Ausgabe 
26.6.1887
 
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Herr Assessor

Ja wohl, meine Herrschaften, ich bin sofort zu Diensten! Damit wollte er wie ein Pfeil davonschießen, aber Henny war auf ihn zugesprungen und hielt ihm einen kleinen Teller zur Bewun⸗ derung entgegen, welchen sie sehr geschickt aus grünen Blättern ge⸗ flochten hatte.Reizend, bewundernswürdig, gnädiges Fräulein! rief er in halber Verzweiflung.Haben Sie vielleicht einen alten Herrn und Frau Steinbach irgendwo gesehen?

Nein! erwiderte das junge Mädchen, ihr Köpfchen trotzig zurückwerfend.

Dann muß ich doch sehen Er ließ Henny stehen und verschwand unter dem erstaunten Kopfschütteln der Andern.

In diesem Moment fuhren wirklich die Wagen unter lautem Zuruf und Peitschenknall ihrer Rosselenker vor. Alles in der Nuß⸗ laube kam in Bewegung und drängte zum Aufbruch.Herr Assessor! Herr Assessor!

Reinhard Berger eilte, von nervöser Unruhe gepeinigt, quer durch den Hausflur in das schmale wildbewachsene Hintergärtchen. Da sah er durch das Gezweig eines halbverdorrten Jasminstrauches etwas Schwarzes schimmern. Sehen und Hinstürzen war eins!

Dort saß der Professor auf einer niedrigen Holzbank, den Arm päterlich ernst und liebevoll um die Schultern der jungen Frau ge⸗ schlungen. Sie hatte den Kopf zutraulich fest an seine Brust gelehnt und blickte mit hoffenden, wenn auch weinenden Augen zu ihm empor.

Als er seinen Sohn gewahrte, rief der alte Herr mit gutem Humor:Ich weiß doch nicht, Junge, was Du mir da eigentlich vorlamentirt hast! Sie will ja! 5

Sie will? rief der Assessor, die glücklich Lächelnde entzückt zu sich emporziehend.O, dann ist alles gut, bester der Väter!

Trotz Zugverspätung und Bergrutsch, lächelte dieser, bemüht, seine eigene Rührung zu verstecken.Es war doch gut, daß ich wie ein Liebender Deinen Spuren folgte, wie?

Statt aller Antwort stürzte der Sohn voll stummer Dankbarkeit an des Vaters Brust.

Wieder erschallte es von allen Seiten durch Haus, Flur und Garten:Herr Assessor! Herr Assessor! Frau Steinbach!

Wir kommen schon! rief Reinhard Berger, frohlockend Erna's Arm fest in den seinen drückend.Hier sind wir!

Sich flüchtig an dem betroffenen Schweigen der Freunde er⸗ götzend, trat er alsdann schnell zur Baronin.Ihrer theilnehmen⸗ den Güte enthülle ich zuerst mein Glück. 5

Ist's möglich? Wirklich? Oh, welche Ueberraschung!

Das Brautpaar und der Professor sahen sich im Nu umringt und mit herzlicher Freude beglückwünscht. Am Enthusiasmirtesten zeigte sich wie gewöhnlich, diesmal aus guten Gründen, die blonde Henny. Sie fiel der jungen Frau mit lautem Freudenruf und zärt lichen Küssen um den Hals, das Unrecht abzubitten, welches sie ihr im Stillen zugefügt.

Nach dieser Steigerung der Gefühle gestaltete sich die Rückfahrt von Farrendorf nach Germenau zu einer Kette fortlaufender Heiter keitsausbrüche, zu welchen der kernige, trockene Humor des Professors nicht am wenigsten beitrug.

Das Firmament strahlte bereits in schönstem Sternenglanze, als die Wagen den Badeort erreichten, und zauberisch hell breitete der Vollmond seine silbernen Strahlen über die schlafenden Triften.

Alle verabschiedeten sich hochbefriedigt von einander und es schien, als sollten Nachtfrieden und Nachtstille jetzt auch die Bewohner des Lindenhauses in Schlaf wiegen.

Aber nein, Henny wollte so gern noch einmal in den träumenden Garten hinuntergehen, blos auf fünf Minuten, wie sie schmeichelnd bat. Ihr Herz war so seltsam heiß, so unruhig, so voller Furcht und Freude.

Die Baronin schüttelte verneinend das Haupt, aber Gebhard von Valingen nahm diesmal merkwürdigerweise ihre Partei und sagte überraschend weich:Komm, meine Henny, ich begleite Dich!

Nun stand sie neben ihm unter den Lindenblüthen, ganz allein und unbelauscht. Warum konnte sie jetzt nicht lustig auflachen wie so oft zuvor? Warum nicht seine Hand nehmen und stürmisch in die ihre ziehen?

Henny! sagte Gebhard von Valingen gedämpft.

Sie blickte zu ihm auf. Aber als sie in diese dunklen, ihr so bekannt und doch jetzt so fremd leuchtenden Augen schaute, überdrang unaussprechliches Ahnen ihre kindlich reine Seele. Sie zitterte.

