Ausgabe 
12.8.1888
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den

12. Au gust.

Die Kammerzofe.

Novelle von M. Elton.

I.

Der Vicomte Henri d'Ormont saß seinem Vater gegenüber und blickte auf den Hut nieder, den er mit den feinbehandschuhten Händen auf seinen Knieen in sichtbarer Verlegenheit drehte.

Ueberlege Dir die Sache, sagte der Baron scharf und kurz;

aber überlege nicht zu lange, es möchte Dir sonst ein Anderer zuvorkommen. Der Vicomte sah nachdenkend vor sich hin. Er glich seinem Vater, dieselben streng regelmäßigen Züge, bei dem alten Herrn nur schärser markirt, dieselbe elegante kräftige Gestalt, bei dem Sohne nur elastischer und weniger imponirend.

Jedes Resultat langer Ueberlegung würde kein anderes sein, als das, welches mir der Augenblick einflößt, antwortete Henri seinem Vater..

Und das wäre? fragte der alte Herr mit gerunzelter Stirn und blickte auf den jungen Mann, dessen Haltung die Frage eigentlich überflüssig machte.

Ich bin zufrieden mit der Gegenwart, sagte Henri und blickte dem Baron offen in's Gesicht;auch fühle ich mich zu jung zum Heirathen.

Der Baron bewegte ungeduldig den Kopf.Mit dieser Gegenwart müßtest Du so wie so brechen, Deine Zeit in Paris ist vorüber, fiel er erregt ein.Du hast zwei jüngere Brüder, mein Sohn, diese haben die gleichen Rechte, wie Du. Die große

Revolution hat keine Institution geschaffen, die teuflischer wäre,

als die Aufhebung des Majoratrechtes. In unsere altehrwürdigen Schlösser und Domänen, die seit Jahrhunderten vom Vater auf den ältesten Sohn gingen, theilen sich nun alle Geschwister. Sind es deren mehrere, so muß der, welcher den Familiensitz behält, ein ruinirter Mann werden. Baarvermögen besitzt der Adel nicht, seine Traditionen und seine Würde verbieten ihm den Gelderwerb. Schau um Dich, Henri, der Handelstand hat Besitz von den alten Aldelssitzen genommen, wir sind fast nur noch von Leuten umgeben, deren Väter vor der Revolution unsere Leibeigenen waren.

Des Barons Gesicht hatte sich bis in sein weißes Haar hinein geröthet, auch des Sohnes Gesicht wurde finster.Das macht das heutige Landleben so unerträglich, daß man auf der Jagd und überall auf diese Parvenus stößt; diese gemeine Rasse hat Geld und weicht uns keinen Schritt, sprach Henri erregt.

Schweifen wir nicht ab, erinnerte der Baron kühl.Morgen Nachmittag erwarte ich Deinen Entschluß. Einen solch liebens würdigen Antrag darf man nicht lange unbeantwortet lassen. Ich hätte mir nicht einfallen lassen, so große Ansprüche für Dich zu stellen, wie sie uns von dem Grafen Gatonniere geboten

seine Tochter, Mademoiselle Jeanne, seine einzige Erbin. Er und ich sind von jeher Freunde gewesen, obgleich ich ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Seit dem Tode seiner Frau bewohnt er sein Schloß an der untern Seine. Nachbarn, die zählen, wird er eben so wenig haben, als wir, da hat er vorerst an den alten Freund gedacht, der mit drei Söhnen ge segnet ist. Mademoiselle Jeanne hat vor einem Vierteljahr das Kloster verlassen und läßt nun im einsamen Schloß, wo sie keine Gespielinnen hat, das Köpfchen hängen.

Wenn ich der Einladung des Grafen Gatonniere folgte, würde mich dies zu einem weiteren Vorgehen verpflichten? fragte der Vicomte nachdenkend.

Sei kein Geck, mein Sohn, lachte der Baron kurz auf. Zählst Du denn so sicher darauf, Mademoiselle Jeanne zu ge fallen? Möglich ist es ja, daß der Graf schon andere Verwandte und Bekannte in sein Schloß geladen hat, und daß seine Tochter sich garnicht so schnell zu einer Wahl entschließen wird; das Ganze ist nur eine Einleitung, die möglicher Weise zu etwas führen kann.

Gerade der Umstand, daß Mademoiselle Jeanne die ent scheidende Stimme abgeben sollte, stachelte des Vicomte Unter nehmungsgeist an. Er sah sie vor sich, hübsch, graziös, ihm tausend Neckereien und Schwierigkeiten in den Weg legend, und sein Entschluß war gefaßt. Er erhob sich und verließ das Arbeits kabinet seines Vaters. Als er die breite Steintreppe des Schlosses hinunterging, begegnete er seiner Mutter.

Komm', armer Junge, sagte sie und sah ihm prüfend in's Gesicht,wir machen einen Spaziergang durch den Park. Sie nahm seinen Arm und durchschritt rasch den Schloßhof mit ihm. Ich kann mir denken, wie Eure Unterredung abgelaufen ist. Zuerst Vorwürfe über Dein kostspieliges Leben in Paris, dann der diktatorische Befehl, daß diese Heirath unter allen Umständen ermöglicht werden muß. Warum bist Du nicht sogleich nach Deiner Ankunft von Paris zu mir gekommen? Ich hätte Dir gerathen, Deinen Vater nicht zu reizen. Du kennst ja seine fest⸗ gewurzelte Idee, die ja übrigens selbstverständlich ist, daß sein Schloß nicht in fremde Hände gehen darf. Verzögere nur den Besuch bei den de Gatonnieres, so wird sich schon Rath finden. Daß Du Dich nicht mit fünfundzwanzig Jahren verheirathen lässest, ist selbstverständlich.

Meinst Du, Mutter? fragte er gedankenvoll.

Ich habe geglaubt, Dich muthiger zu finden; wenn Du die Widerstandsfähigkeit verlierst, wie soll ich allein Deinem Vater opponiren? fragte sie und blieb einen Augenblick im Parke vor ihm stehen.

Er warf einen langen freundlichen Blick auf die elegante,

wurden. Sein Vermögen ist wenigstens dem meinen gleich und noch recht hübsche Erscheinung seiner Mutter.Du bist noch