Ausgabe 
6.5.1888
 
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höchstens zu Dreien! Vor Allem aber nichts von konventio⸗ nellem Zwang.

Mein gnädiges Fräulein, ich bewundere Sie! Darf ich mir mit der Hoffnung schmeicheln, daß Sie meine Begleitung nicht verschmähen würden? Ich schwöre, daß Sie an mir einen gehorsamen Knappen finden sollen!

Angenommen, Herr Graf, ich halte Sie beim Wort! er⸗ widerte sie, ihm einen verheißunge vollen Blick zuwerfend.

Irma! mischte sich der Freiherr in's Gespräch,es ist Zeit, meinen Brunnen zu trinken. Herr Graf, Sie werden uns heute entschuldigen, wir müssen leider aufbrechen. Haben Sie die Gewogenheit, Ihrer Frau Schwester meine respektvollste Empfehlung zu übermitteln! Er erhob sich.

Da sehen Sie; der Dämon der Baderegel ist erwacht; ich Leichtfertige habe ihn gereizt! bemerkte Irma, sich kokett lächelnd zu Heinz wendend und ihm die Hand reichend.

Er zog die schmalen Finger an die Lippen:Wann darf ich morgen meine Aufwartung machen?

Sie sind zu jeder Zeit angenehm! Doch kommen Sie, bitte, nicht zu spät, damit wir noch etwas Zeit zum Plaudern behalten. Nachmittags möchte ich Helene besuchen. Au revoir!

Auf Wiedersehen, meine Gnädigste! Ganz gehorsamer Die ner, Herr Baron! Sie gingen.

Auch Heinz entfernte sich. Nach einigen Schritten kehrte er um und sah den Fortgehenden nach. Das Glück wollte ihm wohl; Irma wandte den Kopf. Erröthete sie, oder war es wieder der Abglanz des rothen Schirmes, der sich auf ihren Wangen spiegelte, als sie dem Grafen nochmals ein Lebewohl zuwinkte?

Famose Erscheinung! murmelte Heinz.Ganz geeignet zu einer kleinen Liaison. Nun, en avaut!

(Fortfetzung folgt.)

Frühlingsklänge aus der Riviera. Von Wilhelm Müller(New-Nork'.

Ogni medalgio ha il suo riverso, sagt ein italienisches Sprichwort, und nachdem uns der Januar, der letzte der Winter monate in der Riviera, diesen gesegneten Küstenstrich im aller günstigsten Lichte gezeigt hatte, bekamen wir während der Frühlingsmonate, Februar und März, die Kehrseite der Medaille zu schauen. Ich fange an zu glauben, daß der Lenz, von dem die Dichter singen und dessen wir uns aus der Jugend erinnern, ganz und gar von der Erde verschwunden ist. Wenn in Deutsch land ein dichter Märzschnee noch einmal die Herrschaft des

Winters begründet, wenn brausende Aprilstürme mit kalten

Schauekn durch die Straßen fegen oder ein später Maienfrosk den Wonnemond in einem zweifelhaften Lichte erscheinen läßt, dann blickt man sehnsüchtig nach Süden und giebt sich einer dunkelen Vorstellung hin, daß der Frühling sich aus irgend einem Grunde nicht über die Alpen wage und in den sonnigen Gefilden Hesperiens sein Hoflager halte. Nun gewinnt man zwar bei längerem Aufenthalte an der ligurischen Küste die Ueberzeugung, daß der Lenz nicht ganz und gar in's Reich der Mythe gehört, sondern wirklich zuweilen die Erde beglückt. Doch auch hier an der Riviera zeigt er sich während der ersten zwei Monate seines Regimentes nicht als milder Herrscher, vielmehr als launischer Despot, der auf Stunden durch ein heiteres Lächeln unsere Hoffnungen erweckte, um uns tagelang durch seine Strenge auf's schändlichste zu enttäuschen. Zwar blüht und duftet es in allen Gärten und Hainen und singt und klingt in Thälern und auf Höhen, eine Symphonie von lachenden Farben und jubelnden Tönen webt und fluthet um uns her; allein es wird uns nur auf Augenblicke möglich, uns dieser holden Wunder zu freuen. Der Frühling naht mit Brausen.

