Ausgabe 
27.3.1887
 
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dort oben arbeitete.

Gefahr drohte.

Mein ganzes Vermögen steht auf dem Spiel

Ohne ein Wort weiter zu fragen, drängte der Mann sich an mir vorbei und erkletterte die Leiter. Ich wollte schnell hinterher, denn die Gefahr wurde immer dringender, als ich in meinem zu großen Eifer auf der Hälfte des Weges ausglitt, die Leiter hinab⸗ rutschte und unten mit verrenktem Fuß lichen blieb. Nun konnte ich nicht mehr hinauf und mußte hilflos zusehen, wie der Tapfere Die Schindeln prasselten herunter wie Feuer⸗ garben und der Mensch glich in der Lohe, die ihn umwehte, in seinem zerrissenen Anzug und dem geschwärzten Gesicht eher einem Satan als einem sterblichen Menschen. Ein gut Theil der Schindeln waren gefallen und die Gefahr für das Gebäude zum Theil beseitigt, als ich hinauf schrie, er möge herabkommen, da ihm persönliche Es bedurfte meines mehrmaligen Zurufens, bevor er sich entschloß, seinen Posten zu verlassen. Aufathmend sah ich ihn sich der Leiter zuwenden, aber mochte es nun plötzliche Körper⸗ schwäche sein oder hatte der Rauch und die Hitze ihn doch betäubt, kurzum zu meinem und dem Entsetzen aller Umstehenden verfehlte er die Leiter und stürzte plötzlich von der Höhe herab in die glimmenden Schindeln zu unseren Füßen.

Wir hoben den bewußtlosen, vom Rauch und Ruß unkenntlichen Menschen auf und trugen ihn in's Haus. Er lebte noch, aber sein armer Körper schien zerschmettert zu sein. Als wir ihn behutsam auf's Bett gelegt hatten, öffnete er die geschwollenen Augenlider und rief mit leiser Stimme meinen Namen. Ich beugte mich tief bekümmert über den Unglücklichen. i

Ist die Spinnerei gerettet? fragte er hastig und wiederum kam mir die Stimme so bekannt vor. g

Ja wohl, mein Freund, sie ist Dank Deiner Anstrengung ge⸗ rettet, entgegnete ich.Aber Du, Du Armer, wie steht es mit Dir?

O, Herr, mir ist ganz wohl, ein Bischen betäubt im Kopf sonst nichts. Kennt Ihr mich denn nicht? fuhr er nach einer kleinen Pause fort. Bitte, beugt Euch noch tiefer, daß mich Niemand hört. Ich bin ja Fedor Stepanowitsch und bin so glücklich, daß ich Euch einen Dienst leisten konnte. Sie hatten mich ja wieder ergriffen und zurückgeschleppt. Wißt Ihr noch, Ihr standet vor der Thür und rieft mich bei Namen, ich that aber, als hörte ich es nicht. Man hätte Argwohn gegen Euch fassen können ich mußte Euch schützen Ihr waret so gut gegen mich.

Die Stimme des Sprechenden erstarb. Ja, jetzt erkannte ich ihn wieder den armen Flüchtling, und Thränen traten mir in die Augen, als ich ihn so zerschmettert da vor mir liegen sah. Tief bekümmert beugte ich mich zu ihm nieder. Nach einer Weile be⸗ wegten sich nochmals seine Lippen und in abgebrochenen Sätzen flüsterte er:Väterchen, nicht wahr, du hilfst mir wieder weiter? Ich bin ihnen nochmals entschlüpft befand mich gerade hier als das Feuer ausbrach bin so glücklich konnte Dir helfen Muß jetzt heim Muß mein Weib und mein Kind sehen habe Heimweh. Die Stimme brach. Noch ein unbestimmtes Murmeln, ein Strecken des abgezehrten Körpers der arme Verbannte war heimgegangen. A E.

Lose slätter.

