Ausgabe 
5.2.1888
 
Einzelbild herunterladen

2

mit ihren gekräuselten Nackenhaaren nicht fertig werden, und Luise verrichtete mit wahrer Engelsgeduld Kammerjungferdienste

D 47

bei dem zappelnden Dämchen. Der Grund war ersichtlich am nächsten Abend wickelte auch sie sich im Nacken Papilloten ein. Die Gegenden, durch welche wir kamen, waren malerisch.

Mein Auge, endlich einmal den grauen Häusermassen entrückt,

entzückte sich an den waldigen Bergen, den rauschenden Gebirgs wassern, den wild zerklüfteten Felsmassen, welche jeden Augen blick auf unsere Häupter niederzustürzen schienen. Diesen Be trachtungen entzog mich der unverwüstliche Sprechanismus des

Fräuleins, welches meiner ehrfürchtig lauschenden Gattin eine

geradezu sprudelnde Beschreibung des letzten Wettrennens in Hoppegarten machte, wobei sie sich bemühte, mit der Spitze des Sonnenschirms Löcher in den Plüschüberzug des Sitzes zu bohren.

Luise, sagte ich vorwurfsvoll,wir sind auf der Reise, sieh Dich doch um, so etwas sieht unser Einer nicht alle Tage!

Gleich, Männchen, ich will nur noch schnell hören, welche Toilette die Fürstin X. bei dem Wettrennen trug. Fräulein Mathilde hat ein Gedächtniß wie ein Lexikon.

Das geht wohl wieder über den Gelehrtenhorizont hinaus, Herr Doktor? sagte die junge Dame, so ungenirt lachend, als wenn wir zusammen aus einer Schüssel großgefüttert worden wären.Lassen Sie doch Ihre Frau thun und machen, was sie will!

Aber die Berge warf ich ein.

Ach was! Berge sind Berge! Einer ist groß und der andere klein. Ein Sandhügel ist im Grunde ganz dasselbe wie die Alpen sie erheben sich beide über den Erdboden. Na, was sagen Sie jetzt zu meiner Logik? Dabei lachte sie mich mit ihren dunklen Augen und spitzen weißen Zähnen so drollig an, daß ich mitlachen mußte, ob gern oder ungern.

Spät am Abend erreichten wir Annendorf und bezogen das

im Voraus bestellte Quartier in einer Privatvilla, woselbst wir

uns in Pension gaben. Gleich beim Eintritt ins Haus gab es durch Fräulein Mathildens gütige Vermittlung ein tragikomisches Intermezzo. Sie warf sich nämlich ungenirt auf eine Polster⸗ bank in der Halle, welche der sehr vorgerückten Stunde wegen allerdings schwach beleuchtet war, als plötzlich ein hagerer, un gemüthlich aussehender Herr aus einem der Zimmer rechts heraustrat und direkt auf die Polsterbank zuschritt.

Mein Hut!

Da wir alle schwiegen, sagte er noch einmal ausdrucksvoller zum Hausmädchen:Mein Hut muß hier liegen geblieben sein!

Instinktiv sprang Fräulein Mathilde in die Höhe. Richtig, unter ihrem Kleiderreifen lag ein graues, plattgedrücktes Etwas, welches sie zu unserm Staunen mit der größten Lebhaftigkeit hervorzog und dem geschädigten Besitzer lachend überreichte. Meinen Sie vielleicht dieses Omelette sans confitures?

Luise war purpurroth geworden. Das war selbst ihr zuviel. Meiner übernommenen Mission gemäß trat ich nun vor und

sagte seufzend:Verzeihen Sie, mein Herr! Es ist ein bedauer⸗

10

liches Versehen. Eine Entschädigung wird zweifellos Er sah uns alle Drei mit finstern Blicken an, warf den

mißhandelten Hut einem Bedientesten zu, neigte flüchtig sein

unbedecktes Haupt und zog sich in sein Zimmer zurück.

So, sagte ich, während wir die Treppe hinaufstiegen,den Mann hätten wir uns ohne Grund vier Wochen zum Feinde gemacht! Und leise raunte ich meiner Frau etwas schadenfroh zu:Das Aufsehen, welches wir bis jetzt mit der Pflegetochter machten, läßt verschiedene Deutungen zu, mein Schatz.

Am folgenden Morgen erfuhren wir Näheres über den Herrn im Parterre. Er logirte daselbst erst seit fünf Tagen mit zwei Töchtern, von welchen die Eine, am Fieber erkrankt, das Zimmer hüten mußte. Deshalb promenirte er mit Fräulein Katharina allein in dem reizend angelegten Garten vor der Thür.

