Ausgabe 
6.5.1888
 
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in einem abschreckenden Lichte erscheinen läßt. Ein mir bekannter Journalist hatte sein Zimmer neben dem eines jungen Russen, der schon mit dem Keim des Todes nach San Remo gekommen war. Da derselbe ganz allein stand, nahm sich der Mann der Feder seiner au, und als der Kranke nicht mehr sein Zimmer verlassen konnte, besuchte er ihn häufig und leistete ihm jene kleinen Liebesdienste, die unter solchen Verhältnissen jeder füh lende Mensch seinem Nächsten erweist. Da hörte der Journalist in der Nacht plötzlich und wiederholt schellen und gewann den Eindruck, daß der elektrische Apparat im Zimmer seines Nach bars in Bewegung gesetzt worden sei. Nach einiger Zeit wurde es ruhig und der Journalist schlief wieder ein. Früh am Mor- gen hörte er im nächsten Zimmer ein eigenthümliches Geräusch; rasch stand er auf, trat aus seiner Thür, um zu sehen, wie die Hotelbediensteten eben die Leiche seines Nachbars forttrugen. Der Sterbende hatte während der Nacht vielleicht im Todes kampfe geschellt, um Hilfe herbeizurufen; allein Niemand hatte es gehört, Niemand war gekommen, um dem Verlassenen ein letztes freundliches Wort zu sagen und den Schweiß von der kalten Stirne zu wischen. Die Hotelbediensteten ahnten wohl, welches Trauerspiel in dem einsamen Zimmer sein Ende finde und hielten sich deshalb fern; denn von einem Todten hat man keine Trinkgelder mehr zu erwarten. Das ist nur ein Fall von vielen, wie sie sich hier abspielen, wenn schwer Er krankte ohne Begleitung an die Riviera ziehen, um dann statt der ersehnten Heilung, wie Ponce de Leon einstens in Florida, fern ihrer Heimath, fern von ihren Lieben, in fremder Erde ein einsames Grab zu finden.

Mit dem wiederkehrenden Frühling macht sich an der ganzen Riviera ein stärkerer Zustrom englischer Touristen und Kurgäste bemerkbar. Auf besuchten Promenaden wie in abgelegenen Alpen thälern begegnet man der Norfolk-Jacke und dem indischen Helm, und an der Tafel des Hotels wie in den Spielsälen von Monaco hört man überwiegend das Idiom des Inselvolkes sprechen. Ich bin ein enthusiastischer Bewunderer der englischen Literatur, ich hege den höchsten Respekt vor dem Charakter dessturdy Briton und halte das Leben eines englischen Country-Genleman so ziemlich für die menschenwürdigste Form des Erdendaseins. Aber so achtunggebietend mir der Anglosachse in allen großen Unter⸗ nehmungen wie auf dem Boden seiner Heimath erscheint, so unliebenswürdig, nein, so unerträglich zeigen sich die meisten Repräsentanten seiner Race sowohl männlichen wie weib lichen Geschlechts in der Fremde. Der reisende Engländer ist eine Welt für sich; die Vertreter anderer Nationalitäten existiren einfach für ihn nicht, er schenkt höchstens dem Fran⸗ zosen einige Beachtung, um in der Konversation mit ihm seinen Accent ein wenig zu vervollkommnen. Daß die Engländer in jenen Hotels, denen sie ausschließlich ihre Patronage zuwenden, tonangebend auftreten, ist ganz in der Ordnung. Aber auch da, wo sie sich in der Minderheit befinden, wissen sie ihrem Geschmack bei der Zubereitung der Speisen und ihren Gewohn heiten bei der Einrichtung der Wohnräume Geltung zu ver⸗ schaffen. Der Mißstand, daß die Zimmer der meisten Riviera⸗ gasthöfe nicht mit Oefen, sondern nur durch Kamine heizbar sind, und man die Hauptmahlzeit des Tages ein für Patienten absolut schädlicher Brauch um 7 Uhr Abends servirt, ist in erster Linie auf englischen Einfluß zurückzuführen. Die aus⸗ gesprochene Selbstgenügsamkeit der Briten, die sich allen, auch den höflichsten Annäherungsversuchen gegenüber ablehnend ver hält, trägt ferner dazu bei, an den Tafeln und in den Kon⸗ versationssälen eine Atmosphäre frostiger Langeweile zu verbreiten. Ich selbst fand mehrmals Gelegenheit, jungen und älteren Misses gefällig zu sein, indem ich ihnen einen Weg zeigte oder als Dolmetscher fungirte, wobei meine kleinen Dienstleistungen jedes⸗ mal als etwas ganz Selbstverständliches, als der Achtungstribut einer untergeordneten Race einer höheren, erlesenen gegenüber angenommen wurden. 5

Als Kehraus des Frühlingsreigens an der Riviera möchte ich die verschiedenen Ueberraschungen bezeichnen, die den Kur⸗ gästen und besonders jenen, welche eine ganze Villa oder eine Etage inne hatten, beim Abschied von den Hausbesitzern bereitet werden. Es besteht nämlich hier die Gepflogenheit, daß der

