5
—
e e
—
A
..
8
5 1
2 2311.
sehr gut zu uns, Herr Doktor. Wir begraben es übermorgen; sie meint, wenn Sie es noch einmal sehen wollen.“—
Mit unbehaglichem Gefühl folgte ich dem Manne; der Besiegte scheut den Anblick des Siegers. Man hatte die Leiche in weiße Tücher gehüllt und auf den Tisch gelegt; die Frau stand mit starrem Gesicht daneben. Ich sprach einige Worte zu ihr; sie hörte nicht. Dann that ich, was meines Amtes war und ging. Im Flur kam sie mir nach, drückte mir einige Geldstücke in die Hand und sagte mit klangloser Stimme:„Gott mag es Ihnen vergelten, Herr Doktor! Es ist mein eigenes Geld, noch aus meiner Mädchenzeit, und wenn es nicht langt, ich verstehe mich auf die Feinwäscherei; schicken Sie mir etwas.“ Ich gab ihr das Geld zurück, versprach jedoch, um sie nicht zu kränken, ihr meine Wäsche zur Säuberung zu schicken.
In unbeschreiblichen Gefühlen verbrachte ich die nächsten Tage. Die Liebe dieser Mutter zu ihrem unglücklichen Kinde hatte alle Erinnerungen meiner Kindheit in mir wachgerufen. Ich sah die eigene Mutter an meinem Bette sitzen, sah ihre Augen mit dem Ausdruck, den ich so oft an der armen Frau beobachtet hatte, auf mich gerichtet. Nur zwei Augen in der ganzen Welt blicken uns so an. Oft setzte ich mich an den Schreibtisch und versuchte, an sie zu schreiben, aber niemals kam ich über den Anfang hinaus. Wozu sollte dies führen? Seit meinem Examen standen wir uns gut. Zu Weihnachten, zu den Geburtstagen liefen Briefe und Geschenke hin und her; aber ein Wiedersehen, eine Aussprache hatten wir seit jenem Zwist vermieden. Warum also die alten Wunden von neuem öffnen? So lange ich nicht gewillt war, meiner Mutter ein ausschließliches Recht über mein Leben einzuräumen, blieb alles am besten, wie es war.
Und das Recht freier Selbstbestimmung konnte und wollte ich ihr nicht abtreten. Ich dachte wie Sie, liebe Freundin. Das Leben gehört der Jugend. Wenn ich Abends meinen gewohnten Spazier⸗ gang machte und frohe Menschen an mir vorüberziehen sah, um⸗ schmeichelten mich köstliche Zukunftsbilder. Jede anmuthige Mädchen⸗ gestalt erweckte mir das Bild einer heißbegehrten Braut, jedes glück⸗ liche Ehepaar das eines geliebten Weibes, jedes Häuflein lärmender Kinder die stolze Hoffnung kräftiger Nachkommenschaft.
So schlenderte ich einst in glücklichen Gedanken vor dem Thore herum, als die Mutter meines ersten Patienten zu mir trat und mich fragte, ob sie die Wäsche, auf die sie vergeblich gewartet habe, vielleicht von mir abholen dürfe. Sie trug ein einfaches, schwarzes Kleid; am Arm hing ihr ein Mooskränzchen mit bunten Papier⸗ blumen. Ihr Gesicht sah voller aus als vordem; aber es lag eine eigenthümliche Starrheit darin; der Glanz ihrer großen Augen war erloschen.„Wie geht's?“ fragte ich und reichte ihr die Hand. „Gut, Herr Doktor,“ antwortete sie, ohne mich anzusehen.„Ich gehe jetzt wieder in die Fabrik.“—„Nun sehen Sie, gute Frau,“ erwiderte ich und freute mich der gefaßten Ruhe, mit der sie sprach, „ich sagte wohl, es würde so besser sein.“ Da begann sie zu weinen, heftig, herzbrechend.„Besser, Herr Doktor, besser! Ja, die Leute sind der Meinung. Aber wer selber ein Kind hat, der
weiß es. Für wen soll ich arbeiten? Ach, die Stube ist so leer!“
Wir standen vor dem Armenkirchhof; sie trat durch die kleine Pforte, ging zwischen den Gräbern umher, legte ihren Kranz auf einen kleinen Hügel, warf sich daneben zur Erde und blieb so liegen, den Kopf an das Grab gedrückt. Heiße Thränen rollten aus meinen Augen, als ich durch den Staketenzaun ihrem Beginnen zuschaute. So würde auch meine Mutter an meinem Grabe liegen, dachte ich. Ach, das Haus ist so leer! klang es in meinem Innern. Und ich empfand, daß die Welt mit ihren sich drängenden Bildern einer Mutter zur Einöde wird ohne das Gesicht ihres Kindes.
