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Noch nicht verloren.
Novelle von Hermann Birkenfeld. (Schluß.)
Anton zog die Oberlippe in die Hohe. i
„Sieht ihnen ähnlich, die Zahlung der Schuld zu verweigern!“
„Sie sind in keiner Weise, auch moralisch nicht, zum Zahlen verpflichtet, gerade Dir gegenüber nicht, da sie bestimmt annehmen können, daß Du Dich vorher gründlich schadlos gehalten hast.“ Noch nie hatte der Doktor mit solcher Festigkeit gleich gelassen ge⸗ sprochen.„Dennoch wird der Schuldschein des Lieutnants bei Dir eingelöst werden, wenn Du Dich willig zeigst, meinem Wunsche nachzukommen.“
Scham auf der einen, Habgier und Rachsucht auf der andern Seite schienen in der Brust des Handelsmanns miteinander zu kämpfen. Sinnend wiegte er den Kopf und sog dabei hartnäckig an der längst erkalteten Pfeife. Endlich streckte er die Hand aus.
„Gieb her das Papier! Ich will die Notizen dazu machen; übermorgen bringe ich sie Dir nach der Berglust. Aber das merke: Nicht der Gesellschaft da draußen zu Nutze, nicht meines Profits wegen thue ich's, sondern Dir zu Gefallen. Lumpensammlers Anton hat nicht vergessen, wie Du ihn mal in Schutz nahmest, als er einen Bleistift gestohlen haben sollte, und er vergißt Dir nicht, daß Du der Einzige bist, der seine Geschichte kennt.“ Alfred Krohne reichte dem jetzt so finstern Genossen seiner Knabenzeit bewegt die Hand. Schwer ließ der Andere die seine hineinfallen.„Und noch eins: Hat Saalfeld seine Hypothek gekündigt?“
Der Doktor verneinte.
„Aber warum die Frage?“
Anton verzog das Gesicht. Wieder lag etwas Unheimwliches in seinem Grinsen. Es glich dem lauernden Gesicht des Tigers, der bereit ist, sich auf seine Beute zu stürzen.
„Er wird sie auch nicht kündigen—“
„Wie?— Er wird—“
Anton nickte.
„Er wartet, bis Du fort bist. Ich kenne ihn. Hat er ein Opfer erst halb im Garn, er läßt es zappeln und sich winden, aber er erdrosselt's nicht eher, als bis er weiß, daß er ganz allein sein Blut saugen kann.“ 0
„Ich verstehe Dich nicht. Auf Schönholz—“ Krohne nannte den Namen diesmal mit einigem Widerstreben—„fürchtet man stündlich die Kündigung.“
„Hahaha! Er wird nicht kündigen. Er weiß, Du willst bald von hier abreisen, aber Du wirst vorher noch Dein Geld in die Wagschale werfen— für die Katz' natürlich— sobald Du die— Sippschaft dadurch retten kannst. So lange Du hier bist, ist er seiner Sache nicht sicher, das einzige Mittel aber, Dich zu halten, hat sich das gnädige Fräulein draußen ja entgehen lassen—“
Alfred's Augen flammten.
„Woher——“
„Bah! Glaubst Du, ich hätte umsonst halbe Tage auf der Schönholzer Chaussee gelegen?“
Der Fragsteller schwieg betreten.
„Saalfeld wartet in aller Ruhe den günstigsten Moment für die Kündigung ab, inzwischen benutzt er die Lage der Dinge, um möglichst billig sämmtliche Hypotheken zusammenzukaufen. Das Ende: Louis Saalfeld Besitzer von Schönholz. Das ist das alte Lied! Und der Rath, den ich Dir gebe“— Knopploch betonte mit Nachdruck das„Dir“—„der Rath: Verkauft das Gut, so⸗ bald sich ein Käufer findet.— Ich selber wollte mit Saalfeld zu⸗ sammen den Handel betreiben— es sollte mein letztes Geschäft mit ihm sein— ich selbst bin auf Kundschaft gegangen— nun weißt Du unseren Plan—— wozu brauche ich noch Geschäfte zu machen!“
Als der Doktor gleich darauf Anton Knopploch verließ, sank dieser wie gebrochen auf seiner Holzbank zusammen.
„Sie kennen die Schönholzer Verhältnisse,“ sagte Krohne anderen Tags zu Balzer, als er diesen vor seiner Wohnung traf;„wie hoch würden Sie das Gut schätzen!“ f
Balzer sah seinen jungen Freund erstaunt an.