Diese Zeile giebt die Signatur für den Einzug des Lenzes, der sich wirklich als rechter Unhold erweist und alle die schönen Voraussagungen, die man in den Reisehandbüchern liest, unerfuͤllt läßt. Damit will ich den Verfassern jener Werke keineswegs ihre Verdienste um die Touristenwelt schmälern; aber den Vor⸗ wurf der Schönfärberei kann ich ihnen nicht ersparen. Nach meinem Dafürhalten setzen diese würdigen Herren die klimatischen

Vorzüge der Riviera in ein viel zu günstiges Licht, während sie die Schattenseiten nicht genug hervorheben. In den schönen Tagen des Januar war ich geneigt, die gelegentlichen Mahn⸗

worte älterer Wintergäste als die störenden Unkenrufe galliger Schwarzseher zu betrachten; jetzt aber, nachdem wir Februar und März hinter uns haben, muß ich den treuen Warnern innerlich für das ihnen gethane Unrecht Abbitte leisten. Der Februar brachte uns Temperaturschwankungen, wie man sie sich allenfalls im bayerischen Hochland gefallen läßt, allein an der Riviera entschieden außer Ordnung erklärt. Der März erfreut sich hier als unliebsamer Windmacher und Blasebold, der die Kehricht⸗ haufen auseinander zerrt und dichte Staubwolken in die Höhe wirbelt, keines besonders guten Rufes, und that wahrhaftig auch in diesem Jahre nichts, um seine Reputation zu verbessern. Nun schwört zwar der bekannte älteste Einwohner dieses Menschenexemplar kommt auch in einer italienischen Ausgabe

vor daß der heurige Frühling eine Ausnahme bilde; allein

man weiß schon, daß diese Versicherung vom Nordpol bis zum Aequator als Entschuldigungsgrund für schlechtes Wetter herhalten muß.

Nach der Ansicht der vielge- und bewanderten Reiseonkel wagt man sich im Frühling hier ohne Ueberzieher in's Freie und freut sich unter der lachenden Bläue der wonnigen Wärme. Statt dessen holten wir häufig unsere Winterröcke hervor, knöpften dieselben fest zu und schlenderten trübselig unter bewölktem Himmel einher. Nach der Meinung derselben Autoritäten äußern die Reinheit und balsamische Milde der Luft einen wohlthuenden Einfluß auf den ganzen Organismus, beleben den Körper und erheitern und erheben die Seele; in Wirklichkeit aber bannen uns öfters kalte Regenschauer auf unser unfreundliches Zimmer, das wir trotz aller Heizungsversuche nicht zu erwärmen ver⸗

mögen, und während Gesunde und Vergnügungskranke ihren

Aerger in kräftigen Flüchen Luft machen, ergehen sich die wirk⸗ lichen Patienten in Klagen, gegen welche die Lamentationen

Jeremiä als lebensfrohe Ergüsse eines anachreontischen Lyrikers

zu betrachten sind. Die gleichen Herren stellen die Behauptung auf, daß man schon zu Anfang April hier zu baden anfängt; zwar ist das Wasser warm genug, ich möchte aber den Spartaner

sehen, der sich bei den jetzt hier herrschenden Küstenwinden in's Meer wagte. Nach dem Dafürhalten der nämlichen Gewährs⸗

männer besitzt der Frühling eine besonders heilbringende Kraft und äußert seinen allbelebenden Einfluß nicht nur auf die Natur, sondern stärkt auch die Kranken und führt sie ihrer Genesung entgegen. Thatsache ist jedoch, daß man gerade jetzt in den Räumen der Gasthöfe, sowie auf den Promenaden ein verstärktes Husten vernimmt und die armen Patienten scheu und melancho⸗ lisch nach einem geschützten Plätzchen umherspähen sieht. Der Märzwind in der Riviera gleicht dem Gesang man weiß nicht, von wannen er kommt er kann mit jedem Augenblicke von irgend einer Seite an- und heranstürmen und uns in mäch⸗ tige Kalksteinwolken einhüllen. Daß solche Frühlingsüber⸗ raschungen nicht zu, einer gedeihlichen Kur beitragen, sondern im Gegentheil vielfach die Verschlimmerung leichter Fälle und ein jähes Ende bei schwer Erkrankten herbeiführen, liegt auf der Hand. Es macht denn auch einen niederschlagenden Ein⸗ druck, wenn man auf der Promenade nach dieser jungen Dame oder jenem älteren Herrn fragt, die man noch vor wenigen Tagen gesehen hat, und erfährt, daß man sie gestern in aller Fruͤhe und Stille, damit die anderen Kurgäste ja nichts davon erfahren, kalt und starr zu ihrer letzten Ruhestätte aus dem Gasthofe getragen habe. Die Friedhöfe von San Remo, Bordighera und Mentone entfalten eine stumme, aber unwiderlegbare Kritik jener übertriebenen Lobpreisungen und jener Reklame-Artikel, welche im Interesse der Fremdenindustrie in die Welt posaunt werden. Auf diesen Gottesäckern findet man ganze Reihen eng⸗ lischer und deutscher Namen, deren Träger voll heißer Sehnsucht nach Genesung hierher gekommen waren, um hier das letzte Fünkchen von Lebenskraft während des milden Winters noch einmal aufleuchten zu sehen, damit es im rauhen Märzsturm für immer erlösche. Von all den traurigen und herzzerreißenden

Vorfällen, die ich hier miterlebt habe, will ich nur einen mit⸗

theilen, der die Gleichgültigkeit und Gemüthsrohheit mancher

Hotelbesitzer und Bediensteten ihren leidenden Gästen gegenüber

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