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— 183.
„Nun, so sagen Sie meiner Schwester, auch ich würde morgen
nicht fehlen. Auf Wiedersehen denn,“ fügte er mit einem warmen Händedruck hinzu.
Dann ging er, von den jubelnden Kindern noch ein Stück
begleitet, schnellen Schrittes von dannen.
Mit freudiger Rührung folgten ihm Nelly's Blicke, bis er hinter den Gebüschen des Parks verschwand.
a IX. „Fort, Hexe, ich liebe das nicht!“ rief Graf Udo unwillig
und versuchte das Mädchen von sich abzuschütteln, welches seine
Hand erfaßt hatte, um ihn mit sich zu ziehen.
Aber das magere, gelbe Ding hielt fest und zeigte lachend die blendend weißen Zähne, und als er den Arm hob, die lästige Bürde unsanft zurückzustoßen, da fesselte ihn das große dunkle Augenpaar, welches mit dem Ausdruck wilder Energie und
vorwurfsvoller Bitte aus dem schmalen Gesichtchen zu ihm auf⸗
blickte.
Er griff in die Tasche.
„Hier hast Du Geld, nun geh' und laß mich zufrieden!“
Sie schüttelte verneinend den Kopf, daß die schwarzen Haare flogen, und sagte:„Du sollst mit mir gehen, komm!“
„Nun, was willst Du denn eigentlich, Du närrische Katze? — So sprich doch wenigstens!“ 5
„Zur Zimut will ich Dich bringen,“— flüsterte sie mit geheimnißvoller Wichtigkeit,„sie ist klug und weiß Alles; sie soll Dir sagen, was in Deinen Händen geschrieben steht.“
Graf Udo wendete sich zu Nelly Longsword, deren Führung er heute bei dem Besuch des Zigeunerlagers übernommen, und welcher er soeben von der Herkunft und den Sitten dieses gelben Wandervolkes erzählt hatte.
„Zimut“ nennen sie die älteste Frau einer jeden Bande, ohne deren Genehmigung nichts Wichtiges unternommen wird. Die Weiber haben sonst bei den Zigeunern nicht das Recht, mitzu⸗ sprechen, die Alte aber wähnen sie im Besitz geheimer Kennt⸗
1 nisse und der Gabe des zweiten Gesichts und daher gehorchen
sie ihr.“ „Komm,“ auf Dich!“ „Wollen Sie dem Kinde nicht folgen?“ fragte Nelly,„vielleicht wird die weise Frau Ihnen etwas Gutes verkünden.“ „Ich glaube nicht an die Wahrsagekunst!“ erwiderte der Graf.„Ist mir doch schon vor langer Zeit ein Orakelspruch geworden, der mir ein kurzes schweres Leiden und dann ein
erinnerte die Kleine,„die alte Daja wartet
glückliches Loos bis zum Ende meines Lebens verheißen hat.
Nun, das Unglück ist gekommen, das Glück wird niemals meinen Scheitel berühren!— Doch wenn Sie wünschen, Miß Londsword, wollen wir die Alte auf die Probe stellen, vielleicht leuchtet
Ihnen die Sonne der Zukunft.“
Das Zigeunermädchen hatte der Unterhaltung mit glänzenden Augen gelauscht; sie verstand nicht viel von dem Gespräch, aber
sie begriff, daß ihr Wunsch erfüllt werden sollte, und deshalb
sprang sie freudig voran auf einem schmalen Pfade, welcher von dem Lager fort in das dichte Unterholz des Waldes führte. An einer alten Edeltanne blieb sie stehen und blickte nach ihren Begleitern zurück, welche staunend bemerkten, daß hinter dem mächtigen Stamme des Baumes ein schwacher Feuerschein her⸗ vorleuchtete.
Udo und Nelly traten in den Lichtkreis. e
Vor einem glimmenden Kohlenhaufen gewahrten sie die dunkle Gestalt einer alten Frau, die auf einer zerrissenen Decke hockte und schlafend oder nachdenkend die Stirn in die braunen Hände stützte. Ein zottiger Wolfshund zu ihren Füßen hatte die Ohren gespitzt, beruhigte sich jedoch sofort, als das Kind neben ihm zur Erde niederglitt und leise das Knie der Alten berührte.
Die Greisin ließ die Hände sinken und hob das Haupt. Ihr mageres, faltiges Gesicht glich kaum mehr dem Antlitz einer Lebenden, aber die schwarzen Augen blickten scharf und leuchteten wie im Glanz der Jugend. Wer hätte wohl das Alter dieser Menschen⸗Ruine bestimmen wollen! Keiner ihrer Genossen konnte es; sie selbst batte es längst vergessen. b
Nelly konnte sich einer inneren Erregung nicht erwehren.
