Ausgabe 
5.8.1888
 
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aber nicht, eine Wiederaufnahme des Prozesses zu begründen, da Ihr Mann nicht mehr lebt und auch der Justizrath, der das Testament aufgenommen hat, unterdessen, wie ich weiß, gestorben ist, so daß die nöthigen Zeugen und auch die sonstigen Beweise fehlen. Unter solchen Umständen möchte ich mir nicht voraus⸗ sichtlich unnütze Kosten machen und mir neue Sorgen und Aerger aufladen.

Deshalb können der Herr Hauptmann ganz unbesorgt sein, erwiderte sie mit verschmitztem Lächeln.Ich habe die Beweise hier in meiner Tasche.

Zugleich zog sie aus ihrem Kleide ein sorgfältig in graue Leinwand eingewickeltes Schriftstück hervor, das sie dem Haupt⸗ mann übergab. Nachdem er dasselbe geöffnet und aufmerksam durchgelesen hatte, konnte er nicht länger zweifeln, daß er den gewünschten Beweis, das ursprüngliche und von der Amtsräthin unterschlagene Testament in seinen Händen hielt.

Um des Himmels Willen! rief er überrascht.Wie kommen Sie zu dem Testament?

Ich hab' es unter den Papieren meines verstorbenen Mannes gefunden und aufgehoben, weil ich mir dachte, daß ich einmal davon einen guten Gebrauch machen könnte.

Mir ist es nur vollkommen unbegreiflich, daß Amtsräthin das Testament gelassen hat.

Mein Mann hatte ihr wohl versprechen müssen, es zu ver brennen, aber es für alle Fälle aufbewahrt und mir als einen Nothgroschen hinterlassen. Das Papier ist unter Brüdern seine tausend Thaler und mehr werth.

Nur mit Mühe vermochte der Hauptmann seinen Ekel vor dem gemeinen Weibe zu unterdrücken; weshalb er sie so schnell als möglich verabschiedete, nachdem er ihr vorläufig eine an sehnliche Summe gegeben und ihr nochmals eine eatsprechende größere Belohnung zugesichert hatte.

So sehr ihn auch in seinen beschränkten Verhältnissen die Aussicht auf die reiche Erbschaft reizten und so wenig Grund er auch hatte, die ihm feindliche Amtsräthin zu schonen, so wider strebte seinem ehrenwerthen Sinn und seinem guten Herzen der Gedanke, eine nahe Verwandte und die Schwester der mit ihm befreundeten Stadträthin dem Gericht wegen Betrugs zu über geben und der unvermeidlichen entehrenden Strafe auszusetzen.

Ebenso wenig aber durfte er auf das Vermögen verzichten, das seinen Kindern rechtmäßig gehörte und das Alles war, was er ihnen nach seinem Tode hinterlassen konnte, da er außer seiner mäßigen Pension nichts besaß.

Je länger er darüber nachdachte, desto peinlicher erschien ihm seine eigenthümliche Lage, desto weniger konnte er zu einem festen Entschluß kommen, desto mehr schwankte er, von den wider⸗ sprechendsten Gefühlen, von Hoffnung und Zweifel, von Haß und Liebe bestürmt.

Bald glaubte er seinen Kindern es schuldig zu sein, die Amts⸗ räthin zu opfern, bald hielt ihn die Ruͤcksicht auf ihre unschuldige Familie und das Bedenken an seinen verstorbenen Schwager, den Bruder seiner geliebten Frau zurück; bald wollte er der Gerechtig keit ihren freien Lauf lassen, bald regte sich das Mitleid in seinem edlen Herzen.

Endlich nach langem Ueberlegen und Nachsinnen hielt es der gute Hauptmann für das Beste, sich an den zum Assessor be⸗ förderten Referendar zu wenden und ihm seine Verlegenheit an zuvertrauen, da er von diesem als Rechtskundigen, zugleich als Freund seines Hauses und Neffen der Amtsräthin den gewünschten Rath und Beistand, sowie die nöthige Verschwiegenheit erwarten durfte.

In der That war der leichtsinnige Ludwig, seitdem er nicht mehr auf das Vermögen der reichen Tante rechnen konnte, ein ernster, zuverlässiger Mann geworden, von dem der Hauptmann und noch mehr die liebenswürdige Adele die beste Meinung hatten.

Auch rechtfertigte er im vollsten Maße das ihm geschenkte Vertrauen, nachdem ihm der Hauptmann die ihn beschaftigende Angelegenheit mitgetheilt und das unterschlagene Testament ge zeigt, so daß er nicht mehr an der Schuld der Amtsrät in zweifeln konnte.

Eine böse Geschichte! sagte er bestürzt.Wenn Sie den

Ihnen die

wie ich mit Sicherheit glaube, gewinnen, so trifft meine Tante eine neunjährige Gefängnißstrafe.. 8

Davor moͤcht ich sie gern bewahren, obgleich sie die Strafe reichlich verdient hat. Was sie auch gethan hat, sie bleibt doch immer unsere Verwandte..

