Ausgabe 
2.9.1888
 
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stück verzichtet, sondern ihm noch ein vortheilhaftes Stückchen des eigenen Landes zu mäßigem Zins überlassen. Nur zuweilen macht er sich noch gelinde Gewissensbisse über die Spionendienste, welche er auf Südhorner Boden kurze Zeit für Erika Graf leisten mußte, doch tröstet ihn der Gedanke an deren Erfolglosigkeit. Wenn er Muße dazu hat, bedauert er auch wohl das arme Fräulein im Stadtwappen; denn er hat ein gutes Herz und wünschte sein Glück neidlos auch Andern.

Frau Erika Graf, geborne Niederfurth, indeß soll hie und da noch etwas verlauten lassen von der unglaublichen Unbeständig keit der Männer.

Kleine Frauen Zeitung.

Die Mode.

Fast möchte man annehmen, daß jetzt unter den Sommermoden keine Veranderungen und Neuheiten von irgend welcher Bedeutung mehr zu erwarten wären, und doch giebt die gegenwärtige Reise- und Badesaison der Mode Beschäftigung genug, so daß sie nicht zu feiern braucht.

Ein besonderes Interesse beansprucht das Reisekostüm, das eine gewisse Einfachheit im Stoff, im Schnitt und in der Garnitur verlangt. Die Wollenfabrikate bilden die Grundlage desselben, und die Soutache oder ein wenig Seide sind die einzigen Zierrathen, welche man dazu ver wenden könnte, doch sehr mäßig.

Einsatztheile, soutachirte Westen, ein schmales, seidenes Tablier in

feinem Fächergefältel, ein gefalteter Rock, ein runder Gürtel mit Schnalle.

zu einem Schooß oder runden Leibchen: das ist's, was man größten theils für einen derartigen Anzug zusammenstellt. Oder man besetzt, wenn man die fein gestreifte Limousine dazu wählt, den Fond des Rockes mit einem ausgeschlagenen Volant, einfarbig roth oder blau, je nach dem Streifen, läßt darauf den ersten Rock mit schlichtem Steppsaum fallen, über welchem sich die Tunika erhebt, auf den Hüften zurückgerafft und im Rücken in zahlreichen Falten herabhängend. Ein Amazonenleibchen, hinten mit Hohlfaltenschößchen, vervollständigt das Kleid. Es giebt nichts Einfacheres, aber die gute Machart muß ihm dasCachet aufdrücken, auf das man so viel haͤlt.

Zuweilen zieht man auch die Redingote mit fein plissirtem Rock vor. Die Vordertheile, mit Einschluß des Leibchens, sind dann der ganzen Länge nach mit Revers ausgestattet, und das Leibchen, das nur mit zwei Knöpfen schließt, läßt oben und unten eine Weste vorsehen.

Man liebt es, die Amhüllung in Uebereinstimmung mit dem Kostüm anzufertigen. Die beliebtesten Schnittformen fur dieselben sind: das kurze Mantelet mit längeren Vordertheilen, der lange Mantelbonne kemme und das Jaquette mit Stehkragen und mit geraden und losen Vorder theilen, welche geöffnet und umgeschlagen, um das seidene Futter zur Erscheinung zu bringen.

Je nach den Arten, nach welchen man reist, wählt man das leichte Sommertuch, die Serge, die Vigognette, den schmiegsamen indischen Kaschmir oder den Alpacca, einfarbig, ferner die Limousine, diese fein gestreift, mehr liniirt, weiß und ziegelroth, weiß und marineblau ze.

Folgendes würde ein hübscher Reiseanzug für ein junges Maͤdchen oder eine junge Frau sein. Kleid aus Vigognette in Korkfarbe mit fein plissirtem Rock und ebenso plissirtem Leibchen, das an eine eckige Schulter passe aus brauner Seide gesetzt. Dazu eine Toque aus korbfarbenem Stroh, geziert mit einem braunseidenen Gewinde nebst einem kleinen Strauß rother Mohnblumen und umhüllt mit einer Schleier-Echarpe aus brauner Seidengaze. N

Ein eleganteres Genre wird durch eine Toilette aus grauer, mit rothen Erbsen brochirter Serge repräsentirt. Der Rock, unten mit zwei Aufnähern versehen, ist mit einer großen Polonaise bedeckt, welche in der Achselnaht eingekräuselt, vorn in schraͤger Richtung schließt. Dieselbe, leicht drapirt, läßt durch die Draperien ein rothes Foulardfutter zum Vorschein kommen. Ein Grosgrainguͤrtel mit einer Schnalle aus schwarzem Silber umschließt die Taille. Hierzu gehören ein kurzes, roth gefüttertes Mäntelchen mit Capüchon und ein Directoirehut aus grauem Stroh mit rothem Sammetfutter, einem Tuff von Schleifen aus rothem, mit grauen Erbsen brochirtem Bande und mit grauem Gazeschleier.

