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Sie schluchzte.„Du schreibst nicht!“
Ich hätte meinen leeren Kopf ausdreschen mögen nach einem Körnlein Novellenstoff.„Lieschen, ich weiß momentan nichts Gescheidtes. Es soll frisch, fesselnd, anregend sein, und ich bin im Gehirn wie ausgedörrt. Verzeih' mir diese peinigende Un— schlüssigkeit!“
Aber hatte ich erwartet, sie nach diesem großherzigen Wahrheits⸗ erguß an meine Brust sinken zu sehen, so fand ich mich arg enttäuscht.
„O, ia doch,“ rief sie, ihre heißen Wangen trocknend,„sonst sagtest Du stets, die Gedanken flössen Dir mit der Luft oder mit sonstigen Extraposten zu“—
„Luise—!“ rief ich dagegen, von dieser Profanation geradezu erschüttert.
„Wenn's aber einmal für mich sein soll, da ist Dein Kopf eingetrocknet!“
„Mein Kopf doch nicht!“ rief ich sittlich empört.„Die Ge— danken darin!“
„Ach was! Das ist alles Eins! Possen, Ausflüchte! Für
mich kannst Du keinen Entschluß fassen. Also laß es bleiben! Ich will die Sammetschleppe auch gar nicht mehr haben von solchem fühllosen, lieblosen Mann!“
Damit lief sie aus dem Zimmer und schloß sich in der Schlafstube vermittelst eines übertrieben knarrenden Riegels ein.
Da stand ich und nicht gerade in der angenehmsten Situation. Ich wollte lachen und über Weiberschwäche philosophiren, aber mitten im Satze überdrang mich die fatale Vorstellung, meinem langjährigen Verleger eine verneinende Antwort senden zu müssen. Wie konnte man nur geistig so vollkommen impotent sein! Gab es denn nicht sonst für mich Stoff genug auf allen Straßen?
Ich schlug mich mit der flachen Hand gegen die Stirn, ver— setzte dem Schooßhündchen meiner Frau einen gelinden Fußtritt und begann im Sturmschritt auf und nieder zu eilen, zuletzt in so rasendem Tempo, daß ich ein zweimaliges Anklopfen, wie sich später herausstellte, gänzlich überhörte.
Die Thür ging auf und gegen mich prallte mein guter, lustiger Freund Sattler.
„Nanu!“ fragte er erstaunt.„Du jagst wohl hier?“
„Ja, nach einem Stoff!“ Und ich erzählte ihm meine Be— drängniß. Den sekreten Vortrag über die Sammetschleppe ver— schwieg ich ihm.
Er lachte.„Wie kommst Du mir vor, Georg!“
„Das ist mir augenblicklich wirklich einerlei, schauderhaft einerlei!“ rief ich wild.„Gieb mir einen spannenden Novellen— stoff oder lache Dich später draußen aus!“
„Nichts leichter als das!“ sagte er, gemächlich sich auf dem Sopha ausstreckend.„Ich weiß eine drollige Geschichte. Komm, setz' Dich her! Du wirst etwas aus ihr machen können.“
„Wahr oder unwahr?“ fragte ich, neben ihn rückend.
„Wahr! Also— der Ort ist ja gleichgültig!“
„Ja wohl,“ erwiderte ich einverstanden.
„Nun also: Ein Rentier hatte zwei Töchter, beide schön und jung und beide auf einige Zeit zum Besuch einer Tante nach deren Wohnort verreist. Dort sah sie ein ältlicher Jung— geselle, verliebte sich urplötzlich in die Jüngste und beschloß, augenblicklich um sie zu werben. Bei den Erkundigungen, welche er über seine Zukünftige einzog, sagte man ihm irrthümlicher Weise, sie sei die Aeltere. Gewohnt, kurz und bündig zu handeln, fuhr er zum Vater seiner Geliebten und hielt in ritterlicher Weise um die Hande der ältesten Tochter an. Sie ward ihm zugesagt. Der Rentier bescheidet die Schwestern zurück, stellt dem Ueberraschten seine Braut vor und—“
„Und?“ fragte ich interessirt.
„Der Freier wollte weder sich, noch das Mädchen blamiren— die Verlobung ward proklamirt. Da hast Du Deinen Stoff; jetzt arbeite ihn aus!“
„Besuche mich morgen wieder!“ sagte ich, ihm zur Thür vorangehend, obwohl Sattler noch gar keine Miene gemacht hatte aufzubrechen. Aber die Thränen meiner Frau brannten mir auf der Seele.„Adieu! Es wird gehen. Ich danke Dir. Morgen Abend also auf Spargel und junge Hühner!“
Er lachte und ging davon.
