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Was fragte ich überhaupt in jener Zeit nach seiner Anbetung; empfand mein Herz doch damals die seligen Schauer der ersten jungen Liebe. Wie konnte sich Doktor Hans mit meinem Ideal messen. Er— braun und schlicht,— mein heimlich Geliebter blond und feurig, krauses Haar, kecker Schnurrbart, und dazu — Gäbelgerassel bei jedem Schritt. Ja, Curt war ein richtiger Lieutenant, und Toni Müllers Vetter. In ihrem und meinem Elternhaus sahen wir uns, er kam oft mit Toni zu uns in den schönen, großen Garten, oder er holte uns nach der Schule ab, und wartete geduldig an der nächsten Straßenecke auf unser Er⸗ scheinen. Und dann die Tanzstunde! O himmlische Wonne, in seinen Armen dahinzufliegen, getragen von den Klängen der Musik. Alles an ihm war schneidig, Blick, Wort und Geberde. Wie hätte er da den einfachen Doktor Hans nicht verdunkeln sollen? Seine Unterhaltung sprühte von Geist und Leben, während Doktor Hans mit meinem Vater, dem würdigen Bürgermeister, ernste, gelehrte Reden am Theetisch führte.—— Wir schwebten alle im siebenten Himmel. Es war Tanzstundenball, zu dem außer den gewöhnlichen Mitgliedern auch die Lehrer der Töchter— schule geladen waren. Wir freuten uns kindisch auf diesen Abend, und schon Wochen vorher sprachen wir von nichts weiter, als von Tüll, Blumen und Tanz.
Endlich, endlich schlug die ersehnte Stunde. Ich betrat mit meinen Eltern den erleuchteten Saal, strahlend von Schönheit und Jugendlust, wie mir Lieutenant Curt Wildner zuflüsterte. Im Umsehen war meine Tanzkarte gefüllt, bis auf einen Walzer, den ich mir vorbehalten hatte; und beruhigt über diesen Punkt, stand ich lachend und plaudernd unter meinen Freundinnen. Da trat auch Doktor Hans schüchtern zu mir, um sich einen Tanz zu erbitten.
„Bedaure unendlich, Herr Doktor, alles schon vergeben,“ sagte ich ruhig, mich an seiner Bestürzung labend.
„O wie schade,“ entgegnete er leise,„ich hatte mich so darauf gefreut. Verzeihen Sie.“
Damit trat er zurück.
Nun war der rechte Augenblick gekommen, wie würde er sich freuen. Schnell überflog ich, wie suchend, mein Kärtchen und rief Doktor Hans zu:„Halt, Herr Doktor, hier ist noch ein freies Plätzchen, wenn Sie da Ihren Namen noch hinschreiben wollen? Viel ist es freilich nicht, aber doch immerhin etwas.“—
Er warf einen Blick auf das Blatt, das ich ihm hingab, dann sah er mich ernst an und die Karte zurückgebend, verneigte er sich:„Ich danke Ihnen, mein Fräulein, aber der Raum ist für meinen Namen wirklich zu klein. Wir werden auch wohl später einander öfter auf Bällen begegnen, vielleicht habe ich dann mehr Glück, als heute.“
Damit ging er. Verduzt sah ich ihm nach, das also war mein Erfolg. Er hatte mich durchschaut. Ich stampfte trotzig mit dem Fuße und wandte mich dann, gezwungen lachend, an Lieutenant Curt, der eben herankam. Den ganzen Abend über war ich von ausgelassenster Lustigkeit, der dumme Doktor Hans sollte nicht sehen, wie sehr ich mich ärgerte. Ich flog von einem Arm in den anderen, glühend vor Zorn und Eifer, immer die lauteste und heiterste von Allen. Er sollte doch sehen, daß ich mich auch ohne ihn herrlich amüsirte. Verstohlen schielte ich manchmal zu ihm hin. Er tanzte gar nicht und sah nur ernst und still in das Treiben. Später erst, beim Nachhausegehen, sah ich ihn wieder neben mir; ich wollte eben meinen Mantel umlegen und sah ihn auffordernd an, mir zu helfen. Er aber winkte einen Diener herzu, empfahl sich dann meinen Eltern, machte mir eine stumme Verbeugung und fort war er.— Ich kämpfte mit den Thränen und durfte meine Eltern doch nichts von meinem Aerger merken lassen. Zum Glück dauerte es nur noch wenige Wochen, bis wir Sieben die Selekta verließen. Gegen Doktor Hans war ich sehr kalt und trotzig seit jenem Ball⸗ abend, er dagegen bewahrte seine swig ruhige, gütige Miene.
