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„Ah so!“ Der Assessor spielte nachlässig mit seinem Taschenmesser.
„Bei einem Kaufmann?“ entfuhr es unwillkürlich den Lippen der Hausfrau.
Es war ihr indessen schon recht, daß Krohne die Worte über— hörte. Man wollte einen Gang durch den Garten machen und Adele hatte ihn gerade gefragt:„Wollen Sie mein Führer sein?“ Den langen Blick, welcher dabei Bergfeld streifte, hatte er nicht be⸗
merkt, noch weniger konnte er des Lächelns inne werden, das um
die Lippen ihres Vetters spielte, während dieser hinter ihm der Landräthin seine Begleitung anbot. Vielleicht hätte er es auch kaum auf sich bezogen.
Die junge Dame an seiner Seite scherzte so angenehm von vergangener Zeit, wie Musik klang ihm ihr Geplauder, er meinte, sich zum ersten Male nach langen, langen Jahren wieder so wohl, so zufrieden zu fühlen! Bald hatten sie Beide den Park der ganzen Länge nach durchschritten, nun standen sie an seiner Grenze: eine in ihren unteren Partieen spärlich bewachsene, höher hinauf aber völlig kahle Felswand fiel schroff gegen die künstlichen Anlagen hier unten ab, in scharfem Winkel in das Grundstück einschneidend.
„Erinnern Sie sich noch jenes Abends, wo Sie da oben fast verunglückt wären?“ Sie sah sich um.„Schade, daß Franz nicht hier ist; man könnte die Probe auf eine Wiederholung der kleinen Doppelszene à la Schillers Handschuh machen.— Ich hätte wirklich Prügel verdient damals, zu leiden, daß Sie Beide sich von hier
aus dort hinaufwagten, eine nichtsnutzige Blume zu pflücken, die
mir gerade in die Augen stach. Aber der Heroismus, mit welchem Sie sich in Lebensgefahr stürzten, paßte gerade in meine Backfisch⸗ ideen; nachher war ich ja auch nicht wenig stolz auf den tapfern Delorges— um so mehr, als er mir nicht wie dieser das corpus delicti schnöde in's Gesicht schleuderte.“
„Sondern es hinkend der Herrin darbrachte.“
Sie lachte.
„Spotten Sie nicht über sich selbst! Franz Bergfeld war grimmig genug, daß Sie eher oben waren als er, trotz Ihrer—“
„Schrumpelhaftigkeit.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Nein. Aber der Assessor— Franz— beliebte es so zu nennen.“
Wo war seine gedrückte Stimmung? Er schien ein ganz Anderer zu werden. g
Sie schickte sich langsam wieder zum Gehen an.
„Ich mußte später jedes Mal an Sie denken, wenn ich den Felsen sah.“
Ihm war, als sei es noch vor acht Jahren. Der Idealist fühlte sich jung genug, seine alte Neigung festzuhalten. Für ihn lag nichts Abnormes, nichts Wunderbares darin; es mußte so sein, dachte er.
Er versuchte ihre Linke etwas weiter durch seinen Arm zu ziehen, als er mit Wärme entgegnete: N
„So, haben Sie wirklich zuweilen an mich gedacht, Fräulein Adele?“
Sie mußte seine Worte gar nicht gehört haben.
„Wo nur die Andern stecken!— Kommen Sie!“
Er fragte nicht wieder.
Als er aber gegen zehn Uhr Abends mit Waldemar Heußner heimfuhr, war er in eine ganze Fluth von Empfindungen versunken.
Sein Begleiter riß ihn auch nicht heraus. 5 f
„Gott sei Dank, daß wir wieder hier sind!“ seufzte er, als die elegante Dog-cart vor der Brauerei hielt.„Der gestrige Abend steckt mir doch noch ein bischen in den Gliedern— mehr als im Portemonnaie,“ fügte er lachend hinzu.„Du bist wahrscheinlich auch nicht wenig müde.“ f 5
„Jawohl. Das heißt— nein, ich bin gar nicht müde. Wunderbar!“
„Wunderbar! Auf gut deutsch: Du kannst ein nettes Quantum vertragen,“ lachte der Andere.„Apropos— ist mir unangenehm, Dich belästigen zu müssen, aber— könntest mir wohl den Gefallen thun und mir auf ein paar Tage so fünfhundert Mark borgen. Ganz verteufelt verloren gestern! Dieser Thadden hat ja märchen⸗ haftes Glück!— Wird sich wohl nächstens ein Rittergut zulegen können.“ A Verfügung.“
Das Geld steht Dir gerne zur Verfügung.
„Cs ist natürlich nur für kurze Zeit, verstehst Du; zu Anfang ober— 5 1
„Ich bitte Dich! Ich kann es ja doch nicht verwerthen..
