Ausgabe 
5.8.1888
 
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Vergebens suchte Ludwig die Amtsräthin, mit der er dem⸗ ungeachtet noch immer ein verwandtschaftliches Mitleid empfand, zu beruhigen und zu trösten. In ohnmächtiger Wuth verwünschte sie den Hauptmann, Herr von Schmielinski, die alte Dietrich und ihre ganze Familie.

Nicht einen Pfennig, sagte sie grollend,sollt Ihr Alle von mir erben, wenn ich einmal sterbe.

Da thust Du recht daran, versetzte Ludwig im Fortgehen. An Deiner Stelle würde ich das ganze Vermögen den Armen und Kranken hinterlassen, damit Dir Gott Deine Schuld verzeiht.

Auch ohne die Erbschaft der Tante Bock waren die Familien der Stadträthin Bock und des Hauptmanns von Hanstein glücklich und zufrieden mit ihren bescheidenen Verhältnissen, ebenso vor der Noth des Daseins wie vor den Verirrungen des Reichthums bewahrt und der eigenen Tüchtigkeit ein zwar nicht glänzendes, aber ausreichendes Einkommen verdankend.

Die Amtsräthin aber führte, von Herrn von Schmielinski geschieden, einsam auf ihrem Gut, sich vor Geiz kaum das Nöthigste gönnend, ohne Freunde und ohne Familie eine traurige, kümmerliche Existenz und hinterließ in der That ihr noch immer ansehnliches Vermögen verschiedenen frommen Stiftungen, nicht aus Barmherzigkeit mit den Hülfsbedürftigen, sondern aus Rache an ihren nächsten Verwandten, so daß, wie dies nicht selten ge schieht, aus dem Bösen das Gute entstand.

In der Heimath.

Novelle von Hermann Birkenfeld. (Fortsetzung.)

Der Faden hatte sich verwirrt, sagte Wolf.

Steinwald lachte.

J, gewiß, der Faden!

Er warf einen forschenden, fast lauernden Blick auf Marie.

A propos, bester Freund, bat er dann,Du könntest mir den Gefallen thun, mit mir zu gehen; ich möchte Dich um etwas befragen.

Wolf hatte keinen Grund, die einfache Aufforderung abzulehnen.

Es ist wegen Deines Landes, sagte Steinwald, während sie draußen über den Hof schritten.Um es kurz zu machen: ich muß Dein Pächter werden. f

Da Lützel verwundert aufschaute, errieth der Andere seine Gedanken.

Gestern fand ich keine rechte Gelegenheit, mit Dir davon zu sprechen.

Ich besitze ja nur die paar Morgen, welche Bretters in Pacht hat.

Gewiß, eben diese meine ich; Bretters kann sie entbehren.

Wolf wurde nachdenklich.

Seine Pacht läuft schon seit zwanzig Jahren. Er sagte früher immer gerade heraus, ohne dieses Land werde er gar nicht fertig.

Steinwald machte eine ungeduldige Bewegung.

Für den Bauer handelt es sich eventuell nur um einen Tausch. Dann zog er eine Bleistiftskizze aus der Tasche.Sieh da! Hier am See Dein Land, achtzehn Morgen und etwas mehr, und hier am Grütersberge, Bretters gegenüber, das Stück, welches ich ihm zu gleicher Taxe in Pacht geben würde, sobald ich mit Dir abgeschlossen habe. Meines ist mindestens von gleicher Qualität, wenigstens für die Kartoffeln und Wurzeln, die Bretters darauf zieht, ich aber bedarf des Deinen als Roggenland für Brennereizwecke.

Und dazu eignet sich das da nicht? Wolf deutete auf die Parzelle, welche Steinwald abtreten wollte.

Letzterer zog ärgerlich die Stirn kraus.

Es eignet sich dazu, nun ja, aber es liegt ungünstig für mich. Um hinzukommen muß ich entweder einen verhältnißmäßig weiten Bogen machen oder einen fürstlichen Privatweg benutzen,

und die fürstliche Verwaltung ist letzthin, was Wegegerechtsame

und dergleichen angeht, ziemlich rigoros. Bretters aber hat mein Land fast vor der Nase liegen. Sein Kontrakt mit Dir läuft am ersten April ab; weun Du einwilligst, könnten wir den neuen gleich jetzt abschließen.

Wolf sah seinem Freunde eine Sekunde lang fest in's Auge.

Du bist gut unterrichtet.

Das wundert Dich? Nun ja, ich habe mich schon längst mit diesem Gedanken getragen, die Anlage meiner Brennerei basirt sogar zum Theil auf der Voraussetzung, Du werdest auf meinen Vorschlag eingehen. Mir war deshalb schon aus diesen rein geschäftlichen Gründen Deine Anwesenheit hier sehr will⸗ kommen, ich hätte sonst an Dich schreiben müssen und ziehe doch immer vor: Offenheit gegen Offenheit.

