Ausgabe 
12.2.1888
 
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SBeilage

zu den

Oberhessishen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Juhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 12. Februar.

1888.

Mutter,

X. Ein Mädchenh erz.

Alnbeschreiblich war der Eindruck, den die Nachricht von Maxims Verhaftung auf Wera und ihre Mutter machte. Sie wußten ja nicht, daß sie nur das Werk arglistiger Bosheit war, sie wußten nicht, welche Beweise gegen ihn vorlagen, sie mußten ihn unbedingt für verloren oder auf's Aeußerste gefährdet halten. Sein Freund war als Nihilist gestorben, mußten sie also nicht

annehmen, daß auch Maxim mit in die Verschwörung eingeweiht

war? Hatte er nicht ganz offen noch gestern seine volle Sympathie für den Freund ausgesprochen, obgleich derselbe eben erst als ein gefährlicher Verschwörer erkannt worden war?

Frau Uschakow war in Verzweiflung und zerfloß in Thränen. Händeringend beweinte sie ihre Machtlosigkeit, dem jungen Mann zu helfen, dem sie so viel Dank schuldete. Sie wollte zum Polizeimeister eilen und ihm erzählen, wie hochherzig sich Maxim benommen hatte, um Wera zu retten. Aber, was konnte das helfen? sagte sie sich selbst. Das hatte mit dem Nihilismus nichts gemein und konnte die etwa gegen ihn sprechenden Be weise oder Thatsachen nicht entkräften. Und dann sprach auch die Furcht; würde sie sich nicht dadurch kompromittiren, wenn sie für Maxim eintrete, und schweren Verdacht auf sich und ihre

Tochter ziehen, ohne ihm dadurch zu nützen? Sie befand sich in rathloser Verzweiflung.

Wera, obgleich vielleicht noch tiefer bekümmert als ihre saß inzwischen still und nachdenklich. Sie war sofort entschlossen zu handeln, ohne Zeitverlust, aber vergebens bemühte sie sich, Mittel und Wege zu finden, die Erfolg versprachen. Was konnte sie, das arme Mädchen, ihm nützen ohne Fürsprecher, ohne Berather, ohne einen Schatten jener Macht, welche der Reich thum verleiht?Du mußt unbedingt ihm helfen, unbedingt ihn retten, sprach eine, nein tausend Stimmen in ihrem Innern, und dennoch fand sie sich nach allen Seiten der ehernen Un möglichkeit gegenüber.

Wie oft im Leben finden sich solche Situationen, wo kein Ausweg vorhanden zu sein scheint, wo die dringende Noth wendigkeit auf der einen Seite nur der starren Unmöglichkeit auf der andern gegenüber zu stehen scheint, und wo dennoch der feste Wille und die Ueberlegung schließlich einen Weg zum Ziele finden.

Nach einiger Zeit sprang Wera plötzlich auf und begann sich zum Ausgehen fertig zu machen.

Was hast Du vor? rief die Mutter erschreckt und in Be sorgniß, daß Wera Schritte thun möchte, die sie gefährden könnten.

Noch nichts, erwiderte Wera.Ich muß mich mit

Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)

Fedor Wassiljewitsch besprechen. Er ist der Einzige, von dem ich vielleicht einen Rath erhalten kann.

Du hast Recht, bemerkte die Mutter,ich gehe mit Dir. Sie traf schnell ihre Vorbereitungen. daß überhaupt etwas geschehen solle, gereichte ihr zum Trost.

Bald waren sie bei Fedor Wassiljewitsch. Sowohl der Doktor, als sein Freund waren auf's Aeußerste bestürzt, als sie das Vorgefallene erfuhren, und beklagten Maxims Schicksal auf's Lebhafteste. Sie waren ihm Beide herzlich zugethan. Aber einen Rath wußte Ossipow nicht zu geben, und Wera fühlte sich schmerzlich enttäuscht. Er war offenbar nur darauf bedacht, sich von der Sache fern zu halten.

Was kann ich für ihn thun? erwiderte der Doktor auf Wera's Bitten um Beistand.Ich habe keinen Einfluß und vermag nichts durchzusetzen einer so gefährlichen Anklage gegen über. Aber er ist ja mit dem Staatsrath Welikanow bekannt, vielleicht wird dieser für Maxim sich bemühen. Offen gestanden, glaube ich das aber selbst nicht, denn wer wird seinen Einfluß,

sein Ansehen, vielleicht seinen Hals riskiren wollen zu Gunsten

eines verhafteten Nihilisten?

Nihilisten? rief Wera, angewidert von diesem offenen Ein geständniß von Selbstsucht.Wer sagt, daß er ein Nihilist sei? Und wenn es Alle sagen, ich glaube es doch nicht!

Nun, wie Sie meinen, erwiderte der Doktor einlenkend, ich will nicht bestreiten, daß Sie recht haben. Aber es läßt sich jetzt nichts dabei machen. Wenn wir wenigstens wüßten, was gegen Maxim vorliegt! Ich werde mich erkundigen!

Erkundigen? rief Wera traurig aus,das kann wohl noch lange dauern, und es wäre doch so nöthig, rasch zu handeln!

Nun, vielleicht kann mir Semenow Auskunft geben, ent gegnete der Doktor,er dient ja auch im Ministerium!

Semenow? erwiderte Wera mit bangem Gefühl.Lassen Sie doch diesem Menschen aus dem Spiel, er flößt mir Wider⸗ willen und Mißtrauen ein, und ich fürchte, daß er Maxim mehr zu schaden als zu nützen trachtet.

Möglich, bemerkte der Doktor.Es thut mir leid, ich bin in dieser Sache ganz rathlos und muß sogar schon befürchten, selbst in schweren Verdacht zu kommen. Denn es wird nicht unbekannt bleiben, daß Marlitzky in meinem Hause zuweilen verkehrt hat.

Er sagte nicht mehr Maxim, sondern Marlitzky und Wera verstand sofort, was er damit sagen wollte.

Niedergeschlagen und entrüstet verließen die Damen das Haus des Doktors, und begaben sich nach Hause.

Sie waren jetzt so weit wie zuvor, ehe sie Ossipow besuchten.

Schon der bloße Gedanke,

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