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Doktor Hans bei uns war. So auch an einem warmen, würzigen
Abend,— mit einer Schaar junger Leute. Sie flüsterten leise
zusammen, während ich mit Andern von fern stand und nicht wagte, mich in ihr Gespräch einzumischen.
Ein hübsches Paar,“ hörte ich im Vorbeigehen den Vater zur Mama sagen,„wer hätte das von der wilden Toni gedacht, daß sie je Gefallen an einem so ernsten, ruhigen Manne finden würde. Ja, ja, kenn' Einer die Weiber aus.“—
Ich zuckte zusammen. Ach, ich hatte es ja längst geahnt, nun aber fühlte ich's mit Gewißheit, daß Doktor Hans sich ganz allmählich in mein trotziges Herz eingeschlichen hatte. Was andere Mädchen mit Seligkeit erfüllt, ward mir zur bittern Qual, und als ich die leise, jubelnde Stimme Toni's an mein Ohr klingen hörte:„Also morgen werden es alle schwarz auf weiß sehen? o ich bin so glücklich,“— da verließ mich meine mühsam behauptete Ruhe und ich eilte hinaus, fort, fort von den Beiden. Drunten in der dunklen Laube, die schon einmal meine Thränen gesehen, brach ich schluchzend zusammen. Aber wie anders der Jammer von heute, als der kindische Aerger von damals.— Damals war ja nur mein Stolz getroffen, heut aber mein Herz, mein ganzes Sein, mein Glück und mein Leben.
„Fräulein Kathinka, die Gäste brechen auf, und ich wollte Ihnen gern gute Nacht sagen. Ich suchte Sie. Darf ich?!
Auch das noch.
Ich erhob mich; der Mond schien mir gerade in's Gesicht und verrieth ihm meine Thränen. 5
„Sie haben geweint? O Fräulein Käthchen, so können Sie ihn doch nicht vergessen? Und ich Thor, ich glaubte,— ich hoffte,— mit der Zeit“—
„Was haben Sie sich um mich zu kümmern, Herr Doktor?“ brauste ich auf,„Sie haben ja jetzt eine Braut, übrigens habe ich diese dumme Jugendgeschichte schon längst vergessen.“ So lieben Sie ihn nicht? haben ihn vielleicht nie geliebt?“ rief er glückselig, all' meine anderen Worte überhörend,„o Fräu⸗ lein Kathinka, süßes Käthchen, wenn ich hoffen dürfte, daß in Ihnen nur ein Funke von der heißen Liebe glüht, wie sie mir im Herzen lebt, dann— o dann— Käthchen sage ja, sei mein Weib! Ich will Dich auf Händen tragen, ich will Dich glücklich machen.“
[5 Hans, Doktor Hans,“ jauchzte ich,„ist's denn wahr, wirklich wahr, und Toni Müller? o sagen Sie schnell, was ist's mit ihr?“ Morgen, mein Lieb, morgen wirst Du es schwarz auf weiß sehen. Bis dahin Geduld.“ Ich mußte mich wohl zufrieden geben, und mein Haupt an seine Schulter gelehnt, saßen wir noch lange, lange in der lauen Sommernacht. Ich beichtete, er tröstete mich; und der Mond Slinzelte gar freundlich auf mein Antlitz und küßte mir, abwechselnd nit Doktor Hans, die letzten Thränenspuren von den Wangen fort. [Am selben Abend noch erfuhren die Eltern unser Glück, als ie mich suchen kamen, und am nächsten Tage brachte mir Doktor [Hans, mein Bräutigam, ein Blatt, und zeigte auf eine gedruckte
Kovelle. Von Toni Müller; stand darunter, und er war der Germittler gewesen.— O thörichte, blinde Eifersucht. Mein lieber, lieber Doktor Hans! eigentlich heißt er Hell⸗ muth, aber ich nenne ihn noch heute, nach fast dreijähriger Ehe, nit dem alten, trauten Kosenamen; ja mein lieber, lieber Doktor baus. Ihr solltet ihn nur sehen, wie seine klugen, blauen Augen kuchten, wenn er unser süßes, kleines Hänschen mitsammt der Mutter umschlingt. Er hat sein Versprechen gehalten; er hat nich glücklich gemacht— o so glücklich! i Aber da höre ich seinen Schritt auf der Treppe; er kommt
don den Stunden heim. Er ruft mich,— ja, ja Doktor Hans,— da bin ich schon!