Gastmähler und Schulden der vornehmen Römer. Der beginnende Verfall eines Staates wird in der Regel durch den sich mehr und mehr steigernden Luxus im öffentlichen wie im bürgerlichen Leben gekennzeichnet. Zu Cäsar's Zeit war die Verschwendungesucht der vornehmen Römer bereits soweit gediehen, daß sie jährlich Unsummen verwenden mußten, wenn sie mit dem Strome schwimmen wollten. Ganz besonders blübte der Luxus der Tafel. Mairobius hat uns den Speisezettel eines sogenannten Kollegien⸗ schmauses erhalten, den Mucius Lentulus Niger gab, als er Pontifex, d. i. Mitglied des obersten Priesterkollegiums zu Rom wurde. An der Mahlzeit betheiligten sich zunächst die übrigen Pontifices, darunter auch Cäsar, die vestalischen Jungfrauen und Verwandte des Gastgebers. Vor der eigent⸗ lichen Mahlzeit gab es Meerigel, frische Austern, Gienmuscheln, Lazarus⸗ klappen, Krammetsvögel mit Spargel, gemästetes Huhn, Auster⸗ und Muschel⸗ pastete, schwarze und weiße Meereicheln, dann wieder Lazarusklappen, Glykymarismuscheln, Nesselmuscheln, Feigenschnepfen und Purpurmuscheln

in zwei Sorten. Nun begann die Hauptmahlzeit. Diese bestand in Schweins⸗

brust, Schweinskopf, Fischpastete, Enten gekochten Kriechenten, Hasen, ge⸗ bratenem Geflügel, Kraftmehlbackwerk und pontischem Backwerk. Leider giebt der Speisezettel die Sorten der aufgesetzten Weine nicht an. Aber in der Regel wurde außer dem italienischen Falerner auch Sicilianer, Lesbier und

Chier gereicht. Der Weinkeller eines vornehmen Römers verschlang un⸗

geheuere Summen, da es Sitte wurde, den Reichthum besonders in fremden Weinen zu zeigen. So soll der Redner Hortensius in seinem Keller, ab⸗ gesehen von einheimischen Sorten, ein Lager von 10 000 Krügen oder un⸗ gefähr 350 000 Litern fremder Weine besessen haben. Obgleich Cäsar in früheren Zeiten mit Schulden zu kämpfen hatte, suchte er doch durch glänzende Spiele die Gunst des Volkes zu gewinnen. So veranstaltete er im Jahre 68 v. Chr. als Aedil großartige Spiele, wobei nicht weniger als 320 Gladiatoren⸗ paare auftraten. Sogar die Käfige, in denen sich die wilden Thiere be⸗ fanden, waren von massivem Silber. Aber seine Schulden waren auch, als er die Statthalterschaft über das jenseitige Spanien erhalten hatte, auf 3 320 Talente oder circa 16 Millionen deutscher Reichsmark angewachsen. Die Schuldner ließen ihn erst dann abreisen, nachdem sich der reiche Crassus für den vierten Theil dieser Schulden verbürgt hatte. Im Jahre 60 kehrte Cäsar jedoch als reicher Mann aus Spanien zurück. Als Cäsar in Rom die höchste Gewalt erlangt und seine Feinde, die Pompejaner, am 16. April 46 v. Chr. bei Tharsus in Afrika besiegt hatte, feierte er zu Rom glänzende Triumphe, berauschte seine Soldaten, wies ihnen reiche Belohnungen zu und überschüttete das Volk mit glänzenden Spielen, Festen und Geschenken. Er veranstaltete für die römischen Bürger ein großartiges Gastmahl, das in 22 000 Zimmern abgehalten wurde. In jedem dieser Zimmer wurden zwei Faß Wein, also in Summa 44000 Faß Wein aus den Kellern des Gast⸗ gebers aufgelegt. Wie groß mag dieser Weinkeller gewesen sein? Welche Unsummen mag dieses Gastmahl verschlungen haben?

Das verschwenderische Leben der Römer in jenen Zeiten und der ge⸗ 8

waltige Aufwand, den das Streberthum erforderte unterhöhlten auch den festgegründeten Woblstand, und viele Vornehme lebten nur von der Gnade ihrer Gläubiger. So hatte Marcus Antonius in seinem 24. Lebensfahre 1380 000 Mark, in seinem 38. Jahre aber 9 Mill. Mark Schulden, Curio seufzte unter einer Schuldenlast von 13 500 000 Mark und Milo sogar unter einer solchen von 16 500 000 Mark. 1 2