Jener Abend wurde von Bedeutung für mein ferneres Leben. Am nächsten Tage packte ich meine Sachen und eilte der Heimath zu. Ich fand meine Mutter einsam, vorzeitig gealtert, verbittert, kränkelnd; die Undankbarkeit des einzigen Sohnes, dem sie alles ge⸗ opfert, hatte ihr Herz verwundet, ihre Gesundheit untergraben. Seit jenem Tage haben wir uns nicht mehr getrennt. Ihr Leiden schritt mit den Jahren vor. Ich konnte es nicht heben; aber es gelingt mir, es zu lindern. Ich darf vielleicht sagen, daß sie jede schmerzlose Minute, deren sie genießt, mir verdankt. Liebe Freundin, ein anständiger Mensch hat das Bedürfniß, im Leben nichts schuldig zu bleiben. Aber unserer Mutter— wie kann ein Kind seiner Mutter vergelten, was sie ihm zum Opfer gebracht hat? Ihre Körper⸗ kraft, die langen Jahre unausgesetzter Selbstverleugnung! Ich bin
der Glücklichen Einer, dem das Schicksal dieses Höchste vergönnt hat. Nun schelten Sie mich, wenn Sie können!“ schloß er, und ein glückliches Lächeln verschönte sein liebes Gesicht.
Ich ergriff seine Hände.„Und es ist doch nicht das richtige!“ tönte es in meinem Herzen. Aber ich konnte es ihm nicht sagen. Ich drückte seine Hände in den meinen und rief:„Doktor, Sie sind ein prächtiger Mensch! Wohl dem, der sich aus dem Leben etwas hinaus zu retten versteht. Ich wünschte jeder Mutter einen Sohn gleich Ihnen!“—
Lose Blätter.
Tod eines gekrönten Dichters. Wohl einem jeden gebildeten Menschen ist der berüchtigte sicilische Tyrann Dionysios I. bekannt, zu welchem sich eines Tages ein verwegener Mann, den Dolch im Gewande bergend, schlich, i pee mißhandelte Stadt Syrakus von dem verhaßten Wüthrich zu befreien.
Zu den wenigen Tugenden, welche diesen willkürlichen und grausamen Gewaltherrscher zierten, gehörte auch, da er bereits als Knabe eine gute Bildung erhalten hatte, die fleißige Beschäftigung mit den schönen Künsten. Mit besonderem Eifer legte er sich auf die dramatische Poesie, verfaßte Tragödien, welche indeß, wie erzählt wird, fehlerhaft und geschmacklos waren, trug sie seinen Hofschranzen, Schmeichlern und Schmarotzern vor und war hocherfreut, wenn diese, wie sich von selbst verstand, seine Dichtungen entzückt bewunderten und mit reichem Beifalle bedachten.
