Ausgabe 
4.3.1888
 
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Eine Sommerfrische. Novelle von Georg Hartwig. (Fortsetzung.)

Daheim angelangt, nahm mich meine Frau bei Seite.Du, Georg, wir haben Mathilde Unrecht gethan, sie ist selber an⸗ geführt worden und hat mich in wirklich bezaubernder Weise mehrmals um Entschuldigung gebeten. Die kleine Schlange

hatte zweifellos den ganzen Weg über die schwachen Seiten

meiner Gattin mit Sammetpfötchen gestreichelt.Ich wünschte also, Du sagtest kein Wort mehr über die Sache!

Erlaube, fiel ich heftig ein,diese Sache geht mich denn doch auch an! 8

Ist Dein Teint zu Taback verbrannt oder der meine? fragte sie kühl bis ans Herz hinan.Wir möchten jetzt noch schnell etwas Eis essen gehen!

Ich bedauere, erwiderte ich kurz.Für heute habe ich genug Eispillen geschluckt. Ich bleibe jetzt zu Hause.

Adieu! sagte sie eigenthümlich lächelnd und verschwand mit Fräulein Mathilde.

Ich stürmte mit wahrer Wonne in unsere ruhige, angenehm temperirte Wohnstube, welche an das Schlafzimmer stieß. Es ging mir mancherlei im Kopfe herum. Wenn Edith Graumann wirklich an einer gefährlichen fixen Idee litt, so mußte die Auf sicht von Seiten der Familie unbedingt noch verschärft werden, so war es auch meine Pflicht, dem Vater das gestrige Rendezvous mitzutheilen, um Unglück zu verhüten. Gab es nicht Gewissenlose genug in der Welt, den Irrsinn eines schönen, jungen Kindes zu unwürdigen Zwecken auszunutzen?

Indem ich dies reiflich bei mir erwog, klopfte es leise an meine Thür.

Herein! rief ich verdrießlich über die Störung und ohne mich umzuwenden.

Das Schloß öffnete sich zögernd und doch mit einer gewissen Hast, alsdann rauschte es wie von einem seidenen Frauengewand, und als ich mich hastig umdrehte, sah ich Edith Graumann in Person mir gegenüberstehen.,

Jetzt ist es sonnenklar, sie ist wahnsinnig! dachte ich und athmete förmlich erleichtert auf. Und doch, wie reizend, wie mädchenhaft sittsam stand sie da, mit vor der Brust gefalteten Händen und traurig schimmernden Augen. Eine feine, feine Röthe der Scham oder der Furcht lag über ihrem süßen Gesichtchen hingehaucht, und die Lippen zitterten leise, wie von verhaltenem Weinen.

Mein liebes Fräulein, sagte ich, unwillkürlich ihr voll wärmster Theilnahme die Hand reichend,welch' einen Schritt haben Sie gethan!

Sie nickte.Ihre Güte wird ihn entschuldigen. Ich muß mich endlich in Ihren Augen rechtfertigen, von falschem Ver dachte reinigen. Brauche ich vorauszuschicken, daß ich diesen Gang mit vollster Billigung meines Verlobten gewagt?

90Ihres Verlobten? fragte ich, abermals von Zweifeln er aßt. sinnen Sie sich doch!

Sie sah mich heiß erröthend an, nahm dann meine Hand fest in die ihre und sagte, in Thränen ausbrechend:Gestern Abend habe ich Adalbert von Lossau Treue bis zum Tode ge schworen, habe ihm Muth und Kraft angelobt, für unsere Liebe zu kämpfen, nicht nur in willenloser Duldung wie bis jetzt, sondern hier flammten ihre blauen Augen schwärmerisch aufsondern mit dem festen Willen der Verzweiflung.

Als ich fortfuhr, sie mit stummer Bewunderung zu betrachten, sagte sie schnell:Lassen Sie mich zum bessern Verstäudniß Ihnen einen Teil meiner Leidensgeschichte erzählen! Sie ist so einfach und doch so unsagbar traurig für das ringende Herz.

