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Graf Udo sah freundlicher als gewöhnlich zu dem jungen schönen Mädchen hernieder.— Es war ein liebliches Bild, als sie, ein wenig schüchtern die Augen niederschlagend, die Kinder, welche ihn verlassen und nun wieder an ihr emporkletterten, halb abwehrte, halb an sich zog,— ein Bild reiner Jung⸗ fräulichkeit, welches auf den ernsten, verschlossenen Mann seinen Eindruck nicht verfehlte. Ein kaum merkliches Lächeln verschönte seine strengen Züge, und herzlicher als sonst sprach er:
„Mir scheint, Sie lieben Kinder nicht minder als die Natur, Miß Longsword! Fühlen Sie sich zufrieden hier in Warren?“
Sie schlug die großen braunen Augen treuherzig zu ihm auf.
„O Herr Graf,“ erwiderte fie,„ich bin sehr glücklich über diesen stillen und doch so dankbaren Wirkungskreis. Ich bin in meiner Kindheit durch Liebe verwöhnt worden und, durch den Tod meiner guten Mutter ganz verwaist, würde ich mich unter fremden Menschen— glaube ich— recht vereinsamt ge— fühlt haben. Hier aber habe ich in Frau von Haldern eine zweite Mutter und in den Kindern zwei jüngere Schwestern ge— funden, von welchen ich mich in gleichen Maß geliebt weiß, als ich selbst sie aufrichtig verehre und liebe!“—
„Nun, das freut mich!“ erwiderte er mit Wärme;„inmitten der selbstsüchtigen Welt würde ja Ihre junge Seele verdorrt und untergegangen sein gleich der Blume im giftigen Mehlthau. Wie konnten Sie nur den Gedanken hegen, allein den ungleichen Kampf mit der Falschheit der Menschen aufzunehmen?“
Ihre Züge hatten bei dieser Frage einen ernsten Ausdruck angenommen. Sie mochte wohl aus seinen Worten einen Vor⸗ wurf heraushören, welchen sie zurückweisen zu müssen glaubte.
„Weil mir nur die Wahl blieb,“ erwiderte sie,„mich entweder auf meine eigenen Füße zu stellen, oder bei dem reichen Bruder meines Vaters in England Schutz zu suchen.— Ich entschied mich für das Erstere. Urtheilen sie selbst, Herr Graf, ob ich den Vorwurf unberechtigten Hochmuths und sträflichen Leichtsinns verdiene, oder ob ich Recht that, meinem Gefühle zu gehorchen, welches mir die Zuflucht im Hause dieses Verwandten verwehrte.
„Ich kenne den Onkel aus den Andeutungen und den hinter— lassenen Papieren meiner Eltern. Derselbe hatte sich von ihnen gänzlich losgesagt, weil er meinem Vater nie verzeihen konnte, daß derselbe als Sproß einer so alten und angesehenen Pairs— familie sich herabgewürdigt hatte, meiner Mutter, damals einer armen deutschen Erzieherin, die Hand zu reichen. Er hat sich auch nach dem Tode meines Vaters nie um die Mutter ge— kümmert.— Wäre ich jetzt hülflos und verarmt zu ihm ge— kommen, ich würde dem alten launenhaften Junggesellen als ein lebendiger Beweis für die Gerechtigkeit seiner Feindschaft gegen meine armen Eltern gegolten haben.— Hätte ich es ertragen sollen, das edle Bild meiner unvergeßlichen Mutter durch ge— hässige Angriffe herabgewürdigt zu sehen?“—
„Sie haben Recht, mein Fräulein! Aber trotzdem darf ich Ihnen nicht verhehlen, wie bedenklich der Schritt gewesen sein würde, welchen Sie zu unternehmen gedachten. Sie kennen die Menschen nicht; daraus erklärt sich das Vertrauen, mit welchem Sie im Begriff waren, sich in das Leben hinaus zu wagen.— Nun glücklicher Weise sind Sie jetzt geborgen!“
Nelly hatte längst ihre anfängliche Befangenheit überwunden, und der frische Lebensmuth, der sie auszeichnete, glänzte wieder in ihren Augen.
