Ausgabe 
27.2.1887
 
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Erich sah diese eigenthümliche Veränderlichkeit, ohne sich für jetzt darüber klar zu werden. Ihm lagen die eignen Angelegen⸗ heiten selbst zu nahe, er hätte so sehr gern ein Wort von Erna Calander gehört. Wie hatte sie sein Ausbleiben aufgenommen? War sie heiter oder still gewesen? Aber Froysberg sagte nichts darüber, sondern erzählte mit strahlendem Lächeln als große Neuigkeit, daß Emmy zu Calanders zum Besuch komme und knüpfte daran Mittheilungen über eine große Gesellschaft, die er auf Froysberg geben werde. Frau von Rochlitz, die gestern auch bei Calanders war, hatte ihm versprochen, die Hausfrau bei ihm zu vertreten, sein ganzer Kopf war voll von Plänen für dies Fest und Erich konnte nicht umhin, eine leidenschaftliche Freude zu fühlen bei dem Ge danken, daß er Erna dann wiedersehen werde. Wenn Emmy kam, müßten sich ganz ungesuchte Begegnungen finden. Sein Herz schlug rasch, seine Stirn bedeckte sich mit Röthe. Für den ersten Augenblick empfand er nur, seine Liebe und Sehnsucht waren viel stärker, wie er bis jetzt geahnt; er merkte es an dem Jubel seiner Seele. Aber dann? Hatte er sich nicht verschworen, keinen Fuß auf Sonnensteiner Gebiet zu setzen? War seit gestern seine Lage anders geworden? Wie sehr diese Gedanken seine Züge verdunkelten, ahnte er selbst nicht, Froysberg aber sah es, und bezog diese Ver finsterung auf jene Geschichten, die Rochlitz ihm erzählt.

Inzwischen hatte Erich den Wunsch, unbefangen zu scheinen und begann von der Bitte des Mädchens zu sprechen. Zu seinem Er staunen wurde Froysberg roth, und später gereizt.

Kümmere Dich nicht um meine Angelegenheiten, wenn ich bitten darf, sagte er heftigich habe die Kathrine abgewiesen mit ihrem Verlangen, sie bleibt.

Der wenig rücksichtsvolle Ton verdroß Erich sehr.

Ich habe den Wunsch des Mädchens erfüllen wollen und hätte mich gefreut, ihr gute Nachricht zu bringen, erwiderte er verletzt, im Uebrigen dachte ich nicht daran, mich in Deine Angelegenheiten zu mischen.

Froysberg mußte die Sache mehr ärgern, als Erich vorausgesehn.

Pardon! Du hast damals dem Fritz gegenüber auch den Samariter gespielt. Das kann man leicht auf anderer Leute Kosten.

Nimm es mir nicht übel es war das natürliche Mitleid, welches mich den armen Kerl aufhelfen ließ.

Die wohlverdiente Züchtigung aber rechnest Du seinem Herrn als Unmenschlichkeit an.

Nun ich habe nicht gehört, daß Du ihn bei seinem jetzigen Herrn irgend eines Unrechts beschuldigst, die Kathrin sagte mir übrigens

Du mußt sehr viel Langeweile haben, wenn Du Dich auf Mädchenklatsch einlässest.

Das Gespräch war ein sehr peinliches geworden. Willwarth erhob sich bei den letzten Worten.

Du wirst begreifen, daß ich Deine gütige Bemühung um meine Selbsterkenntniß mit Dank ablehne.

Damit war er aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Fort von hier, fort! Der Würfel war gefallen! Es kam wie eine Erleichterung über ihn. Dies Warten auf gnädige Berück sichtigung höheren Ortes, mit dem demüthigenden Bewußtsein seiner Schuld und Thorheit, war vorbei. Handeln, etwas thun! Er packte schon mit vollem Eifer seinen Koffer. Gott sei Dank, er hatte das Geld für die Reise, für einige Wochen bei größter Ein schränkung auch zu leben. Aber wohin? All diese Zeit schwebte ihm die Türkei vor, dort konnte man deutsche Offiziere brauchen. Oder Japan? Aber nur erst fort. Das Andere die Em pfehlungsbriefe ꝛc. das fand sich später.

