Ausgabe 
9.9.1888
 
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Mutter, Mutter, Dein Plan ist zwar fein ausgedacht, mir aber erscheint er allzu gefährlich. Wer bürgt Dir dafür, daß Gis⸗ bert in seiner tollen Verliebtheit zur Einsicht gelangen wird? Und wenn auch, glaubst Du, daß jenes Mädchen dann so ohne Weiteres bereit sein wird, den goldenen Vogel wieder frei zu geben? N f

Das laß ein wenig meine Sorge sein, liebe Edith, meinte die Mutter mit ruhigem Lächeln;Tropfen höhlen den Stein aus, und ich kenne auch Gisbert und weiß, wie lange man seiner Begeisterungsfähigkeit trauen darf. Für heute aber laß uns davon abbrechen; ich fühle mich angegriffen und wünsche eine Stunde auszufahren. Möchtest Du meiner Jungfer schellen, Elisabeth!(Fortsetzung folgt.)

Zwei Konzerte. Geschichtliche Humoreske von H. von Remagen.

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Auf der Spandauer Brücke in Berlin stand ein kleines ein⸗ stöckiges, baufälliges Häuschen. Es machte einen recht kläglichen Eindruck mit seinem halbverfallenen Schornstein, dem melancholisch grauen Dach voll Moos und Grashalmen, den vor Alter ge⸗ krümmten und gerissenen Balken des Fachwerkes; die schmale, der Straße zugewandte Giebelfront war zum großen Theil von dem ehemaligen Kalkbewurf befreit, und die nackten Mauersteine starrten den Straßenpassanten mürrisch entgegen.

Dieses Haus hatte in der Gegend einen gewissen Ruf, und zu Zeiten umlagerten es die barfüßigen Gassenbuben in Schaaren, aber auch Erwachsene blieben mitunter davor stehen und lauschten den sonderbaren Tönen, die aus dem geöffneten Giebelfenster drangen; die nichtsnutzigen Rangen sekundirten denselben mit ihrem stereotypen:Ratsch, ratsch, schrumm, schrumm, schrumm! und einer lockte den andern herbei:Fritze, komm, de olle Baß geige brummt wieder!

Das Haus bieß allgemein die Baßgeige, und diesen Namen verdankte es nicht so sehr den bauchigen Formen seiner aus gebogenen Wände, sondern dem Umstande, daß es dem ehrsamen Musiker Heidemann, Kontrabassist in der Kapelle des Prinzen Heinrich von Preußen, gehörte, der in seiner freien Zeit un ermüdlich auf seinem räsonnirenden Brumminstrument Passagen und Läufe übte.

Heidemann hatte diese Exerzitien eigentlich wohl nicht nöthig, denn angeborenes Talent und eine dreißigjährige Praxis hatten ihn zu einem Meister auf seinem Instrument gemacht; aber die langhalsige brummige Baßgeige war ihm über alles theuer; und er spielte und tändelte mit dieser seiner zweiten Frau Liebsten lieber und mehr, als mit seiner rechtmäßigen angetrauten Ehe hälfte, welche, in formeller und vokaler Hinsicht der Pseudofrau nicht ganz unähnlich, dem alten Heidemann so manche Szene wegen dieser bigamistischen Anwandlungen machte.

Heidemann war jedoch daran gewöhnt und ließ sich dadurch nicht anfechten, und wenn seine Eheliebste es gar zu bunt machte, dann bearbeitete er mit dem mächtigen Bogen die tiefste, dickste Saite des Basses mit solcher gewaltigen marterschütternden Vehe menz, daß das Knurren seiner Frau vor diesem überwältigenden Gebrumm verstummte, und sie, beide Ohren fest zuhaltend, eilig davon lief. Es war kein Wunder, daß der Musiker seine Baß geige so hoch hielt, denn die Klänge des geschweiften Holzkastens erwarben ihm seinen Lebensunterhalt, und an den gedrehten Schafsdärmen hing seine ganze Existenz. Er war arm, der alte Heidemann, der nun schon fünfundfüntzig Jahre zählte, und er konnte weiter nichts, als Baßgeige spielen; dabei war er in allen Geschäften so unpraktisch und unerfahren, wie es nur der ver⸗ wöhnteste, berühmteste Künstler sein konnte. Ach, die Einkünfte waren wirklich recht gering, trotzdem er prinzlicher Musiker war, und der Kapellmeister wegen seiner Gutherzigkeit, Pünktlichkeit und Brauchbarkeit große Stücke auf ihn hielt; Schmalhans war bei Heidemann's nicht nur Koch, sondern auch täglicher Tafel⸗ gast, und die Ebbe in der Börse des Musikers war wahrhaft chronisch geworden. Er war ein zufriedenes Gemüth, und mit dem Geringsten nahm er vorlieb; aber er hatte Feinde, die ihm das Leben recht sauer machten. Zu diesen gehörten etliche

Kameraden, lustige Burschen, die den Alten seines soliden, ein⸗ gezogenen Lebens wegen nicht recht leiden mochten; aber auch im Thierreich hatte er einen unermüdlichen Widersacher, und das war kein anderer als der Klapperstorch. Heidenreich und seine etwa zehn Jahre jüngere Frau waren doch längst über das Schwabenalter hinaus, aber das klappernde Stelzbein respektirte dieses achtbare Alter nicht im Geringsten; Jahr für Jahr warf er mit boshafter Schadenfreude sein schreiendes Packetchen in den Schornstein derBaßgeige, und in diesem Jahre hatte er das Dutzend gerade voll gemacht.

