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ich bin durstig gewesen, und Ihr habt mich nicht getränket, ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, was Ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt Ihr auch Mir nicht gethan!“
Langsam schloß er das Buch.
„Soll ich es jetzt zu mir nehmen, Sophie?“ er fragte es nach einer Weile, wehmüthig lächelnd. Ein stilles Weinen schlug an sein Ohr, und rasch sprang er auf.„Ich hab's gewußt;“ sich nieder⸗ beugend, schlang er seinen Arm um sie.
„So, jetzt geh, Mutter! Das Kindlein will Ruh“— und er drängte sie sanft zum Fortgehen.
„Und Du, Andres?“ gab sie zurück, mit mütterlicher Sorgfalt den Findling einhüllend.
„Geh' nur! ich komm gleich.“
Sie ging bis zur Thüre, dann blieb sie nochmals stehen.
„Bist Du mir auch nicht böse?“— sie fragte es schüchtern.
Der Entenmüller trat dicht vor sie hin, seine Hand legte sich auf ihre Schulter, sein Auge senkte sich tief und voll in das ihre. „Bist Du's jetzt zufrieden?“ lächelte er und seine Stimme zitterte.
Mit dem Kopf stumm nickend, wandte sie sich weg.
Die Thür hinter sich schließend, stand der Mann noch eine Weile da, dann trat er in die Stube zurück und den Sessel zum Ofen rückend, die Pfeife frisch anzündend, versank er in ein träumerisches Sinnen. Es mochten allerlei Gedanken sein, die sich der Enten⸗ müller an diesem Abend gemacht hat, denn mehr als einmal zuckte es wie ein Wetterleuchten über sein sonst so ruhiges Gesicht und seine mächtige Faust ballte sich zusammen, als wollte sie etwas zer⸗ malmen. Dann aber ward seine Miene wieder fast schwermüthig weich und die geschlossenen Hände falteten sich wie zu einem stillen Nachtgebete. Er griff nach dem Papier.„Erbarmt Euch meines Kindes um Gottes Willen!“ las er.
Sein Auge ruhte forschend auf den Buchstaben.
„Soll sie geweint haben?“ murmelte er in sich hinein; dann stand er auf und durchschritt langsam die Stube. Er stritt einen Kampf. Er blieb stehen; er nahm abermals das Blatt zur Hand. „Erbarmt Euch!“ wiederholte er;„erbarmt Euch!“
Plötzlich richtete er sich hoch auf, seine Hand hob sich wie zu einem Gelöbniß:„Ja, wir wollen uns erbarmen! Gott walt's!“
Das Kind war zur Vorsorge noch einmal getauft worden und hatte den Namen Cäcilie Schneekorb erhalten: ersteren, weil es auf den Cäcilientag, letzteren als Anspielung auf die Art und Weise, wie es gefunden worden war. Bei guter Kost und Pflege wuchs die kleine Cäcilie, oder wie sie genannt ward: Zilly, lustig auf.
Eine eigene Gewohnheit war es bei dem Mädchen geworden, daß sie, sobald sie saß, mit den beiden Zeigefingern auf dem Tische oder der Bank eine Art von Takt schlug und sie konnte ganze Zeiten lang bei diesem einförmigen Spiele verweilen.
„Ei, Du bist ja ein wahres Hämmermäuschen,“ hatte einmal die Annemarie gesagt. Jakob, Zilly's Pflegebruder, fing den Aus- druck auf; er trug den neuen Namen in die Schule unter die Buben und Maͤdchen und— wie es im charakteristischen Zug des Dorf— lebens ist— in kurzer Zeit schien der Name Zilly vergessen und Jung und Alt kannten hinfort den Findling in der Entenmühle nur noch als„Hämmermäuschen“.
So war im Flug der Zeit das Jahr 1810 herbeigekommen.
In der Mühle hatte sich seitdem Vieles geändert.
Die Müllerin war schon vor Jahren gestorben und seit ihrem Tode war es im Hause noch stiller geworden.
Die alte Annemarie fing auch nach und nach an, auf den Knochen stumpf zu werden und es hätte wohl hinten und vorn gehapert, wenn Hämmermäuschen nicht dagewesen wäre. Die aber führte das Regiment mit gar fester Hand und suchte dem alten, recht grau gewordenen Entenmüller den Verlust seiner heimgegangenen Haus- ehre allerwegen zu ersetzen. Jakob war auch ein handfester Bursche geworden und ein sauberer dazu. Durch die besondere Verwendung
alter Spezial des Entenmüllers einer- und des Rekrutirungskommissärs anderseits und durch den ferneren Umstand, daß Jakob das einzige Kind war, hatte man ihn zur Reserve eingereiht, was damals, wo ein Soldat von vornherein sich schon als halbtodt ansehen konnte, keine geringe Begünstigung war. Doch der Jakob hätte sich aus
des Dorfschulzen oder wie der Mann jetzt hieß: Maire, der ein
dem Marschiren so arg viel nicht gemacht. Von dem Naturell seines Vaters hatte er keinen Funken. Der alte Entenmüller hatte immer gemeint: der Jakob käme ganz auf seinen Onkel Tobias, einen Stiefbruder des Entenmüllers, heraus. Dieser Onkel Tokias war nämlich auch von Kindesgebeinen auf so ein wilder, unstäter Gesell gewesen, schon als blutjunger Kerl in die Welt hinausgelaufen und im siebenjährigen Kriege anno 57 bei Collin als Schmettau Dra⸗ goner todtgeschossen worden.
