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0„Ja, das wäre ich, wollte ich Deine Treulosigkeit noch länger gelassen mit ansehen!“ rief sie, auf mich zustürzend und mich mit ihren braunen Augen durchbohrend.
„Und wenn es ein fremdes, theuer erkauftes Geheimniß wäre, welches ich vorläufig vor jedes Dritten Mitwissenschaft zu hüten versprochen hätte?“ fragte ich ernst, da ihre ungezügelte Leiden—
schaft mich stark verdroß.
Sie lachte vor Zorn, daß ihre weißen Zähne zwischen den Purpurlippen hell aufleuchteten.„Du wagst es noch, mich zu höhnen? Behalte Dein sündhaftes, frevelhaftes, abscheuliches, hassenswerthes“— jetzt mußte sie erst Athem schöpfen— ehe— brecherisches Geheimniß für Dich, ich mag es nicht wissen! Morgen reise ich ab! Oh, ich unglückliche, verrathene, hinter— gangene Frau!“ 5
Damit riß sie die Thür auf und stürzte in unser Schlafgemach.
„Lilienduft!“ schrie sie grell und verschwand blitzschnell im Flur.
Beinahe hätte ich gelacht. Aber sehr gemüthlich war mir dabei nicht zu Muthe. Luise war, wenn der Paroxismus nicht von selbst sank, jeder Erklärung unzugänglich. Allerliebste neue Situation! Es war, als ob alle Menschen sich verschworen hätten, uns die süße Sommerfrische bis auf die Neige zu ver— gällen und zu verbittern. Und dies alles Menschen, welche uns absolut nichts angingen, die wir zu unserm friedlichen Dasein daheim garnicht brauchten. Es war zum Verzweifeln! Was aber nun thun? Luise stand mir doch unendlich viel näher als Edith
Graumann, trotz aller Sympathie! Sollte ich das Geheimniß opfern? Und würde es etwas nützen? Kaum, wenigstens nicht für's Erste. Mißtrauen läßt sich so schnell nicht beseitigen. Ja, stände die Verlobung als unanfechtbare Thatsache daneben...
Wieder kamen Schritte meinem Zimmer näher, diesmal wuchtige, schwere, die offenbar nur einem Herrn der Schöpfung angehören konnten.. a a
Es pochte an die Thür mit einem eisernen Finger.
„Herein doch!“ rief ich ärgerlich.„Wer stört mich schon wieder?“
Bei dem letzten Ton dieser Worte erschien der Oberstlieutenant von Ritter auf der Schwelle. Sein etwas gelbliches Antlitz sah doppelt bleich aus unter der glänzend schwarzen Haarfülle, welche ihrem glücklichen Besitzer den Luxus gestattete, eine Art Skalp⸗ locke über der Stirn zu tragen. Aus seinen Pupillen, um mit Fräulein Mathilde zu sprechen, schossen Blitze und seinem Geblüt schien neben Kayennepfeffer noch etwas Spanioltaback beigemischt.
„Mein Herr,“ sagte ich erstaunt und nicht allzu freundlich, „dieser Vorzug“—
„Mein Herr Doktor,“ fiel er mit rollender und grollender
Stimme ein, indem er auf fünf Schritt avancirte,„ich bedauere, Sie gewissermaßen überfallen zu müssen, aber ich komme, Rechen— schaft von Ihnen zu fordern.“ f
„Aha,“ dachte ich,„nun fängt die Entwickelung der Liebes— tragödie an!“ Jetzt fehlte nur noch die Aussage des Herrn Arnulf Welsing. Was zum Element ging denn mich die ganze Herz— brecherei an?
„Sie schweigen jetzt?“ fuhr Herr von Ritter fort, seinen schwarzen Schnauzbart sittlich entrüstet drehend.„Es wäre besser gewesen, Sie hätten vorher geschwiegen und sich nicht ungebeten in die intimsten, ja, ich kann sagen, zartesten Herzens— geheimnisse gedrängt. Glauben Sie, daß Ihnen das so ungestraft hingehen wird? Möglich, daß Andere sich solche empörende Vergewaltigung gefallen lassen, ich nicht! Das sage ich Ihnen, und deswegen bin ich hier.“
„Herr Oberstlieutenannt,“ fiel ich ihm erbittert ins Wort, „wenn Sie Ursache zu haben glauben, mich in dieser beleidigenden Art zur Rede zu stellen, so—“
„Ursache?“ rief er, und der Spanioltaback sprühte ihm förmlich aus den Augen.„Ursache? Hier ist sie, schwarz auf weiß!“ Damit riß er aus seiner Brusttasche ein Journal hervor, schlug es auf, wobei drei Seiten kräftig einrissen, und hielt es mir dicht unter die Nase. f
„Ich bin nicht kurzsichtig,“ sagte ich wüthend. Im nächsten Moment aber blieb ich sprachlos stehen, den Blick fest auf eine Stelle des„Abendfreund“ gerichtet, auf die Stelle nämlich, wo
mit fettgedruckten Lettern die Ueberschrift zu der„blauen Sammet⸗
schleppennovelle“ stand:„Der Bräutigam wider Willen.“
