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Sie sich hier mal ein und sehen, wie Alles steht und ob dem alten Rahdebrok die Knochen noch nicht ganz eingerostet sind.“
Krohne schüttelte den Kopf.
„Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ein ander Mal—“
„Gewiß, gewiß! Hat ja auch keine Eile. Vor der Hand haben wir ja'mal die Bücher durchzusehen.“
„Wieder die Bücher?“ versuchte der junge Mann zu scherzen. „Seien Sie mir nicht böse, Rahdebrok, ich habe mich leider schon überreden lassen, heute Nachmittag mit nach Schönholz zu fahren.“ Etwas zögernd kam's doch heraus, als legte der Herr seinem Be— amten eine Beichte ab.
Halb erstaunt, halb mißtrauisch sah Rahdebrok ihn an.
„Wie Sie wünschen, Herr Alfred.“
Eine Stunde später fuhr dieser mit Heußner davon.
Auf Schönholz ward er in der That freundlich aufgenommen; Waldemar hatte nicht zuviel versprochen.
„Seit Sie fort waren, haben wir so oft von Ihnen geredet! Wie hübsch, Sie nun endlich wieder als einen alten Freund be— grüßen zu können!“
Alfred war fast betroffen von der herablassenden Liebenswürdigkeit der Landräthin, vor deren kühl'stolzem, gemessenen Tone er früher immer eine geheime Scheu gehabt hatte. War sein persönlicher Werth bei ihr gestiegen, seit er über ein Vermögen disponiren konnte?— Aber man ließ ihm nicht Zeit zum Nachsinnen.
„Ihre alten Spielkameraden kennen Sie wohl garnicht wieder?“
Adele Heußner, ganz die holde Erscheinung von früher und doch nicht dieselbe, doch völlig anders, als er sie geträumt hatte! Die Jahre waren eben nicht spurlos an ihr vorübergegangen; nicht zu ihrem Nachtheil indeß hatte sie sich verändert, eine unendliche Weich⸗ heit lag in den ebenmäßigen Konturen der vollentwickelten Gestalt, wie sie am Treppengeländer lehnte und zu ihm hinabgrüßte mit einem Blick... es war noch der alte— ganz dasselbe geheimniß— volle Leuchten, derselbe traumhafte Aufschlag des braunen Auges, wie er ihn vor Jahren an dem Kinde bewundert hatte, dasselbe lächelnde Oeffnen der rothen Lippen.
„Haben Sie mich nun bald genug betrachtet?“ rief sie fröhlich, als er, der Steife, Ungelenke, noch nach einem passenden Wort suchte.
„O— verzeihen Sie, Fräulein Adele—“
Er wußte nicht recht, durfte er sie noch so nennen? Doch ward es ihm schwer, sich sogleich in eine förmlichere Anrede zu finden.
„Verzeihen? Warum nicht, wenn ich auch zunächst noch nicht weiß, was. Blicke sind fast wie Gedanken— zollfrei.“ Dabei streifte einer der ihren den Vetter von Bergfeld, welcher ihn lächelnd auffing und dann, hervortretend, ebenfalls den Ankömmling als Be— kannten, doch mit Reserve, begrüßte.
„Aber wo ist denn Gerta?“ rief die Landräthin, als man sich anschickte die Treppe hinaufzusteigen.
Oben auf der Plattform saß sie. Sie schien es nicht der Mühe werth gehalten zu haben, sich hinabzubemühen. Jetzt, beim Klange ihres Namens, stand sie langsam auf. Was fragte, wonach forschte der Blick, der dabei einmal zu dem jungen Manne hinüberschoß?
„Fräulein Gerta Heußner, meine beste Freundin und Lieblings- kousine,“ sagte Waldemar mit komischem Zeremoniell, wurde aber für seinen Scherz durch ein unzweideutiges gelindes Zurückwerfen des blonden Köpfchens sehr wenig gnädig gelohnt.
Der Tag war gerade noch sonnig genug, im Freien zu sitzen; man nahm deshalb den Kaffee auf der Veranda. Die Unterhaltung war bald leidlich im Gange. Waldemar neckte Gerta, die indessen ziemlich theilnahmlos an einem Streifchen Leinwand stichelte, Adele theilte ihr Interesse zwischen den beiden anderen Herren.
„Sie werden also nun dauernd hier bleiben, Herr Doktor?“ fragte die Landräthin. Ihre Tochter wurde grade von Franz von Bergfeld in Anspruch genommen.
Krohne verneinte. Er wisse noch nicht, wie er sich einrichte. Zum Geschäftsmann tauge er ja nicht.
