Ausgabe 
5.8.1888
 
Einzelbild herunterladen

255 W.

Früher das war etwas Anderes, wollte meine Frau eben sagen. Jetzt haben wir das nicht mehr nöthig, bemerkte er ge dehnt.Dies eine alte Lied müssen Sie übrigens noch singen, Kousinchen: Auf Flügeln des Gesanges. Er summte die Weise vor sich hin, das Auge unverwandt auf Marie gerichtet.

Auch Lützel schloß sich seiner Bitte an.

Ich wollte, wir ließen es für heute genug sein, sagte Hedwig und erntete dafür einen gereizten Blick ihres Gatten. Mußte sie ihn gerade jetzt an ihre Gegenwart erinnern!Ich meine Kurts wegen; ich habe ihn eben zu Bett gebracht, das Kind ist so lebhaft

Er murmelte etwas wie:Dummheiten!

Der Bengel kann wahrlich noch genug schlafen. Aber wenn er ein Hüstchen hat, glaubst Du gleich, es ginge ihm an's Leben; an irgend welche Rücksichtnahme auf mich, an die geringste Be quemlichkeit, einen kleinen Genuß für mich ist dann nicht zu denken.

In Frau Hedwigs bläßlichen Wangen glühte es vorüber gehend heiß auf.

Kurt hat Fieber, und Doktor Zange empfiehlt ihm aus

drücklich Schonung. Ihre Stimme bebte, noch nie hatte Wolf.

sie so erregt gesehen.

Natürlich, Schonung! Die ewige Leier! Meinetwegen! seufzte Fritz resignirt und klappte selbst das Klavier zu.

Am nächsten Tage fiel Wolf ein, Bretters aufzusuchen, um wegen der Landpacht mit ihm zu reden; er fand ihn auch schließlich bereit, auf Steinwald's Vorschlag einzugehen.

Er hat ja auch schon mit mir davon gesprochen, und wenn's Ihnen denn so lieber ist und ja, Herr, meine Pacht läuft ja doch in einem halben Jahre ab, und dann können Sie ja mit Ihrem Lande machen, was Sie wollen; denn Sie sind der Herr g

So sollt Ihr nicht reden, Bretters. Ihr habt früher wohl gesagt, Ihr brauchtet das Land am See nothwendig.

Weil sonst kein Acker zu haben war, Herr. Denn sehen Sie, dies Anwesen ist doch wohl schon ein Jahrer siebzig alt oder mehr, und mein Vater und Großvater haben schon drin gewohnt. Damals aber, als dies Haus gebaut wurde, gehörte das Land am See mit dazu, und das hat erst später mein Großvater an den Fürsten verkauft, und von dem kriegte es Ihr Vater selig. Und von Ihrem Vater nahm ich's dann wieder in Pacht; denn mit den paar Morgen Ackerland, die noch zum Hause gehören, konnte ich allein nicht wirthschaften. Und die Pacht habe ich Ihrem Vater dann wohl immer richtig bezahlt und später an den Apotheker in Kirchberg auch, und der soll das Geld ja wohl an Sie abgeliefert haben. Wollen Sie's nun aber anders ein richten dann in Gottes Namen! 5 i

Fernand Bretters bückte sich mit einem Seufzer nach einem glimmenden Spänchen auf dem Herdfeuer, um seine Pfeife, die ihm bei der umständlichen Rede ausgegangen war, wieder in Brand zu stecken.Ihr versteht mich noch immer falsch, Bretters, replizirte Wolf unwillig.Ich will das Land nur dann an Steinwald verpachten, wenn Ihr keinen Schaden davon habt.

Schaden? Nein, Herr, den habe ich nicht. Es ist nur ich bin lieber Ihr Pächter als Herrn Steinwald seiner; aber am Ende komme ich auch mit ihm in Frieden aus, und wo er mir das Land am Grütersberge dafür geben will, stehe ich mich ebenso gut.

So kehrte Wolf leidlich zufrieden mit seiner Mission auf den Gutshof zurück. Die Sonne war längst jenseits des Sees zur Rüste gegangen und hatte tiefgrauer Dämmerung Platz gemacht, als er die schwere Hausthür öffnete, um Fritz zu suchen.Der Herr sei aus dem Hause gegangen, beschied ihn Sophie, welche er fragte. In einem der Hinterzimmer, wo das Instrument stand, hörte er Musik:

Auf Flügeln des Gesanges.

