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in die Tatzen dieser Sphinx sich begab. Eine Tatze war es freilich nicht, deren kalte Fingerspitzen sie mir reichte, sondern eine schmale weiße Hand, die jugendlich glatt und zart war. Ich könnte nicht sagen, daß das Gesicht der Gräfin etwas Abstoßendes für mich gehabt hätte, die Züge waren regelmäßig und der Ausdruck war ein forschender, vergeistigter; sie war außerordentlich bleich und das Gesicht war, wie die Hände, von jugendlicher Glätte; nur um den Mund, der gute gesunde Zähne zeigte, lagerte ein herber Zug, der mich daran erinnerte, daß ich vorsichtig sein mußte.
„Großmama, es ist kalt bei Dir,“ sagte Guy, und rieb sich die Hände, als wir in den einfachen Salon eingetreten waren, in dem ein spärliches Kaminfeuer brannte.
„Ich müßte auf die Gesellschaft meiner Gäste verzichten, wenn Du es hier wärmer wünschen solltest,“ antwortete sie mit leicht vibrirender tiefer Stimme.„Mir ist ein warmes Zimmer uner⸗ träglich,“ wendete sie sich an mich.
„Mir ist es ja gleichgültig,“ sagte Guy,„ich werde täglich auf der Jagd sein; aber Herr Liäbär friert wie ein Deutscher, könnte man sagen, und wird doch meistens sich hier im Hause aufhalten.“
Ein sonderbarer Seitenblick der Gräfin traf mich, der mich ganz warm machte. Wollte denn mein Schüler von vornherein jede leidliche Disposition unmöglich machen? Ich versicherte, daß Guy übertreibe und ich es ganz behaglich im Salon fände.
Ein kleiner Mensch mit einem beträchtlichen Kopf kündigte das Essen an, und wartete mit großem Geschick auf. Die Gräfin berührte kaum die Speisen, ließ sich aber mit großer Gründlichkeit über die Zubereitung des Fleisches aus. Der Braten war von einem Wohlgeschmack, einer Zartheit und einer Saftigkeit, daß ich glaubte, Notiz davon nehmen zu können. Die alte Dame nahm meine Bemerkung ganz freundlich auf und sagte:„Wenn es Sie interessirt, so gehen Sie nur morgen in die Küche, Genereux wird Ihnen zeigen, wie er die Braten geschickt am Spieße zu drehen versteht; nicht wahr, Genereux?“
Der Junge machte ein klägliches Gesicht und antwortete klein— laut:„Ja, Frau Gräfin.“
„Ei, es ist mir ernst, Junge, Du bist ein Kleinod von einem Marmiton geworden; Du weißt, es ist noch nie ein Meister vom Himmel gefallen.“
„Die Köchin hat mich heute noch an den Ohren gezaust,“ sagte Genereux mit weinerlicher Stimme.
Die alte Dame lachte laut auf und Guy rief:„Unvergleichlicher Geneéreux, was hast Du noch weiter zu unserer Bewirthung auf— zutragen?“
„Nichts weiter, Herr Guy,“ antwortete der Junge, und Guy fing an, die Sauce mit Brodstücken so impertinent aus dem Teller zu wischen, daß die Gräfin ihn mit verfinsterter Stirn nachdrücklich ansah. Ja, die Situation war peinlich, und ich nahm mir vor, den jungen Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß ich sein Betragen gegen die Großmutter weder schicklich, noch einem fried— lichen Zusammenleben für ersprießlich erachte. Der Abend an dem seine Wärme karg entsendenden Kamin verging nicht, ohne daß ich in ein Kreuzfeuer von wissenschaftlichen Fragen gerieth. Ich erhob die Augen mit schüchternem Staunen ob solcher Gelehrsamkeit bei einer Frau, sie aber fuhr kühl fort, mir in der Geometrie und in der Physik auf den Zahn zu fühlen und mir schließlich ein Zimmer zu öffnen, dessen Wände ganz mit Büchern bedeckt waren.„Wenn Sie Langeweile fühlen sollten, so gehen Sie nur in die Bibliothek, meine Arbeitsstunden hier sind so gelegt,“ sagte sie und wies auf einen einfachen Tisch und einem Stuhl davor,„daß wir uns gegen— seitig nicht geniren werden.“ 5
Mein Schlafzimmer lag neben dem meines Schülers.„Warum suchen Sie Ihre Großmama zu reizen?“ fragte ich diesen.„Ich? Nicht daß ich wüßte. Sie kennt meine Neckereien und versteht sie auch recht gut; aber haben Sie bemerkt, daß sie Sie Monsieur le lievre angeredet hat, als sie uns eben entließ?“ und Guy lachte aus vollem Halse.