Mein Vater hatte mir anbefohlen, die Gattin des reichen Fabrik-

besitzers Arnulf Welsing zu werden, welcher fast zu gleicher Zeit um mich warb, als Katharina die Braut des Oberstlieutenant von Ritter ward. Nun batte ich aber bei meiner Tante einen jungen Mann kennen und von ganzer Seele lieben gelernt, den Assessor Adalbert von Lossau. Als derselbe kam und bei meinem Vater um meine Hand anhielt, hatte Welsing schon das Jawort

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Sind Sie denn überhaupt und wirklich verlobt? Be

von diesem erhalten. Das Uebrige können Sie sich denken! Mitleidslos zerrte man täglich, nein, stündlich an meiner unsäglich schmerzenden Kindesliebe, wühlte in der Wunde, die Niemand heilen konnte als er, der Theuere, der Einzige, allein. Ich ward krank. Welsing ward zum größten Verdruß meines Vaters in seinen Bewerbungen lauer, obwohl ihm der wahre Grund meiner Leiden verborgen blieb. Endlich reisten wir zu meiner Erholung ierher.* 1 f g Na armes Mädchen! sagte ich, von ihrem tiefen Schmerz mit fortgerissen.Und welche Aussicht haben Sie, daß es je besser um Ihr Glück stehen wird? Sie trocknete ihre langen dunklen Wimpern.Gestern in der Frühe nun erhielt ich einen Brief meines Geliebten, worin er mir anzeigte, daß er in Annendorf angelangt sei und mich um jeden Preis sehen und sprechen müsse. Wie habe ich von jenem Moment an auf jedes Geräusch im Hause gelauscht! flüsterte sie verschämt lächelnd.Plötzlich glaubte ich seinen Schritt zu erkennen. Hier tauchte sich ihr ganzes reizendes Gesicht in Purpurgluth bis an die Wurzeln der goldblonden

LockenVerzeihen Sie, Herr Doktor, eine merkwürdige Aehnlichkeit, verbunden mit der Ueberfülle seliger Angst verwirrte

mich.

0. Menn Fräulein, sagte ich, ihrer Verlegenheit zu Hülfe kommend,Sie haben einen glücklich verheiratheten, ehrenhaften Mann vor sich, das sagt alles.

Sie nickte dankbar.Ja, und nun, da Sie Alles wissen, Alles verzeihen, will ich wieder gehen.

Wollte Gott, ich hätte die Macht, etwas zu Ihrem Lebens glück beisteuern zu können! sagte ich, ihre zitternde Hand an meine Lippen ziehend.Doch halt, vielleicht

Von der Treppe her kamen Schritte auf mein Zimmer zu. Vielleicht das Hausmädchen. Als ich Edith erbleichen sah, sprang ich rasch nach der Thür und schob den Riegel vor.

Fast in demselben Moment ward die Klinke niedergedrückt, und die Stimme meiner Gattin rief:Georg! Mach auf!

Edith hob flehend die Hände empor.Mein Geheimniß, schonen Sie es! Ich kann jetzt kein fremdes Antlitz sehen. Lassen Sie mich nicht verwundert angestarrt werden!

Georg! rief Luise mit einem sehr bemerkenswerthen und verhängnißvollen Crescendo ihrer sonst weichen Stimme.Warum machst Du nicht auf? Weshalb lässest Du mich hier draußen warten?

Gleich, mein Schatz! sagte ich laut.Ich komme schon!( Ich mache verzeihen Sie, Fräulein Edith soeben Toilette! Bitte, fuhr ich leise fort,gehen Sie nur in das Schlafgemach, und wenn meine Frau hier eintritt, verlassen Sie dasselbe. So ist Ihnen sicher geholfen.

Sie nickte und verschwand.

Inzwischen rasselte Luise am Schloß immer energischer.Es ist empörend! Georg, horst Du nicht? Was für Toilette machst Du denn? Georg! Nein, diese Art. 1

Ich merkte, sie bebte vor Eifersucht. Schnell schob ich den Riegel zurück, und sie stürzte wie hineingeschnellt mitten in das Gemach. Dort blieb sie stehen und schaute sich rasch, aber gründlich nach allen Seiten um. g J

Was giebt's? fragte ich harmlos wie ein Maikäfer.

Hier hast Du Dich angezogen? fragte sie heftig.Und was, wenn man fragen darf! In diesem grünen Rock gingst Du bereits den ganzen Tag! g

Also ein anderes Kleidungsstück, sagte ich lächelnd, denn die Art, wie sie ihre graziöse Figur forschend in der Runde drehte, hatte etwas außerordentlich Drolliges. N

So? rief sie zornglühend dagegen.Und der Lilienduft, welcher das ganze Zimmer wie einen Kräuterladen, wie eine Friseurstube, wie ein Spezereigeschäft durchzieht, daß man schwindlig davon werden könnte, steckte der auch in dem andern Kleidungsstück?

Ha, dieser fatale Duft! Dieses untrügliche Leitmotiv! Daran hatte ich in meiner Unschuld garnicht gedacht. 1

Und damit Du siehst, fuhr Luise, in exaltirtes Weinen ausbrechend, fort,daß Du mich nicht länger hintergehen kannst, reise ich zu meinen Eltern zurück! l

Luise! sagte ich mehr ärgerlich als gerührt,Du bist un. zurechnungsfähig! e

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