Er kannte die Stimme, und sein Herz klopfte schneller. Ohne sich dessen bewußt zu werden, trat er sachte auf und ging den Tönen nach. Zögernd horchte er noch einen Augenblick, dann öffnete er lautlos die nur angelehnte Thür.

Die Veilchen kichern und kosen Und schau'n nach den Sternen empor Gestern war ihr das Lied unbekannt gewesen, und nun! Wie

weich die Töne einer in den andern überglitten und sich an einanderschmiegten, so warm, so innig Und wie so feierlich es klang:

Und in der Ferne rauschen

Des heil'gen Stromes Well'n!

Den ganzen Schmelz der gedämpften Klangfülle nahm er in einem einzigen kurzen Moment in sich auf zugleich mit dem Bilde, dessen Umrisse das Zwielicht doppelt sanft vom helleren Grunde des Gemaches abhob. Sie spielte ohne Noten, nach dem Gehör, allein, für sich. i

Doch nein! Da drüben am Thürpfosten lehnte eine Gestalt: Fritz Steinwald! In sich versunken, als sei auch er gebannt vom Zauber der holden Sängerin. Noch leiser als er gekommen schlich Lützel wieder davon.

Dort wollen wir niedersinken Unter dem Palmenbaum

Und Lieb' und Ruhe trinken Und träumen seligen Traum

Also für ihn sang sie. Er hatte ja gestern eben dieses Lied gewünscht.Seligen Traum! tönte es nochmals durch den Abend zu ihm hinaus.

Denn er war in's Freie gegangen.

Aber nach einer Minute schon kehrte er wieder um; er wollte fort. Man schien heute vergessen zu haben, den Hausflur zu be leuchten, aber der Weg nach seinem Zimmer war ja leicht zu finden. Eine Treppe hinauf, über den weichen Teppich an ein paar Thüren vorbei da rannte er gegen eine menschliche Gestalt. 0 Jesus Maria, habe ich mich erschreckt! Sind Sie's, Herr

ützel? 68 war Sophiens Stimme.

Ich suchte ach Gott, wenn nur Töne jetzt hier wäre!

Ist etwas passirt? fragte er hastig.Frau Steinwald?

Unserer Frau? Nein. Aber

Sophie, Du beeilst Dich ja? O, daß ich Sie gerade treffe, Wolf!

Bebend stand Hedwig im vollen Schein der breiten Lichtgarbe, welche sich aus der rasch geöffneten Thür schräg über den Korridor hin ergoß.

Sie brauchen meine Hülfe? fragte er schnell.

Wenn Sie können Kurt Sie drohte zusammen⸗ zusinken, und er folgte ihr in das Zimmer.Ich hatte ihn heute Nachmittag hier oben gebettet, der größeren Ruhe wegen. Sehen Sie!

Ein Blick in das flammende Kindergesicht zwischen den weißen Kissen sagte ihm genug.

Ich gehe sogleich nach Kirchberg

Sie meinen auch, daß Gefahr sei? O Gott, mein einziger Trost!

Wie eine Verzweifelnde griff sie nach ihrem Kopfe.

Hedwig! rief er erschreckt. Dann zwang er sich förmlich zur Ruhe.Ich habe keine Erfahrung in solchen Dingen; was aber geschehen kann, thue ich.

Sie versuchte aufzustehen und reichte ihm die Hand.

So gehen Sie!(Fortsetzung folgt.)

Joe Bälle.

Wenigen Schriftstellern ist ein Alter beschieden wie dem würdigen Fontenelle. Fast hundert Jahre war er alt, als der Tod sich ihm nahte. Einige Jahre vorher zeigten sich die Boten des Alters; er verlor nach und nach Gesicht und Gehör, doch nicht den Gleichmuth des Geistes. Seine Freunde bedauerten ihn seines Unglücks wegen. Der Greis lächelte: Es ist gut so; bald heißt es, die große Reise antreten, dann hat man nicht so viel zu sorgen, wenn die Equipage schon voraus ist. Als der Tod sich zu ihm neigte, bemerkte er zu seiner Umgebung:Stört mich nicht; ich muß den Tod scharf in das Auge fassen, ich sehe ihn heut zum ersten Male und wahrscheinlich nicht wieder. W. G.

Voltaire besuchte die geistreiche und gefeierte Schauspielerin Sophie Arnauld. Im Laufe des Gespräches äußerte der Philosoph:Ich bin vierundachtzig Jahre alt und habe vierundachtzig Sottisen begangen. Was will das sagen!? fiel Sophie ihm in die Rede:Ich bin noch nicht vierzig und habe mehr als tausend auf dem Gewissen. W. G.

90

8