„Nein, bis Anfang nächsten Monats— Aber augenblicklich
sitze ich verdammt trocken. Hatte mir eingebildet, Saalfeld würde
noch mit Geld herausrücken, da giebt der Kerl vor, selbst nichts
Baares zu haben, will mir nicht mal ein paar Wechsel prolongiren,
95 morgen fällig sind!— Das stand in dem Telegramm von gestern bend.“
Von einem Wechsel hatte Krohne nur sehr unbestimmte Begriffe.
„Wieso? Du brauchst also noch mehr Geld?“
„Um die Wechsel einzulösen, natürlich. Wäre gerade nichts von Belang, präter propter fünfzehnhundert Mark— wenn ich sie nur hätte!“
„Hat es Zeit bis morgen früh?“
„Selbstverständlich.“
„Um zehn Uhr werde ich Dir das Geld bringen oder schicken. Bist Du das zufrieden?“
Heußner sah seinen Freund mit hocherstauntem Auge an. Oder stellte er sich nur so?
„Du bist ein Goldmensch!“
Herzlich schüttelte er ihm die Hand.
„Mach' doch kein Gerede von der Kleinigkeit!“
Damit verließ der Doktor gleichmüthig den ehemaligen Schul⸗ kameraden.
„Vor sechs Wochen wären für den zweitausend Mark ein Ver⸗ mögen gewesen, heute sind's Kleinigkeiten!“ dachte der Lieutenant. Aber dazu machte er ein höchst sorgloses Gesicht. Auch ihm war lange nicht so wohl gewesen wie heute.
Karl Rahdebrok betrachtete freilich die zweitausend nicht eben als Kleinigkeit, welche sein Herr von ihm forderte,„um einige ältere Privatschulden zu bezahlen,“ wie er sagte; aber er gab sie her, ohne eine Miene zu verziehen. An die Durchsicht der Bücher er⸗ innerte er nicht mehr; er habe eine Berechnung des Geschäfts⸗ vermögens auf Herrn Alfred's Zimmer gelegt, auch eine Uebersicht darüber beigefügt, was die Brauerei in den letzten zehn Jahren eingebracht habe. Er verstand des jungen Herrn Gleichgültigkeit in Geschäftssachen nicht.
Der Doktor indessen war innerlich froh, einstweilen nicht mit solchen behelligt zu werden. Sein erster Gang am Morgen galt Heußner. Der Lieutenant kam ihm schon auf der Treppe ent⸗ gegen; er müsse zur Kaserne, werde sich aber freuen, wenn sein alter Kamerad ihn begleiten wolle; das Kouvert mit den Kassen⸗ scheinen steckte er flüchtig dankend ein, als verstände sich das von selbst.
(Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Eine hindostanische Anekdote. Ein Hindu hatte die Noth der Armuth um so mehr kennen gelernt, als er im Besitze eines bösen, stets keifenden Weibes war. Der Tod erlöste ihn endlich, und er kam zu Brahma's Pa⸗ radiese. Bist Du schon in der Reinigung gewesen?“(gewissermaßen vertritt die Reinigungspresse das Fegefeuer) fragte der Gott:„Nur durch Qual geht man zur Lust ein.“—„Qual habe ich schon genug auf Erden erduldet,“ sagte der Hindu,„ich war arm und besaß eine böse Frau.“ Kaum hatte er dies gesprochen, so öffnete der Gott die Pforte seines Palastes.„Ziehe ein, Du hast genug Qual erlitten,“ lautete Brahma's Bewillkommnung. Gleich darauf kam eine andere Seele und dachte der Reinigung zu entgehen, daß sie sagte, sie sei zweimal verheirathet gewesen; doch Brahma zürnte: „Weg mit Dir! mein Paradies ist nicht für Thoren geschaffen.“ W. 6.
„Als ich noch Buchdrucker in Philadelphia war,“ erzählt Franklin, „hatte ich einen Gehilfen, der nie vor Mittwoch zu arbeiten begann, dann aber tüchtig zugriff. Franz,“ sagte ich eines Tages zu ihm,„wenn Ihr wolltet, könntet Ihr leicht etwas hinter Euch bringen und im Alter ausruhen.“ Franz lächelte und kratzte sich hinter den Ohren.„Ihr steht auf dem Standpunkte meines Oheims,“ erwiderte er,„der ist ein Krämer und schindet sich die ganze Woche, um nach dreißig Jahren 10,000 Pfund Sterling zu besitzen und das Leben eines Edelmannes zu führen, wie er sagt, nämlich nichts zu thun. Die dreißig Jahre sind um, er ist nun in den Sechszigen und schindet sich noch immer, besitzt aber die Zehntausend noch nicht. Der hat sich be⸗ trogen. Das will ich nicht.“—„Und Ihr faullenzt die ganze Woche?“— „Ich führe während der Zeit ein Herrenleben, ich genieße schon jetzt; ob ich es später könnte, wer weiß es?“ W. G.
Man stritt sich über die Vorzüge der vier Jahreszeiten und welcher von ihnen der Vorzug gebührte.„Streiten Sie, wie Sie wollen,“ bemerkte endlich ein Herr,„der Frühling wird immer den Ausschlag geben.“
W. G.