„Zum Bierbrauer!“ lachte Adele. Aber ihr Ton war nicht
kränkend. Wenigstens kam er ihm nicht so vor; eher war er ge⸗
neigt, sich als Erben der Brauerei„Zur Berglust“ selbst komisch zu finden.„Aber wissen Sie, daß Sie eigentlich zu beneiden sind? Ein Mann von Ihren Gaben— Sie brauchen nicht roth zu werden. Glauben Sie denn, wir hätten nie von Ihnen gehört, Sie— selbst unter dem Deckmantel des Pseudonyms— nicht erkannt?“
Er war nicht so erfahren, daß sich in ihm nicht die Eitelkeit“ des Dichters ganz leise geregt hätte. N „Sie haben von mir gelesen— und mich— belächelt?“— „Nehmen Sie sich in Acht; dort sitzt eine eifrige Vertheidigerin P Ihrer Dichtungen.“ Sie nickte nach Gerta hinüber, welche jedoch die dichten Brauen unwillig zusammenzog. 9 „Ich habe Sie allerdings vertheidigt, aber nur—“ Krohne horchte auf. „Nur—“ 1 „Nur gegen Waldemar—“ g* Letzterer schien hoͤchlich ergötzt, oder er machte nur gute Miene* zum bösen Spiel. 4 N U 9
„Dachte ich's doch, daß man mir wieder eine Schändlichkeit an- kleben würde! Glaub's nicht, Alfred! Sie will nur meine Em pfänglichkeit für poetische Schönheiten bei Dir herabsetzen.“ 0
„Und eigentlich—“ fuhr Gerta fort, ohne eine Miene zu verziehen.
„Haha,'s kommt noch was!“ sagte ihr Vetter und duckte resignirt den Kopf. 0
„Eigentlich nur aus Mitleid, weil ich hörte, das Versemachen sei Ihre einzige Freude.“ N
Alles lachte.
„Ein offenes Bekenntniß!“ Eerta sah einmal kurz von ihrer Stickerei auf. Ihre Wangen flammten purpurn. g— „Ich meine, man könnte sich nützlicher beschäftigen,“ sagte sie. wie in ärgerlichem Trotz.„Von Poesie verstehe ich keinen Pfiffer⸗. ling.— Seien Sie mir nicht bös deshalb, Herr Doktor; ich habe einmal die verhängnißvolle Gewohnheit, mit meiner Ansicht frei hervorzutreten.“ „Das kann man nicht anders sagen,“ bemerkte Frau Heußner 1 ernsthaft. 1 „Ich bin Ihnen auch ganz und gar nicht böse, Fräulein Gerta.. Es giebt nur eben Menschen, die sich einem praktischen Berufe viel⸗ 1 leicht nicht gewachsen fühlen.“ 0
„Wissen Sie, wie ich das nennen würde? Gelinde gesagt, N Mangel an Selbstvertrauen; mit einem kräftigeren Worte—“ g „Gerta! Wann wirst Du lernen, Dich zu mäßigen und nicht über Dinge abzuurtheilen, die Du noch gar nicht zu fassen vermagst!“. Gerta schwieg. Doktor Krohne hatte Mühe, eine unbefangene Miene zu wahren.* „Fräulein Gerta scheint noch in dem süßen Wahn befangen, 1
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die armen Poeten schilderten wirklich immer ihre Stimmung, ihre 0 Lage, ihren Jammer— was weiß ich!“ lachte der Assessor.
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Seinen Worten lag ein wahrer Gedanke zu Grunde. Dennoch erröthete Krohne vor Unwillen. Er konnte sich nicht enthalten, zu erwidern: 1 „Seine Lage— nein, Herr Assesser“— Bergfeld hatte ihn
. bei seiner Ankunft nicht mit dem vertraulichen Da des alten Schul; 1 freundes begrüßt—„seine Lage wird so leicht kein Dichter zu 0 Markte tragen— es wäre auch wohl unerquicklich, wenn er's thäaͤte 1 — wie aber Jemand als Dichter seine Empfindungen verleugnen könnte, vermag ich nicht zu verstehen. Wohl möglich, daß es Verse-⸗ macher giebt, die es thun, der Dichter— der Lyriker vor Allen— wird schwerlich Anderes bieten können als seine Stimmungen, sein Elend— freilich auch sein Glück,“ schloß er leiser. 1
„Sein Elend! Bei Chateau Lafitte oder Rüdesheimer Berg?“
„Ich kenne beide Sorten nur vom Hörensagen,“ versetzte Krohne 0 9
ruhig. Nachher wunderte er sich, woher ihm der Muth dazu kam. Der Assessor würdigte ihn keiner Antwort. Sein Blick jedoch schien zu sagen:„Ich habe Dich auch noch nicht für einen Dichter gehalten.“ 1 Adele schaute besorgt von Einem auf den Andern. 1 „Mein Gott, Herrn Doktor Krohnes Gedichte sind ja durch- schnittlich gar nicht so schwarz⸗finster, daß man ihn deshalb be-. mitleiden müßte.“ Sie versuchte recht unbefangen zu sprechen und lächelte dabei. 1 Alfred war es eigen zu Muth. Er dachte daran, wem so viele dieser Gedichte gegolten hatten.* „Uebrigens wunderbar,“ warf Franz von Bergfeld hin,„daß 1 wir uns niemals auf der Universität begegnet sind! Wo waren g denn zuletzt?“ Er war augenscheinlich bestrebt, die Unterhaltung 6 auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen. 1 „Ich war bis vor acht Tagen noch Hauslehrer in der Familie eines Stettiner Kaufmannes.“ a