Jose Sölätter.
Der Affe der Lais. Seit einigen Jahren durchzieht die Gesellschaft artinetti Heusschland, um die große phantastisch⸗komische 5 untomime,„Jocko, der brasilianische Affe“, an möglichst 5 1 15 r Aufführung zu bringen, eine Aufgabe, deren sie sich ste 5 1 chendem Beifall entledigt. Und der Applaus ist 5 1 jeder bezeugen wird, Weiher das Stück sich angesehen hat. Nam
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wollte auch etwas zu den Kosten der Unterhaltung beisteuern und fragte
lich der Träger der Titelrolle bemüht sich, eine möglichst getreue Kopie unseres Urahnen zu geben und die Zuschauer vergessen zu lassen, daß in der Affenhaut ein Mensch steckt; mit solcher Naturwahrheit spielt er den Jocko. Schon früher gab es einen Künstler, irren wir nicht Namens Alois Berla, welcher die Affendarstellung als Spezialität trieb und durch seine vollendete Mimik allabendlich volle Häuser erzielte. Allerdings eine eigenthümliche Passion, zu unseren„niederen Brüdern“ herabzusteigen und anstatt dem wirklichen Affen die Nachahmung seiner Darwin'schen Descendenz zu überlassen, umgekehrt dem biederen Vierhänder abzulauschen, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Indessen es giebt Damenkomiker, weshalb soll es keine Affenkomiker geben? Spielt sich doch ohnehin mancher Jüngling auf den Affen hinaus, ohne darauf speziell studirt zu haben... Uebrigens gab es schon früher derartige Charakterdarsteller; und im sonnigen Griechenland trug sich vor mehr als zwei Jahrtausenden eine Geschichte zu, deren Held noch heute als das unerreichte Muster aller imitirten Affen und solcher, die es werden wollen, dienen kann. Die Historie ist folgende: Lebte da in der üppigen Seestadt Korinth zur Zeit der wegen ihrer Schönheit sprichwörtlich gewordenen Hetäre Lais(der älteren), etwa gegen Ende des fünsten vorchristlichen Jahrhunderts, ein junger Thunicht— gut, der auf den Namen Alexis hörte; ein Brausekopf voll toller Streiche und mit noch tolleren Schulden. Es dauerte nicht lange, so konnte er sich vor seinen„Manichäern“ kaum retten. Diese Tretvögel folgten ihm auf Schritt und Tritt; und aus Verzweiflung faßte der junge Rous den abenteuerlichsten Entschluß, der jemals ein menschliches Gehirn durchzuckt hat. Er setzte sich mit einem korinthischen Bartscherer in Verbindung und bewog diesen Ritter vom Schaumbecken, der ohnehin schon ziemlich affen⸗ mäßigen Physiognomie seines Klienten die letzte Feile zu geben und auch sonst seinen äußern Menschen ganz und gar in einen äußern Affen zu verwandeln. Dazu übte er sich im Tanzen, Springen, Klettern und in einem Benehmen, als ob er nicht in dem feingebildeten Korinth, sondern in einem afrikanischen Urwald das Licht der Welt erblickt hätte. Als unser Sausewind die letzte Politur erhalten hatte, ließ er sich als ein großer und seltener Affe der Lals verkaufen, welche ein eigenartiges Ge— fallen an allerhand Gethier fand und daher stets eine förmliche Menagerie um sich zu haben pflegte. So lebte Alexis, der Pseudoaffe, zwei Jahre lang herrlich und in Freuden, froh, den drängenden Gläubigern ein Schnippchen geschlagen zu haben; sah sich mit allen Schmeicheleien des schönsten Weibes seiner Zeit überhäuft und fiel nicht ein einziges Mal aus der Rolle. Da wollte es sein Unstern, daß, als er eines Tages auf dem Schoße seiner Herrin saß, ihn ein plötzliches Unwohlsein überfiel, dessen Folgen ihn um die Gunst der Holden brachten und zu seiner Ent⸗ larvung führten. Alexis wurde Knall und Fall aus dem Hause gejagt; er stand schweren Herzens auf der Straße, denn hinter ihm lag das ver⸗ lorene Paradies... Was nun?