Ausgabe 
25.9.1887
 
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310.

Genuß des Lebens verkümmerte.Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich weiß Mittel, eure Schmerzen zu lindern! Wieder war alles andere aus meinem Leben ausgelöscht. Die Erinnerungen meiner Kindheit, die Freuden meiner Jugend es war, als wäre das niemals dagewesen.

Es währte lange, bis meine ärztliche Kunst in Anspruch genommen wurde. An einem stürmischen Winterabend riß es ungestüm an meiner Nachtglocke. Ich fuhr aus dem Schlaf; mir klopfte das Herz. Oft hatte ich diesen Klang in meinen Träumen gehört; war es wieder nur meine Phantasie, war es der Wind, der mich narrte? In kurzen Sätzen sprang ich die Treppen hinab; es war wirklich ein Mensch, eine zitternde Frau, die ein dünnes Tuch nur noth⸗ dürftig gegen die Unbill der Witterung schützte. Sie sah mich aus verstörten Augen an und stammelte ängstliche, unzusammenhängende Worte.Ach, Herr Doktor, Sie nehmen es mir nicht übel der Armenarzt wohnt so weit wir wollen es gern bezahlen und er kommt nicht zur Nacht und morgen früh ist es am Ende zu spät. Ach Gott, ach Gott, wenn es stirbt, es ist mein Alles!

Ich folgte der Frau, die eine kurze Strecke die Straße entlang ging, dann in einen Thorweg einbog und mich auf einen engen, finsteren Hof führte. Wir stiegen eine winkelige Treppe hinauf; durch die niedrige Thür, die sie öffnete, quoll uns eine heiße, dunstige Luft entgegen. Eine räucherige Nachtlampe erhellte nur unvollkommen einen armseligen Raum mit wenigem Hausrath. Ein wackeliger Tisch, ein Stuhl, eine Wiege am Ofen und ein Bett in der Fensterecke, von dem eine finstere Gestalt sich jetzt drohend auf⸗ richtete, war alles, was ich wahrnahm.

Also wirklich ein Doktor! rief der Mann im Bette mir ent⸗ gegen.Und nicht einmal der Armenarzt! Einer von den Doktoren, die einem das Geld aus der Tasche ziehen. Aber ich will es nicht leiden. Was für den Tod ist, ist für den Tod! Was nicht leben kann, soll man sterben lassen!

Die Frau ging an das Bett und suchte den Aufgeregten mit bittenden Worten zu beruhigen, während ich, ohne auf ihn zu achten, vor die Wiege trat. Ein etwa einjähriges Kind lag darin, mit wachs⸗ farbenem, aufgedunsenen Kopf, die bläulichen Lider fest geschlossen, die blauen Lippen zusammengebissen, die Hände im Krampf geballt. Hier war meine Kunst wirkungslos, ich sah es auf den ersten Blick; das war eine Gestalt, die der Tod bereits gezeichnet zu haben schien. Nicht einen Augenblick dachte ich daran, der Mutter diese Bemerkung vorzuenthalten, als sie aber mit einem erwartungsvollen:Herr Doktor? zu mir trat, verlor ich die Kraft dazu. Es war eine schwache Gestalt, fast nur Augen in dem blassen, verkümmerten Gesicht. Aber in diesen Augen welch ein Strahl von Liebe und Hoffnung!

Der Körper des Kindes streckte sich in Zuckungen, die Frau schrie laut auf; auch das Kind stieß einen markerschütternden Schrei aus und schlug die Augen auf. Sie warf sich an der Wiege nieder. Er lebt, o mein Gott, er lebt! Sie ergriff meine Hände und drückte sie krampfhaft.O, Herr Doktor! Ich untersuchte den Körper des Kindes und fand meine Erwartungen bestätigt. Es waren die Folgen einer Gehirnwassersucht; oben am Kopfe zwischen den Knochenspalten fühlte man deutlich unter der Kopfhaut das pulsirende Wasser, das, langsam vordringend, die edelsten Theile des Gehirns ergreifen und zerstören mußte.Herr Doktor! rief die Mutter wieder und sah mir angstvoll in's Gesicht,es stirbt noch nicht? Ich schüttelte wortlos den Kopf. Nein, es starb noch nicht; es waren aller Voraussicht nach viele qualvolle Wochen, Monate vielleicht, die dieses gepeinigte Mutterherz zu überwinden haben würde. Und wenn es überhaupt nicht sterben sollte, wenn die Natur in einem ihrer launenhaften Sprünge der menschlichen Weisheit zum Trotz dieses elende Leben erhielt, welche Freude stand dieser Mutter an ihrem Sohne bevor? Als ein Idiot würde er aufwachsen, als einWasserkopf, wie die Leute es nennen.