Vor einigen Minuten noch umtobt von dem betäubenden Lärm wilder Musik und jauchzender Stimmen inmitten des sinn— verwirrenden Gewühls phantastisch zerlumpter Menschengestalten, empfand sie jetzt doppelt den Schauer des Unheimlichen, den die Einsamkeit des nächtlichen Waldes, die bewegungslose Gruppe am Feuer und das geheimnißvolle Wesen der Alten in ihr hervorriefen.
Graf Udo, dem solche Scenen nicht fremd, unterlag weniger dem Eindruck des Gespenstigen, und dennoch hatte er beim An⸗ blick der Alten nur mühsam einen Ruf des Erstaunens unter⸗ drückt. Lebhafter als sonst beugte er sich zu Nelly's Ohr und flüsterte ihr in englischer Sprache zu:
„Ich kenne das Weib; es ist dieselbe falsche Prophetin, welche mir einst in Spanien— es war vor sechs Jahren bei einem Besuch der alten Mauren-Paläste Granadas— alles Glück der Erde in Aussicht stellte. Kommen Sie, Miß Nelly, wir wollen gehen, denn auch Sie wird die Betrügerin täuschen.“
Hatte die Greisin des Grafen Worte verstanden? So manche Sprache klingt ja an das Ohr jener unstäten Nomaden, und viele Worte haften in dem Gedächtniß des vielgewanderten Zigeuners;— genug, ein blitzschnelles listiges Lächeln huschte über die verwitterten Züge der Alten und sie stieß ihren Stock in die Kohlen, daß Funken emporwirbelten und neue Flammen das Dunkel erhellten.
„Die Furchen der Hand lügen nicht!“ murmelte sie und streckte ihre braunen knöchernen Finger verlangend gegen Nelly, welche zögernd näher trat und ihr fast willenlos die Rechte reichte.
Ein schneller Blick der Zigeunerin streifte die schlanken Finger, an welchen kein Ring erglänzte; dann schüttelte sie verneinend das Haupt.
„Nicht die Rechte!— Die Linke gieb, die dem Herzen am nächsten!“
Prüfend schienen ihre dunklen Augen die zarten Linien der inneren Handfläche zu verfolgen; endlich sah sie erst auf den Mann, der mit finster zusammengezogenen Brauen ihr Treiben beobachtete und dann in das blasse Gesicht des vor ihr stehenden Mädchens. Die schmalen Lippen des zahnlosen Mundes öffneten sich und leise, in abgerissenen Sätzen, drang es zu den Ohren der Lauscher:
„Glück, Reichthum und langes Leben! Willst Du noch mehr? O, ich habe noch etwas für Dich— Du weißt, was ich meine — die Liebe! Auch die alte Daja war jung und liebte den schönen Marko, an dessen Grab jetzt der Schakal scharrt, dort drüben im sonnigen Aegypten. Sorge nicht, Du sollst glücklicher sein; schon liebt er Dich und bald wird der reiche Freier kom⸗ men und Dich zur Herrin machen in seinem glänzenden Schloß. Dann gedenke des armen Zigeuners und weise ihn nicht von Deiner Schwelle!“
Sie schwieg und ließ die Hand frei, welche sie bis jetzt in der ihren gehalten.
Der Graf trat an Nelly Röthe dunkler färbte.
„Ich wußte es im voraus,“ sprach er mit spöttischem Lächeln, „nun kennen auch Sie das alte Lied, das diese Leute Jedem singen, von dem sie gute Bezahlung erwarten.“
(Fortsetzung folgt.)
heran, deren Wangen eine leichte
eee käkle x.
Tungusen.(Siehe Illustration.) Wer unter der Hitze des Sommers leidet, mag sich eine Reise durch das nördliche Sibirien als recht er⸗ frischend denken, ja, er beneidet vielleicht gar den aus 70000 Seelen bestehenden Volksstamm der Tungusen, welcher östlich vom Jenissei im Amurlande wohnt. Die Tungusen sind zum großen Theil Nomaden, welche mit Pferden, Renthieren oder Hunden von Ort zu Ort wandern und deren Hauptnahrung aus Fischen besteht. Im Sommer essen sie dieselben frisch, im Winter schütten sie ihre Vorräthe in Gruben, die sie oben mit Schnee und Eis zudecken. Die gefrorenen Fische essen sie dann zum Theil roh. Wer sich mit scharfem Messer ein Stück Fisch abschneidet, erhält eine feste Masse, die an einen derben Holzspan erinnert. Gleich⸗ wohl soll die Gewöhnung auch diese Speise erträglich machen, und wer einen Wutki auf den gefrorenen Fisch zu setzen hat, empfindet gar ein gewisses Wohlbehagen. Die Tungusen sind ein friedliebender Menschen⸗ schlag, deren Vorstellungen von Gott und dem Jenseits dem Ethnologen Interesse einflößen. 1
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