Ziemlich unbekannt ist das Lebensende dieses schöngeistigen Tyrannen. Der Hystoriker Diodor von Sicilien berichtet über dasselbe Folgendes: An den Lenaien(einem Bacchusfeste, mit welchem ein Wettstreit der Dichter verbunden war) ließ Dionysios in Athen ein selbstverfaßtes Trauerspiel auf⸗ führen und erhielt sonderbarer Weise, vielleicht durch heimliche Bestechung, den sehnsüchtig erwarteten Preis. Nun schiffte Einer, welcher im Chore der Vorstellung mitgesungen hatte, sogleich nach Korinth, indem er eine
glänzende Belohnung zu bekommen hoffte, wenn er die erste Nachricht von
dem Siege brächte. Er traf dort ein Schiff, welches nach Sicilien ab⸗ segelte, bestieg es und fuhr mit günstigem Winde nach Syrakus, sodaß er schnell dem Tyrannen seinen Sieg verkündigen konnte. Dionysios beschenkte ihn und war hocherfreut; er brachte den Göttern ein Dankopfer für die Botschast und stellte Trinkgelage und große Gastmahle an, wobei er seine Freunde glänzend bewirthete. Bei dem Gelage berauschte er sich aber so uͤbermäßig, daß er, weil er gar zu viel Getränk zu sich genommen hatte, in eine heftige Krankheit verfiel. Er hatte einen Spruch von den Göttern bekommen:„Er werde dann sterben, wenn er die Stärkeren überwinde.“ Dieses Orakel bezog er auf die Karthager, welche damals einen großen Theil von Sicilien besetzt hatten, indem er dachte, diese seien stärker als er. Des⸗ halb pflegte er auch in den Kämpfen, welche er öfter mit ihnen führte, nach dem Siege sich zurückzuziehen und sich freiwillig überwunden zu geben, da⸗ mit er nicht über die Mächtigeren gesiegt zu haben schiene. Aber mit seiner List konnte er die Nothwendigkeit des Verhängnisses doch nicht umgehen. Er gewann, obwohl ein schlechter Dichter, durch die Entscheidung in Athen den Sieg über die besseren Dichter. So folgte dann natürlich darauf, dem Orakel gemäß, sein Lebensende, weil er die Stärkeren überwunden hatte. Dionysios also, obwohl sonst, wie berichtet wird, von mäßiger Lebens⸗ weise, wurde durch die gewaltige Freude und wahrscheinlich auch durch den freundlichen Zuspruch seiner Schmarotzer zu jenem tödtlichen Uebermaße verleitet. Wir haben hier wieder Gelegenheit, den feinen Prophetengeist des Gottes Apollon, das heißt seiner erleuchteten Priester, zu bewundern, welche die schwache Seite des dünkelhaften Tyrannen so gut kannten und so treffend behandelten.— Uebrigens dürfte die ganze Erzählung wohl ge⸗ eignet sein, zu einer heiteren Ballade bearbeitet zu werden. Sch.
Eine eigenthümliche Sitte der Chinesen. Bei uns giebt es viele Menschen, die nicht an den Tod denken mögen, und denen die gute Laune verloren geht, wenn vom Sterben gesprochen wird. In China und besonders in der Mandschurei ist das anders. Man kauft sich meist schon bei Leb⸗ zeiten einen möglichst schönen Sarg, und stellt ihn in der Wohnung oder im Gartenhause als besonderen Zierath auf. Hier wird er nun auch innen mehr und mehr ausgeputzt, oft mit gesuchtem Luxus, je nach dem Stand und dem Vermögen des Besitzers. Diesen stört es nicht, daß ihm der Sarg zum memento mori wird. Infolge dieser Sitte steht in China auch die Sargfabrikation auf hoher Stufe. Die Särge werden meist aus wohl⸗ riechendem Holz gefertigt, reich mit Verzierungen und Schnitzereien versehen, lackirt und oft auch vergoldet. Die prächtigsten dieser kleinen Todtenhäuser werden in der Provinz Tschekiang und zwar in der Stadt Ningpo, welche die geschicktesten Kunsthandwerker des Reiches der Mitte besitzt, hergestellt.
.
Dem hohen Jubilar. Der Staatsminister von Wartberg zog sich zur Feier seines Dienstjubiläums auf sein von der Residenz weit entfernt ge⸗ legenes Stammschloß zurück. In aller Eile wurde nun in Wartberg eine Ehrenpforte errichtet, und der Schulze hatte von dem Stubenmaler und Ofen⸗ setzer aus dem Dorfe eine große Inschrift fertigen lassen, die über dem Portale des zierlichen Gebäudes befestigt wurde. Als der Jubilar mit Gemahlin und Familie nach Wartberg kam, war er über den Empfang, den ihm die kleine Gemeinde bereitet, sehr erfreut, und diese Freude steigerte sich und theilte sich auch der Familie mit, als man die Aufschrift der mit Guirlanden geschmückten Ehrenpforte las. Diese lautete: Dem hohen Juwelier!
0