Aber sie kann nicht verlangen, daß Sie auf die Erbschaft verzichten und ihr das Geld lassen..

Wenn es allein auf mich ankäme, so würde ich keinen Pfennig beanspruchen, aber ich habe Pflichten gegen meine Familie.

Ganz gewiß! Niemand kann es Ihnen verdenken, daß Ihnen Ihre Kinder mehr am Herzen liegen als die Amtsräthin und der saubere Herr von Schmielinski.

Trotzdem möchte ich nicht die Frau unglücklich machen und die unschuldige Familie kompromittiren. Darum wollte ich Ihren Rath erbitten. Vielleicht gelingt es Ihnen, einen Ausweg aus dieser fatalen Verwicklung zu finden.

Ich will mir die größte Mühe geben, obgleich ich mir die Schwierigkeiten nicht verschweigen kann. Die einzige Möglichkeit wäre ein gütlicher Vergleich, den ich an Ihrer Stelle einem skandalösen Prozesse vorziehen würde. Ich selbst bin jedoch Partei in dieser Angelegenheit und deshalb nicht ganz unbefangen.

Gerade deshalb wünsche ich, daß Sie die Sache in Ihre and nehmen, da ich überzeugt bin, daß Sie ebenso meine Interessen wie die verwandtschaftlichen Rücksichten wahren und auch mit der nöthigen Diskretion verfahren werden, wodurch Sie mich zu dem größten Dank verflichten und Ihrer eigenen Familie einen wichtigen Dienst leisten würden. N

Durch alle diese Gründe bewogen, erklärte sich Ludwig be⸗ reit, die schwierige und nichts weniger als angenehme Mission zu übernehmen, nachdem er mit dem Hauptmann die genaueren Bedingungen verabredet, und dieser ihm eine förmliche Vollmacht ausgestellt sowie auch das Testament zum geeigneten Gebrauche eingehändigt hatte. 1

So mit allem Nöthigen versehen, reiste Ludwig am nächsten Tage auf das Gut der Tante, welche er zum Glück allein fand da sie, im Begriff sich scheiden zu lassen, Herrn von Schmielinski schon seit einigen Wochen verlassen hatte.

Die unerwartete Ankunft ihres Neffen schien sie mehr zu be unruhigen als zu erfreuen, woran wohl ihr schlechtes Gewiss die Schuld tragen mochte. Noch mehr aber erschrak sie, 0 Ludwig im Verlaufe der gewünschten Unterredung ihr den wahren Grund seines Besuches miltheilte und sie aufforderte, dem Haupt⸗ mann die ihm zukommende Erbschaft herauszuzahlen, oder die Anklage wegen Betruges und Testamentsfälschung zu gewärtigen.

Nimmermehr! rief die Amtsräthin entsetzt.Lieber lasse ich es auf einen Prozeß ankommen. 2

Bedenke, was Du thust! mahnte sie Ludwig.Ich meine es gut mit Dir und biete Dir meine Hand zur Rettung, un Dich vor der Schande zu bewahren. Wenn die alte Dietrich ihre Aussagen vor Gericht beschwört, bist Du verloren. 1

Das Weib ist eine schändliche Lügnerin und an der ganzen Geschichte nicht ein wahres Wort. Wo sind die Zeugen, die Beweise? 0

Wenn auch die Zeugen nicht mehr leben, versetzte er,so sind die Beweise noch vorhanden. g 1

Das ist nicht möglich. Du willst mich nur durch Deine Drohungen einschüchtern. Ich glaube Dir nicht. a

So wirst Du Deinen Augen glauben müssen. Sieh' her!

Zugleich zog Ludwig aus der Tasche seines Oberrocks das unterschlagene Testament und hielt es ihr hin. a

Bei diesem unerwarteten Anblick brach die Amtsräthin, wie vom Blitz getroffen, vernichtet zusammen und sank auf den nächsten

Stuhl, keines Wortes mächtig. 1 so sehr sie sich

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Länger konnte sie ihre Schuld nicht leugnen, auch noch gegen die Herauszahlung der Erbschaft unter allerlei Vorwänden und Winkelzügen sträubte, indem sie über ihre großen Verluste und über die Verschwendung des Herrn von Schmielinski bitterlich klagte und jammerte.

Wenn ich, stöhnte sie verzweiflungsvoll,dem Hauptmann seinen Antheil geben muß, bin ich ruinirt.

Du behälst noch immer über hunderttausend Thaler übrig,

mehr als Du zum Leben nöthig hast, und solltest Gott danken, 0 daß Du noch so gut davongekommen bist. 1

1 auf Grund dieser neuen Beweise wieder aufnehmen und,