Das Kind fuhr mit den Armen um sich und schnappte mit dem Munde.Geben Sie ihm zu trinken, gebot ich,ihn hungert. Gehorsam legte sie den Knaben an ihre Brust; er sog gierig, dann

bog er plötzlich den Kopf zurück, röchelte gewaltsam; die Nahrung,

die er eben zu sich genommen hatte, konnte ihren natürlichen Weg nicht finden und kehrte in jähem Strome aus dem kleinen Munde zurück. Das Gesicht, die Hände, die Kleidung der Frau waren befleckt, sie achtete nicht darauf; mit zitternden Händen nestelte sie an dem nassen Hemdchen des Kindes. Der Knabe schrie gellend auf, sein dicker Kopf fiel schwer nach hinten über. Ich unterstützte

sie; wir legten das Kind in die Wiege zurück, die ich vom Ofen saßen wir neben derselben nieder. Frau erzählte mit gedämpfter Stimme alle Einzelheiten der Krankheit; Das Kind wäre plötzlich gemeint, es wäre Darmkatarrh. hätte unausgesetzt geschrieen; Tag und Nacht hätte sie es auf

zu entfernen befahl; dann

ich sah, daß Mittheilung sie erleichterte. erkrankt, der Armenarzt hätte

Armen herumtragen müssen. Dann hätte ihm der Arzt ein Pulv geschlafen hätte, seit⸗ dem wäre es östers in Krämpfe gefallen, so schlimm aber noch ni

So viele Wochen schon, Wenn solch ein Doktor nur Einsehen hätte und das Wurm sterben ließe. Sie ist Früher ging sie in die Fabrik und 5 Aber seit sie den Jungen hat, Andere Frauen, die Kinder haben,

Was soll aus der Wirthschaft werden, wenn

gegeben, wonach es vierundzwanzig Stunden

wie in dieser Nacht. Der Mann sekundirte vom Bett aus. beschwerte er sich,und jede Nacht das Geschrei!

ein Narr mit dem Jungen. verdiente ein hübsch Stück Geld. legt sie sich auf die faule Bank. arbeiten doch auch! das so fortgeht!

Endlich ging ich. Ich beruhigte den Mann mit der Versicherung, kosten solle; zu der Frau sagte ich:Ich komme Arznei mit. Sorgen Sie für bessere

so seien Sie ruhig, er stirbt

daß es ihm nichts gegen Abend wieder und bringe Luft. Sollte der Krampf wiederkehren, nicht daran.

Erschöpft warf ich mich zu Hause auf mein Bett; mein erster Patient, wie anders, als ich ihn mir gedacht hatte! Alle Schrecken des Lebens Kindes an. mein Eifer, mein guter Wille! Das Leuchten Frau dünkte mir ein reichlicher Lohn für die Herr Doktor, nicht wahr? so empfing sie mich,ein wenig, nicht wahr? Oft überraschte der ich an seiner Wiege stand. 5 Ruhig! tröstete ich sie,er

er fühlt es wohl! Sehen denen er mich ansieht! Als Ach, mein Liebling, ich kann Dir nicht Gute Frau, Die Thätigkeit des Gehirns die Ihnen so schrecklich erscheinen, verursachen ihm keine Schmerzempfindung mehr. Sie verstand nur Er kennt mich nicht, Herr Doktor! 1 ein Kind wird seine Mutter schon*

Bestand die die Qualen der leidenden Das Elend des armen Weibes, ihre Geduld, ihre unerschütterliche Hoffnung rührten mein Herz auf das dem Tode zu entreißen, Leben verbittern? Ich sah die kleine Gestalt mit dem aufgedunsenen Kopfe in thierischer eine Quelle qualvollen Wehes für das mühebeladenes Leben hindurch. Der Ge-

Schlaf wollte sich nicht einstellen. Da war er, starrten mich aus dem verzerrten Gesicht dieses ohnmächtig war meine Kunst dagegen,

Täglich besuchte ich meinen kleinen Patienten. im Auge der blassen vergebliche Mühe.Es geht ihm besser,

Krampf den Kleinen, während zitterte und schluchzte die Frau. fühlt es nicht.O, Herr Doktor, Sie nur die jämmerlichen Augen, mit ob ich ihm helfen sollte. helfen, Deine Mutter kann Dir nicht helfen! beruhigte ich sie,er kennt Sie nicht. ist zerstört. Diese Zuckungen,

den ersten Satz meiner Rede. rief sie vorwurfsvoll.O, kennen, und wenn es noch so krank ist!

Zuweilen kamen mir beunruhigende Gottähnlichkeit meines Berufes nur darin, Menschheit zu verlängern?

Gedanken.

Tiefste. Wenn es mir gelang, ihr Kind würde dieser Jammer ihr nicht das ganze

Stumpfheit emporwachsen Mutterherz, ein langes,

danke verfolgte mich unaufhörlich und beirrte mir den Sinn; Hinblick auf die Moral, auf die gewöhnliche Anschauung konnte mich aus erschien mir

beruhigen. Vom freien, menschlichen Standpunkt hier Recht, was sonst als Verbrechen und Sünde

Gute Frau, sagte ich eines Abends zu ihr, einen besonders heftigen rechtschaffen mit dem Kinde gequält. Länge zu viel, Ihre eigene Gesundheit leidet darunter. ein Glück, wenn der liebe Gott den Leiden erlöste. Sie schlug die Haͤnde vor laut.O mein Gott, Sie wollen doch nicht sagen, mir sterben wird. es auch nicht besser wird!

Da begann ich mit neuem Wenn es nur lebt! sagte ich mir. mit fürchterlicher Konsequenz; nach wenigen

gilt.

mir anzuzeigen. Gott sei Dank, der Wirthschaft werden,

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als der Knabe Anfall überstanden hatte,Sie haben sich Aber es wird Ihnen auf die

Kleinen nun endlich von seinem das Gesicht und weinte daß das Kind Ach, Herr Doktor, wenn es nur lebt! 0 Sie sagen ja selber, es fühlt e Muth den hoffnungslosen Kampf. Doch die Natur arbeitete Wochen lag in der Wiege eine kleine, stille Leiche. Der Mann kam zu mir, um e

s nicht!

daß der Jammer zu Ende ist! Was kann wenn nur einer verdient! Doch Sie wo

die

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doch der

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Dann

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Es wäre

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