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Inhaber einer Etage, sowie der einzelnemöblirte Herr seinem

Wirthe nicht nur die vereinbarte Miethe zu bezahlen hat, son dern auch am Schluß der Saison, wenn er sich nicht durch eine schriftliche Verwahrung dagegen sichergestellt hat, eine besondere Summe als Entschädigung für die Abnutzung der Möbel ent richten muß. Der Miether mag nun die häufig recht ehrwür⸗ digen Hausgeräthe mit der größten Pietät behandelt haben, das Falkenauge des Eigenthümers wird immer an einem Sopha einen schüchternen Flecken oder an dem Teppich eine abgetragene Stelle zu entdecken wissen und der Haustyrann zögert nicht, für diese Defekte eine unverhältnißmäßig hohe Vergütung zu fordern. Nun kann man zwar die Vermittlung des betreffenden Konsuls in Anspruch nehmen; wenn aber der Italiener wie Shylock auf seinem Schein besteht, so läßt sich die Angelegenheit nur auf gerichtlichem Wege erledigen, und da die meisten Fremden einen Prozeß wegen der damit verbundenen Kosten und Plackereien scheuen, so gelingt es dem Rivierageier meistens, seine Opfer gehörig zu rupfen, ehe sie den Zug in die nordische Heimath antreten. Leider gewann ich die Ueberzeugung, daß die Neigung zur Ausbeutung der Kurgäste nicht allein unter der von Fremden lebenden eingeborenen Bevölkerung herrscht, sondern auch die zugezogenen Elemente angesteckt hat. Es kamen mir Fälle zu Gehör, in denen namhafte Mediziner, die sich im Sommer an bekannten Kurorten Deutschlands oder Oesterreichs einer aus gedehnten Praxis erfreuen, während des Winters an der Riviera thätig sind, für ihre ärztliche Behandlung geradezu exorbitante Preise berechneten und unbemittelten Patienten gegenüber eine Härte an den Tag legten, die wahrhaft empörend war. So besuchte ein Heilkünstler, der sich sehr gern mit seinem schwer wiegenden Titel anreden läßt, einen nicht sehr wohlhabenden Kranken täglich zweimal. Da der Leidende von der Hoffnungs losigkeit seines Falles überzeugt war, bat er seinen medizinischen Rathgeber, doch weniger häufig zu kommen, indem seine Frau nach seinem Ableben nur unter schweren Opfern die Forderungen des Doktors befriedigen könne, worauf letzterer entgegnete, er nehme das regste Interesse an dem Patienten und erscheine nicht als Arzt, sondern als Freund. Der Kranke verschied, und nach der Beerdigung ihres Gatten, als die Rechnung präsentirt wurde, hatte die Wittwe Gelegenheit, zu erfahren, daß die Freundschaft des berühmten Mannes leider eine recht theure gewesen war. Man hat der Hygieia unter den Palmen der Riviera so manchen Altar errichtet, sollte sich nicht auch hier und da eine Stelle finden, wo man der Charitas einen Tempel bauen könnte? Um diese Plauderei nicht mit einem Mißklang zu schließen, will ich von jenen Bevölkerungselementen sprechen, die sich ihren Frühling weder durch die Launen des Wetters verderben lassen, noch denselben, wie das Heer der Hauswirthe de., durch schnöde Erpressungsversuche entweihen, sondern ihn ganz und voll ge nießen das sind die kleinen Leute aus den alten Stadt vierteln und die Landbewohner der Umgegend. Aus den kalten Straßen und düsteren Winkeln der Umgegend drängt sich's her vor und die Menge begrüßt jeden warmen Sonnenstrahl mit dankbarem Blick, mit fröhlichem Geplauder. In den blühenden Thälern und auf den grünenden Höhen wird es lebendig all überall, denn es gilt, die letzten Oliven einzuheimsen oder die ersten reifen Orangen und Citronen aus dunklem Laube zu pflücken, und mit hellem Jubel gehen die Landleute an's Werk und wetteifern mit den Vögeln im Gesang. Von den Aesten der Bäume wie aus den Gebüschen klingen frische Männer und Mädchenstimmen, die Arbeit wird nicht als Plage, sondern als Freude empfunden, Alles ist Lust, Leben und Bewegung. Des Mittags lagert sich das Völkchen im Grase, verzehrt sein einfaches Mahl Weizenbrot mit Landwein und ladet den Vorübergehenden mit übermüthigem Scherzwort zum Mithalten ein. Und der Wanderer müßte der trübseligste Hypochonder sein, wenn er unter dem lachenden Himmel von dieser Genüg samkeit, von diesem herzlichen Entgegenkommen und freundlichen Sinn nicht erleichtert und erfrischt würde und mit leuchtenden Blicken, einem Hauch von Frühlingsseligkeit in der Brust, sich

erhöbe über den Jammer seines eigenen Seins und über die

Armseligkeiten des Lebens und ruhig, heiter und groß fühlte wie das strahlende stille Meer zu seinen Füßen und wie die weite sonnige Landschaft um ihn her.