8„Das ist nur Zufall, wenn es wirklich der Fall war,“ ereiferte ich mich und suchte das beschämende demüthigende Gefühl zu ver— bergen, das mich packte.„Man verunstaltet meinen Namen, da mag ja leicht die Frau Gräfin ihn ebenfalls verunstaltet haben.“ Guy schüttelte den Kopf und lachte sonderbar in sich hinein. Nun sagt ein gewöhnliches Sprüchwort:„wenn man den Hund trifft, dann bellt er,“ und es verdroß und quälte mich, daß die Dame
mich mit den Namen des furchtsamsten ängstlichsten der Thiere belegt[ haben sollte, gleichsam zum Willkomm, als ich mir erleichtert ge- stehen wollte, daß ich ein bischen Wohlwollen bei ihr gefunden habe. Des Nachts schlief ich wenig, mein Schüler schnarchte nebenan vernehmlich und in dem einsamen Hause ging es die ganze Nacht hindurch Treppe auf, Treppe ab, mit leichtem flüchtigen Schritt allerdings, es machte aber einen um so unheimlicheren Effekt, da der wandernde Nachtgeist gar keine Ruhe zu finden schien. Am Morgen frühe rüstete sich der junge Marquis zur Jagd und ich sah recht unbehaglich in den trüben Wintertag hinein. „Ich werde dieses Jahr länger wie einen Monat hier zu thun haben,“ sagte Guy auf die Einladungen deutend, die er vergnügt auf dem Schreibtisch durchwühlte.„Lassen Sie sich die Zeit bei
g ö ö ö 0 der Großmama nicht lang werden.“— Der junge Mensch mißfiel mir ganz und gar, seit wir in Pincy waren. Ich sah ihn mit 1 ö N ö
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einem langen beobachtenden Blicke an und sagte ernst:„Veranstalten Sie wenigstens hier im Hause keine Hetzjagd, daran würde meine Geduld scheitern.“— 5
Er lachte laut auf:„Werden Sie doch nicht böse und gleich mißtrauisch einer kleinen Neckerei wegen, wenn Sie anfangen, Groß— mama tragisch aufzufassen, so sind Sie verloren.“
Wir frühstückten zusammen, die alte Dame war von einer er⸗ schreckenden Blässe beim Tageslicht und sehr schweigsam. Als Guy gegangen, und da es ungemüthlich in dem kühlen Salon war, begab ich mich in den Garten, und nachdem ich die hartgefrorenen Wege unten durchwandelt, schlug ich einen der schmalen Pfade ein, die am Bergabhang hinauf zu einem Wäldchen führten. Als ich nach einiger Zeit im beginnenden Schneegestöber zurückkam, sah ich die Gräfin im breiten Wege am Fuße des Abhangs wandeln. Sie hielt den Kopf, jetzt mit einem weißen Häubchen bedeckt, tief ge. beugt, und ihre Hände steckten unbehandschuht in den Taschen ihres Morgenkleides. Ich schämte mich fast meines Paletots und meines
warmen seidenen Tuches, als ich die alte Frau in ihrem Hausanzug ohne Shawl leicht daher schreiten sah. Ihr scharfes Ohr hatte mich schon gehört, und sie blieb stehen und erwartete mich. 1 „Wie finden Sie mein kleines Eigenthum?“ fragte sie mit einem Lächeln, das sie außerordentlich verschönte. Ihre Wangen waren mit einer feinen Röthe überzogen, und ich fand diese Frau in den Sechzigen, die den Bedingungen, unter denen wir Andern existiren, kaum unterworfen schien, geradezu schön.„Sie ißt nicht, sie schläft nicht, sie friert nicht,“ hatte einmal die Marquise ach sel⸗ zuckend gesagt. 5 „Es muß im Sommer gar schön und friedlich in dem Schatten der alten Bäume sein, die das Haus umgeben,“ antwortete ich auf ihre Frage. f „Ach, Sie denken, wie es sich da träumen läßt, wie man seine Zu⸗ kunftspläne verkörpert und vom Mondschein beleuchtet in den blühenden Zweigen spielen sieht. Sie sind jung, mein Lieber, und ohne Mondschein und Gretchen träumt ein Deutscher nicht.“— 1 Ich mußte lachen; da sie nun ihren Weg, ohne mich weiter zu beachten, fortsetzte, so machte ich Gebrauch von ihrer gestrigen Ex⸗ laubniß und begab mich ins Souterrain, weniger um Genereux's Geschicklichkeit zu bewundern, sondern um meine erstarrten Glieder zu erwärmen. Genereux's dicker Kopf erhob sich stolz, als ich dicht ans offene Feuer trat, das vor dem Kamin brannte. Er wendete den Bratspieß mit einer beängstigenden Geschwindigkeit über deem Feuer, schwang ihn kühn in die Luft, daß das Fett in weiten Bogen flog. Sein triumphirender Blick verfolgte mich hinter den Küchen- tisch, wohin ich mich, Unheil ahnend, zurückgezogen. Plötzlich nam der Braten einen freien ungehinderten Flug nach der entgegengesetzten Ecke der Küche, und Genereux, erbleichend, schaute sich angsthaft un und eilte dem Entflohenen nach. Ich wartete das Ende nicht ab, sondern rettete mich, ehe das Geschrei der Köchin mich erreichte.— Das Gabelfrühstück um elf Uhr nahmen wir allein ein, die Gräfin und ich. Sie aß den ersten Bissen vom Braten und schob den Teller zurück.»Detéstable,« meinte ich, wäre zwischen ihren Zähnen hervorgekommen. Der Marmiton stand wie ein armer Sünder hinten ihrem Stuhle und sah mich flehentlich an. „Keine Sorge, tapferer Genereux,“ verkündigte ihm mein be⸗ ruhigender Blick. 2 Gräfin Dutillier's Unterhaltung war sonderbar genug, sie sprach eine Minute lang lebhaft, nicht behaglich ein Thema ab handelnd; ihre Bemerkungen fielen unerwartet, blitzähnlich, und Zeit zum Er-
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