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Während die Gestalt es nun mit der größten Anstrengung ver⸗ suchte, die Fensteröffnung noch zu erweitern, warf ich den Stock von mir, mit dem ich mich bewaffnet hatte, schlich geräuschlos näher und mit einem plötzlichen Sprung hatte ich die Erscheinung umfaßt.
Die arme Kreatur wehrte sich, so gut sie es vermochte, gegen meine
kräftige Umschlingung, aber in Zeit von einer Minute lag der unheimliche? Eindringling am Boden und starrte mir mit flehenden Augen ins Gesicht.
„So, mein Lieber,“ sagte ich auf russisch,„jetzt wollen wir doch erst einmal sehen, wer Du bist und wer Dir das Recht giebt, in unser Haus zu dringen. Wenn mich nicht alles täuscht, mein Freund, so wirst Du morgen Gelegenheit haben, nähere Bekannt⸗ schaft mit der Ortspolizei zu machen.“
Bei dem Wort Polizei durchfuhr ein heftiges Zittern den ab⸗ gezehrten Körper und mein Gefangener bot seine ganze Kraft nochmals auf, um sich zu befreien. Bis dahin hatte er noch kaum einen Laut von sich gegeben, aber als er jetzt die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen einsah, stammelte er mit heiserer Stimme:
„O bitte, haben Sie Erbarmen mit mir, ich will auch ruhig meiner Wege gehen, aber nicht der Polizei übergeben— nicht der Polizei. Ich bin ja kein Dieb— bin nur am Verhungern und wollte mir etwas Essen holen— lassen Sie mich gehen—“
„Warum kamst Du denn nicht an die Thür, wie es jeder ehr⸗ liche Mensch thut, und batest um Brot?“
Die Jammergestalt schwieg. Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß ich am Ende einen entflohenen Sträfling vor mir hätte und ich sagte es meinem Gefangenen auf den Kopf zu. Anstatt mir nun eine Antwort darauf zu geben, starrten mich die brennenden Augen nur noch flehentlicher an. Nun war ich mir wohl bewußt, welch hohe Strafen das russische Gesetz vorschrieb für diejenigen, welche einem entsprungenen Sträfling nur die geringste Unterstützung angedeihen lassen, aber obgleich ich niemals eine von den weichlichen Naturen war, so schlug mir doch ein warmes Herz in der Brust, und dem Blick dieser flehenden Augen konnte ich nicht gut widerstehen.
Ich hatte meinen Entschluß gefaßt. Anstatt weitere Worte zu machen, ließ ich meinen Gefangenen sich vom Boden erheben und sagte ihm, er solle mir schweigend folgen, ich hätte nicht die Absicht, ihn der Polizei zu übergeben. Vorläufig wolle ich ihn mit etwas Eßbarem versorgen. Der arme Schelm mochte es mir wohl an— gesehen haben, daß ich es ehrlich meinte, denn nach meinen Worten versuchte er es, meine Hände zu küssen, während er in ein krampf⸗ haftes Schluchzen ausbrach.„Die heilige Jungfrau segne Dich, Väterchen,“ schluchzte er,„sie segne Dich tausendmal!“
Ich brachte meinen Schützling in einem wenig benutzten Schuppen unter, wo er genügend weiches Heu vorfand, um seine erschöpften und abgezehrten Glieder zu ruhen, bis er weiter konnte, denn in diesem Zustand hätte er keine Meile mehr zurücklegen können. Ich hielt seine Anwesenheit auch vor meiner Familie geheim und ver⸗ sorgte ihn selbst heimlich mit Essen. Ich wußte, ich wagte viel, wenn meine Vermuthung sich bestätigte, und warum sollte ich meine Familie noch zu Mitschuldigen machen? Möglicherweise konnte ich ja von dem Menschen felbst Undank ernten und durch ihn ver— rathen werden.
Mir war bei der ganzen Sache nicht ganz wohl zu Muthe, meine Herren, um so mehr, da sich meine Ahnung vollauf bestätigte und ich wirklich einen entflohenen Sträfling in meinem Hause ver⸗ barg. Im Laufe der nächsten Tage gestand mir der Unglückliche, daß er aus den Bergwerken entflohen und auf dem Wege nach seinem Heimathsdorf begriffen sei. Etwa tausend Werst habe er schon unter den unsäglichsten Qualen und Entbehrungen zurückgelegt, denn er dürfe ja Niemand um Obdach oder Nahrung angehen, aus Furcht, wieder ergriffen und zurückgesandt zu werden, bevor er sein Ziel erreicht. Er hieß Fedor Stepanowitsch und das Ziel seiner Wanderung war das noch etwa zwölfhundert Werst von Jekaterinen⸗ burg entfernte Gouvernement Wladimir. Als Grund seiner De— portation gab er an, daß er sich eines Tages im Zorn an einem betrügerischen Beamten vergriffen habe, der ihn um sein Vermögen gebracht und ihn dann als politischen Verbrecher bezeichnet habe.