Und nun füge ich noch ein drittes Reisekostüm,Passepartout ge⸗ nannt, hinzu, wiewohl dieser Name sich auf jeden Reiseanzug müßte an wenden lassen. Denn derselbe soll nicht allein dem Zweck entsprechen, sondern auch noch zu verschiedenen anderen Gelegenheiten dienen, z. B. zu Ercursionen, Morgenpromenaden ꝛc. ze. Man müßte schon einen großen Toilettenschatz mit sich führen, wenn der Reiseanzug allein für das Coupe bestimmt sein sollte. Kommen wir auf unser Modell zurück! Der Rock aus eisengrauem Kaschmir, in Quetschfalten geordnet, wird von einem Leibchen aus gleichem Stoff in Jaquetteform begleitet, das im Rücken fest anschließt, vorn jedoch lose und ohne Abnäher ist. Dasselbe, mit Seide gefuttert, mit umgeschlagenem Kragen versehen und mit einem Knopf am Halse geschlossen, offnet sich über einer Weste aus weißem Basin mit flachen Goldknoͤpfen. Man kann auch an Stelle derselben eine schwarze Sammetweste wahlen. Dieses Kostüm wird vervollständigt durch eine Toque mit chiffonnirtem Fond aus grauem, schwarz brochirtem Foulart und mit grauem Strohrand nebst zwei schwarzen Messerfedern, und durch einen Staubmantelvonne femme aus grauem Kaschmir, welcher an ein Schulterstück aus schwarzem Sammet gekräuselt.

Der Reisehandschuh muß weit und bequem sein, ohne Knöpfe, aus

festem schwedischen Leder oder aus Seidentricot. Man zieht diese Hand. schuhe gern über die Aermel. Als modernste Fußbekleidung gilt der Stiefel aus grau und schwarz karrirtem Stoff, aus grauem Leinen, aus schwarzem, gelben oder grünem Leder. Auch der halbhohe Schuh aus den gleichen Materialien wird gern getragen.

Von allen Seiten sieht man die Blousenformen erscheinen. Dieser Schnitt ist der leichteste und bequemste für die einfachen Sommertoiletten. Der Foulard nimmt sich sehr hübsch dazu aus; er bedarf keiner Garnirung, und ein Steppsaum genügt an Stelle derselben. Ein runder Grosgrain⸗ gürtel oder ein solcher, welcher vorn zu einer Schnebbe niedergezogen, 8 die Falten der Blouse zusammen. Man kann mit letztererin der

aille ohne weitere Umhüllung ausgehen, aber ich mache darauf auf merksam, daß die Blouse sich nicht für starke Figuren eignet. Wie denn überhaupt zu merken ist: nicht weil eine Sache in der Mode ist, muß man sie tragen; nein, man prüfe, ob sie Einem steht. Und in gleicher Weise sollte man mit den Farben verfahren. Nicht die augenblicklich von der Mode 1 man für sich zu wählen, sondern diejenigen, welche am huͤbschesten kleiden. Der Geschmack läßt keine anderen zu.

Selten wohl variirten die Kleider mehr als in dieser Saison, und diese Varianten sind um so 7 zu bewundern, als sie auf Einfachheit beruhen. So werden Kleider gefertigt mit vague fallendem Rock, um den Saum garnirt mit einer ausgezähnten Rüsche; das Leibchen, von den Achseln an vorn drapirt, verliert sich innerhalb des Rockes und wird von dem breiten Consulatgürtel umspannt. Derartige Toiletten sind großtentheils nach denjenigen kopirt, welche Ende vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts getragen wurden. Dann giebt es andere einfache Röcke, sehr einfach, gerade gefaltet, oder unterhalb der Taille in elf bis dreizehn krausen Puffenreihen gezogen, die dann ausspringen. Diese Röcke werden durch das Jerseyleibchen und das Jaquette mit geraden, vorn geöffneten und von langen Revers eingerahmten Vordertheilen aus Flanell oder leichtem Sommertuch vervollständigt.

