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29.5.1887
 
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schweren Bedrücktheit, die da folgten; Tage, in denen es so be⸗ fangen und still herging, als stünde das Haus vor strengstem Gericht.

Und doch war nichts geschehen, als nur, daß ein Kind seine wunde Seele entblößt hatte, daß ein gequältes, unterdrücktes, kleines Menschenherz einen anklagenden Aufschrei ausgestoßen, der wie ein Pfeil traf und Wiederhall fand in den Herzen derjenigen, die sich für das Leid der Menschheit ein Empfinden bewahrt hatten.

Der wilde Ausbruch des Kindes hatte zuerst erstarrend auf die versammelten Insassen der Anstalt und deren Gäste gewirkt. Des kleinen Geschöpfchens abgerissene, fast athemlos geschriene Worte waren wie glühender Zunder unter sie gefallen, und als das todt⸗ bleiche schwankende Kind, nachdem es geendet, unter krampfhaftem Husten und leicht mit Blut gefleckter Lippe zusammengebrochen war, da hatte sich die Gestalt eines gänzlich Fremden die des Knaben Arnold richtend, verbietend, vor sie gestellt, und die Annäherung der dem Institut Gehörigen mit blitzenden Augen und drohender Haltung abgesperrt.

Rührt sie nicht an!

Und vor der bedrohlichen Entschlossenheit in des Burschen ehr lichem Antlitz wichen die Andern zurück.

Er hob das zuckende Kind auf und trug es, von der ernst⸗ blickenden Lehrerin und der weinenden Hulda geführt, in den Schlaf- saal und legte es still auf eins der Betten nieder.

Man hatte die erregten Worte, die der Freund des kranken Kindes in ehrlicher Entrüstung gerufen, seinem Schmerz um die Kleine zu Gute gehalten, und sich nicht dagegen aufgelehnt, das Kind, sobald es eben anging, von der Plätterin, der Mutter Arnold's, in Pflege nehmen zu lassen.

Aber es dauerte lange, bevor es möglich war, sie zu entfernen. Das Kind lag bleich und apathisch in seinem Bettchen und schien aus einem Halbschlummer in den andern zu verfallen. Wie ein innerlich gebrochenes Reis hing der bleiche Kopf mit den dunklen Haarmassen zurückgeworfen in den Kissen, und der heiße Mund, der sich einmal zu strömender leidenschaftlicher Rede geöffnet hatte, lag stumm und still da, und gab keinerlei Zeichen inneren Lebens.

Und endlich, endlich kam ein Tag, an dem das Kindchen hinaus durfte. Die Zöglinge, welche nach dem Exeigniß am Weihnachts- abend zu dem leidenden Kinde ein Herz gefaßt hatten, umstanden das Thor und riefen ihr Abschiedsworte nach. Die kleine Lehrerin hielt ihren Kopf mit den Händen umfaßt. In ihren ernsten Augen lag ein tiefempfundenes Wehgefühl und eine sanfte Abbitte. Hulda weinte laut auf.

Und so zogen die zwei Menschen, die dem Kinde die besten Freunde waren, mit ihr hinaus.

Hinter dem blassen Geschöpfchen fiel das Thor in's Schloß. Nora fuhr bei dem lauten Klick, den es gab, nervös zusammen. Und der Heimweg war von einer hellen Sonne beleuchtet, eine Sonne, die den Dreien Hoffnung in's Herz legte, Hoffnung auf Genesung für das seelenkranke, zartbesaitete Kind.

Glaubst Du, daß sie wieder gesund wird, Mutter?

Vor dem flackernden Kaminfeuer in ihrer Stube sitzend, legte die stille Frau ihre hartgearbeitete Hand auf die des Sohnes und seufzte tief.Ich weiß nicht, Kind, als ich sie sah, gab ich die Hoffnung auf. Das Kind ist krank, ihre zarte Seele hat solch' herbe Stöße nicht vertragen können. Wir wollen sehen, ob's der Frühling thut!

Und der Frühling kam. Mutter und Sohn schoben das Eisenbettchen an's Fenster und schüttelten die Kissen unter dem Köpfchen hoch.

Wie bleich waren die Wangen! Wie weiß das schmale Gesicht! Die kleine enge Brust hatte sich wund gehustet und Nora lag er mattet und still in den Kissen und sah hoffenden Auges in den knospenden Tag.

Das Frühjahr! O wie schön die Welt war! Nichts mehr von welken Blättern, nichts von stürmendem Wind! Und überall hatten die zwitschernden Vögel ihren Platz, und auf allen Dingen in der Natur lag die rothgoldene Sonne.

In das Antlitz des lächelnden Kindes war Frieden und Ruhe gezogen. Nach bösen Tagen endlich ein langer schöner Tag ein Tag, wie das Kind sie früher gekannt hatte damals im anderen Frühling, bevor die rothbraunen Herbstblätter alles Gute von der kalten Erde gefegt hatten, bevor der große Jammer für sie begann!