Mitten in seine eifrigen Vorbereitungen hinein trat plötzlich Froys berg. Jener war offenbar erschrocken, ihn schon fast reisefertig zu sehen.Erich! Erich! Das wirst Du mir nicht anthun! rief er und bat in der herzlichsten Weise, die ihm, wenn er wollte, zu Gebote stand, um Verzeihung. Er hielt nicht ein Wort der Abbitte zurück. Erich fühlte, er konnte nun Frieden machen.

Froysberg entschuldigte sich trotzdem immer wieder.

Erich von

Das Ende

vom Liede war, daß die Kathrin abziehen sollte sie mitsammt ihrem Fritz mochten zum Teufel gehen, wenn Erich nur bliebe. Alles in Allem genommen wäre dieser zehnmal lieber abgereist. Die Sehnsucht nach Thätigkeit zuckte ihm in jedem Nerv, und ob wohl er sah, Froysberg war durchaus aufrichtig, so konnte er doch nicht umhin, sich zu sagen, daß dies schwankende haltlose Wesen,

dieser schnelle und häufige Wechsel von verletzender Heftigkeit zu schrankenloser Reue ihm mehr und mehr unsympathisch wurde. Und dazu kam nun noch, daß ihm plötzlich einfiel, was Diringer über Froysbergs Interesse für seine Schwester Emmy gesagt. Ein sehr unwillkommener Gedanke! Dieser unzuverlässige Charakterund Emmy's Haltlosigkeit? f

(Fortsetzung folgt.)

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Kleine Frauen-Zeitung.

Die Mode.

Die gegenwärtige Saison sieht in jedem Genre tagtäglich Neuheiten entstehen, und die Mode hat die Herrschaft von Demjenigen festgestellt, was sie mit dem NamenPhantasie bezeichnet. Und gewiß das Wort ist elastisch, wenn es sich darum handelt, alle die zierlichen Gegenstände zu benennen, welche die Industrie unaufhörlich schafft, um der weiblichen Koketterie zu genügen. Da ist momentan der Phantasiemuff, welcher sich einer großen Begünstigung erfreut und viele Erfolge zu verzeichnen hat. Man bereitet ihn aus dem gleichen Stoff wie das Kleid oder wie dessen Garnitur, aus dem Mantelet- oder Jaquettestoff, auch übereinstimmend mit dem Hut, aus Tuch, Sammet, Plüsch, Atlas, Faille, und schmückt ihn auf die mannig⸗ faltigste Weise mit Spitzen, Schleifen, Vögeln, Thierköpfchen en miniature, Blumen, bringt kleine, parfümirte Taschen zum Taschentuch, zum Porte⸗ monnaie ꝛc. darauf an; kurz, man entzieht ibm nichts, außer seiner ersten und natürlichen Bestimmung, Diejenige zu wärmen, welche ihn trägt. Er ist ein graziöses Spielwerk in der Hand der Damen geworden, und da er dem Promenaden-Anzug ein so allerliebstes Air der Vollendung giebt, so will man ihn für das Fruͤhjahr beibehalten. Gestern sah ich einen Phantaste⸗ muff aus schwarzem Atlas, überragt von einer faltigen Spitzen düte, aus welcher sich ein Strahlenbüschel von Band erhob; ein kleines Vögelchen hielt unten diese Spitzendüte und war zum Fluge bereit, um den Inhalt derselben zu besichtigen. Man weiß also, selbst dem Zierrath den Schein der Nothwendigkeit zu geben.

