Ausgabe 
20.11.1887
 
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das sie versunken schien. Aber es war eine Andere, welche, auf Gerta's Arm gestützt, sich schwerfällig die Treppe herabbewegte, eine Andere, als die da früher in dem behaglichen Salon von Schön holz repräsentirt hatte. Das Haar ergraut, die vordem noch frischen Wangen welk und schlaff nichts war ihr geblieben von der früheren noch fast jugendlichen Elastizität, nichts auch, wie es schien, von dem stolzen Selbstgefühl der Standesdame, der geborenen von Bergfeld nichts stellte sie mehr dar als eine halb gebrochene Frau, eine für ihre Schwächen bitter bestrafte Mutter. Und

dennoch es ist ja so schwer, die Liebe in einem Mutterherzen zu ertödten dennoch hielt sie den Brief des Sohnes, welcher ihr in wenig Worten mittheilte, daß er sich habe nach Java an⸗

werben lassen, fest in der zitternden Hand wie ein kostbares Gut. Krohne, als er herüberkam, war der Erste, der ihn sehen durfte. Ihn konnte der Inhalt nicht in Verwunderung setzen, er hatte nur etwas Aehnliches erwartet. Aber er verstand die Landräthin. Doch gab er ihr das Blatt ohne ein Wort zurück. Er fand keines; er schien mächtig bewegt. Auch ich habe eine Nachricht, sagte er nach einer Pause. Der Verkauf ist abgeschlossen. Hier sind die Papiere. Nur Ihre

1 Unterschrift ist noch erforderlich. Notar Ringwitz will noch heute

Nachmittag herüberkommen. f

Die alte Dame Frau Heußner war in vierzehn Tagen eine alte Dame geworden stützte den Kopf auf den Arm, welcher auf der Lehne ihres Fauteuils ruhte. Dann winkte sie mit der Linken nach Gerta hinüber. Sie war ihm so tief verschuldet, sie konnte noch nicht mit ihm verhandeln.

Gerta's Finger zitterten, als sie von ihm den Kontrakt ent⸗ gegennahm.

Sie auf Schönholz!

Sie hatte die Hände über dem Papier gefaltet, als spräche sie ein Gebet.

Er schüttelte den Kopf.

Meine Arbeit wenn anders es eine Arbeit war, was ich gethan ist erledigt: Balzer übernimmt am ersten Januar die Brauerei, Rahdebrok wird sehen, daß er bis dahin einen zuver⸗ lässigen Inspektor für das Gut engagirt, sie die Frau Land⸗ räthin wird immerhin ein Kapital von achtzehntausend Thalern für sich haben, von dessen Zinsen sie leben kann, selbst wenn sie vor⸗ zieht, meiner Bitte zuwider von hier fortzuziehen.

Fast monoton waren die Worte von seinen Lippen geflossen. Dennoch meinte man, ein verhaltenes Beben hindurchzuhören. Nun wandte er sich dem Fenster zu und schaute stumm in den klaren Herbstmorgen.

Frau Heußner weinte still vor sich hin.

Ein drückendes Schweigen! Gerta war es, als stände sie unter einem Banne.

Und Sie? preßte sie endlich beklommen heraus.

Hatte sie ihn gefragt?

Er machte eine halbe Wendung nach ihr hin.

Was wird aus Ihnen?

Geringschätzend bewegte er die Hand.

Ein nutzloses Wesen mehr auf der Welt wie früher! Tiefe Bekümmerniß lag in den wenigen Worten. So unsäglich bitter klang es dann:Was wird aus dem Baum, den man seines

Lebenselementes beraubt, den man ausrodet aus dem Grunde, auf

welchem einzig er gedeihen kann? Doch nein! Er wird zer⸗ sägt, sein Holz verarbeitet er dient noch manchem Zweck. Aber was wird qus dem Farn, was aus dem Unkraut, das seinem Boden

entrissen w preu

Er sck h ein paar Sekunden stand er in düsterem Sinnen v ann kehrte er sich der Thür zu.

Ueber aangen rollten zwei schwere Thränen.

Neis 5

Und bandte er sich um.

Ge

Sie ner Brust

Ki könnt Ihr mir verzeihen? Ja, ja, Ihr

könnt es ist ja so leicht, wenn man glücklich ist.

Die De hatten nicht bemerkt, daß Adele längst das Zimmer

betrete g 8. es mußte so kommen, flüsterte sie, während sie armte.Und Sie ich weiß nicht mehr,

was ich gesagt habe damals ich war wahnsinnig vor

Schmerz. Ich hatte Sie hintergangen mit Vorbedacht trotz

Ihrer Herzensgüte, und ich hatte einen Abscheu gegen mich selbst!

Aber er wollte es er brauchte Sie und er war mein ein⸗

ziger Bruder. Und mich mich betrog dann der Andere Leise stöhnend sank sie zu Füßen der Mutter hin.