Vergessene Gebräuche. Im Landgebiete der Stadt Hamburg es früher manche originelle Volkssitte, die von den Bauern strenge befolgt wurde, bis sie unter dem Einflusse der Alles nivellirenden Gegenwart der Vergessenheit anheimfiel. Die Jungfrauen trugen z. B. ihr Haar in zwei langen Flechten, die nicht selten über den Rücken fast bis auf die Füße herabhingen. Am Hochzeitstage durften sich die Bräute zum letzten Male in diesem Ehrenschmucke zeigen; gegen Mitternacht, wenn der Festjubel seinen Höhepunkt erreicht hatte, entführten die unter den Gästen anwesenden Matronen dem jungen Ehemanne sein Weib, nahmen ihr die Brautkrone vom Haupte und schnitten ihr die langen schönen Flechten ab, um sie dann, mit der Frauenhaube geschmückt, dem Gatten wieder zurückzubringen. Das Abschneiden des Haars war natürlich den jungen Mädchen und Frauen ein recht verhaßter Brauch, wohl nur wenige Schönen opferten in der Hochzeitsnacht mit frohem Herzen ihre Zöpfe auf dem Altare Hymen's und es machte sich schließlich von Seiten der weiblichen Bevölkerung eine so lebhafte Opposition gegen diese Sitte geltend, daß dieselbe eine Einschränkung erfuhr. Fortan blieben die jungen verheiratheten Frauen im Besitze ihrer Zöpfe, doch durften sie dieselben nicht lang herabhängen lassen. Ein anderer Brauch, der in vielen Geestdörfern herrschte, estand darin, daß den Dienstboten vom Maitag bis Bartholomäi(24. August) regelmäßig ein Stück roher Speck zum Abendessen verabreicht werden mußte. Während der Roggenernte bildeten große Bohnen den Hauptbestandtheil der Abend⸗ mahlzeit und an dem Tage, wo der Dienstherr mit seiner Familie und dem Gesinde zur heiligen Kommunion ging, durfte Mittags Hühnersuppe auf dem Tische nicht fehlen. Am Osterheiligabend gab es regelmäßig frisch gekochte Eier. Nach beendigter Mahlzeit trieben dann die Knechte zum Vergnügen für Jung und Alt einen eigenthümlichen Sport, indem sie sich auf der Dorfstraße versammelten und dort lustig mit ihren Peitschen knallten, wobei einer den andern durch besonders geschicktes und künstliches Knallen zu übertreffen suchte. 25 H. W.

Die älteste Gesundheitsregel. Wenn man alle Gesundheitsregeln, die seit den ältesten Zeiten bei den verschiedenen Kulturvölkern in Geltung waren und zum Theil noch heute befolgt werden, zusammenstellen wollte, so würde ein ziemlich umfangreiches Buch damit gefüllt werden können. Die meisten dieser Vorschriften und Gebräuche erwiesen sich indessen nicht als heilsam für die menschliche Gesundheit und sind daher wieder in Vergessenheit gerathen oder durch bessere Erfahrungen abgeändert worden. Es sei nur beispiels⸗ weise an die Jahrhunderte hindurch geltende 17 105 erinnert, die vorschreibt, daß man nach dem Einnehmen einer Hauptmah vornehmen solle, während man in der neueren Zeit gefunden hat, daß es besser ist, nach dem Essen etwas zu ruhen, damit die Arbeit der Verdauungs⸗ organe nicht gestört werde. Die älteste, beste und unentbehrlichste Gesundheits⸗ regel hat den größten Arzt der Welt, den Schöpfer des Himmels und der Erde selbst zum Urheber; sie lautet:Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod essen! ö H. Z.

Zur Charakteristik der Rococozeit in Frankreich. Der Marquis von Poganue, ein Diplomat, welcher die ausgebreitetsten Bekanntschaften hatte, traf einst an der Tafel des Grafen von Maurepas, der damals allmächtiger Premierminister Frankreichs war, einen jungen Offizier an, welcher zum Hause zu gehören schien, und wunderte sich, daß er ihn nicht kenne. Desto schlimmer für sie, entgegnete der offenherzige Wirth,denn dies ist der wichtigste Mann, der jetzt in Frankreich existirt. Er ist der Verehrer meiner Cousine, die er beheirscht; meine Cousine beherrscht meine Frau, diese mich und ich herrsche über ganz Frankreich. Th. B.

zeit eine mäßige Bewegung