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I Aale in das Bassin, so beginnt eine tolle Jagd, welche dem Publikum das amüsanteste Schauspiel gewährt. Die geschmeidigen Thiere werfen
sich vom flachen Rande des Bassins mit solcher Vehemenz in's Wasser, daß die Welle vor ihnen herrauscht und in der Regel über das Gitter spritzt. Gleichzeitig erfassen sie den Aal und machen sich die Beute mit den Füßen der Vorderflossen streitig; dabei kugeln sie im Wasser übereinander wie zwei balgende Knaben. In der Regel reißen sie den Aal in der Mitte auseinander und jedes erhält seinen Antheil an der Beute. Dieser wird hastig verschlungen und wie apportirende Hunde erwarten sie nun lauernd den nächsten Wurf des Wärters. Jeder Aal oder Dorsch, der in's Bassin fliegt, ruft einen Sturm im Wasser, eine tolle Jagd nach der Beute hervor. Recht possierlich ist die Art, wie sie die Fische zertheilen und verschlingen. Sie halten in der Regel den Fischwirbel mit den Zähnen fest und reißen das Fleisch mit den Krallen ab, indem sie diese nach Art der Eichhörnchen gebrauchen. Haben sie das Fleisch der Fische ver— schlungen, so wischen sie sich mit den Vorderflossen die Schnauze und den Schnurrbart ab und krauen sich den Schädel. Das hell⸗ gefärbte Weibchen scheint weit behender und temperamentvoller zu sein, als das Männchen und während das Letztere in der Regel auf dem Rand des Bassins oder in der Tiefe des Wassers Siesta
hält, schießt das Weibchen wie ein Fisch durch die Fluthen und zeigt
die außerordentliche Biegsamkeit seines Rückgrats. Mit besonderer Vorliebe scheint es auf dem Rücken zu schwimmen und in dem etwa sechs Fuß tiefen Bassin führt es kreisförmige Bewegungen in ver⸗ tikaler Richtung aus. Zuweilen biegt es den Kopf soweit zurück, daß es die Schwanzflossen erreichen kann und dann bewegt es sich wie ein kreisendes Rad im Wasser herum.
Der Berliner Zoologe Dr. A. Nehring hat das Gefangenleben der beiden Kegelrobben auf das sorgfältigste beobachtet und ihm verdanken wir eine Broschüre, welche die eingehendste Schilderung des Lebens und Treibens der beiden Flossenfüßler enthält. Nach Prof. Nehring's Angaben stammen die beiden Kegelrobben aus der Nähe von Danzig und wurden im April des vorigen Jahres bei der Weichselmündung gefangen. Prof. Nehring ist der Ansicht, daß beide noch sehr jung sind. Als sie Ende April in Berlin ankamen, betrug ihre Körperlänge etwa 3 ½ Fuß. Nach den bisher vor⸗ liegenden Beobachtungen sind neugeborene Kegelrobben relativ sehr groß, sie erreichen schon in den ersten Wochen ihres Lebens eine Länge von 3 Fuß. Sobald die Mutter aber aufhört, die Jungen zu säugen und diese selbst für ihre Nahrung sorgen müssen, geht das Wachsthum nur langsam von Statten. Beide Thiere befanden sich bei ihrer Ankunft in gutem Zustande, gewöhnten sich schnell an ihren neuen Aufenthaltsort und ertrugen selbst die Neckereien des Publikums weit geduldiger, als dies jetzt der Fall ist. Prof. Nehring glaubt aus dem letzteren Umstande schließen zu dürfen, daß beide Thiere noch sehr jung waren, da sie sich derzeit hilfsloser und hilfs⸗ bedürftiger fühlten, während sie jetzt kräftiger und selbstbewußter geworden sind. Wurden sie durch fortgesetzte Neckereien gezwungen, sich ihrer Haut zu wehren, so geschah das in der Regel so plötzlich und energisch durch Zurückwerfen des Kopfes und zorniges Fauchen, daß ihre Angreifer erschreckt zurückprallten. Bei den Schwimmtouren entwickelt das Weibchen eine solche Geschmeidigkeit und Energie der Bewegung und es zeigt seine Schwimmkünste mit solcher Munterkeit und lebhaftem Aufblicken zu den das Bassin umstehenden Menschen, daß man annehmen muß, es wolle seine Fähigkeiten der Außen⸗ welt zeigen.