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„Begreifen Sie jetzt meine tief empörten Gefühle?“ rief Herr von Ritter, das Blatt mit barbarischer Rücksichtslosigkeit zusammenballend und in die Tasche steckend.„Dieser Bräutigam wider Willen bin ich, und die Geschichte desselben, welche Sie so hähmisch boshaft an den Pranger der Oeffentlichkeit und Lächerlichkeit stellten, ist meine Geschichte. Aber bei meiner Ehre und bei der Liebe, welche ich zu Fräulein Mathilde Graumann jetzt im Busen trage, diesen literxarischen Raubzug werde ich be— strafen!“ f
„Mein Herr, genug!“ brauste ich meinerseits nun auch auf. „Ich dulde nicht länger—“
Der Kayennepfeffer kam wieder zum Vorschein.„Ich sage Ihnen, Herr Doktor, Sie haben ein himmelschreiendes Unrecht mit dieser Novelle begangen, denn ich liebe meine Braut mit vollster Hochachtung und Zärtlichkeit. Und müßte ich nicht vor Scham und Schmerz in die Erde sinken, wenn ihr durch Ihr sündhaftes Geschreibsel einmal die Wahrheit offenkundig würde?“
„Geschreibsel?“ fuhr ich auf, wie von einer Giftschlange der Kalabariwüste in den großen Zeh gestochen.„Das fordert Blut.“
„Darum eben wollte ich Sie bitten!“ rief der glückliche Bräutigam, mit Willen geradezu jubilirend.„Auf Pistolen— fünf Schritt Barriere!“
„Wozu die Soulagements?“ fragte ich höhnisch dagegen. „Ein Schritt ist auch genug!“
„Sie spotten jetzt noch?“
„Bewahre,“ lachte ich mit Galgenhumor.
„Also morgen!“ Ich schicke Ihnen meinen Sekundanten!“ Damit stürmte er wie ein angeschossener Eber hinaus.
„Reizende Sommerfrische!“ sagte ich, als er verschwunden war.„Ich werde sie vermuthlich jetzt hier für immer genießen unter den grünen Rosen, wenn Luise es nicht vorziehen sollte, meine sterblichen Reste in die Heimath zu überführen.“ Dazu war indessen bei ihrer augenblicklichen Stimmung wenig Aussicht.
„Hol' der Teufel diese ganze Sommerfrische!“ brach ich wüthend aus. An einen dämonischen Plagegeist gefesselt, als Zeuge eines hintergangenen Nebenbuhlers, selbst in der Ehe— scheidung begriffen und für morgen auf ein Pistolenduell mit tödtlichem Ausgang versagt— was konnte liebenswerther sein als mein Schicksal! g (Schluß folgt.)
Lose Blätter.
„Daß die Weiber nicht in den Himmel kommen,“ über diesen Satz predigte einst ein sächsischer Pfarrer. Vor das Konsistorium deshalb ge- fordert, berief er sich auf die Bibel, wo in der Offenbarung des Johaunis, Kapitel 8, Vers J, stehe:„Und es ward eine Stille in dem Himmel bei einer halben Stunde!“—„Wäre das denkbar,“ fragte er,„wenn Weiber darin wären?“ Kr.
Ein Theaterdirektor bat einst den König Friedrich Wilhelm J. von Preußen— der einige Jahre vorher durch eine Verordnung das Auf— treten aller Marktschreier, Komödianten, Gaukler ꝛc. verboten hatte— um die Erlaubniß, zu Königsberg gegen eine Abgabe von 1 Thaler täglich an die Accisekasse und 10 Thalern monatlich an die Invalidenkasse Schau— spiele aufführen zu dürfen. Der König ertheilte hierauf unterm 7. De⸗ zember 1721 folgenden Bescheid an die Regierung der Landestheile Ost— und Westpreußens:„Da Wir dergleichen zu nichts als zum Verderben der Jugend gereichende Dinge einmal verbotenermaßen in Unseren Landen nicht geduldet, vielmehr austatt solcher Etablissements Gotteshäuser darin gebauet und Unsere Unterthanen mehr und mehr zum Christenthum ge— führet wissen wollen, so habt Ihr die obengedachten Komödianten mit ihrem Suchen gänzlich abzuweisen und an Uns davon hinführo keine Erwähnung mehr zu thun.“ Er.
Heinrich VIII. von England wollte nicht an den Tod erinnert sein und erklärte diejenigen für Majestätsbeleidiger und Hochverräther, welche sein Ende vorhersagten. Als ihn seine letzte Krankheit befiel und er die besorgten Mienen seiner Aerzte sah, rief er zornig:„Verheißt mir Leben, oder ich lasse Euch köpfen.“ Kr.
Gartenbesitzern, die ihr Eigenthum nicht gerne von Jedermann be⸗ treten lassen wollen, ist eine Vorrichtung zu empfehlen, die sich in einem schönen Privatgarten zu Palermo befindet. An der Thüre steht: non apperite! Einige Engländer, welche trotz des Verbotes in den Garten treten wollten, öffneten keck die Thüre, wobei ihnen, kaum auf der Schwelle erschienen, ein gewaltiger Wasserstrahl in's Gesicht spritzte.