„Von mir hat er's ganz gewiß nicht geerbt und ebenso wenig von seiner Mutter selig;“ schloß der Entenmüller regelmäßig seine psychologisch-genealogische Betrachtung.
Der Jakob war schon bei Zeiten ein Wildschütz geworden wie kaum einer. Die weiten Forsten, die um die Mühle lagen, hatten schon den Knaben zum Beerenlesen und zum Vogelfang hinaus⸗ getrieben; den Jüngling lockte die lustige Wildbahn. Die Jagd-. hüter ertappten ihn endlich einmal und er ward, weil der Wald kaiserliche Domäne war, streng bestraft. Mehr als die bedeutende Geldbuße schmerzte den alten Vater die Gefängnißhaft.
„Noch Keines von uns war je im Gefängniß, seitdem wir auf der Entenmühle sitzen,“ antwortete er der Annemarie, die ihn zu trösten suchte, und ein unsagbares Weh zitterte aus seiner Stimme.
Den Jakob ertappten sie nimmermehr; er zeigte sich jetzt in dem Geschäft rühriger denn je und man glaubte ihn von seiner Waid⸗ lust geheilt. Wenn aber die Nächte kamen, wo die Windsbraut durch die Wälder raste, wie ein Heerzug toller Geister, wo der Mond, nur zeitweise aus den düstern Wolkenschatten hervortretend, seine zitternden Streiflichter auf die öde Landschaft warf, da schlich Jakob zur Hinterthür hinaus. Sein Falkenauge und seine Erfahrung ließen ihn die lebenden Thiere des Feldes bald finden, und dann krachte die Büchse des Wildpretknappen wie das Jauchzen eines Todesengels in den Aufruhr der Elemente hinein.
Nicht der Gewinn war es, der ihn hinaustrieb, wohl aber ein mächtiger, angeborener Trieb, als Freibeuter dem Gesetz und der Gesellschaft den Fehdehandschuh hinzuwerfen, um in diesem ungleichen Kampf zu stehen oder zu fallen.
Leise war unterdessen Hämmermäuschen zur Jungfrau aufgeblüht. Sonderlich schön war sie eben nicht geworden, aber über ihr ganzes Wesen lag es wie ein rosiger Morgenduft von Milde und Frauen. würde. Wer einmal in diese tiefblauen Augensterne gesehen, wer einmal dem Klange dieser weichen Stimme gelauscht hatte, der ver gaß sie so bald nicht wieder.
Und merkwürdig, je mehr sich das Mädchen aus dem nüchternen Alltagsleben ihrer Umgebung in sich selbst zurückzog, wie in eine traumhafte Oase, desto mehr zog sie mit unbewußter Gewalt die Menschen zu sich heran, wie jene sagenhafte Lorelei, die ja auch die Schiffer mit endlosem Liebesweh geschlagen hat. Jakob allein schien den stillen Zauber seiner Pflegschwester nicht zu fühlen. Sein Be · nehmen gegen sie war ein theilnahmloses, schier rauhes zu nennen, aber— doppelt merkwürdig— hier schien ein umgekehrtes Ver⸗ hältniß zu walten.
Je mehr sich Hämmermäuschen als versöhnendes Element, als friedebringender Engel in Jakobs schroffes, zerfallenes Wesen ein⸗ senken wollte, desto weiter wich er grollend aus dem Lichtkreise ihrer Nähe in die Nachtschatten seiner eigenen, düsteren Natur zurück. Er war einmal auf einer seiner Streifereien mit einem andern Wild⸗ schützen bekannt geworden, einem verwegenen, gefährlichen Menschen. Mit der ganzen Leidenschaft seines vollkräftigen Charakters, der hier zu finden glaubte, was er zu seiner Befriedigung, gleichsam zu seiner Ergänzung bedurfte, schloß er sich an Jost— so hieß jener— an.
In einer Nacht, wo beide wieder zusammen jagten, machte Jost Jakob den Vorschlag, Schmuggler zu werden. Der Schleichhandel stand damals in voller Blüthe. Gewaltthätigkeit erzeugt wieder Ge⸗ waltthätigkeit, das bleibt eine ewige Wahrheit. Kaffee, Zucker und Taback hatten, in Folge der napoleonischen Handelspolitik, einen für die ärmeren Klassen geradezu unerschwinglichen Preis erreicht. Man konnte oder wollte sich aber trotzdem von den einmal lie gewordenen Genüssen nicht trennen und so trat denn der Schmuggel als ver- mittelndes Glied dazwischen. Auf diesem Wege ward der verbotene Apfel erreichbar und um die unheilsvollen Folgen kümmerte man sich eben nicht.
Das ganze nordwestliche Deutschland zwischen den Ausflüssen der Ems, Weser und Elbe, mitsammt den alten Freistädten Hamburg, Bremen, Lübeck, war kurz zuvor dem französischen Staatsverband
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