Wie der Seehund, so scheint auch die Kegelrobbe mustkalische Neigungen zu besitzen, denn in der Regel locken die Tonstücke, welche die Militärkapellen im Garten spielen, die munteren Thiere auf den Rand ihres Wasserbeckens, wo sie dann aufmerksam den Tönen zu lauschen scheinen. Vielleicht findet sich in der Kegelrobbe eine ebenso starke musikalische Veranlagung wie bei dem Seehund, den bekanntlich ein Amerikaner zum Spezialartisten für Triangel, Harmonika, Tam⸗ Tam und andere handliche Musikinstrumente herangebildet hat. Die Kegelrobbe galt bisher für unzähmbar, aber der Direktor unseres Zoologischen Gartens, Herr Dr. Max Schmidt, hat den Beweis geliefert, daß sie die Gefangenschaft sehr wohl verträgt. Die Thiere hatten gleich nach ihrer Ankunft in Berlin jede Nahrung verschmäht und waren soweit heruntergekommen, daß man täglich das Ende einer der Beiden erwartete. Endlich gelang es, ihnen durch junge
Aale die geeignetste Nahrung zuzuführen und ihre Eßlust zu wecken.
Im Herbst des vorigen Jahres sprach Prof. Nehring die Be⸗
sorgniß aus, daß es vielleicht nicht gelingen werde, die seltenen Gäste den Winter über am Leben zu erhalten. Dr. Max Schmidt hat die schwere Aufgabe glänzend gelöst, denn die beiden Thiere sind heute so wohlgenährt, so freßlustig und voller Lebenskraft, daß wir hoffen dürfen, sie werden noch lange Jahre hindurch dem Institut erhalten bleiben. Da nun Prof. Nehring mit ziemlicher Sicherheit festgestellt hat, daß wir in dem Kegelrobbenpaar ein Männchen und ein Weibchen besitzen, so dürfte es sich vielleicht auch ereignen, daß ein Junges in der Gefangenschaft geboren würde. Mit Recht bemerkt Prof. Nehring, daß die größte Robbenart unserer deutschen Küste ebensoviel Interesse und Pflege verdiene, wie etwa ein Leopard, eine Hyäne oder ähnliche ausländische Raubthiere, welche man ja fast in jeder umherziehenden Menagerie sehen könne. Es ist jedenfalls verdienstlich und dankenswerth, daß der einsichts⸗ volle Leiter des Zoologischen Gartens zu Berlin einen großen Werth darauf legt, dem Publikum solche Thierarten der europäischen Fauna vorzuführen, welche so selten geworden sind, daß man ihr Aussterben als nahe bevorstehend erachten muß. Die Kegelrobbe ist wie der Seehund in seiner Eigenschaft als Fischräuber den größten Ver⸗ folgungen ausgesetzt und wird wohl bald ganz von den Ostsee⸗ und Nordseeküsten verschwinden. Um so erfreulicher ist es, daß nunmehr den Zoologen in Berlin Gelegenheit geboten wird, die Lebensweise und Natur eines Kegelrobbenpärchens genau zu studiren, und daß Tausende von Laien sich an dem munteren Treiben dieser seltenen Flossenfüßler ergötzen können. R. E.
Lose Blätter.
