Ausgabe 
25.9.1887
 
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zu den

Oberhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 39.

Gießen, den 25. September.

1887.

Inge Baulsen. Von Eva Treu. (Schluß.)

Der Doktor fand den Patienten nicht so krank, wie er gefürchtet hatte und hoffte jetzt sogar, daß eine ernstliche Gefahr noch ab⸗ gewendet werden könnte. Während er noch draußen auf dem Flur stand, und seine Anordnungen gab, kam auch Jule Paulsen, die von der Krankheit ihres Schwiegersohnes gehört hatte und nun mit vielen Worten ihr Beileid und ihre Bereitwilligkeit zu Hülfsleistungen aussprach.

Ja, Sie kommen eben recht, sagte der Physikus mit seinem freundlichen Kopfnicken.Diese kleine Frau hier sieht übernächtiger aus, als ich erwartet habe, und die Wärterin kann erst gegen Abend kommen. Lassen Sie Ihre Tochter ein paar Stunden ordentlich schlafen und setzen Sie sich so lange zu Ihrem Schwiegersohn. Wollen Sie? Verhaltungsmaßregeln lassen Sie sich von der kleinen Frau hier geben; sie hat in der Nacht alles auf's beste besorgt.

Dann ging er, denn er war ein vielbeschäftigter Arzt, sogar zu dieser schönen Sommerzeit.

Mein Gott, Inge, Kind, wie siehst Du aus, sagte Jule Paulsen besorgt.Wie konnte der unvernünftige Mensch, der Physikus, Dich auch die ganze Nacht wachen lassen? Warum hast Du nicht nach mir geschickt? Ich hätte es ja so gerne gethan. Nun schlafe nur ordentlich bis Mittag, Du armes Ding, und laß mich hier sorgen.

Nein, nicht schlafen, sagte die junge Frau hastig.Ich könnte kein Auge zuthun, Mutter. Aber einen Augenblick in die frische Luft möchte ich, nur eine halbe Stunde. Willst Du so lange hier bei Johannes bleiben? Sie wiederholte die Anweisungen, welche der Arzt vorhin ihr selbst gegeben hatte.

Und wenn er durstig ist, gieb ihm zu trinken. Ich will das Getränk zurechtmachen und bringe es Dir gleich.

Frau Jule nickte zustimmend. Sie hatte sich schon am Kranken⸗ bett niedergelassen, und Inge ging mit dem Glase in das Neben⸗ zimmer. Es dauerte eine Weile, bis sie zurückkam, das Glas mit dem Getränk in der Hand.

Um Gotteswillen, Kind, sagte Jule Paulsen, den Arm um sie legend und ihr das Glas aus der Hand nehmend,Du bist selbst krank. Wie Dir die Hand zittert!

Es ist nichts, flüsterte Inge schnell, sich von ihr los machend, frische Luft, nur frische Luft, Mutter!

Willst Du ausgehen, Inge? fragte der Mann leise und matt. Er sah, daß sie ihren Hut aufgesetzt hatte.

Nur einen Augenblick, entgegnete sie, an ihm vorbeisehend. Sie konnte seine Augen nicht ertragen, sie konnte nicht hier im Zimmer sein, wenn er trank, was sie für ihn gebracht hatte. Sie wollte wieder kommen, wenn wenn alles vorüber war. Sie dachte. Nein, sie dachte dies alles garnicht. Sie hatte überhaupt keinen Gedanken mehr. Es war in ihr alles so verwirrt und dumpf, und

das einzige, dessen sie sich klar bewußt war, war eine unbeschreibliche Unruhe, die über sie gekommen war, ein zwingender Trieb, von hier fort und möglichst weit entfernt zu sein.

Sie sah, wie die Mutter dem Kranken das Kissen glatt strich, das Glas auf den kleinen Tisch stellte, der dicht neben dem Bett stand und es sich dann im Lehnstuhl bequem machte. Und dann war sie draußen auf der Straße und ging vorwärts, vorwärts ohne um sich zu sehen, nur immer weiter, und die dumpfe, nagende Unruhe ging mit ihr, so schnell sie auch ausschritt.

Wie sie hinaus auf den Deich gekommen war, hätte sie nachher nicht mehr sagen können; sie hatte wohl den Schritt mechanisch dahin gelenkt. Aber da war sie, und sie warf sich in das kurze, feine, harte Gras, wie sie wohl einst als Kind gethan hatte und verbarg den Kopf in den Armen, den dumpfen, schweren, heißen Kopf.

Aber die Unruhe, die darin nagte, die blieb.

Es war ein köstlicher Sommertag. Weit und breit war nichts als das Meer und der Himmel und der Sonnenschein. Inge hörte nichts als das Hämmern des Blutes in ihren Schläfen und das Kreischen der Möven. Und über sie hin strich leise der weiche Wind, der vom Meer herüber kam.

Das junge Weib lag eine ganze Weile und ließ den Windhauch und den Meeresduft und den Sonnenschein über sich hingehen, wie man eine liebkosende Hand duldet, die einen beruhigend über die Stirn streicht. Und wie sie so lag, das Gesicht auf dem Grase und ohne ein Glied zu rühren, klärten sich ganz allmählich ihre dumpfen und verworrenen Gedanken.

Auf einmal richtete sie sich jäh empor.Nun bin ich eine Mörderin, sagte sie ganz laut. Es war über sie hereingebrochen mit plötzlicher, gräßlicher Erkenntniß.

Nun bin ich eine Mörderin, sagte sie noch einmal ganz leise, sich scheu umsehend, und dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und sank wieder zurück, mit einem Stöhnen, wie es wohl selten aus einer Menschenbrust kommt.

Der ganze wüste Taumel, in dessen Bann sie diese letzten schreck lichen Stunden gewesen war, wich zurück wie ein Nebel, und es blieb nur eines mit entsetzlicher, unabweislicher Deutlichkeit: sie hatte gemordet.

Ein furchtbares Grauen überfiel sie, eine unsägliche Angst vor etwas Unbeschreiblichem. Sie wollte auf die Knie fallen und ver⸗ zweiflungsvoll zu Gott schreien, aber sie raffte sich wieder empor.

Es war keine Zeit zum Beten. Jetzt vielleicht, jetzt, in diesem Augenblick hielt die Mutter dem kranken Manne den verderblichen Trank an die Lippen; jetzt vielleicht sank er zurück und war todt.

Sie hatte von Giften gehört, welche den Menschen todt hinstrecken in einem Moment, wie wenn ein Blitzschlag ihn getroffen hätte,