Ausgabe 
21.8.1887
 
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271.

einverleibt worden. Der Schleichhandel, der an diesen Küsten und von diesen Städten aus mit England getrieben wurde, mußte dieser Gewaltthat zum Vorwand dienen. Schon vier Jahre vorher hatte Napoleon das berüchtigte Dekret der sogenannten Kontinentalsperre erlassen, um damit, wie er glaubte, England zu vernichten. Dieses Dekret lautete aber nicht blos auf dem Papiere so drakonisch; es ward auch in der Wirklichkeit und wo möglich noch strenger befolgt. Eine doppelte und dreifache Kette von Zollbeamten und Gensdarmen umzäunte bei Tag und bei Nacht gleich einer chinesischen Mauer die Grenze. An den Küsten und Flußmündungen kreuzte eine Flotte von Wachtkuttern. Doch alles umsonst.

Zwischen ihnen durch, an ihnen vorbei schlüpften bei Nacht und Nebel die englischen Schmugglerböte und die deutschen Schleichhändler. An verabredeten Punkten landend, wurden jene von ihren Verbündeten erwartet; rüstige Hände luden geräuschlos die Fracht aus, an ver⸗ borgenen Orten sie aufstapelnd, bis sie in unendlichen Bruchtheilen blündel⸗ und ballenweise in's Innere des Landes weitergeschafft wurde, der Wasserfluth vergleichbar, die sich in tausend und abermals tausend Kanäle und Gräben vertheilt und, ein dicht verflochtenes Adernnetz bildend, zuletzt tropfenweis versickert.

(Fortsetzung folgt.)

Lose Blätter.

Das menschliche Auge und Ohr. Das Auge eröffnet uns zwar die ganze Welt, aber nicht unmittelbar; es eröffnet uns streng genommen nur eine Kugelschale um uns herum, alles Uebrige bekommen wir durch Schlüsse. Daher können wir uns hineinlügen in eine Zeichnung, wenn wir von Anderem absehen. Habe ich im Theater eine Dekoration gesehen und mich an die Vertiefung gewöhnt, und es fällt ein Zwischenvorhang herunter, so denke ich, die Schauspieler haben kaum Platz, da zu stehen; es dauert aber nicht lange, so scheint mir der Raum tiefer und tiefer zu werden, wie man es nur will. Das eigentliche Sehen ist streng genommen nur ein Hervor⸗ rufen von Vorstellungen von Dingen außer mir; wo sie sind, das sind Schlüsse, die wir kombiniren, und sowie wir in diesen Schlüssen uneinig werden, verlieren wir die Sicherheit des Urtheils. Im Allgemeinen also ist der Sinn des Auges einer, der uns nur Richtungen giebt, und in dieser Beziehung ist das Auge ganz anders als das Ohr. Man hört um die Ecke, aber man sieht nicht darum; das Auge ist peripherisch, hat aber keine Richtung. Die beiden Sinne ergänzen also einander; das Ohr macht uns aufmerksam auf eine Gefahr, die von hinten kommt; das ist der Vorzug des Ohres vor dem Auge. Das Auge steht dem Ohre auch darin nach, daß das Ohr, wenn wir schlafen, viel schärfer wirkt. Ich kann mich durch einen Ruf wecken lassen. Allerdings, wenn es plötzlich sehr hell auf meine Augen scheint, werde ich auch erwachen. Die Vorstellungen aber, die das Gehör giebt, genügen uns nicht; wenn wir erwacht sind und uns orientiren wollen, so müssen wir die Augen aufmachen. Noch steht das Auge dem Ohre darin nach, daß wir im Ohre ein viel weiter gehendes Unterscheidungs⸗ mittel haben als im Auge. Habe ich eine Reibe von Stäbchen neben⸗ einanderstehen, deren Enden eine gewisse Kurve bilden, und eine zweite solche Reihe, welche eine andere Krümmung giebt, und ich stelle diese beiden aufeinander, so kann Niemand scharf herauserkennen, welches System sie hervorbringen. Ein Musikdirektor in einem Konzertsaale, wo 50 Instrumente gespielt werden, sagt ganz bestimmt: Sie haben falsch gespielt. Auch hat das Ohr eine weikere Sphäre; wir hören etwa 10 Oktaven; die höchste Farbe dagegen, das Violet, ist noch nicht einmal um eine Oktave, nur etwa um eine Septime von der tiefsten Farbe, dem Roth, entfernt. Also liegen

die Grenzen beim Auge verhältnißmäßig viel enger zusammen als beim Ohre. Dr. A. B.

