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bereits eine Enttäuschung erfahren, eine Hoffnung eingebüßt. Gar oft lähmt ein solcher ernster Mißerfolg,— auch wenn er nicht entscheidend, sondern ganz nebensächlich und un⸗ bedeutend war— die Energie zum ferneren Streben, um eine Sache durchzusetzen, die noch keineswegs verloren gewesen wäre, wenn man sie weiter verfolgt hätte.
Tief betrübt saßen Mutter und Tochter zu Hause, vergebens sich unablässig anstrengend, um einen anderen Weg zu finden, das Verderben von Maxims Haupt abzuwenden. Plötzlich rief Wera:
„Mutter, erinnere Dich doch, was Ossipow sagte! Welikanow, der reiche Staatsrath, kann vielleicht helfen! Wir müssen sofort zu ihm und ihn von der Verhaftung Maxims in Kenntniß setzen. Wahrscheinlich weiß er noch nichts davon! Bitte, komme schnell.“
„Geduld, liebes Kind!“ erwiderte Frau Uschakow.—„Ich muß mich kurze Zeit erholen, ich fühle mich zu sehr angegriffen, um den weiten Weg nach der Morskaja jetzt sogleich anzutreten. 5
„Unmöglich!“ rief Wera.„Kein Augenblick darf versäumt werden. Bleibe ruhig zu Hause, Mama, ich kann recht wohl allein gehen. Ich muß, ich werde sogleich gehen.“
Bald war Wera auf dem Wege zu Welikanow und schritt eilfertig den langen Newsky-Prospekt hinauf. Schwere Ge— danken bedrückten sie. Wird der reiche Staatsrath sich erbitten lassen, für Maxim zu handeln, sich für ihn zu verwenden, seinen Einfluß, wenn nöthig, seinen Reichthum zu seinen Gunsten geltend zu machen? Oder wird er ebenso, wie Ossipow, davor zurück— scheuen, sich zu kompromittiren? Wird es ihr überhaupt gelingen, Welikanow von Maxims Unschuld zu überzeugen? Welche Be— weise hatte sie denn dafür, daß Maxim mit den Nihilisten nicht in Verbindung gestanden habe? Hatte er sich nicht offen als Karpows Freund bekannt?
Und dann, mit welchem Recht, in welcher Eigenschaft kam sie zu Welikanow, um seine Hilfe für Maxim zu erbitten? Und welches Recht hatte sie, für Maxim zu sprechen?
Mit schwerem Herzen setzte sie ihren Weg fort, der ihr heute endlos lang erschien, und mit beschleunigten Schritten erreichte sie endlich die Morskaja-Straße. Zaghaft zog sie die Klingel an dem Hause des reichen Staatsraths und erschrak über den schrillen Ton derselben, der in der Vorhalle scharf und kurz er⸗ klang. Sofort wurde die Thüre geöffnet durch einen Portier in Livrte, der die Eintretende verwundert und neugierig be— trachtete und nicht mit sich darüber einig zu werden schien, wie er sie taxiren sollte. Seine höfliche Verbeugung blieb auf halbem Wege stecken, als er auf der Straße kein Fahrzeug bemerkte und daraus schloß, daß Wera zu Fuß gekommen sei.
„Ich wünsche den Herrn Staatsrath Welikanow zu sprechen,“
Aber sie hatten
sagte Wera, indem sie mehr selbstbewußte Entschiedenheit in ihren
Ton legte, als ihrer zaghaften Stimmung entsprach. Allein sie begegnete neuem Mißgeschick.
„Exzellenz ist ausgefahren,“ erwiderte der Portier.
Darauf war Wera nicht vorbereitet. Sie wußte nicht, oder hatte nicht daran gedacht, wie oft der Fall vorkommt, daß Leute, die man nöthig hat, nicht zu Hause sind. Sie stand rathlos da. Der Portier wartete.
„Ist die Frau Staatsräthin zu Hause?“ fragte Wera.
„Exzellenz sind auch ausgefahren,“ war die schnelle Antwort.
Wera's niedliches Gesicht nahm einen so trostlosen Ausdruck an, daß der Mann von Mitleid bewegt wurde.
„Das Fräulein ist zu Hause,“ sagte er.„Vielleicht wollen Sie die Rückkunft der Herrschaften abwarten.“ Mit einer halb einladenden Handbewegung wies er nach der Treppe.
Wera folgte hastig diesem Hoffnungsstrahl. Ein dankbarer Blick traf den erwünschten Wegweiser, und mit schnellen Schritten stieg sie die prachtvolle Marmortreppe hinauf.
Irene erhob sich, um Wera's höflichen Gruß zu erwidern, und ging ihr einige Schritte entgegen. f
„Was steht zu Ihren Diensten?“ fragte Irene.
„Ich habe dem Herrn Staatsrath eine dringende Bitte vor⸗
zutragen,“ erwiderte Wera,„und möchte Sie um Erlaubni
bitten, ihn hier zu erwarten, da die Sache sehr eilig ist.“
Also eine Bittende. Es gereichte Irene zur Ehre, daß sie sich dadurch nicht abhalten ließ, Wera höflich zum Sitzen ein⸗
zuladen.