Wer nicht von seiner deutschen Abkunft unterrichtet gewesen wäre, hätte ihn für einen Engländer halten müssen. Er kopirte einen solchen auf geradezu täuschende Weise und schien sich nicht wenig auf dieses Talent einzubilden. An seinem Arm schritt, gleichfalls in unnaßbarer Haltung, die Tochter. Sie war ohne Zweifel eine regelmäßige Schönheit, aber es lag in ihren Zügen ein Etwas, welches jedem Beobachter stolz zuzurufen schien: Seht mein klassisches Profil! Dem ganzen Auftreten

der Familie lag übrigens die Basis eines soliden Reichthums zu Grunde, ohne daß Herr Graumann im geringsten den Geld protzen gespielt hätte. Uns, sowie alle andere Bewohner der Villa, ignorirte er und seine Tochter vollkommen. Beide lebten ausschließlich für einander, und nur durch Zufall, als wir ein hübscher gelegenes Zimmer für uns zu miethen wünschten, er fuhren wir, daß dieses bereits für den Oberst-Lieutenant von Ritter, den Bräutigam Fräulein Katharina Graumans, reservirt worden sei.

Meine Frau und ich beschlossen nun, uns gemüthlich einzu richten und unser Hauptquartier in der uns überwiesenen Laube drunten aufzuschlagen, aber wir machten die Rechnung ohne den Wirth, das heißt, ohne unsere Pflegebefohlene. Schon nach den ersten drei Stunden erklärte sie, vor lauter Grün und Blumen sterben zu müssen und beim Anschauen der steifleinenen Graumänner Uebelkeiten zu empfinden; und ehe wir es uns versahen, huschte sie davon. Wohin? Gott weiß es! Fremd am Ort, und dazu ein so unternehmendes, kaum er wachsenes, uns anvertrautes Mädchen! Wir unterbrachen also seufzend die Siesta und flogen ins Haus, aus dessen Hinterthür sie eben entweichen wollte. Meine Frau bewunderte zwar die Grazie, mit welcher Fräulein Mathilde meinen ihr sehr energisch dargebotenen Arm ergriff, aber ich nahm die Gelegenheit wahr, ihr ein eindringliches Privatissimum über Pflichten und Rechte des Weibes zu lesen im Allgemeinen und in diesem Falle auch noch im Besonderen. Sie hielt ihre schlanken, aber trotzdem hübschen Arme spöttisch über die Brust gekreuzt und machte mir am Schluß meiner Vorlesung eine ebenso spöttische, tiefe Ver beugung.

Nun wäre ich also ebenso klug wie Sie, Herr Doktor! Wer hätte das gedacht! Aber mir ist daneben zu Muth, als hätte ich zuviel gegessen! Sie nickte mir freundschaftlich zu und sprang in den Garten zurück.

Alles an ihr hat Chik! sagte Luise.Wie verlegen würde ein anderes Mädchen vor Dir gestanden haben!

Ein paar Tage hielt die Strafpredigt vor... Am sechsten Vormittag wandelten wir alle Drei den Weg zur Promenade hinauf, als plötzlich ein alter, lieber Studienfreund mich beim Namen rief und meine Frau sowohl als mich in ein lebhaftes Gespräch verwickelte. Zuletzt faßten wir den Beschluß, unser Wiedersehen in den schattigen Anlagen einer Konditorei festlich zu begehen, als Luise und ich wie aus einem Munde riefen:

Wo ist denn Fräulein Mathilde geblieben?

Ja, wo war sie geblieben? Wir rannten die Promenade im Sturmschritt auf und ab. Keine Mathilde. Niemand hatte sie gesehen. Meine Luise sah mich rathlos an. Es war sehr heiß, und wir freuten uns Beide auf ein Glas Eis. Jetzt mußten wir statt dessen auf die Jagd gehen nach einem Irrwisch. Ich war wüthend. Aber was half's? Luise stob rechts, ich links davon, der gutmüthige Freund in der Mitte.

Das nenne ich eine Sommerfrische!

(Fortsetzung folgt.)

Lose Blätter.

Der weise Perser Sadi saß eines Abends vertieft bei dem Koran. Als er aufblickte, waren von seinen drei Söhnen zwei eingeschlafen; der dritte aber sagte sehr selbstzufrieden:Sieh, Vater, wie die schlafen, ich aber bete!Mein Sohn, entgegnete sanft der Vater,besser ist's doch wohl, zu schlafen, als stolz zu sein auf das, was man gedanken los thut! Kr.

Prophet und Bauer. Ein schlauer Bauer ließ sich eines Tages wahrsagen. Als das geschehen war, verlangte der moderne Prophet Be zahlung. Der Bauer sah ihn erstaunt an und sagte:Wie, Ihr wißt das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige und Ihr wißt nicht einmal,

daß ich kein Geld habe? Packt Euch, Betrüger! Kr.

Auch ein Planet. Ein österreichischer Unteroffizier war Zuhörer bei einem Gespräch, in welchem gebildete Männer sich über Planeten unter⸗ hielten. Als der eine äußerte:der Planet ist ein Körper, der sein Licht von einem anderen empfängt, fiel der Unteroffizier freudig ein:Schaun's, meine Herren, da bin i halt auch a Planet; i empfang mein Licht vom Kaserneninspektor. Kr.

5