Ausgabe 
9.9.1888
 
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295.

auf seiner Stirn; sein scharfes Ohr vernahm, daß irgend etwas nicht richtig war, er vermißte eine bestimmte Klangfarbe in dem Harmonieverbande, und bald wußte er, was fehlte; scharf blickte er nach dem Kontrabassisten hinüber.

Der unglückselige Heidemann! Bleich, mit stieren Augen, saß er da, Schweißtropfen standen auf seiner gefurchten Stirn; ver⸗ zweiflungsvoll strich er auf den Darmsaiten umher, immer stärker drückte er den Bogen auf, vergebens, es war kein Ton ver nehmbar! Entsetzen packte ihn; was war das? Der alte Praktikus sah sofort, daß ihm Jemand einen Streich gespielt hatte; die Wirbel am Halse des Instrumentes standen richtig, aber die Saiten, die Saiten! Sie waren von oben bis unten mit Fett beschmiert, so daß der treffliche kolophonirte Bogen machtlos dar über hinfuhr, ohne in ihnen tönende Schwingungen hervor bringen zu können! Gewaltig drückte er den Bogen auf, da ein schriller Klang erdröhnte, ein greller Mißklang aus dem riesigen Resonanzboden der Baßgeige, der schneidend den harmo nischen Zusammenklang durchgellte!

Halt! rief der König, welcher alle Musiker mit Namen kannte,was macht Er denn, Heidemann. Er quikt ja wie ein toller Esel!

Zitternd, kaum eines Wortes mächtig, erhob sich der Un⸗ glückliche.

Majestät, stammelte er,ein schändlicher Streich man will mich in's Verderben stürzen. i

Was ist ihm passirt?

Es hat Jemand die Saiten mit Fett bestrichen, Majestät; es ist Talg, hier sitzt noch ein Klümpchen!

Er hatte die Saiten mit den Fingern überfahren und hielt nun den Zeigefinger empor, auf welchem wirklich ein Stückchen Talg haftete. Die Künstler standen starr vor Schrecken; zornig zog der König die Augenbrauen zusammen, sein feuriges Auge blitzte in der Runde.

Weiß Er, wer diese Infamie begangen hat?

Nein, Majestät!

War sein Instrument in Ordnung, als es hierher kam?

So wahr Gott mir helfe! betheuerte Heidemann.

Wieder flammte des Königs Auge durch den Kreis der Künstler, er las auf allen Gesichtern nur Schrecken, Zorn, Entsetzen; aber der König sah scharf, sein Blick haftete durchdringend auf Schmollke, der in der Nähe des Kontrabassisten stand.

Trete Er einmal vor, Schmollke!

Jähe Blässe überzog das Antlitz des Gerufenen, er wankte vor.

Kehre er Seine Taschen um, flink!

Zögernd gehorchte er, ein Stückchen Talg rollte auf den Fuß boden.

Aufheben! Zeig' Er her!

Bebend wies der Sünder dem zornigen König das corpus delicti hin; die Saiten hatten in das Fett Striemen eingedrückt, Schmollke's Schuld war unzweifelhaft.

Starr sah der König ihn an; vernichtet sank der Uebelthäter zusammen.

Pack Er Seine Klarinette ein und scheere Er sich sofort nach Spandau zum Kommandanten; Er ist Arrestant, bis ich weiter verfügen werde!

Schmollke schwankte hinaus; der alte Fritz aber hatte für diesen Abend alle Lust verloren, sich durch die Kapelle weiter unterhalten zu lassen er gab den Künstlern unwillig das Zeichen abzutreten, an Heidemann richtete er weiter kein Wort.

Es klärte sich bald auf, daß Schmollke nur als Werkzeug von Höherstehenden benutzt worden war, als er den schlechten Streich beging. Der edle ritterliche Prinz Heinrich hatte sich mit seinem königlichen großen Bruder zur Zeit überworfen; Friedrich war unzufrieden mit der Führung des Heeres, welches er dem Prinzen anvertraut hatte, und aus dieser Ursache hatte sich ein tiefergehender Zwist entwickelt, um den alle Welt wußte. Einer der Kammerherren des Prinzen, ein kleinlicher intriguanter Mensch, dachte sich bei seinem Gebieter Gunst zu erwerben, indem er aller⸗ hand erbärmliche Kabalen gegen den großen König anzettelte, nur um ihn zu ärgern und ihm das Leben zu verbittern. Da er wußte, daß Friedrich die Musik liebte, gedachte er ihm einen Verdruß zu bereiten, wenn er ihm den Genuß des ersten Musik⸗ abends nach seiner Rückkehr nach Sanssouci vereitelte. Der mehr

leichtsinnige als schlechte Schmollke ließ sich bereit finden, die Hand zur Ausführung des Planes zu bieten, und verfehlte nicht bei dieser Gelegenheit, dem alten Heidemann einen tüchtigen Possen zu spielen.

Prinz Heinrich hatte natürlich keine Ahnung von dieser Nichts würdigkeit; als er davon erfuhr, gerieth er in den heftigsten Zorn und entsetzte den jämmerlichen Kämmerling sofort seiner Aemter und Würde. Schmollke mußte aus der Kapelle austreten, kam aber als Verführter mit drei Monaten Gefängniß fort; der Kammer herr aber fand in den Kasematten Küstrins zwei Jahre lang Zeit und Gelegenheit, über die Kleinlichkeit seiner Handlungsweise und über die Pflichten gegen seinen König nachzudenken.

