⸗ trogen, ich um das tägliche Brod zwar hart, aber ehrlich kämpfe. Mag dieses auch sein Mitleid erregen, seine Achtung kann es mir nicht rauben. Ich fühle mich unendlich erleichtert, da ich zu diesem Entschluß gekommen bin und sehe jetzt viel ruhiger dem gefürchteten Abend, wie den Gesangproben entgegen. letzteren gaben mir keine Veranlassung, mein Mißtrauen zu nähren und andere als rein freundschaftliche Beziehungen zwischen von S. und dem Assessor vorauszusetzen. Sie sind so aus⸗ schließlich bei der Sache, singen mit solchem Eifer, daß für sie keine Zeit zu irgend einer, auch noch so kurzen Unterhaltung bleibt, und als das Duett nach der zweiten Stunde überraschend gut und jehlerlos gesungen worden, meinten Beide, daß eine weitere Probe wohl überflüssig sei. Der verhängnißvolle Abend ist da. voll aus mehr als einem Grunde! Trotz alles eingeredeten Stoicismus, mit dem ich diesem ent⸗ gegen gehe, ziehe ich doch mit zitternder Hand mein blaues Seidenkleid aus seiner dunklen Vergessenheit und schmücke mich

Sch sageverhängulh

Sie erlauben, daß ich Ihnen

damit. Ich habe keine Wahl, es muß sein! Ich ordne m

Haar vor dem Spiegel. Zum ersten Mal überrascht mich seine Fülle und ich habe Mühe, es in einen einfachen Knoten zu schlingen. Die Frisur sieht vielleicht zu jugendlich aus, aber es in die Höhe zu thürmen, widerstrebt mir, es kommt mir vor, als wollte ich damit gleichsam auf seinen Reichthum aufmerksam

machen. Frau von S. hatte mich gebeten, nicht zu spat zu

kommen, aber schon schlägt es vom nahen Thurme die Stunde und noch zögere ich hinunter zu gehen. Da wird meiner Unentschlossenheit ein Ende gemacht. Kleine, hastige Schritte