Nichts Bequemeres und Praktischeres als die Jerseyleibchen, welche man selbst nach einem guten Schnitt herstellen kann! Wie hübsch sieht ein solches Leibchen in Weiß aus, mit kleinem, zugespitztem, roth und weiß gestreiftem Plastron! Das Leibchen schließt im Rücken und um das⸗ e schmiegt sich das kleine JaquetteMaria aus weiß und roth ge⸗ treiftem Flanell. Ein weiß und blau gestreiftes Jerseyleibchen mit einfarbig blauem Plastron, auf welches ein weißer Anker gestickt, wirkt nicht minder hübsch. Es ist mit blauseidenen Aermeln ausgestattet, damit man das Jaquette leichter überziehen kann.

Am Meeresstrande sind die Kostüme aus englischem Flanell, in matt; bunten Farben fein gestreift, sehr beliebt. Sie werden mit einfach drapirtem Rock, anschließendem Leibchen und übereinstimmendem Jaquette hergestellt und gelten für sehr comme il faut. f

Auch das Costüm aus rahmgelbem Kaschmir und aus schwefelweißem Flanell wird vielfach am Strande getragen. Man fertigt es gern mit krausgezogenem und gekreuztem Leibchen, welches mit dem Rock durch eine Schaͤrpe aus weiß und blau oder weiß und roth gestreiftem Wollen oder Seidenstoff verbunden ist. Der Rock ist vorn plissürt, hinten kraus gezogen; er entbehrt der Tunika. Diese sehr jugendliche Form ist grazids; doch muß sie in ihrer Machart wohlgelungen sein.

Die Toilette aus rothem Foulard genießt in den Bädern große Er folge. In Heiligendamm sah ich eine solche in reizendem Geschmack. Der Rock war am unteren Rande mit einem 25 em hohen Volant aus roh gelber, bretagnischer Spitze garnirt: aus diesem hübschen, mit Glanzfäden flach bestickten Tuͤll, welcher wieder in der Mode erscheint und mehr als jemals Beifall gewinnt. Eine schmalere, gleiche Spitze zierte die 1. legere und anmuthige Weise drapirte Tunika. Denn der Foulard i zu leicht und leiht sich nicht zu den einfachen und geraden Linien. Das Leibchen, welches unter den Rock gezogen(ein Verfahren, das man neuerdings vielfach anwendet), war an eine Passe aus gesticktem 1 2 tüll mit rohgelber Seidenunterlage gekräuselt. Die Aermel, an den Achseln leicht gebauscht, setzten sich, fein plissirt, bis unter den Ellbogen fort und schlossen mit einer kleinen Schleife ab. Bemerkenswerth war das Ar⸗ rangement des breiten Bandgürtels; derselbe schlang sich zweimal rings um, zuerst um die Taille, dann um die Hüften; auf der linken Seite war er in eine Schleife mit langen Enden geschürzt.

Zu diesem Kostüm gehörten, lange, schwarze Handschuhe, schwarze Zwirnstrümpfe und Moliere⸗Schuhe aus schwarzem Chevreau, ferner e schwarzer Strohhut, Form Direktoire, mit rothen Blumen. Es war wohl ein etwas seltenes Ensemble, aber es hat sehr viel Chic, zumal es eine Dame trug, die es zu tragen verstand.

Eine meine Leserinnen fragt mich betreffs der Balltoilette in dem Casino eines eleganten Badeortes um Rath. Sicher weiß sie nicht, wie derartige Bälle sind, und daß man dazu keiner aparten Toilette bedarf. Man erscheint in elegantem Promenadenanzug mit Hut. Die oben be⸗ schriebene rothe Toilette würde sich vortrefflich dazu eignen.

Mehr, und mehr giebt sich die Tendenz kund, jede Uebertreibung in der Hoͤhe der Hut-Garnituren, zumal bei den kleinen Capoten zu vermeiden. Man garnirt die letzteren vielfach mit runden Schleifen, d. h. mit solchen, welche aus vier bis fünf Schlingen ohne Enden in Form eines Rades geordnet. Diese Schleifen werden auf jeder Seite angebracht, so daß sie oben in Gestalt eines Hahnenkammes herausstehen und sich begegnen. Einige Blumen ziehen sich durch die Schleifen und kommen nach vorn.

Man fertigt auch viel Capotehütchen aus krausgezogenem Tüll oder Krepp, garnirt mit einer Blumensaat oder einer Handvoll Blumen, so wunderbar schön nachgeahmt, daß man glauben mochte, sie wären frisch gepflückt, wie z. B. diese Veilchen, welche über eine einfache, kleine Capote aus schwarzem Bordürenstroh geworfen, aber mit welch raffinirter Kunstfertigkeit! Die Kinnbänder, aus ziemlich breitem, schwarzem, atlas