Zweigen des Lindenbaumes und schüttelte einen duftigen, säuselnden

Meine Henny, flüsterte er, sich tief zu ihren goldenen Locken niederbeugend,weißt Du, welches Hoffen, welches Sehnen mi jetzt an Deine Seite führte? 1

Gebhard! bat sie geängstigt und doch voll unendlicher Selig⸗ keit ihr schönes Haupt an seine Schulter lehnend.O, Gebhard!

Hast Du mich lieb? fragte er, sie in heißer Zärtlichkeit um⸗ schließend.So lieb, Henny, daß Du nichts und Niemand in der Welt lieber haben könntest als mich? Nichts und Niemand? wieder⸗ holte er ernster, als sie schamvoll die Hände über ihr Antlitz legte. So lieb, meine Henny, wie ich Dich am meisten und neben meinen Mutter auch ganz ausschließlich in der Welt liebe? 1

Da sie fortfuhr, mit hörbar bewegten Athemzügen zu schweigen, nahm er ihre Hände mit sanftem Zwang von ihren Augen herab. Geliebte, süße Henny, willst Du mir als Weib angehören immer und ewig? 0

Als Deine Frau? fragte sie lebhaft und mit kaum unter⸗ 1 drücktem Jubel. 4

Er lächelte, ihre Rechte fest an sein Herz drückend.Ja, als meine Frau! Willst Du Dich mir schenken zu einem Glück, das unaufhörlich, unerschöpflich ist!

O, Gebhard, rief sie, da er seine Arme ihr voll leiden- schaftlichen Verlangens entgegenstreckte,nimm' mich hin und habe mich lieb, wie ich Dich stets so unaussprechlich lieb gehabt habe!

Ein leiser Nachtwind erhob sich in diesem Augenblick in den

Blüthenregen auf das eng umschlossene Paar. Das Geisblatt hauchte seine süßesten Düfte, die Grille unter dem Wegekraut zirpte lauter, und droben grade über Henny's jugendlichem Haupte löste sich ein Stern und glitt grüßend an dem blauen Himmelsgewölbe nieder. Alles hoffte, Alles prophezeite ihrem Herzen reiches Glück. Der nächste Tag fand zu allseitiger Ueberraschung zwei Linden blüthen als verlobte Bräute vor, und eine deutliche Hinweisung auf ein nicht allzu fernes und glänzendes Bündniß auch der dritten,, vielleicht der lieblichsten Lindenblüthe, kam Allen, als der Leibjäger des Fürsten im Auftrage seines Herrn der Komtesse Ilda von Satrup⸗ Arendeil ein wundervolles Rosenbouquet überbrachte... 124 Dankbaren Sinnes verließen Alle bald darauf Germenau, und auf der Hochzeit der jungen Fürstin von Hohenstein glänzte als die schönste unter allen Frauen die junge Baronin von Valingen.

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Kegelrobben. 0 (Siehe Illustration.)

Wer während der Sommermonate den Zoologischen Garten 1 N in Berlin besucht, wird gegen Abend einen dichten Kranz von Menschen um jene Wasserbecken versammelt finden, in denen den Seelöwe, die Kegelrobben und der Seehund ihr fideles Gefängnixß gefunden haben. Während der Fütterungszeit hört man an diesem 15 Orte jetzt weit lebhaftere Ausbrüche der Heiterkeit, als selbst im Affenhause und es sind die Kegelrobben, welche dem Affen das Vor⸗ 9

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Der Affe mag possierlicher sein als die Flossenfüßler, welche sich so lustig in dem von einem hohen Eisengitter umgrenzten Wasserbecken tummeln, das ihre Welt bedeutet, aber die Art, wie die Letzteren sich im Wasser um die vorgeworfenen Fische und Aale balgen, das bietet ein so putziges Schauspiel, wie es selten geboten wird. Lange bevor der Wärter auf hoher, zwischen den Wasserbecken hindurch⸗ führender Brücke erscheint, heben die Kegelrobben in senkrechter Stellung die langschnauzigen Köpfe über das Wasser und schauen mit lebhaften, menschenähnlichen Augen nach dem mit Fischen und Aalen gefüllten Korbe aus. Durch den langen Schnauzentheil des Gesichtsschädels gleichen die Kegelrobben einem Hühnerhunde, den der Behang fehlt. Ihr weiches kurzhaariges Fell ist auf dem Rücken blaugrau, auf dem Bauche silbergrau und zeigt eine Menge dunkler Tupfen von der Größe eines Quadratzolls, die zum Theil ineinander fließen. Die männliche Kegelrobbe ist weit dunkler gefärbt als die weibliche, im Uebrigen giebt der ausgezeichnete Thierzeichner Mützel durch sein Bild die Erscheinung der beiden Thiere mit aller Treue wieder. Den Namen Kegelrobbe verdankt dieser Flossenfüßler seinen kegelförmigen Backenzähnen. 5 2

Schleudert nun der Wärter von der hohen Brücke aus die junge

recht streitig machen, Komiker des Zoologischen Gartens zu sein.

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