Ausgabe 
1.1.1888
 
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mit einem Verdächtigen gesprochen oder weil ein Feind ihn als gefährlich, als Nihilisten denunzirt hatte. Es gingen in manchen Jahren weit über 10 000 Verdächtigeauf administrativem Wege nach Sibirien; eigentlich eine geringe Anzahl, denn wer ist denn in Rußland nicht verdächtig?

Auch unter den weiblichen Straͤflingen finden sich solcheVer⸗ dächtige, oft sehr gebildete Mädchen, Töchter hochgestellter Eltern. Unglaublich schwer ist es für solche, wenn sie einmal des Nihilis

mus verdächtigt und unter Aufsicht der Polizei gerathen sind,

sich wieder zu befreien, denn zehnfach gefährlich wird ihnen die Willkür unkontrolirter Beamter.

Am meisten Sympathie verdienen wohl jene beklagenswerthen Weiber, welche keinen Gebrauch machen von dem Rechte, ihre Ehe mit einem Verschickten, also einem bürgerlich Todten, zu lösen, sondern ihm freiwillig in die Verbannung folgen, um ihren Kindern den Vater zu erhalten.

Stunden vergingen. Lautlos schleppte der Zug sich hin, dem fernen Ural-Gebirge zu, und zog sich mehr und mehr in die Länge, da die Schwächeren mit jeder Minute der Ermüdung weniger Widerstand leisten konnten und anfingen, zurückzubleiben,

trotz rauhen Antreibens durch die Soldaten. Endlich wurde das

Signal zum Halten gegeben.

Der Zug löste sich in Gruppen auf, welche da und dort am Wege Platz nahmen, um die karge Ruhefrist auszunützen. Es war ein öder Landstrich. Der Lagerplatz lag auf einer kleinen Bodenerhöhung. Nach rechts lag ein kleines Stück Buschland, hinter dem in der Ferne die Kuppel einer Dorfkirche sichtbar wurde. Links vom Wege senkte sich das Gelände langsam nach einer Art von tiefer Furche hin, in dessen Grund ein kleiner Bach floß, der aber jetzt fast wasserlos war.

Der Offizier ließ seine Mannschaft gleichfalls sich zum Aus ruhen niedersetzen, nachdem er zwei Wachtposten vorwärts und rückwärts auf dem Wege ausgestellt hatte. Die übrigen Soldaten hielten ihre Gewehre zur Hand. Weitere Vorsichtsmaßregeln schienen überflüssig, denn an Widerstand oder auch nur Ungehorsam war nicht zu denken, da die meisten Männer durch ihre Ketten gesichert waren. Es war auch seit Menschengedenken nichts der Art auf dem Marsche vorgekommen.

Einige Schritte abseits vom Wege saßen zwei Männer, an-

scheinend stumm und theilnahmslos in's Weite blickend. Feodor, sagte der Eine mit leiser Stimme, ohne den Andern anzusehen,ich denke, jetzt ist's Zeit! Entschließt Euch rasch! Noch kann ich nicht, Wassil, sagte der Andere, ein schmäch tiger, junger Mann, der augenscheinlich sehr erschöpft und, nach

seinem leidenden Gesichtsausdruck zu schließen, der Verzweiflung

näher, als der Hoffnung war.Ich würde wohl nicht weit kommen, ich bin zu sehr ermüdet.

Es thut mir leid um Euch, erwiderte der Erste, eine gedrungene Gestalt mittlerer Größe, von noch ungebeugter, kräf tiger Haltung.Ich hätte Euch gerne geholfen. Könnt Ihr drei Werst weit laufen, ohne anzuhalten, so kann es vielleicht reichen.

Unmöglich! Mit den Ketten an Händen und Füßen?

So meine ich's nicht! Die Ketten müssen fort. Ihr wißt, ich mache nicht zum ersten Mal den großen Spaziergang. Ich kam schon einmal aus Nertschinsk zurück bis nach Moskau, wo ich fast zwei Jahre lebte, bis ein guter Freund mich verrieth... Na! Ich werde ihn wieder besuchen! Er wird sich freuen! murmelte er mit wildem Blick.Wir alten Sibirier, fuhr er fort,haben unsere Zeichen und so fand ich in einer der letzten Etappen eine Feile versteckt. Ich habe fleißig damit ge arbeitet, das könnt Ihr Euch denken, und in vergangener Nacht bin ich soweit fertig geworden, daß ich mit einem guten Ruck die Dinger wohl los werden kann.

Er schwieg, und warf einen flüchtigen Blick ringsum, dann nach dem Ort, wo der Offizier lagerte. Dann fuhr er leise fort:

Ihr thut mir leid, ich möchte Euch gerne helfen. Ihr seid nicht unser Einer, und habt Euch doch nie hochmüthig benommen. Hort mich an. Ich gebe Euch die Feile, wollt Ihr mit mir fliehen, und zu Zweien macht sichs leichter, so warte ich noch eine Nacht, bis Ihr auch Eure Kette durchfeilt habt. Länger kann ich aber nicht warten, denn ich muß befürchten, daß man

meine Arbeit entdeckt. Ueberdies, wer weiß, ob wir nicht schon von der nächsten Etappe ab Kosaken zur Begleitung erhalten! Dann ist's schlimm.

