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sich zu bleichen, und die Erinnerung lebt mit jugendlicher Kraft in meinem Herzen fort.“ „Ich danke Dir,“ sagte Jella tief bewegt,„nun kenne ich meine Mutter.“ (Fortsetzung folgt.)
Die Einquartierung. Novellette von Paul Bader (Schluß.)
Am Abend auf dem Festplatz wurde eine Partie an den Rhein nach Rüdesheim und Aßmannshausen geplant und am folgenden Morgen auch ausgeführt. Alle kannten die Gegend schon, nur der Arzt nicht.—„Meine Kasse war dazu bisher immer zu klein,“ erklärte er. Dafür schwelgte er jetzt in um so größerem Hochgenusse.„Wenn man so ein Fleckchen Erde sieht, möchte man den verfluchen, der das Sterben erfunden. Aber es ist doch wieder gut so, wovon sollten wir sonst leben!“ Im Allgemeinen theilte sich die Gesellschaft in drei Gruppen: die Alten voran, dann folgten Lieschen und Herr Körber und schließ— lich das ausgelassene Paar Alma und der Doktor. Als einmal die Ordnung gestört war und die beiden Freunde sich zusammen fanden, sagte Doktor Barden:„Du Edgar, die Alma ist doch ein reizendes Mädchen.“„Ja, ja, hm, hm!“ machte der Ange— redete.„Das verstehst Du natürlich nicht. Unsereins, der täg— lich mit dem Tod umzugehen hat, weiß das Leben mehr zu würdigen. Und was für ein Leben steckt darin! Potzwetter, dagegen bin ich ja ein reines Kind. Sieh' nur, wie sie da um die Ecke tänzelt, wie sie schwebt!“ Und Doktor Barden beeilte sich, hinterdrein zu schweben.
Zum Nachtessen war man wieder daheim und trank das Lob des Rheins in Rheinwein weiter. Schließlich hob die Hausfrau die Tafel auf, es entstand das bekannte Durcheinander. Der junge Herr Körber sprach mit Frau Krieger und sah sich, als diese gegangen, um noch etwas für die Wirthschaft zu besorgen, vergeblich nach Lieschen um. Wo konnte sie nur sein? Er schritt in's Nebenzimmer und schob die Portiere zum Balkon bei Seite. Da stand sie, den Kopf an die Säule gelehnt und un— verwandt in die Weite blickend. Er trat unhörbar näher und faßte die herabhängende Hand:„Lieschen!“ Sie wandte sich um, aber sie erschrak nicht. Es war ja so selbstverständlich, daß er kam, kommen mußte; sie hatte ja so sehnsüchtig an ihn ge— dacht.„Lieschen, Du weißt, Du mußt wissen, daß ich Dich so lieb, so recht lieb habe. Sage mir, willst Du die Meine werden?“
Die Welt, die klare, mondscheinbeleuchtete Welt schwamm vor ihren Augen und ihr war, als wenn sie das Glücksgefühl, das über sie kam, in einem jauchzenden Schrei hinausrufen müßte, und doch brachte sie keinen Laut über die Lippen; sie konnte nur leise mit dem Kopfe nicken.„Er zog sie an sich und fragte: „Und hast auch Du mich lieb, recht von Herzen lieb?“— „Namenlos, unsäglich lieb!“—„Meine süße Braut!“— Die Lippen fanden sich zum ersten innigen Kusse.
Wurde das ein Aufstand!—„Da kann man all's halt nix machen!“ sagte Herr Krieger, als treuer Frankfurter, ganz perplex. Vater und Sohn drückten sich stumm die Hände, die Mutter weinte und Alma hing schluchzend an Lieschens Halse.„Siehst Du, ich hab' es ja gewußt!“ sagte sie unter Thränen..
Der Vernünftigste war der Doktor.„In Anbetracht so bedeutsamer Umstände,“ meinte er,„muß entschieden eine Bowle gebraut werden. Ich verstehe mich darauf ganz vorzüglich, gnädige Frau. Auf Sie darf ich dabei doch rechnen, Fräulein Alma? Das Brautpaar muß füglich aus dem Spiele bleiben; er, mein theurer Freund, war in dergleichen Dingen auch von jeher so wie so ein Stümper. Wir bringen's schon allein fertig!“ In der That füllte er nach nicht langer Zeit draußen auf der Veranda, wohin sich die Gesellschaft begeben hatte, die Gläser und leerte das seine pflichtschuldigst bei jedem Toaste.„Das habe ich nie anders gehalten, denn darin liegt die Stärke des Mannes!“ erklärte er seiner Nachbarin Alma.
Es herrschte die ungebundenste Lustigkeit in dem kleinen
Sie konnten das unnennbare Glück, das über sie gekommen, noch nicht fassen.