„Ich komme nicht, um für mich Etwas zu erbitten,“ fuhr Wera fort,„sondern für einen jungen Mann, welcher, wie man mir sagte, mit Ihrem Herrn Vater bekannt ist.“ g Irene sah mit einiger Verwunderung zu Wera hinüber. „Für einen jungen Mann?“ wiederholte sie unwillkürlich. „Ja!“ erwiderte Wera hastig.„Ich werde Ihnen sogleich erzählen, wie wir mit ihm bekannt geworden sind. Er bewohnt dasselbe Haus, wie meine Mutter und ich, und wir sind ihm zum größten Dank verpflichtet. Er hat mich aus großer Gefahr errettet.“
Gespannt hörte Irene Wera's Erzählung an.
„Ich war zum Besuch bei einer Kousine von mir. Ihr Mann, ein Arzt, wollte mich' nach Hause fahren, aber er wurde zu einem Schwerkranken eilig abgerufen, und um meine Mutter nicht in schrecklicher Angst zu lassen die ganze Nacht über, machte ich mich allein auf dem Weg, anstatt bei meiner Kousine zu bleiben. Ich dachte an keine Gefahr, aber schon dicht am Ziel, wurde ich von Räubern überfallen, und wäre deren Opfer ge⸗ worden, wenn nicht Herr Marlitzky mich befreit hätte.“
Bleich und zitternd vor Aufregung sprang Irene auf.
„Wie? Wie war der Name?“ rief sie.
„Maxim Mallitzky.“
„Was ist geschehen? Was ist ihm zugestoßen? Schnell!“ rief Ixrene gebieterisch. 5
„Er ist heute Morgen verhaftet und in die Festung abgeführt worden.“
Mit einem Aufschrei sank Irene in den Lehnstuhl, einer Ohnmacht nahe, und keines Wortes mächtig.
Wera übersah sofort die ganze Sachlage. Sie stand einer Nebenbuhlerin gegenüber, einer Feindin, welche ausgerüstet war mit allen Vorzügen der Schönheit und des Reichthums. Ihr Herz zog sich zusammen, sie fühlte sich schwer bedrückt. hatte sie so großer Uebermacht entgegen zu stellen? Nichts als ihre arme, opferbereite Liebe, von der sie nicht einmal zu sprechen wagte! a
Ein langes Schweigen folgte. Irene hielt den Kopf in die Hand gestützt. Sie war erschreckend bleich, eine Beute stürmischer, widersprechender Gedanken. Sie war es also, hier auf jenem Divan! Aus den Gesprächen der Eltern hatte Irene die Einzel⸗ heiten jenes nächtlichen Abenteuers Maxims erfahren. Sie hatte daraus entnommen, daß man für Maxim fürchtete, er möchte sich von„jenen Leuten“ bestricken lassen, er möchte in die Fesseln jener„jungen Person“ fallen. Und jetzt saß„jene junge Person“ ihr gegenüber, fassungslos, angstvoll, mit Thränen in den Augen. Aber wie konnte sie es wagen, hierher zu kommen, gerade hierher? Und doch! Sie kam ja nicht ihretwegen, sie kam ja für Maxim! Nun, und Maxim? Wie weit ist er mit, diesen Leuten bekannt geworden nach seinem unglücklichen Abenteuer? Ist es ihr schon gelungen, ihn für sich einzunehmen, liebt sie ihn überhaupt? Nun gewiß, wer sollte Maxim nicht lieben? Aber ist sie seiner
Gegenliebe sicher?— Das war das Wichtigste, darüber mußte
Irene vor Allem Gewißheit haben. Aber sagen Sir mir,“ begann Irene,„kommen Sie nur 0 5
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aus Dankbarkeit für Maxim, um meines Vaters Hilfe für ihn
Inzwischen hatte
der Portier durch ein Glockenzeichen eine Dienerin herbeigerufen,
welche Wera oben entgegen kam und sie auf ihren Wunsch der Tochter des reichen Staatsraths anmeldete. 5
Wera wurde in ein Boudoir geführt, welches mit ver— schwenderischer Pracht, mit unbeschreiblichem Luxus ausgestattet war. Das Kostbarste was Paris an Möbeln, an Kunstgegen—
ständen, an jenen tausend Kleinigkeiten bietet, welche ein junges
Mädchenherz erfreuen, war hier vereinigt mit den grotesken Pro⸗
dukten des Orients zu einem Ganzen von überwältigender Pracht.
zu erbitten, oder hegen Sie noch ein anderes Gefühl? Sagen Sie mir die Wahrheit!“ fügte sie fast streng hinzu.
Wera war nicht im Stande, eine Antwort auf diese Frage zu finden, auf die sie nicht entfernt vorbereitet war. Sie schwieg
bestürzt.
„Nun?“ fragte Irene nach längerer Pause,„Sie antworten nicht? Und liebt er Sie wieder?“
„Davon hat er mir nichts gesagt,“ antwortete Wera wider⸗ willig,„ich habe ihn auch nicht darum befragt.“
Wieder trat eine lange Pause ein. Ein Stachel blieb in
Was