(Schluß folgt.)

Jose Blätter.

Reichthum der Bauern in Preußen im fünfzehnten Jahrhundert. Ein halbes Jahrhundert innerer Ruhe und eine milde Regierung der Ordensherren hatten den altpreußischen Edelmann und Landmann zu jener Zeit höchst wohlhabend gemacht. Getreide, Holz, Hanf, Wachs und andere Landeserzeugnisse wurden auf der Weichsel in fremde Lande mit großem Gewinne verschifft. Wenn gleich der steigende Luxus die Einfuhr englischer Tücher, fremder Weine, Gewürze ꝛc. förderte, so behielt dennoch der preußische Handelsstand, der, im Besitze beider Ufer der Weichsel, sich zugleich als Zwischenhändler seiner Nachbarn, der Polen, ja selbst der Russen, aufzuwerfen gewußt, das Uebergewicht. Ausländer staunten über die Wohlhabenheit des Landes.

Im Jahre 1403 besuchten den Hochmeister Konrad von Jüngingen einige vornehme Freunde aus Deutschland. Bei einem ihnen zu Ehren angestellten Gastmahle priesen Letztere den überall angetroffenen Reich thum. Heinrich Reuß von Plauen, der Ordensschatzmeister, entgegnete den Gästen, daß in Niklaswalde ein Bauer wohne, der elf Tonnen Goldes besäße. Die Deutschen faßten dies theils als Prahlerei, theils als Scherz auf, und nur Plauen's Versprechen, daß sie sich selbst davon überzeugen sollten, machte die Zweifelnden verstummen. Konrad von Jüngingen ließ darauf dem Bauer ankündigen, er werde mit einigen Freunden das Mittagsmahl am folgenden Tage bei ihm halten, und solle er den Gästen seinen Reichthum zeigen. Die Hütte, in welcher der Hochmeister sich mit seinen Genossen am folgenden Tage einfand, zeugte keineswegs von der gepriesenen Wohlhabenheit des Besitzers. Zwölf Tönnchen, welche in's Gevierte um den Tisch standen und mit Brettern belegt waren, bildeten die Gesäße. Der Tisch war nur mit gewöhnlichen Speisen besetzt. Während der Mahlzeit fragten die neugierigen Ritter den Landmann, ob das Ge⸗ rücht von seinem Reichthum wahr sei, und Jüngingen forderte den Be fragten auf, seine zeitlichen Glücksgüter zu zeigen, mit der Zusicherung, daß ihm das Kundwerden derselben keinen Nachtheil zuziehen solle. Treu⸗ herzig erwiderte der Bauer:Ich weiß, daß verleugnetes Gut dem Herrn gehört, darum habe ich nichts verborgen, sondern euch alles vorgesetzt. Er hieß darauf die Sitzenden aufstehen und die Bretter abheben, wo sie nun fanden, daß elf kleine Fässer bis an den Rand, das zwölfte zur Hälfte mit Goldstücken angefüllt waren. Erfreut von dem vertrauungs⸗ vollen Benehmen des Landmannes, befahl der Hochmeister, die zwölfte, halbleere Tonne aus seinem Schatze zu füllen, damit man mit Wahrheit reden könne, er hätte einen Unterthan, welcher zwölf Tonnen Goldes reich sei. M. IL.I.

Entschuldigung. Im Jahre 1740 in der Nacht zwischen dem 19. und 20. Oktober starb der Kaiser Karl VI. an den Folgen einer Erkältung, welche er sich bei einer Jagdparthie einige Meilen von Wien auf dem Jagdschlosse Halbthurn zugezogen hatte. Bei seinen Lebzeiten hatten die Bauern oftmals Klage über Wildschaden geführt, und nun benutzten sie den Tod des Kaisers und schossen Alles Wild nieder. Darüber zur Verantwortung gezogen, entschuldigten sie sich damit,sie müßten die Bestien ausrotten, denn diese hätten den zu frühen Tod ihres allergnä digsten Souverains verursacht. M.

Ironie des Unbewußten. Herr von N. traf in seinen Feldern Schweine, die Alles um und um wühlten.Welchem Schlingel gehören diese Schweine? rief er seinem Bedienten zu.Ihnen, gnädiger Herr! war die Antwort. M.

Die gewonnene Wette. Der bekannte Weinhändler Louis Drucker in Berlin wettete mit einem Gaste, daß dieser sich den Rock nicht allein ausziehen könne. Die Wette wurde angenommen, und sobald der Gast sich seinen Rock ausziehen wollte, zog Drucker auch den seinigen aus und die Wette war gewonnen. M.

Wörterzahl der englischen Sprache. Die englische Sprache enthält 40,499 Wörter, nämlich: 3 Artikel, 20,500 Substantiva, 9200 Adjectiva, 40 Pronomina, 7823 regelmäßige und 177 unregelmäßige Zeitwörter, 2600 Adverbien, 69 Präpositionen, 19 Conjunktionen und 68 Interjek⸗ tionen. Unter diesen 40,499 Wörtern stammen 6732 aus der lateinischen, 4812 aus der französischen, 1148 aus der griechischen, 211 aus der italienischen Sprache. NM.

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