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müthig der Fremde.—
kamen die Verfolger still und müde zurück und der Marsch wurde fortgesetzt. Der Kapitain war in sehr schlechter Stimmung und wenn schon ohnedies sein Gesichtsausdruck wenig Einnehmendes hatte, und kaum besser war, als die wilden Verbrechergesichter vorn im Zug, so zeigte er jetzt etwas besonders Tückisches und Bösartiges. Wegen der Flucht des Sträflings hatte er Un— annehmlichkeiten, vielleicht eine längere Untersuchung zu erwarten, welche leicht auf eine ihn gefährliche Weise dirigirt werden konnte, wenn die betreffenden Autoritäten ihm nicht wohlwollten. Darum behandelte er jetzt die Gefangenen mit großer Strenge und
duldete kein lautes Wort mehr.
Es war gegen Abend. Der Zug hatte wieder Rast gemacht. Mit allen Zeichen äußerster Ermüdung saßen die Gefangenen am Wege, mit Gier die dürftigen Brocken verzehrend, die ihnen mitleidige Seele in den durchwanderten Ortschaften geschenkt hatten. Der Kapitän lag mit finsterer Miene auf einer Pferde— decke, die man für ihn auf dem Rasen ausgebreitet hatte. Rings um den Lagerplatz hatte er Posten ausgestellt in weitem Bogen und ihnen streng anbefohlen, sofort zu schießen, sobald sich etwas Verdächtiges rege. Jetzt war dies aber eine ganz überflüssige Vorsicht, das wußte der Kapitain wohl, aber es war ihm eine Befriedigung, seine Soldaten durch verschärften Dienst noch etwas mehr als bisher anzustrengen. Warum waren sie heute nicht aufmerksamer gewesen! Warum schossen sie so schlecht!
Ju der Ferne gegen Osten erhob sich eine leichte Staub— wolke. Gespannt blickte der Kapitän nach dieser etwas un— gewöhnlichen Erscheinung. Sie kam rasch näher und bald wurde ein leichter uralischer Reisewagen sichtbar, mit einem Pferde be— spannt. Ein ältlicher Mann saß darin und lenkte selbst das Pferd. Seine Reisekleidung war von städtischem Schnitt, schien aber durch eine lange Fahrt ihre Frische schon längst verloren zu haben. Sein gutmüthiges Gesicht trug keine Spuren von des Lebens Noth und Sorge, seiner ganzen Erscheinung nach war er ein wohlhabender Kaufmann, der seine Geschäfte zur Zufriedenheit erledigt hatte. Mitleidig sah er auf die Gefangenen, auf die unglücklichen Weiber und Kinder herab, indem er ihnen im Vorüberfahren nach sibirischer Sitte etnige Hände voll Kupfermünzen zuwarf. Gierig suchten diese die willkommene Spende im Fluge zu erhaschen oder im Sande aufzulesen. Die ferner Sitzenden eilten herbei, es entstand ein schreckliches Ge— tümmel, Stoßen, Schreien, Kindergeschrei. Nachdem sich der Knäuel entwirrt hatte, nahm ein Unteroffizier Allen das Geld wieder ab, um es dann in der nächsten Etappe an die Gefangenen zu vertheilen, jedoch nicht, ohne daß ein Löwenantheil in den Händen der Soldaten geblieben wäre.
Zornig über diese Störung war der Kapitän aufgesprungen und rief dem Reisenden zu:
„Macht, daß Ihr weiter kommt. Was untersteht Ihr Euch, mir die ganze Bande in Unordnung zu bringen!“
„Nehmen Sie's nicht übel, Herr Kapitän,“ erwiderte gut— „Ich bin froh, daß ich bis jetzt meine Reise glücklich zurückgelegt habe, und gönnte daher den armen Teufeln auch eine kleine Freude. Aber da Sie gerade Rast halten, darf ich Ihnen vielleicht einen Schluck echten Cognac anbieten?“
Der Kapitän war besänftigt durch das höfliche Wesen des Fremden und nahm das Anerbieten gerne an. Der Fremde fuhr bis zum Ende des Zugs und ließ dort seinen Wagen stehen, nicht weit von der Stelle, wo der Kapitän lagerte. Dann brachte er eine Reiseflasche zum Vorschein, aus welcher er ein kleines Glas füllte und dem Kapitän anbot. Dieser leerte es auf einen Zug und gab es dem Fremden mit einem etwas weniger finstern Blick zurück, welcher nun seinerseits dasselbe Kunststück wieder— holte. Damit war allen Vorschriften der Etiquette genügt, die Beiden nahmen Platz auf dem Rasen und setzten die unvermeid— lichen Papiercigarren in Brand.