Es schickt sich nicht. Jeder weiß, daß das Ceremoniell des spanischen Hofes zu den größten Tollheiten gezählt werden muß, die ein menschliches Gehirn ausbrüten konnte. Ein König erstickte fast, weil der Höfling eine Kohlenpfanne nicht hinausschaffen oder das Fenster öffnen durfte. Eine Oberhofmeisterin kam außer sich, daß eine Manufakturstadt der Königin ein paar kostbare Strümpfe schenken wollte.Königinnen haben keine Beine! rief sie zornig aus. Jedoch denken die Wenigsten daran, wenn sie demEs schickt sich nicht folgen, daß sie ihre Freiheit opfern, ja, einem nichtigen GötzenVorurtheil Hekatomben opfern. Lionel Mansfield war ein Gentleman durch und durch, aber nicht besonders mit Glücksgütern gesegnet. Da schien die Glückssonne zu lächeln; denn ein reicher Onkel, ein früherer Seemann, schrieb ihm:Herr Lionel Mansfield wird ersucht, morgen seinen alten Oheim zum Frühstück zu besuchen. Ein Postscriptum forderte ihn auf, Weintrauben mitzubringen. Wer den alten Seebären kannte, wußte, ein solches Schreiben sei einem, guten Testamente gleich- uachten, doch habe sich Lionel mit den Weintrauben einzufinden. Der un Gentleman macht sich also am folgenden Tage auf den Weg und spricht bei einem Obsthändler vor. Die Weintrauben sind zwar sehr selten, er findet jedoch einige von ausgezeichneter Güte. Er kauft sie und ersucht den Obsthändler um einen Träger.Ich bin allein, entgegnet derselbe, besitze auch keinen Burschen. Ich werde jedoch die Trauben in das zier⸗ lichste Körbchen legen, daß es Sie nicht zu geniren braucht.Was denken Sie sich? ruft Lionel aus.Ein Gentleman sollte mit einem

Körbchen über die Straße gehen? Niemals! Das schickt sich nicht, die Regeln des guten Tones verbieten es. Mit den Worten verließ Lionel den Laden, ging nicht zum Frühstück seines Onkels, der, darüber grollend, ihn enterbte, und tröstete sich damit, er habe als Gentleman nicht anders handeln können. W. 6.

Der Nordhäuser Kornbranntwein ist eigentlich eine Erfindung der Araber. Schon sehr früh kam dieser Branntwein als sogenanntes Lebens⸗ elixir nach Europa. Es sollte derselbe damals ein Universalmittel gegen Nieren- und Herzleiden, gegen Gicht und Entzündungen jeder Art, gegen kalte und hitzige Fieber, ja, gegen die Einflüsse der Zauberer und Hexen sein. Die Nachahmung dieses Lebenselixirs wurde in der Mitte des sechs⸗ zehnten Jahrhunderts zuerst in der freien Reichsstadt Nordhausen mit solchem Erfolge veranstaltet, daß der orientalische Branntwein aus den Apotheken verschwand und man an seiner Statt Nordhäuser Korn ver⸗ schänkte. Im 17. Jahrhundert hatte sich dieser Branntwein über ganz Deutschland verbreitet; doch behielt Nordhausen die Führung in der Brennerei, da hier selbst in Hungerjahren, in denen der Verbrauch des Getreides zu Branntwein im übrigen Deutschland verboten war, Korn gebrannt wurde. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Branntweinbrennereien in Nordhausen auf 80; jetzt sind 68 daselbst vorhanden. W. G.

Charlotte Saqui, die im Jahre 1863 hochbetagt gestorbene Seiltänzerin, war in Paris eine der populärsten Gestalten. Seit der ersten Republik hatte sie jedes Fest durch ihre bewährte Geschicklichkeit und Grazie ver⸗ herrlicht. Bei der Taufe des Königs von Rom tanzte sie auf einem Seile, das zwischen den Thürmen der Notre⸗Dame⸗Kirche gezogen war. Auch in⸗ mitten von Feuerwerken erschien sie. Napoleon I. ließ ihr dies verbieten; sie erwiderte darauf:Der Kaiser mag seinen Grenadieren befehlen, aber es uns überlassen, unser Leben für unseren Ruhm zu wagen. W. G.