Am letzten Tage gab es viel Thränen bei uns, obgleich wir alle eigentlich gern gingen; aber es war doch eine schöne Zeit gewesen, die Schulzeit. Doktor Hans gab uns Allen die Hand beim Abschied, was wir recht überflüssig fanden. Als ich bei ihm vorbeischlüpfen wollte, sagte er bittend:„Wollen wir nicht wieder gute Freunde sein, Fräulein Kathinka?“—
„Ich bin noch nie Ihre Freundin gewesen, Herr Doktor,“
erwiderte ich unartig. Da ließ er meine Hand los, und w sagte er:„Verzeihen Sie.“ Nun begann eine fröhliche Zeit. Wir waren wie die jung Füllen, die der langen Haft entsprungen sind. Fast täglich waren wir zusammen, Lieutenant Curt, einige junge Referendare und Assessoren, auch Studenten, die Bruder und Vettern meiner Freundinnen. Meine guten Eltern wollten mir eine recht sonnige Jugend verschaffen, und so fanden sich Alle meist bei uns ein. Auch Doktor Hans durfte nie fehlen, er war meinem Vater st ans Herz gewachsen. Das verdarb mir oft die Freude, a theils amüsirte es mich, sein vorwurfsvolles Gesicht zu sehen, wenn ich mit den jungen Leuteu so überlustig lachte und scherzte. Bei allem, was ich that und sagte, beobachtete ich ihn, un besonders, wenn ich mit dem Lieutenant flüsterte, zog sich seine Stirn in krause Falten.— 5
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Doch— keine Freude ist ungetrübt. 5 Mein vielgetreuer Anbeter wurde in eine andere Garnison versetzt und nun gab es geheime Thränen und Abschiedsweh. Aber allzu lange hielt diese Stimmung nicht an, wir waren eben zu gern fröhlich, und Toni brachte mir ja ab und zu Grüße von Curt. So zogen die Wochen dahin; der Frühling war dem Som— mer gewichen, als mir eines Tages der Postbote zwei Briese übergab, einen an meinen Vater und einen an mich. Ich riß das Couvert auf, kannte ich doch die Handschrift nur zu gut, und was fiel mir entgegen? Nur ein einfaches Blatt, aus dem mir zwei Namen entgegenleuchteten: i. Thekla Haldow, Curt Wildner. 8 Verlobte. 3
Thränen füllten meine Augen, ich eilte in die stillste Laube des Gartens, um dort heiß und fassungslos zu weinen. 5 erster Jugendtraum war dahin, mein Mäͤdchenstolz schwer ver⸗ letzt— verschmäht, verlassen! In meinem Schmerz hörte ich nicht die nahenden Schritte, und erst als Doktor Haus eintrat, blickte ich auf.„Verzeihen Sie, wenn ich störe. Ihre Frau Mutter schickte mich zu Ihnen in den Garten. Ich werde g sogleich wieder gehen.“ b
„Sie können ruhig bleiben,“ stotterte ich verlegen, darauf wieder bitterlich zu schluchzen.
Doktor Hans sah auf das Blatt in meinem Schoß, und, meine Hand zärtlich fassend, sagte er:„Armes Kind, haben Sie ihn denn so sehr geliebt?“*
Geliebt? Ich blickte auf, nein geliebt, wirklich geliebt halte ich Curt wohl nicht, denn ich konnte ganz gut weiterleben ohne ihn; aber er war ein so feuriger Anbeter gewesen, und:„Er hat mich sitzen lassen,“ brachte ich mühsam hervor. N
Doktor Hans lächelte leise:„Nun, wenn das Ihr ganzer Kummer ist, Fräulein Käthchen, den werden Sie mit der Zeit wohl überwinden.“—
„Nein nie, nie,“ rief ich heftig, und von Neuem ergoß ein Thränenstrom aus meinen Augen. Der Doktor ließ u ruhig gewähren und redete mir nur freundlich zu. Allmäh ward ich stiller, und fing an, mich zu schämen, daß ich! mein Herz so offen gezeigt hatte.— Flammende Röthe f mir in's Antlitz und plötzlich sprang ich auf und eilte davon
Von nun an wich ich Doktor Hans aus, wo ich nur konnte.“ Er kam auch lange Zeit nicht mehr zu uns. Erst als mein Vater selbst ihn aufsuchte, fand er sich wieder wie sonst ein. Ich mr ihn immerfort ansehen, wie ernst und traurig war er geworden Aber sprechen konnte ich nur selten mit ihm, denn was mu ie er von mir und meiner kindischen Thorheit denken. 0
Ich selbst war ruhiger und vorsichtiger nach dieser, meiner ersten traurigen Erfahrung, und hatte vorläufig genug an Se und Spiel. Trotzdem ging unser Leben seinen alten, lust Gang weiter, gerade wie vordem. r
Auch Doktor Hans hielt sich möglichst fern von mir, e verachtete mich gewiß. O, wenn ich ihm doch hatte sagen können wie sehr ich meine Thorheit schon bereut hatte. Aber nie ka er auf jenen Tag zurück, und gab mir überhaupt wenig 6 heit, mit ihm zu reden.
So gingen wir stumm neben einander her. 2 Meine Freundinnen hatte der Sommer hierhin und do verstreut, nur Toni kam häufig zu uns, und zwar 5
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