„Eine sonderbare Art zu reisen,“ sagte der Kapitän,„so ganz allein ohne Kutscher mit einem kleinen einspännigen Wagen! Wie kommen Sie denn dazu?“ g
„Es ist auch das erste Mal, daß ich so reise,“ erwiderte der Fremde.„Aber ich sah mich fast dazu gezwungen. Ich komme von Tobolsk und möchte gern bald nach Moskau kommen, wo ich erwartet werde. Mehrere hundert Werst weit fuhr ich mit
neuen Paß. Aber jetzt habe ich wieder einen neuen Scheljabow,
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Postpferden. Aber fast auf jeder Station hatte ich Aufenthalt, weil keine Pferde vorhanden waren, und mußte oft Tage lang warten, bis wieder einige von einer Fahrt zurückkamen. Als ich den Ural überschritten hatte, kaufte ich mir selbst ein Pferd und diesen leichten Wagen, um damit die wenigen hundert Werst bequemer zurückzulegen, die mir noch bis zur Wolga bleiben. Zuweilen bekam ich auf einer Station Postpferde, dann fuhr ich mit diesen und dem Postillon und band mein eigenes Pferd hinten an die Kutsche. Gab es keine, so fuhr ich mit meinem eigenen Pferd bis zur nächsten Station, um dort mein Glück zu versuchen.“
„Nicht übel ausgedacht,“ erwiderte der Kapitän,„und sind Sie zufrieden mit dieser Art zu reisen?“
„Sehr zufrieden!“ sagte der Fremde.„Morgen hoffe ich Kasan zu erreichen und von dort bin ich mit dem Dampfer in wenigen Tagen in Nischny, wo ich die Eisenbahn besteige. Ich habe jetzt für eine Weile genug von Euerm Sibirien.“
Dem Kapitän kam plötzlich ein teuflischer Gedanke.
„Haben Sie Verwandte oder Bekannte in Kasan?“ fragte er lauernd.
„Nein, dort kenne ich Niemanden.“
„Sonderbare Vergnügungsreise! Oder sind Sie etwa in Tobolsk zu Hause?“
„Nein, ich bin Kaufmann und reiste in Geschäften dahin,“ erwiderte der Fremde etwas ausweichend.
Der Offizier hatte erfahren, was er wissen wollte. Plötzlich fragte er in ganz verändertem, barschen Tone mit finsterm Gesicht:
„Habt Ihr auch einen Paß? Zeigt her!“
Verwundert und etwas beunruhigt reichte der Fremde seinen Paß dem Offizier. Doch dieser warf kaum einen Blick darauf, faltete ihn zusammen, steckte ihn in die Tasche und schrie:
„Was, ein Kaufmann wollt Ihr sein? Das kennen wir. Ihr seid ein entlaufener Sträfling, Einer von dem Nihilisten— pack. Marsch mit Euch zur nächsten Etappe!“
„Wie könnt Ihr es wagen, so mit mir zu sprechen,“ rief der Fremde aufspringend.„Gebt meinen Paß heraus, Ihr habt kein Recht, ihn zurückzubehalten, oder ich werde Euch zu finden wissen, sobald ich nach Kasan komme.“
„Was! Drohen will der Kerl? Heda, Leute, nehmt ihn fest, bindet ihn! Solches Volk hat immer eiuen richtigen Paß!“
Ein Dutzend Soldaten sprang herbei. Im Augenblick war der Fremde ergriffen. Auf Befehl des Offiziers riß man ihm die Oberkleider ab, warf ihm einen Soldatenmantel um und band ihm die Hände auf den Rücken. Ebenso schnell, wie seine Taschen, wurde auch der Wagen ausgeleert. Es fand sich außer verschiedenen Gegenständen für die Reise, Flaschen, Cigarren, einigen Kleidern, nichts Besonderes vor. Das Pferd ließ der Kapitän an sein Fuhrwerk anbinden und den Wagen des Frem⸗ den auf das Feld fahren, abseits vom Wege, wo man ihn stehen ließ.
Das Signal zum Aufbruch wurde gegeben. Der Kapitän trieb zur Eile, der Fremde wurde mit Kolbenstößen in die Reihen der Sträflinge getrieben und fort ging es, dem fernen Sibirien zu.
Der Offizier war noch beim Wagen zurückgeblieben und rief seinen Feldwebel zu sich.
„Bist Du sicher, daß keiner von den Soldaten etwas bei Seite geschafft hat?“ fragte er, den Feldwebel scharf ansehend.
„Ganz sicher!“ erwiderte dieser.„Ich war immer zugegen. Es liegt hier Alles beisammen.“
„Gut!“ sagte der Kapitän, nachdem er die Brieftasche des Fremden mit beträchtlichem Inhalt, sowie einige Kleinigkeiten aus dem Eigenthum des Fremden in der Tasche geborgen hatte. Er reichte dem Feldwebel die Uhr des Fremden und fügte hinzu:
„Das ist für Dich und den Rest von dem Plunder vertheile an die Leute.“
„Siehst Du, Petrow,“ fuhr der Kapitän fort im Weiter⸗ schreiten,„das ist ein ganz vortrefflicher Spaß! Wirklich fein ausgedacht! Ha! ha! ha! Scheljabow, die Kanaille, ist uns entlaufen und ich glaube nicht, daß er sobald wieder erwischt werden wird und dann jedenfalls nicht unter dem Namen Schel— jabow. So ein Erzhalunke verschafft sich immer wieder einen
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