Ausgabe 
25.9.1887
 
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und von anderen, welche den Geist langsam einlullen in den ewigen Schlaf, und wieder von anderen, welche den Körper in gräßlichen Krämpfen hin und her schleudern. Vielleicht wand sich Johannes jetzt in solchen Zuckungen, und wenn sie heim kam, sah sie sein bleiches Todtenantlitz entstellt und verzerrt.

Etwas von alledem ging ihr blitzartig schnell durch den Kopf. Sie wollte aufspringen; sie wollte nach Hause stürzen, vielleicht noch rechtzeitig zu kommen, um der Mutter das Glas aus der Hand zu reißen. Aber ihre Glieder schienen schwer wie Blei zu sein. Sie konnte sich nur mühsam erheben, und das einzige, was sie erzwingen konnte, war ein rasches Gehen. Ihr erschien es wie langsames Schleichen.

Sie wußte nicht, wie lange sie dort draußen gelegen hatte, vielleicht waren Stunden vergangen, seit sie das Haus verlassen. Dann war es zu spät, viel zu spät. Wie weit mußte sie hinaus⸗ gegangen sein; der Deich schien kein Ende nehmen zu wollen.

Und nun, in der Todesangst ihres Herzens fiel ihr alles das ein, was der stille Mann daheim ihr zu Liebe gethan hatte, all sein verschwiegenes Streben, sie zu erfreuen, und all ihre Herzens⸗ kälte, ihr Eigensinn, alle Untreue in ihrem schlechten Herzen gegen ihn, alles, alles, und dann immer wieder das eine, letzte, gräßliche.

O Gott, barmherziger Gott!

Und dann meinte sie wieder, sich zur Erde werfen zu müssen, und zu Gott empor zu schreien um Erbarmen. Nein, weiter! vielleicht der Augenblick, in dem sie zögerte, konnte der verhängniß⸗ volle sein.

Sie betete nicht, nicht was man sonst beten nennt. Aber ihre ganze Seele war ein einziger Aufschrei des Gebetes und des Ge⸗ löbnisses. Wenn Gott ihr helfen wollte, dies eine, einzige Mal, ihm zu dienen ihr Leben lang, ihm und Johannes.

Die Kirchenuhr im Städtchen schlug. Sie hielt den Athem an, indem sie hastig weiterschritt. Aber der Wind, der vom Meere herüber kam, trieb den Schall von ihr fort, sie konnte die Schläge nicht zählen. Wie spät, o Gott, wie spät mochte es schon sein!

Erbarme Dich, erbarme Dich, Du Gott der Gnade. Laß es nicht zu spät sein! Erbarme Dich, rette mich vor Ver⸗ zweiflung!

Endlich. Das Städtchen wenigstens war erreicht. Sie hatte Minuten gebraucht bis dahin, aber die wenigen Minuten umschlossen Stunden der Todesangst. f

Die Leute auf der Straße sahen Inge erstaunt und befremdet nach, wie sie hastig mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen und mit blassem Gesicht an ihnen vorübereilte. Einige standen still und blickten ihr nach. Inge bemerkte es. Es ist sonderbar, wie viel man bemerkt in Augenblicken der größten Angst.

Er ist todt, dachte die Unglückliche,und sie wissen es, weiter!

Nun war sie am Markt. Eine Nachbarin, die vor ihrer Haus⸗ thür stand, rief ihr etwas zu. Sie hörte es, aber sie verstand es nicht. Weiter!

Nun stand sie vor ihrem eigenen Hause. Ihr Fuß strauchelte, als sie die Thürtreppe hinaufstieg.

Niemand auf dem Flur; im ganzen Hause kein Laut. Es war so still, wie in einem Todtenhause.

Zu spät! schrie es in Inge.Höre mich dies einemal, Gott, laß es nicht zu spät sein! Kalter Schweiß stand in hellen Tropfen auf ihrer Stirn. Sie tastete nach dem Treppengeländer und schleppte sich mühsam die breitstufige Treppe hinauf in den ersten Stock.

Auch auf dem oberen Flur kein Mensch und kein Laut. Sie faßte den Thürgriff und ließ ihn wieder fahren. Hörte sie nicht Stimmengemurmel drinnen? Stand man nicht vielleicht um sein Bett, vergebens versuchend, ihm zu helfen? Klang nicht ein Schluchzen heraus, wie die Mutter weinte? ein Schrei, wie man in Todeskrämpfen schreit?

Herrgott, was zögerte sie! eben in diesem Augenblick konnte das Schreckliche geschehen!

Sie öffnete die Thür. Ihr erster Blick fiel auf das Bett.

Da lag Johannes ein klein wenig aufgerichtet in den Kissen, das bleiche Gesicht still und müde, die Augen geschlossen.