Friedrich der Große hatte bei der Organisation seiner Armee auch ein Korps Ulanen errichtet, das aber nicht den in dasselbe gesetzten Er— wartungen entsprach. Der König löste es deshalb auf und vereinigte die Mannschaften mit den Leibhusaren, die dadurch auf vierzig Schwadronen gebracht wurden. Die Tracht der Ulanen war hellblau, weite Uniformen und weiße, türkische Mäntel gewesen. Einen Anklang an sie nahmen die Ulanen in die Husarenregimenter über, daß diese weiße Pelze und hellblaue Dolmans erhielten. Die Oesterreicher nannten sie deshalb Schafe. Diese Benennung erregte bei den Husaren einen Zorn, der sich im Jahre 1758 deutlich zeigen sollte Bei einem Zusammenstoß von ungarischer leichter Reiterei und österreichischer Dragoner mit ihnen hatten jene: Auf die Schafe!“ gerufen. Wüthend fuhren nun die Schafe auf die Beleidiger ein und säbelten die zwei Regimenter gänzlich nieder. Dem General von Puttkamer gelang es nur mit der größten Anstrengung, den österreichischen Befehlshaber und drei andere Offiziere zu retten. Der König ließ die Vier sich vor⸗ führen, und nun beklagte sich der Kommandeur daß die Husaren keinen Pardon gegeben hätten.„Hat Er in Seinem Leben nicht die Bibel ge⸗ lesen?“ unterbrach Friedrich die Beschwerde.—„Allerdings, Majestät!“ erwiderte der Offizier.—„Dann wird Er das erklärlich finden; es steht geschrieben:„Hütet Euch vor denen, die in Schaafskleidern zu Euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind.“ W. G.
Orientalischer Luxus. Wie seltsam und abgeschmackt der Aufwand an den Höfen des Großmoguls in Indien vor Zeiten war, läßt sich aus folgendem Berichte des Sir Thomas Roe im Jahre 1615 ersehen:„Bei feierlichen Gelegenheiten sah man Se. Majestät mit Diamanten, Perlen und Rubinen völlig überschüttet. Die Elephanten, welche bei der Prozession Parade machten, waren mit vergoldetem Sattelzeuge behängt und mit den kostbarsten Juwelen am Kopfe ausgeschmückt. Feierte der Monarch seinen Geburtstag, so bestand sein Hauptvergnügen darin, daß er zwei Schachteln, die eine voll Rubinen, die andere voll Gold⸗ und Silbererbsen, vor seinen Ministern auf den Boden herumstreute, worauf dann die hohen Diener Sr. Majestät diese, wie Kinder die Zuckerkügelchen, auflasen. Zu andern Zeiten ergötzte sich der Fürst damit, daß er sich im größten Staate auf die Wagschaale stellte und sich zuerst gegen Rubinen, dann gegen Gold und Juwelen, oder gegen reiche Kleider und Gewürze und endlich gegen Korn, Mehl und Butter aufwiegen ließ. Dergleichen Ergötzlichkeiten beschloß man dann gewöhnlich, indem man sich auf's Unmäßigste berauschte. M.
Die Pulver und Tränkchen von Perlen und Diamanten. An den Höfen der Fürsten waren bis vor etwa 200 Jahren allerlei Arzeneien im Gebrauch, deren Hauptingredienzien aus Gold, Edelsteinen und Perlen bestand. Man fertigte aus ihnen Tinkturen, von denen das Loth 10 bis 16 Thaler kostete; der Arzt Bernhard Thurmeister(gest. 1396 in Basel) schickte häufig dergleichen an Fürsten ab, wovon das Gläschen 50 bis 60 Thaler kostete.— Als 1534 Papst Clemenz XVII. krank lag, wendete man Pulver von Einhorn, Perlen und Edelsteinen, namentlich aber Diamant⸗ pulver an, welche binnen wenigen Tagen 3000 Dukaten kosteten. Innerhalb ehn Tagen soll er für nicht weniger als 40 000 Dukaten an Perlen, Edel⸗ feinen und Einhorn gegessen haben— jedoch ohne Erfolg. M.
Friedrich der Große fragte eines Tages einen Pater, ob in seinem Kloster auch Wein vom eigenen Gewächs getrunken werde.—„Allerdings, Majestät,“ lautete die Antwort:„in der Marterwoche.“ W. G.
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