Es heißt: Mit Vielem hält man Haus, und mit Wenigem kommt man aus. Heidenreich mußte aber mit Wenigem für Viele Haus halten und auskommen, und das fiel ihm recht schwer, zumal jetzt, da seine Frau noch krank darnieder lag. Sein Ge⸗ halt lief freilich fort, aber die Nebeneinkünfte, die er sonst hatte, waren auch fortgelaufen, denn kein Mensch in Berlin dachte jetzt an Lustbarkeiten und Feste, bei denen die Musiker Verdienst finden konnten; die Zeiten waren schlecht, es war Krieg, und wenn es auch hieß, daß der alte Fritz wiederum gesiegt hatte, und der Friede nahe bevorstände, so wußte doch Niemand etwas Genaues davon.

Um so mehr erstaunt war Heidenreich, als ihm eines Morgens der Bote des Kapellmeisters die Nachricht brachte, er solle un⸗ verzüglich mit seiner Baßgeige nach Potsdam aufbrechen und sich spätestens um sechs Uhr Abends in Schloß Sanssouci einfinden! War denn der König wieder daheim in seinem Tuskulum? Möglich war es schon, daß er gekommen war, ohne daß Jemand etwas davon wußte; er hatte den Hof und die Bevölkerung schon in jüngeren Jahren manchmal in dieser Weise überrascht, er war sogar nach seiner Hauptstadt gekommen, ohne daß Jemand eine Ahuung davon hatte, ohne daß irgend etwas zu seinem Em pfange vorbereitet war. Der kapellmeisterliche Bote konnte nur aussagen, daß dem Musikgewaltigen ein Lakai aus dem Hof marschallamte den Befehl überbracht hatte.

Da galt kein Besinnen. Heidemann putzte und rieb seine brummende Stiefliebste so blank wie möglich, kolophonirte den Bogen gut, ließ sich den vorschriftsmäßigen Zopf glatt flechten und die großen Pufflocken über den Ohren neu rollen; er warf sich in den blauen Leibrock, lud die Baßgeige auf den Rücken und wanderte dem Potsdamer Thore zu, von wo aus der große unförmige Personenwagen abfuhr. Er mußte dieses Manter⸗ instrument benutzen, da er nicht in der Lage war, einen andern Wagen bezahlen zu können; einige seiner Kollegen fanden sich ebenfalls ein, unter ihnen auch der Klarinettist Schmollke, einer von denen, welche auf den Alten nicht gut zu sprechen waren.

In Potsdam angelangt, erfuhr Heidemann, daß Friedrich der Große in der That aus dem Felde zurückgekehrt sei, die ganze Stadt war voller Jubel, und überall bemerkte man die Vor⸗ bereitungen zu einer glänzenden Feier des Abends. Die Musiker hatten sich im blauen Saale des Schlosses Saussouci versammelt; es war sechs Uhr Abends, und um halb sieben pflegte der König zu erscheinen und das Zeichen zum Beginn des Konzerts zu geben. Leise wurden die Instrumente noch einmal probirt, Erwartung lagerte auf allen Gesichtern. Heidemann war gar nicht recht wohl zu Muthe, er hatte ein eigenes Gefühl der Bangigkeit, welches er nicht zu überwinden vermochte; dazu war er ärgerlich, denn auf der ganzen Fahrt von Berlin bis Potsdam hatte der bos⸗ hafte Schmollke ihn geuzt und geneckt. Um schließlich Herr seiner Aufregung zu werden, ging Heidemann für einen Augenblick in den Schloßbof hinunter; Niemand achtete darauf, daß Schmollke sich mit der Baßgeige des Alten beschäftigte. In wenigen Minuten war dieser wieder im Musiksaale, und kaum hatte er seinen Sitz wieder aufgenommen, so trat auch schon der König durch die ge⸗ öffnete Flügelthür ein, geleitet von einigen seiner Vertrauten.

Bon soir, messieurs, sagte er lächelnd und winkte den ehrfurchtsvoll sich verneigenden Künstlern zu,haben wohl nicht erwartet, mich heute schon hier zu sehen!

Er gab ein Zeichen, das Konzert begann. Die Kapelle des Prinzen Heinrich war eine der ausgezeichnetsten ihrer Zeit, alle ihre Mitglieder waren wahrhafte Künstler. Leise und schmelzend durchzitterten die harmonischen Klänge das Gemach, sich all mählich verstärkend und zum rauschenden Andante ansch

wellend. Wohlgefällig lauschte der König, aber bald bildete sich eine Falte.

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