Ich stürzte 5 8 Was soll* weiter sagen?
die Herren keinen Hund vom
Der Strom war zurückgesluthet 1 floß so reichlich, daß die Novelle„Der Bräutigam wider Willen“ nach acht Tagen fix und fertig dalag, und Luise in der Vorfreude ihres Herzens über die hellblaue Sammetschleppe ihre frischen rothen Lippen auf das ziemlich umfangreiche Manusfkript drückte. Gerade als es auf die Post gegeben war, erhielt Luise ein parfümduftendes Schreiben aus Berlin. „Welche Ueberraschung, Georg!“ rief sie entzückt.„Meine Kousine Lilli fragt dringend an, ob wir nicht geneigt seien, eine junge, hübsche Verwandte ihres Mannes mit nach Annendorf zu nehmen. Denke nur, eine junge, flotte Großstädterin! Wie werden wir da hübsch plaudern können! Und sie ist gewiß eine Art Modenblatt— da läßt sich noch etwas lernen.“ Ich muß gestehen, daß mir diese Nachricht und Luisens Freude darüber etwas stark in die Krone fuhr.„Mein Kind,“ sagte ich ernst,„wir sind Beide noch nicht dazu angethan, die Gouvernante oder Aufpasserin zu spielen. Gieb Acht, eine Fremde wird das Vergnügen dieser Reise empfindlich schmälern, wenn nicht gar verderben.“ „Immer schlägst Du Dich zur Opposition,“ grollte Luise. „Denke an die Sammetschleppe!“ rief ich pathetisch. Das half mir, aber nicht der Sache, für welche ich stritt. Die liebe kleine Frau stürzte mir mit beiden Armen um den Hals und bat und flehte so eindringlich, daß ich zuletzt, wenn auch mit ahnungsvollem Schauer, meine Einwilligung gab, die Berlinerin kommen zu lassen. 4 Am Tage vor unserer Abreise nach Annendorf sollte sie ein- treffen. Luise war über den vornehmen Besuch so ganz aus dem Häuschen gerathen, daß sie mich eine Stunde zu früh nach dem Bahnhof schleppte.„Wie wird man uns anstaunen, Georg, mit dieser Pflegetochter an der Seite!“ 4 Nun endlich nahm auch diese Geduldsprobe ein Ende; der Zug fuhr in die Halle. Luise stürzte vorauf, ich 3 4 und wäre dabei noch um ein Haar hingefallen, weil der Schooß— hund meiner Frau mir verängstigt zwischen die Beine lief. „Mein Gott, Georg, wo bleibst Du denn?“ rief Luise, ihren Sonnenschirm in kreisförmige Schwingungen versetzend.„Was machst Du nur immer, wenn es darauf ankommt? Sieh da, da! Ah, Fräulein Mathilde— mein Mann!“ f „Mein Mann“ stand vorläufig athemlos und verblüfft da, denn aus der Koupethür sprang, nein, flog eine weibliche Gestalt, als wollte sie in eine Cirkusarena hineinspringen, klein, zierlich, bleich, zerbrechlich wie eine Nippesfigur, lachend und sprechend ohne Grund und Aufhören. „Wie sicher im Benehmen!“ flüsterte mir Luise zu, den Arm unserer neuen Hausgenossin ergreifend.„Man sieht die Re⸗ sidenzlerin!“ a In diesem Augenblick entdeckte Fräulein Mathilde den Hund und rief mir mit Verve zu:„Ach, heben Sie den Fips doch einmal auf, Herr Doktor, ich möchte ihn streicheln!“ „Jetzt, hier, mein Fräulein? Zu Hause!“ entgegnete ich ab lehnend, denn das Thier hatte den Fußtritt von neulich noch nicht vergessen, und wich mir im Halbkreis furchtsam aus; zudem war der Bahnhof gedrängt voll Menschen. ö „Aber, Georg!“ sagte Luise erröthend, als müsse sie sich der ungehobelten Manieren ihres Gatten schämen. Ich bückte mich also.„Hierher, Karo! Willst Du gleich auf der Stelle!“ Aber das Thier sah unablässig auf meinen linken Fuß, welcher ihm den empfindlichen Stoß beigebracht.„Hörst Du nicht, Köter?“ murmelte ich, wüthend gemacht durch das Lächeln einiger Nantebenden. Wie ich mich in meiner albernen Situation schämte! Denn jetzt begann auch Fräulein Mathilde laut auf 5 zulachen vor Vergnügen. „Sie sehen zu drollig aus, Herr Doktor! Sie müssen mehr Respekt einzuflößen verstehen! Vor lauter Gelehrsamkeit konnen Ofeu locken!“ 1 Ich war empört, ließ Hund Hund sein und ersuchte a Sprecherin um ihren Gepäckschein. Vier Wochen mit diese Irrwisch zusammenleben! Was hatte Luise uns da eingebrockt! Am andern Morgen dampften wir ab, der Tag versprach schön, aber übermäßig heiß zu werden. Um ein Haar hätten wir den Zug versäumt. Fräulein Mathilde konnte natürlie
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