Zu denPhantasien der Mode gehören ferner die reizenden Kom⸗ positionen von Bändern und Blumen, von Seidentüll und Blumen, welche man zum Schmuck der Ballkleider bereitet: Achselbänder aus äthersschem Seidentüll in jeder beliebigen zarten Nüance, wogend von schlanken, birnen⸗ förmigen Wacheperlen-Gehängen, welche Achselbänder nur vorn das Leibchen zieren, auf der einen Schulter mit einer duftigen Tüllschleife, auf der andern mit einem Blumenbüschel abschließen und von der Taillenbiegung eine ent⸗ sprechende Tüll⸗Echarpe niedergehen lassen, welche sich um die eine Hüfte schlingt und seitwärts oder hinten auf dem Rocke ebenfalls mit einem Blumen strauß befestigt wird ꝛc. ꝛc.

Und die reizenden Piquets für Haax und Schulter, was sind sie anders als Phantasien? Jene Aigrettenschleifen in ihrem anmuthig⸗ koketten Arrangement aus Picotband in zwei Tönen einer Farbe oder in bunt gemischtem Kolorit, verschönt durch silberne, goldene oder anderefarbige Filigran⸗Zierrathen, welche Schmetterlinge und Blumen darstellen?! Oder die Dütenschleifen aus 56 Centimeter breitem Faille-Picotband in zwei Farben, welche ein kleines, schlankes Blumensträußchen in sich bergen, z. B. eine solche Schleife aus blabblauem und olivengrünem Bande mit einem Vergißmeinnicht⸗Sträußchen, oder in Braunroth und Purpurroth mit rothen Verbenen u. s. w.

Die Schleifen für das Haar lassen mich an die Frisuren denken. Was man aber nun auch über die Veränderungen derselben schreiben und sagen mag bis jetzt hat sich nicht viel davon bemerlbar gemacht: Das Haar ist vom Hinterkopf in die Höhe gekämmt und auf dem Wirbel zu einem mehr oder weniger hübschen Arrangement geformt, neben welchem ein Blumenbüschel oder eine Schleife hervorragt, oder das mit Kammnadeln aus blondem oder braunem Schildpadd durchsteckt, oder mit anderen Schmuck nadeln, welche oben in eine große Kugel, einen Halbmond, einen Stern, ein Hufeisen aus geschliffenem Jet ausmünden. Einzelne Damen, welche an dieser Universalfrisur kein Gefallen finden, geniren sich indeß nicht, den schmalen, geflochtenen Catogan zu tragen, welcher am Wirbel beginnt und gerade bis zum Ansatz des Nackens niedergeht: eine Haartracht, welche dem Kopf eine hübsche Form leiht, und welche größere Verbreitung zu verschaffen die Friseure übrigens versuchen, wie letztere denn überhaupt ihre Stimme für vollere Frisuren, d. h. Puffen, Windungen, aufgesteckte und herabfallende Locken, welche den Hinterkopf decken, erheben. Andere tonangebende Damen wollen wiederum den kleinen Haarknoten mit kurzen Locken, welcher tief, fast im Nacken, angebracht, in die Mode einführen. Die Coiffüre à la chinoise, von welcher man sich zu Anfang dieser Saison Erfolge versprach, hat keinen Anklang gefunden; sie kleidet auch nur einzelne jugendliche Ge⸗ sichter. Wann, ja, wann wird man sich frisiren, wie es Einem gefällt, wie es Einem steht, ohne sich gezwungen zu sehen, das Antlitz durch eine uniforme Haartracht zu entstellen oder zu beeinträchtigen?! Das würde die Herrschaft der gesunden Vernunft, des wirklichen Geschmackes in der Mode sein.

Man trägt in diesem Winter zum Promenaden- Anzug vielfach Toques

und wird dieselben in Spitzentüll und Stroh auch im Fruͤhsahr und Sommer

tragen, nicht diejenige Toque, welche den Kopf gerade wie ein Kranz um⸗ giebt, sondern die englische, von hoher, ovaler Form, welche ähnlich wie die schottische Mütze sitzt, d. h. nach hinten niedergesenkt. Die Draperie, aus Sammet, Tuch oder Plüsch, welche sie bedeckt, wird nach vorn geführt, wo die Garnirung thront.

Ein reizendes Modell ist aus granatrothem Sammet bereitet, der, sehr

schön drapirt, sich vorn ziemlich hoch erhebt; ein schwarzer Astrachanstreif

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