Zwei Tage darauf wurde die Verlobung offiziell gefeiert. 7
Es war eine Gesellschaft von ungefähr zwanzig Personen zu⸗ gegen, die bald eine äußerst muntere Tafelrunde bildete. Der Doktor, der wieder die Ausgelassenheit selber war, brachte einen gereimten Trinkspruch aus, in dem er die Haltlosigkeit des auf
dem Festplatze und sonst allerorten gesungenen Satzes:„Wir
brauchen keine Schwiegermamama!“ darlegte und bewies, daß die Schwiegermutter mit zu den nützlichsten Gliedern der mensch—
lichen Gesellschaft gehöre, ja daß im Grunde auf sie alle Kultur
zurückzuführen sei. Er überraschte immer wieder und wieder, namentlich seine Tischnachbarin Alma, durch die witzigsten Ein— fälle und Schnurren, in denen er sich scheinbar nie erschöpfte. Die größte Ueberraschung bereitete er, wenn diesmal auch nicht ihr — denn es geschah mit ihrer Einwilligung— so doch der Ge— sellschaft, als er etwa eine Stunde nach Aufbruch von der Tafel, Alma am Arm führend, unvorhergesehen vor Herrn und Frau Krieger mit den Worten trat:„Da man sich nach berühmten Mustern bekanntlich richten soll, verehrter Herr und gnädige Frau, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen hier in uns ein zweites Brautpaar vorzustellen, das da kommt, um unterthänigst um Ihren Segen zu bitten.“
„Sie sind wohl nicht recht gescheidt!“ war Alles, was Herr Krieger antworten konnte.
„Aber erlauben Sie...“
„Was denken Sie, meine beiden Töchter an demselben Tage... doch“— er sah sich nach Hülfe um—„sagen Sie, Körber, können Sie mir diesen Herrn hier als Schwiegersohn
empfehlen? Leisten Sie Garantie, daß er mir nicht etwa dereinst
durchbrennt?“
„Aber erlauben Sie...“
„Sagen Sie, leisten Sie Garantie?“ a
„Ich leiste sie,“ sagte der alte Herr schmunzelnd,„und stelle mich als Bürgen!“
„Na denn— hm, hm— meinetwegen. meine Hand.“
„Bitte, ich habe nur um Alma's gebeten,“ sagte der Doktor, der auch jetzt das Witzeln nicht lassen konnte.
„Auch die, Sie Schwerenöther!“
„Hurrah!“ rief der Doktor und umarmte seine Braut.
„Aber Du bist doch noch so jung!“ sagte Frau Krieger, als sie nun ihre zweite Tochter in ihre Arme schloß.
„Wieso, Mama? Ich bin doch nur ein Jahr jünger als Lieschen. Und ich hab' ihn doch so gern, Du kannst Dir gar nicht denken, wie gern!“
„Das mag wohl sein, aber... Wie soll mir das noch vorkommen!“
„Weißt Du, nun gönne ich ihn Dir erst recht!“ flüsterte Alma der Schwester in's Ohr. Lieschen lächelte glücklich.
Auf des Doktors Veranlassung wurde noch eine zweite Bowle gebraut.„Was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig!“ erklärte er.
Der Morgen dämmerte schon stark, als die beiden Mädchen nach oben in ihr Zimmer schritten. Sie waren aber noch zu erregt, um schlafen zu können. Lieschen setzte sich an's Fenster und Alma wiegte sich in ihrem Schaukelstuhl. Die Erstere trug nach ihrer Weise ihr Glück schweigend, es war ja auch viel zu groß, um es in Worte fassen zu können. Alma konnte das Plaudern aber auch jetzt nicht lassen.
„Denk' Dir, Lieschen,“ sagte sie,„was Otto mir vorhin gesagt hat! Ich müsse nun aber sehr, sehr vernünftig werden, sagte er, der Böse. Ich will es ja zwar gern thun, denn was thu' ich ihm nicht zu Liebe, aber mir scheint's, er ist fast ebenso ausgelassen, wie ich. Das wäre nur hier, sagte er, sonst wäre er die Ehrbarkeit selber. Na, er muß es ja wissen, denn ich sage Dir, er ist furchtbar klug, ganz entsetzlich klug; ich habe heute oft gewaltige Angst gehabt. Aber was für sonderbare Fragen er stellt! Kannst Du Dir denken, was er mich gefragt
Da haben Sie
meine beiden Töchter....
hat? Ob ich auch schon Kartoffeln kochen könnte! Ich habe ihm natürlich einen kleinen Schlag auf den Mund gegeben, und als
Dank zog er Erkundigungen ein, wie es mit Hammelbraten und
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