Sie mußte jetzt wieder daran denken, und der Arzt hatte doch

verboten, daß sie daran denke, und die Plätttisch rief sie auch immerfort an, dan.

Die liebe gute Frau! Nora streckte ih. r gegen und rief sie leise an. a

Warum sind Sie gut zu mir? Warum haben Sie mich zu sich geholt? 0

Die kleine Hand wurde warm umfaßt und gehalten..

Weißt Du nicht? Wegen des kleinen Mädchens, das wir kurze Zeit nur hatten, und das draußen vor'm Thor unter der Jasmin⸗ hecke schläft! Das Kind nickte.

Ja ich weiß! Erzählen Sie mir von ihr!

Und die gute Frau erzählte die alte Geschichte zum zehnten Male, immer wieder und wieder, immer mit gleicher Geduld, und als das Kind eine Menge Fragen zu richten begann, hieß die Frau sie schweigen:

Du weißt doch, was der Arzt gesagt hübsch ruhig bleiben!

Der Arzt! Ja doch, Sie erinnerte sich, daß er heute länger als sonst mit der Frau gesprochen hatte, und daß die Gute gleich darauf so sehr lieb zu ihr gewesen war.

Und Arnold hatte ihr eine weiße Nelke gebracht und sie ihr still zwischen die Finger gelegt.

Eine weiße Nelke! Wo hatte sie doch früher weiße Nelken ge⸗ sehen? Richtig früher im kleinen Stübchen, und an dem öden Tag, da man die schneebleiche Todte hinausgetragen Jemand hatte da einen Kranz mit weißen Nelken gebracht wer es war, das wußte sie nicht es war Alles so traumhaft damals.

Mutter Jansen, mir ist kalt ich ich möchte schlafen!

Nora wußte nicht genau, ob es Arnold war oder seine Mutter, die sie so sorglich zudeckte, oder ob sie sich beide über sie gebeugt hatten.

So muͤde, sagte sie leise und dann sank ihr Köpfchen zur Seite.Mutter, Mutter!

Wie seltsam, daß sie einen Augenblick dachte er Arnold habe es gerufen, und der Ton klang so rauh so anders als das Zwitschern, das doch immer um sie her ertönte immer näher und näher, bis an's Fenster da jetzt sah sie deutlich, was es war: Die Vögelchen! O die kannte sie ja wohl das waren die Thierchen, die damals im Frühjahr auf dem Fensterbrett ge sessen und mit dem offenen Schnäbelchen gegen die Scheibe

Siehst Du sieh dort ich will öffnen ich will oh da huschen sie fort!

Mutter o Mutter!

Geh' mein Junge laß' mich! Du erschrickst sie!

Was war das? Was sagten die Menschen? Was flüsterten sie? Hatte sie etwas gethan? War es weil sie nicht stricken konnte? Weil sie nicht gleich

O bitte nicht dort sitzen nicht auf der Ecke da hörte man so deutlich das Weinen das Kind wimmerte wieder Ja ja o nicht weinen, Arnold!

In die umnachteten Sinne des Kindes trat ein Augenblick des klaren Erkennens. Sie hob ein Wenig das Köpfchen und lächelte und dann bewegte sie die Hände wie um den großen Burschen zu berühren. Ihre Stimme sank wieder herab, und ein irres Hin⸗ und Herflattern der Lippen machte die Sprache schwer und un verständlich:

Nicht immer weinen sie kommt ja siehst Du Helene und sie ist nicht fort, o nein sie kommt, dort unter dem Tannenbaum steht sie und winkt und nickt. Mach' es aus, das Licht, es brennt es tanzt hin und her und ich seh' es nicht mehr es ist fort hinausgetragen und das Stübchen ist leer kein Bett mehr nichts horch, die Thurmuhr! Eins zwei drei horch o nicht schelten, weil's spät ist es war so kalt, und der Hund bellte, und im Zimmerchen war nichts mehr gar nichts nur die Vögelchen am Fenster die gegen, die Scheibe pick, pick! So leise so still warum ist es so stillß? Ist es weil sie schlafen muß, die arme kleine Line? Gute Nacht, Line! Morgen früh komm' ich wieder und bringe die Nelken o, so weiß ist der Kranz sieh' wie weiß! Ueberall weiß auf den Dächern, auf den Bäumen und die Vöͤgel frieren ich friere! Aber das Fenster ist offen und es ist Nacht das Fenster mach es zu, liebe Frau mach es zu und komme! Komme zurück in Dein Bett es ist Dein Bett, und sie haben Dich fortgetragen fort Mutter! g

Die weinende Frau hielt das phantasirende Kind in den Armen.

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