— Natürlich sprach ganz Korinth von der unerhörten Begebenheit, die bald ruchbar wurde. Die Väter der Stadt entboten den merkwürdigen Affen in ihre Versammlung; und niemals wohl hatte das ehrwürdige Berathungszimmer ein so dröhnendes Ge— lächter vernommen, als dasjenige war, welches den Enthüllungen des Witzboldes über seinen Aufenthalt bei der Lais und die von ihm in ihrem Hause erlebten Abenteuer folgte. Welche pikante Details mögen da die Ohren der würdigen Senatoren gekitzelt haben... Das Ende vom Liede
war, daß Alexis für den Spaß, welchen er der ganzen Stadt bereitet hatte, von Staatswegen ein Haus und ein kleines Landgut geschenkt er⸗
hielt, unter der einzigen Bedingung, so oft ein fremder Fürst oder eine
Gesandtschaft bei ihrer Anwesenheit es wünschen sollte, sich diesen in
Affengestalt mit allen einstudirten Kapriolen und äffischen Allüren zu
präsentiren. Alexis aber lebte vergnügt weiter, heimste von neugierigen
Fremden manche schöne Drachme ein, befriedigte vielleicht auch seine
Gläubiger; und wenn er nicht schließlich gestorben wäre, so lebte er heute
noch.— Lavater sagt in seiner„Physiognomik“, daß Menschen mit affen⸗
ähnlichen Gesichtern durch die Bank Genies seien; daher ist es kein Zweifel,
daß Alexis von Korinth, der sich so ganz und gar zum Affen um- und
auszugestalten wußte, ein Quadratgenie war, werth, von der dankbaren
Nachwelt als Schutzpatron aller zünftigen und unzünftigen Affenkomiker
auf den Schild erhoben zu werden.——
Krebs und Tiger. Lodovico Canossa, ein italienischer Bischof der Renaissancezeit, besaß prachtvolles Silbergeschirr, welches die Augen aller Kenner auf sich zog. Ein römischer Edelmann erbat sich von dem geist⸗ lichen Herrn einen Becher, dessen Griff die Gestalt eines Tigers hatte, auf kurze Zeit, um sich eine Nachbildung anfertigen zu lassen. Indessen die Zeit verging, und der Becher ward nicht zurückgestellt. Statt dessen richtete der Nobile an den Bischof das Ansinnen, ihm auch ein kostbares Salzfaß von der Form eines Krebses leihweise zu überlassen. Der Bischof lehnte jedoch das Gesuch mit den Worten ab:„Wenn der Tiger, der doch das schnellste Thier sein soll, nach drei Monaten noch nicht zurück⸗ gekehrt ist, so steht zu befürchten, der Krebs, dieses Sinnbild der Langsam⸗ keit, werde drei Jahre und darüber auf sich warten lassen.“——
Wer's glaubt. In einer auserlesenen Gesellschaft des alten Berlin sprach man von den Reisen des berühmten 1 14 James Cook und dessen traurigem Ende auf Owaihi am 14. Februar 1779. Eine Durchlaucht, die sich eben nicht durch besonderen Esprit auszeichnete,
den berühmten Schriftsteller Professor Johann Jakob Engel(gest. 1802), den Verfasser des„Philosophen für die Welt“, ob Cook auf seiner ersten Reise um's Leben gekommen sei.„Ich denke: ja,“ erwiderte der Pro⸗ fessor ernsthaft,„doch ließ er sich das nicht kümmern und trat bald darauf
die zweite an.“ 9