Die Landräthin Heußner wollte nicht auf Schönholz bleiben. Sie mußte es dennoch: Noch ehe Krohne die Besitzung antrat, bettete man sie auf dem Kirchhofe des Dörfchens an die Seite ihres Gatten. Adele aber lebt noch heute in Zurückgezogenheit bei ihrer Kousine und dem Freunde ihrer Kinderjahre. Mit letzterem ist eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen: unterstützt von einem tüchtigen Verwalter und von seiner kleinen Gattin ist erja wohl auf dem schönsten Wege, ein Extra⸗Praktikus zu werden, wie Vater Rahdebrok sich auszudrücken beliebte, als er jüngst ihn und seine alte Freundin, die Schmiedeken, besuchte. Jungfer Gertrud nämlich hatte den wohlverdienten Ruheposten, den man ihr in einem Hinterhäuschen der Berglust anbot, rundweg abgeschlagen;ste sei kein altes Stück Möbel, das sich mit den übrigen Scharteken des Hauses verkaufen lasse, sie gehöre zu ihrem

Herrn Alfred, den alten Rahdebrok habe sie ohnehin gründlich satt.

Sie installirte sich also auf Schönholz, zum Ergötzen Gerta's, zum Schrecken des gesammten Küchendepartements. Anton Knopploch hat seinen Handel mit allen Nebengeschäften

aufgegeben und macht nur noch in Cigarren, die er in der früher

Balzer'schen Fabrik produzirt. Die Schmiedeken behauptet zwar, man könnte ihnen noch das frühere Metier des Fabrikanten an⸗ riechen, es wären Haare drin. Solches glauben hieße zwar Knopp⸗ loch's Reellität als Geschäftsmann stark in Zweifel ziehen, indessen es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden man hatte ihm ja auch ein Haar in die Lebenscigarre gedreht. Geheirathet hat er noch nicht, aber Jettchen Saalfeld ebenfalls nicht. Ob nicht doch Beide noch auf den Fleck kommen, von welchem an auch ihr Lebennoch nicht verloren ist?

Lose Blätter.

Charleston(siehe Illustration), der bedeutendste Handelsplatz Süd⸗ karolinas, wird in den Vereinigten Staaten als das amerikanische Venedig bezeichnet; leider gleicht es der stolzen Dogenstadt an der Adria nur in einem Punkte: Charleston ist gleich Venedig eine gefallene Größe, deren Glanz und Reichthum geschwunden ist, deren Handel mehr und mehr zurück⸗ geht, deren Lebenskraft versiezt. Einst, da die Sklavenstaaten sich in ihrer Blüthe befanden, konnte Charleston an Macht und Reichthum, an Schön⸗ heit ihrer Kirchen und Paläste fast mit Newyork und Philadelphia rivali⸗ siren, heute wächst Gras auf seinen Straßen, seine Monumentalbauten sind verfallen, seine Paläste verödet. Wie Newyork, so ist Charleston auf einer Landspitze erbaut, die von zwei Flüssen, dem Ashley und Cooper ⸗River, begrenzt wird. Den schönsten Ausblick über Stadt, Inseln und Meer genießt man von der Michaelskirche aus und unser Bild giebt diese Ansicht wieder. Die Stadt scheint an der blauen Bai im Schlaf zu liegen. Während sonst im Hafen die Schiffe in Menge aus⸗ und einliefen, die Werften und Quais mit Menschen, Waaren und Wagen bedeckt waren, ist es jetzt still geworden. Nur an der Batterie, der Uferpromenade, sieht man Spaziergänger, und die Schiffsbewegung in der Bai ist eine sehr geringe. Im Innern der Stadt liegen stolze, von Magnolien und Bananen um: schattete Villen neben armseligen Negerhütten. Pracht und Elend sind dicht nebeneinander. In den Marmorpalästen ehemaliger Sklavenbarone überzieht das Moos die Gänge und Mauern, in den Negerhütten dicht daneben liegen die Menschen im Schmutz und Unrath. Die Straßen nur, welche zum Hafen führen, sind von Menschen und Pferdebahnwagen belebt. In der Stadt sieht man vielfach jene Aasgeier(Tuckly buzzards), welche im Süden die auf den Straßen liegenden Abfälle verzehren und eine Art von Sanitätspolizei bilden. An die Stadt schließt sich ein Magnoliapark an, welcher in Bezug auf die Ueppigkeit der Vegetation an die Gärten und Haine Cubas erinnert. 5 5

Der Verfall Charlestons begann während des Bürgerkriegs. Auf dem vor der Stadt gelegenen Fort Sumter pflanzten die Sklavenhalter von Südkarolina zuerst das Banner der Rebellion auf. Sie wollten die Union zerstören, für welche Washington, Lee, Johnson und andere Patrioten Blut und Leben eingesetzt hatten. Charleston mußte schwer für diesen Frevel an der großen Republik büßen. Seinen heldenmüthigen Widerstand brach die Belagerungsarmee des Nordens durch furchtbare Bombardements, bei denen ein Theil der Stadt in Trümmer ging. Die Wunden, welche der Bürgerkrieg geschlagen, verharschten nie wieder und fast scheint es, als wolle das zürnende Schicksal diesen Hauptmarkt des Sklavenhandels von der Erde vertilgen, denn gerade in der Zeit, da Handel und Wandel sich in Charleston endlich wieder zu beleben anfingen, kamen jene furchtbaren Erdbeben, welche im vorigen Jahre die festesten Gebäude der Stadt in Schutthaufen verwandelten. R. E.

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