„Sie irren, Herr Graf,“ lächelte sie,„wenn Sie glauben, mich mit Unkenntniß der Unbilden, welchen ein alleinstehendes junges Mädchen in der Welt ausgesetzt ist, entschuldigen zu müssen. Ich weiß wohl, daß es Gefahren giebt, und ich kenne auch das Urtheil der Menge.— Das wären aber keine Gründe, die mich bestimmen könnten, mich furchtsam vor der Welt zu ver— bergen und mich unthätig, zum Beispiel in ein Kloster, zurück⸗ zuziehen. Ich habe das Verlangen, mich unter den Menschen, mit denen ich lebe, nützlich zu machen,— ich will das Leben nicht nur genießen, sondern auch verdienen. Diese Arbeits—
Heimath sein, aber ich bin der gütigen Fee dankbar, die sie in mir geweckt hat.“ „Und woher, mein Fräulein, stammt Ihre Lebenskenntniß und das Selbstvertrauen, das aus Ihren Worten spricht?“ „Ich danke Beides meiner guten Mutter.— Sie hat mich
und Lebenslust mag ein Wiegengeschenk meiner amerikanischen
Ständen so häufig geschieht, ängstlich vor der Berührung mit der unfreundlichen Wirklichkeit gehütet, sondern mir vielmehr die Schwächen der Menschen, die Ursachen der sozialen Schäden erkennen gelehrt, hat mir den Weg gewiesen, welcher die Klippen vermeidet und in mir das Streben geweckt, mich als nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu bethätigen.“ 5
„Ihre Mutter muß eine sehr einsichtige Frau gewesen sein, daß sie vor Ihnen rechtzeitig die schöne Larve herabriß, welche die Hohlheit des Menschengeschlechts verdeckt. Hat es Ihnen aber nicht weh gethan, als Sie die Ideale zerstört sahen, mit welchen die Jugend so gern die Erde bevölkert?“ 5
„Nein, Herr Graf, denn sie hat mir nur das Menschliche im Menschen gezeigt, mir aber nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, die Achtung vor dem Edlen und Guten in seiner Seele geraubt. Lerue Dich selbst kennen, damit Du die Menschen verstehst und vor Enttäuschungen bewahrt bleibst, welche das Vertrauen zer⸗ stören!“ das sagte sie oft zu mir— und sie hat Recht! Wer sich selbst kennt, wird auch gegen Andere kein unerbittlicher Richter sein, und wer vergeben kann, wird die Liebe zum Nächsten nicht verlieren!“ 5
Graf Udo war nachdenklich geworden.— Er schwieg eine Weile und blickte in die Ferne, bevor er sich wieder zu dem schönen Mädchen wandte. In seinem Auge glänzte es wie eine Thräne der Rührung, er reichte ihr die Hand und sprach mit tiefer, etwas verschleierter Stimme: g
„Sie haben eine schöne Lebensphilosophie; möge sich dieselbe für Sie stets als richtig erweisen.— Ob sie für mich paßt — Ich will es mir überlegen!“— 8
„O, Herr Graf,“ entgegnete Nelly,„diese Philosophie, wie sie meine arme Uederzeugung nennen, eignet sich für Jeden, denn sie ist nichts anderes als das Gebot der Religion: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ 9
Er hielt noch immer ihre Hand in der seinigen. In seinem Herzen wogte eine mächtige Erregung. Jedes Wort dieser jungen vertrauenden Mädchenseele hatte seinen Gerechtigkeitssinn wach gerüttelt und die Ueberzeugung von der Berechtigung seiner menschenfeindlichen Lebensanschauung erschüttert; der Eigennutz, die verletzte Eitelkeit und alle jene psychologischen Bindemittel, mit denen der Mensch im Gefühl verschmähter Liebe das Götzen⸗ bild des Menschenhasses in seinem Busen zusammenkittet, schwanden unter dem erwärmenden Einfluß der wahren Nächstenliebe, die aus dem Bekenntniß dieses Mädchens herausklang und aus dem Glanz dieser dunklen Augen strahlte.
Lange blickte er hinein in diesen Spiegel ihrer schönen Seele, bis sie tief erröthend die Wimpern senkte.— a
„Tante, hast Du Onkel Udo von den Zigeunern erzählt?“ rief plötzlich die kleine Else, welche die fruchtlosen Versuche anfgab, mit Hülfe ihrer Schwester dem großen Pollux den Vergißmeinnichtkranz über den Kopf zu streifen. Der mürrische Geselle hatte stets still gehalten, bis das Krönungswerk beinahe gelungen war, dann aber hatte er mit seiner großen Pfote die breite Stirn von der blauen Zierde befreit und wohlgefällig knurrend mit plumpen Liebkosungen seine kleinen Freunde auf dem weichem Rasen zu Fall gebracht.
Den beiden Menschen, welchen die Macht ihrer innersten Empfindungen den Mund verschloß, kam die Unterbrechung gelegen.
„Was ist's denn mit den Zigeunern, Du Wildfang?“ fragte Graf Udo, sich zu dem Kinde niederbeugend.
Nelly aber athmete tief auf und nahm den zerpflückten Kranz aus den Händen der Kinder, mechanisch die zerzausten Blüthen ordnend.
„Das weißt Du nicht?“ lachte Else,„hast Du noch keine Zigeuner gesehen? Hier ist ja ein ganzes großes Lager und wir werden es morgen Abend besuchen. Kommst Du nicht mit, Onkel? O bitte, versprich es!— Die alte Wahrsagerin wird Dir auch viel Glück verkünden!“ setzte sie altklug hinzu.
„Glück!“— Warum berührte ihn dieses Wort wie die Ahnung einer besseren Zukunft? i
„Werden Sie die Kleinen begleiten?“ wandte er sich an Nelly.
„Jawohl, Herr Graf!— auch Frau von Haldern will hinausfahren.“.
nicht, wie es bei der Erziehung junger Damen aus den besseren
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