Ich kann nicht, es ist nicht möglich, erwiderte der junge Mann schmerzlich,ich komme nicht durch. Geht mit Gott. Ich danke Euch!

Nun, wie Ihr meint. Aber jetzt zieht Euch ein wenig zu den Andern hin, damit Ihr nicht in den Verdacht kommt, mir geholfen zu haben. Wir haben ohnedies schon zu lange mit ein⸗ ander gesprochen..

Der junge Mann befolgte diesen Rath und schloß sich mehr an die zunächst sitzende Gruppe. Es waren drei Verbrecher von bösartigem Aussehen, denen wohl das Schlimmste zuzutrauen war. Sie empfingen den jungen Mann mit Spottreden.

Nun, Euer Woblgeboren, fragte der Eine mit heiserem Lachen,wie gefällt Ihnen die Parthie? Etwas lang dauert der Spaziergang wohl, aber daraus muß man sich nichts machen. Das längere Ende kommt später, jenseits der Berge!

Dabei nickte er mit dem Kopf gegen Osten hin, wo ein schwacher blauer Streifen am Horizont das Ural-Gebirge an deutete. 5

Haben Sie sich auch genügend mit Glacehandschuhen ver sehen? Die Zwangsarbeit macht die Patschchen zuweilen etwas rauh, bemerkte ein Anderer. a

Der junge Mann erwiderte unmuthig, man solle ihn in Ruhe lassen, er habe die kurze Rastzeit sehr nöthig. Er war in großer Spannung, und blickte mehrmals verstohlen nach seinem vorigen Genossen hinüber.

Dieser lag noch immer an derselben Stelle, anscheinend ganz ruhig, aber sein bleiches Gesicht verrieh seine innerliche Auf⸗ regung. Er hatte wie unbewußt einen Feldstein ergriffen, der in der Nähe gelegen hatte, warf ihn dann scheinbar achtlos bei Seite, jedoch so, daß er ihn mit einem Griff erreichen konnte, und lag dann wieder unbeweglich.

Jetzt wurde das Signal zum Sammeln gegeben. Der Weiter- marsch sollte beginnen. Alle erhoben sich, meist langsam, zögernd und mit sichtlichem Bedauern. Der junge Mann blickte nach Wassil hinüber und sah, wie dieser sich langsam aufrichtete, bis er saß, dann sich bekreuzigte, lanasam nach dem Feldstein zu 0

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seiner Rechten griff und dann plötzlich mit zwei raschen Schlägen die Fesseln an seinen Füßen zerschlug, daß sie mit leisem Klirren N auf die weiche Erde fielen. Rasch schnellte er in die Höhe und lief mit gewaltigen Sätzen hinab dem Bache zu. Einer der Sol daten lief ihm in den Weg, um ihn aufzuhalten. Aber er warf diesem den Feldstein gegen den Kopf, daß er taumelnd den Weg freigab und sein Gewehr fallen ließ, und setzte seine Flucht mit verdoppelter Eile fort.

Das Alles ging so blitzschnell vor sich, daß nur Wenige etwas davon bemerkten. Ein Schuß fiel, dann noch einer, aber der Flüchtling hatte bereits die Uferbank des Bachs erreicht und hinter derselben Deckung gefunden. Jetzt wurde der Kapitain aufmerksam und nachdem er Meldung empfangen hatte, sandte er sechs Mann zur Verfolgung aus und befahl, daß sofort alle Ge fangenen sich niederlegen sollten, mit der Drohung, daß Jeder erschossen werde, der sich aufzurichten wage.

Doch bevor die Verfolger den Bach erreichten, hatte der Flüchtling schon das jenseitige Ufer erstiegen, nachdem er zuvor eine ziemliche Strecke ungesehen in dem Bache selbst, vom hohen Ufer verdeckt, zurückgelegt hatte und dann plötzlich wieder gang unerwartet weiterhin sichtbar wurde. Hastig wurden einige Schüsse in der neuen Richtung abgegeben, aber, wie voraus- zusehen, erfolglos. Das Schießen mußte eingestellt werden, der Verfolger wegen, welche mit Gewehr und Tornister schwerfällig auf dem unebenen Boden dahinkeuchten. Der Flüchtling hatte bereits zu großen Vorsprung, in ziemlicher Entfernung wandte er sich nochmals um, nahm grüßend die Mütze ab und entschwand rasch den Blicken der Zurückgebliebenen. 4

Die Sträflinge beobachteten theilweise mit Spannung diesen Zwischenfall, doch die Meisten waren schon zu sehr niedergedrückt, um sich noch für etwas Anderes zu interessiren, als für die will⸗ kommene Verlängerung ihrer Ruhepause. 2

Der Kapitän tobte und schimpfte auf die schlechten Schützen und schäumte vor Wuth. Nach mehr als einer halben Stunde

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