Der Biber war vor seiner Einschränkung durch die Kultur vielleicht das verbreitetste Thier in Nordamerika: er bewohnte vom Hudson bis zum San Sacramento, vom Mackenzie bis nach Mexiko alle Binnengewässer. Ueberall in Nordamerika findet man die Spuren der Reste alter Biber⸗ bauten, Dämme bis zu 800 Meter Länge, mit denen die fleißigen Thiere das Thal durchzogen, das Wasser anstauten, den Wald zum Absterben brachten; so schafften sie sich freien Raum und legten in dem selbstgebildeten See ihre Bauten an. Noch viele dieser Seen, Flächen von 10 bis 15 Hek⸗ taren, sind vorhanden. An den Quellen des Ford am Südufer des Obern Sees trifft man in/ Meile 15 solcher Wasserflächen hinter einander, das Gebiet des bei Marquette in den Oberen See fallenden Chokolade⸗Baches, der nur Meile lang ist, zählt etwa 200; westlich von Marquette an den Quellen des Ford und des Eskonaba, auf dem Raum von ¼0 Qua⸗ dratmeile, liegen 70 Biberteiche von 125 Hektaren Flächeninhalt nahe beisammen. So haben diese Thiere einem großen Theil der Bodenfläche ein verändertes Aussehen gegeben. Ja selbst wenn nach dem Aussterben der Thiere ein Damm reißt, das Wasser des Teiches sich entleert, gehen die Spuren nicht verloren; es bilden sich grasreiche Wiesen,Biberwiesen, schöne Unterbrechungen in den dichten Urwäldern, ein Tummelplatz für die zahlreichen Hirsche, für die Kolonisten bequem zur Gewinnung trefflichen Heues. Die Biber haben sich nicht nur mit der Herstellung von Dämmen begnügt, sie haben auch in den feuchten Morästen Kanäle zu bequemer Passage für sich und zum Holztransport gegraben, und diese Kanäle sind jetzt, nach dem Durchbruch der Dämme, nützliche Entwässerungsgräben für das Land; die indische Sage hat Recht, wenn sie berichtet, der große Geist habe dem Biber das Aufsichtsamt über die Gewässer gegeben. Aus dem Schildkröten⸗See fließt im Osten der Chokolade-Bach nach dem Oberunsee, im Westen führt ein Biberkanal zu den nahen Quellen des Esconaba, der in den Michigan fällt; eine kleine und doch für die leichten Kähne des Landes benutzbare Verbindung zweier Wassergebiete. Kein zweites Thier ist in der Schöpfung vorhanden, welches eine so wesentliche und nachhaltige Einwirkung auf die Gestaltung der Erdoberfläche ausübt, ja selbst auf die Veränderung des Klimas einen Einfluß gewinnt; denn durch das Austrocknen von Sümpfen oder durch Verwandlung nasser Waldgründe in offene Seen oder in Wiesenflächen ist das rauhere Klima sicher gemildert worden.

Der Fächer, den die Florentiner der Königin Margherita zum Geschenke darbrachten und der am 20. April d. J. ausgestellt war, kostet 4000 Lire. Er besteht aus weißem Atlas und hat zum Grunde Ebenholz mit Gold⸗ verzierung. Auf dem Zeuge hat der Maler Elia Volpi eine Abendlandschaft mit einer Frauengruppe gemalt, deren Mittelpunkt die Königin selbst in idealem Kostüm bildet. Barmherzigkeit, Hoffnung, Glauben, Liebe und Weisheit umgeben sie. Im Hintergründe sieht man sieben andere allegorische Figuren. Ueber das Haupt der Königin hebt der Genius Italiens einen

Blumenkranz. W. G.

Die Ehe als Selbstmord.Freund, sagte Jemand zu einem Manne, welcher eben Bräutigam geworden war, mir scheint es von Dir ein höchst gewagtes Unternehmen, daß du als hoher Fünfziger die sechszehnjährige Fanny heirathest.Nun, erwiderte ruhig der Andere,in meinen Fahren ist die Ehe wohl immer eine Art Selbstmord; da es aber nun einmal so ist, so will ich mich doch lieber mit einem blanken Dolch, als mit einer verrosteten Ofengabel umbringen! 8 M.

Gute Wahl. Ein Gymnasiast, welcher sich gegen einen seiner Lehrer vergangen hatte, wurde von diesem gefragt:Was werden Sie vorziehen, acht Tage Karzer, oder meine Verachtung? Dann werde ich ergebenst um Ihre Verachtung bitten, war die Antwort des Schülers. M.