In der That, so frei, so ehrlich leuchtete Wolf das helle graue Auge Steinwald's in diesem Augenblick entgegen!

Dennoch zögerte er, sich zu entschließen.

Du wirst verzeihen, wenn ich erst mit Bretters Rücksprache nehmen möchte.

Versteht sich ganz von selbst! rief Fritz eiftig.Bin auch

überzeugt, er ist froh, ein gutes Geschäft zu machen; ich gebe

mein Land wahrlich selbst nicht gern her, aber Noth bricht Eisen. Am liebsten wäre mir natürlich, der Kötter fände sich bereit, schon am ersten November den Wechsel anzutreten, der Winter⸗ saat wegen. Dir aber kann mit dem Handel nur gedient sein; denn so zahlungsfähig wie Bretters bin ich schließlich auch. Steinwald lächelte bei den letzten Worten und steckte das Papier gleichgültig wieder ein.Doch da vergessen wir Dein Gepäck! Du schreibst wohl am besten ein paar Worte an Pförtner; vielleicht läßt er sich auch herbei, die Sachen selbst zu bringen.

Am Nachmittag kam von Kirchberg Töne Drunkemöller mit Lützel's Handkoffer. Er hätte geradeGelegenheit nach Südhorn gehabt und könnte bei Graf's doch nichts Rechtes mehr thun; Friedrich, der alte Hausknecht und Kutscher, wäre schon gestern Abend wiedergekommen, da brauchte man ihn nicht so dringend, und Herrn Lützel würde es wohl ganz recht sein, wenn er seine Sachen nicht erst spät Abends kriegte, eher käme Steinwald's Knecht ja wohl nicht nach Hause. Dazu brachte er ein Brieschen von Pförtner.Und eine Empfehlung und Grüße von Frau Graf und Fräulein Erika.

Wolf, an den die Worte in Gegenwart der Damen ge richtet waren, ärgerte sich darüber. Hernach, als er es öffnete, auch über das lakonische Billet seines Freundes:Ich dachte mir wohl, daß Du länger ausbleiben würdest.

Warum war das so selbstverständlich? Der Sarkasmus dieser einzigen Zeile streifte stark an's Unhöfliche. Was ging's denn schließlich Pförtner an, wenn er ein paar Tage in Südhorn aushielt!

Zuletzt einige Wochen?

Denn Wolf Lützel blieb. Trotz der Einförmigkeit, welche das Leben auf dem Gutshofe charakterisirte, trotzdem daß von einer behaglichen Unterhaltung, einer befriedigenden Beschäftigung dort kaum die Rede sein konnte. Ab und zu ein Gang mit Fritz Steinwald über das graue Acker- und braune Haideland, um ein paar Feldhühner oder einen Hasen mit heimzubringen, ein Nachmittag in Hedwigs und Fräulein Lauscher's Gesellschaft, das waren so ungefähr die Freuden, welche man ihm bot. Aber er, der sonst an strenge Thätigkeit und reges geistiges Leben Gewöhnte, war ungemein anspruchslos geworden, konnte halbe Tage bei den Frauen sitzen, sich mit dem kleinen Kurt unterhalten und wußte nachher nicht, wie schnell die Zeit verflogen war.An Dir ist ein Salonassessor verloren gegangen, sagte Steinwald, der nur mehr gezwungenermaßen den Damen Gesellschaft leistete.

Wolf lächelte und blieb in seiner Rolle. Kürzlich hatte er entdeckt, Marie Lauscher habe eine hübsche Stimme, Hedwig's Noten wurden hervorgesucht, und Wolf, der selbst lange keine Taste mehr berührt hatte, sah sich eines Tages am Klavier, sie zu begleiten. Sie sang in der That nicht übel. Schlicht, ohne Schulung das Zäpfchen⸗x brachte sie durchaus nicht fertig aber mit Weichheit und Ausdruck. Selbst Fritz fand Gefallen an der Sache. Nur als Wolf einmal auch Hedwig zum Singen aufforderte, hielt er nicht für nöthig, sich ihm anzuschließen.

Hedwig hat wenig Interesse für Musik, sagte er.

Kein Interesse? Sie sangen doch früher wandte Wolf sich an Hedwig. 5

Früher Ihm entging nicht, wie sie plötzlich stockte, als schneide man ihr das Wort ab. That es der Blick des Gatten,

der sie eben traf? Fritz Steinwald blätterte gleichgültig in einem Mendelssohn.

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