Todt! Nein. Die schweren Lider hoben sich langsam. Ueber das weiße Gesicht ging ein leises, glückliches Lächeln, da sie eintrat,

die guten Augen sahen ihr mit einem sanften, liebevollen Ausdri entgegen. 3

Liebe Inge, sagte er halb entschuldigend,ich habe wohl lange geschlafen, und Deine Mutter ist einen Augenblick hinausgegangen, und ich war so durstig und wollte mir das Glas selbst nehm und da bin ich ungeschickt gewesen und habe daran gestoße

Sie hörte nur den Schall seiner Worte. Wie verworrenes Ge räusch waren sie vor ihren Ohren. Aber mit einem einzigen Blie umfaßte sie Alles umher: seine offenen, ruhigen Augen, die verrückte Ordnung im Zimmer, das verhängnißvolle Glas, welches e in seinem Bemühen, es vom Bett aus zu erreichen, umgestoßen, und. dessen Inhalt sich über den Tisch und den Fußboden ergossen hatte.

Das Alles sah sie mit einem einzigen Blick der Todesangst. Und dann wurde es ihr plötzlich dunkel vor den Augen; sie tastete mit den Händen hülflos nach einer Stütze und fiel mit einem un. artikulirten Aufschrei bewußtlos in Jule Paulsen's Arme, welche wirklich nur für zwei Minuten hinausgegangen und herbeigeeilt war, als sie ihre Tochter kommen hörte.

Als Inge wieder erwachte, hatte man sie im Nebenzimmer auf ein Sopha gebettet; Jule Paulsen war um sie beschäftigt.

Verwirrt sah sie um sich. War Alles, was sie erlebt hatte, nur ein schrecklicher Traum gewesen? Nein, dort die Thür zu dem Wandschränkchen stand noch ein wenig geöffnet. Sie wandte sich mit Grauen ab.

Johannes, sagte sie leise.

Mein Gott, Inge, rege Dich doch nicht so auf, sei doch still, Inge! Es geht ihm ja gut, beschwichtigte die Mutter.Nur, daß er über Dich so erschrocken ist. Es ist beinahe ein Wunder Gottes, daß es ihn nicht kränker gemacht hat.

Er er stirbt nicht? murmelte Inge.

Ei, wie sollte er denn! Der Physikus ist ja sehr zufrieden mit ihm, verhältnißmäßig natürlich. So, und nun muß wieder hinüber. Lise, sie winkte der Magd.bleiben Sie hier sitzen. Liege ganz still Inge, und sieh, daß Du schlafen kannst.

Inge gab der Magd ein Zeichen, sie möchte fortgehen. Sie konnte jetzt kein Menschengesicht sehen. Vorhin hatte sie nicht Worte finden können zu beten. Die größte Angst findet keine Worte; sie kommt nur vor Gottes Ohrmit unaussprechlichem Seufzen. Jetzt konnte sie beten, beten und weinen. Wie ihr beides das Herz erleichterte! Es war, als wenn dies Gebet und diese Thränen einen großen Theil ihrer Sünde von ihr genommen hätten, so still wurde es darnach in ihr. Ein grenzenlose, demüthige, unsägliche Dankbar.. keit erfüllte sie, eine Dankbarkeit, welche sogar größer war, als ihre Reue. 4

Sie stand auf und trat über die Schwelle, und wer in dem Augenblick in ihr Herz hätte sehen können, hätte wohl sagen dürfen: Siehe, es ist Alles neu geworden..

Sacht kniete sie an dem Bette nieder und küßte andächtig und demüthig eine der weißen Hände, die matt auf der Decke lagen. Es war die erste Liebkosung, die sie dem stillen Manne aus freien Stücken gewährte, und es geschah in einer so scheuen, sanften Art, die man nie an ihr gesehen hatte.

Inge, meine kleine Frau, was hast Du? fragte er, sonderbar freundlich überrascht.

Ich danke Gott inbrünstig, daß ich Dich habe, Johannes, sagte sie leise und sanft, so leise, daß nicht einmal Jule Paulsen, die neben dem Bette saß, sie verstand. Er aber verstand sie. Ein Lächeln großen Glücks verschönte sein stilles Gesicht..

Es war ja gar keine Gefahr, sagte er.

Sie antwortete nicht. Große Thränen fielen auf seine Hand, das konnte sie nicht hindern, aber sie sprach nichts, enthielt sich auch jedes heftigen Weinens es würde ihn ja aufgeregt und ihm geschadet haben.

Aber ihre Thränen schadeten ihm nicht und nicht ihr Wort. Es ist wohl nicht wahr, daß das Glück einem Menschen schaden kann.

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Wieder ist es lachender Sommer. In dem schönen Garten vor dem Möller schen Hause sitzt Inge. Unter dem breitrandigen Gartenhut blickt das schͤne Antlitz wieder so rosig herbor, wie einst. Es hat eine lange Weile gedauert, bis das Gesicht seinen alten, sonnigen Ausdruck zurückerhie Die junge Frau war seit jenem Tage der Angst sehr, sehr s