Daheim habe er ein junges Weib und einen süßen kleinen Knaben hinterlassen, deren Jammergeschrei, als man ihn fortgeschleppt, ihm noch in den Ohren töne. Die Arbeit in den Bergwerken sei ja hart und die Behandlung grausam, aber schwerer noch als alles sei das furchtbare Heimweh, welches ihn verzehre seit den fünf
Jahren, die er nun, fern von seinen Lieben, in der Gefangenschaft verbracht. Er habe deshalb beschlossen, koste es was es wolle, seine Familie wiederzusehen, und sollte er auch bei dem Unternehmen zu Grunde gehen. 5
„O, Väterchen,“ schloß mein Schützling seine Mittheilung,„ich muß heim, ich muß meine Janitscha, muß meinen schönen kleinen Janosch wiedersehen— ich hab' so großes Heimweh!— Mögen sie mich nachher zurückschleppen und zu Tode knuten— was thut's — aber ich muß heim.“
Wie der Aermste das bewerkstelligen wollte, war mir allerdings ein Räthsel. Bei dem Zustand, in welchem er sich schon befand, war es ganz unwahrscheinlich, daß er die weite Entfernung bis zur Heimath noch zurücklegen konnte. Ich that für ihn, was ich konnte. Nach acht Tagen hatte sich der Flüchtling, dem ich soviel Nahrung als er nur zu vertilgen im Stande war, zugesteckt hatte, soweit ge⸗ kräftigt, daß er zur Noth seine Reise forsetzen konnte. Ich versah ihn noch mit Kleidung, gab ihm etwas Geld und Proviant mit auf den Weg und entließ ihn. Als der arme Teufel von mir Abschied nahm, konnte er vor Rührung kaum sprechen und versuchte es nur wieder und immer wieder meine Hand zu küssen.
„Gott und die Heiligen mögen es Ihnen lohnen, Herr,“ stammelte er,„ich kann ja nicht vergelten, aber ich danke Ihnen viel tausendmal!“
„Ich versichere Sie, meine Herren,“ fuhr der Erzähler fort,„ob— gleich mir das Herz blutete für den armen Wanderer, so war ich doch froh, denselben wieder auf seinem Wege zu wissen, denn wie leicht hätte ein Zufall seine Entdeckung herbeiführen können und ich wußte, was dann mein Schicksal gewesen wäre. Von ganzem Herzen wünschte ich aber, daß er sein Heim erreichen möge.
Ein paar Wochen waren vergangen und ich hatte die kleine Episode bei der angestrengten Thätigkeit, welche mir oblag, beinahe schon vergessen, als eines Tages wieder ein Transport Gefangener unser direkt an der Fahrstraße gelegenes Haus passirte. Ich stand gerade vor der Thür, und als mein Blick die mit Ketten aneinander⸗ geschlossenen Unglücklichen streifte, blieb er auf einer Gestalt haften, die mir bekannt vorkam. Bei schärferer Betrachtung erkannte ich das abgezehrte Antlitz Stepanowitsch's, welcher mit stumpfer hoffnungs⸗ loser Miene und gesenkten Hauptes dahinschritt. Unwillkürlich rief ich seinen Namen, obgleich ich im nächsten Augenblick über meine Unvorsichtigkeit erschrak, aber der Gefangene hob weder den Kopf, noch gab er irgend ein Zeichen des Erkennens von sich. Entweder hatte er mich nicht gehört oder seinen Wohlthäter vergessen, dachte ich. Man hatte ihn nun also doch wieder eingefangen, und all' seine Strapatzen waren vergeblich gewesen. Armer Unglücklicher!
Es waren einige Monate vergangen, als wir eines Nachts durch Feuerlärm aus dem Schlafe geschreckt wurden. In einem Neben⸗ gebäude, welches dicht an die Spinnerei stieß, war Feuer aus⸗ gebrochen. Obgleich nun die meisten Spinnereien in Jekaterinenburg Steinbauten waren, so war unser Hauptgebäude, noch eines der ersten, doch von Holz und also der größten Gefahr ausgesetzt. Das Nebengebäude war allerdings von Stein, aber unglücklicherweise mit Holzschindeln gedeckt. Unsere Leute, hauptsächlich Arbeiter aus der Fabrik, waren bald zusammen und jetzt galt es, des Feuers Herr zu werden, ehe es das Hauptgebäude erreichte. Russen sind im All— gemeinen ein träges Volk und trotz der Gefahr, in welcher die Menschen schwebten, beim Abbrennen der Fabrik auf lange Zeit hinaus brotlos zu werden, bedurfte es doch der größten Energie von meiner Seite, um die Leute zur Arbeit anzuspornen. Ich arbeitete wie ein Pferd, um des Feuers Herr zu werden, aber endlich fing doch trotz unserer Anstrengungen das Dach zu brennen an, und die Gefahr für das Hauptgebäude wurde immer größer.
Ich sah sofort, was noth that. Die Schindeln mußten entfernt werden, und zu dem Zweck stellte ich eine hohe Leiter an das brennende Gebäude und bot eine Belohnung Demjenigen, der es zugleich mit mir wagen wollte, wenigstens einen Theil der Schindeln abzureißen. Es war allerdings nicht zu verkennen, daß das Unternehmen mit Gefahr verknüpft war und trotz meiner ausgebotenen hohen Be⸗ lohnung fand ich keinen, der sich mir anschließen wollte. Schon war ich im Begriff, die Leiter allein zu erklettern, als sich ein vom Rauch geschwärzter Mensch vordrängte, der mir schon vorher durch sein fleißiges Zugreifen vor Allen aufgefallen war.
„Hängt für Euch persönlich soviel von der Rettung des Ge ⸗ bäudes ab?“ fragte eine Stimme, die mir nicht unbekannt erschien, in hastigem Ton.