„Wieso?“
„Ich fragte nur so.“
„Nun, achtzig bis neunzigtausend mag's werth sein; ich weiß aber nicht mehr so genau, welches Land alles dazu gehört.“
Alfred erwiderte nichts. Aber er nahm zum ersten Male nähere Einsicht in Rahdebrok's Kassenbücher. Nachher besprach der Alte mit Gertrud Schmiedeke dies Ereigniß wie ein Weltwunder. ö
„Ich denke Schönholz zu kaufen, wenn Ihre Frau Tante darein willigt.“
Gerta schaute dem Doktor voll in's Gesicht.
„Ein Brausepulver gefällig?— Sie auf Schönholz! als Landwirth!“
„Ich werde nicht hier bleiben,“ entgegnete Krohne so ernst, daß das helle Staunen plötzlich aus ihren Zügen wich.
„Was in der Welt wollten Sie denn mit dem Gute anfangen?“ fragte sie dennoch.
„Ich weiß nicht. Aber es muß verkauft werden.“
„Man hat ja noch nicht einmal eine einzige Hypothek gekündigt!“
„Es wird auch keine gekündigt werden.“ Er berichtete, was er von Anton erfahren hatte.„Hier sind auch die Notizen über die Pächter. Ich habe Knopploch beauftragt, sich im Stillen nach einem Käufer für mein Anwesen umzusehen.“
„Von dem Händler wissen Sie Alles? Und ihn beauftragt—— Er scheint Ihnen ja ungeheuer zuverlässig.“
„Er wird mich nicht täuschen.“
Zweifelnd, prüfend, sah sie ihm ein paar Sekunden in die ehrlichen Augen. Dann tupfte sie mit dem Zeigefinger der Rechten leise auf den grünen Tuchbezug von Tante Mathilde s Sekretär, vor welchem sie saß.
„Hören Sie, ich glaube— Sie sind auf der Welt doch noch zu etwas nütze.“
Seine knochigen Finger spielten unruhig mit den Enden des spärlichen Vollbarts.
„Ich!— Warum sagen Sie nicht, mein Geld?“
Sie
„Das auch,“ gestand Gerta mit ihrer ureigensten Unbefangen⸗“ Dann sah sie auf und den herben Zug um seine Lippen.“
heit. 8 „Nein— Sie sind zu hart gegen sich. Auch Sie— gerade Sie waren, oder besser gesagt, sind hier wesentlich. Ich weiß nicht, ob ich allein——“ War's der bittere Ernst, der über des Doktors Stirn lagerte, daß auch über die ihre ein Schatten kroch?—„Es wird mir zuweilen unheimlich hier im Hause. Alles so still, so trüb'!“ Sie zog den leichten Shawl, welchen sie um die Schultern geschlagen hatte, fester zusammen, als friere sie.„Ich bin's zwar eigentlich gewohnt, allein zu sein— wenigstens was mein inneres Lebeu angeht,“ fügte sie unter seinem fragenden Blick erläuternd hinzu.„Eigentlich liegt viel Aehnlichkeit in unserem beiderseitigen Geschick. Nur daß—— Und doch bin ich froh, daß es endlich so gekommen—“ Sie stockte, während eine heiße Röthe ihre Wangen überflog.„Ich weiß gar nicht, was mir ein Recht giebt, zu Ihnen zu sprechen, als wären wir die allerintimsten Bekannten— Sie können sich was drauf einbilden, wenn Sie wollen,“ warf sie dann in ganz verändertem Tone hin.„Uebrigens ist augenblicklich keine Zeit zu allerlei Jeremiaden; hier sind Briefe für Sie zu kopiren, ich sehe derweile ein paar Rechnungen durch.“ Sie hatte ihm ihren Platz geräumt.
„Nun?“
„Es hat—— es ist Ihnen eine Erleichterung, daß er ge⸗ gangen ist, Fräulein Gerta?“
„Wer?“
Doch in demselben Augenblick bewies ihr verwirrtes Gesichtchen, daß sie seine Frage dennoch verstanden. Sie wandte sich ab und kramte an einem Nebentische zwischen einem Pack Papieren.
„Sie können wunderbare Fragen stellen— und wunderbar kombiniren. Nun ja, ich bin froh, daß wir ihn los sind.“
Sie hatte die Worte förmlich heftig hervorgestoßen. Um so tiefer schien sie sich über die Tischplatte beugen zu missen.
Krohne schrieb noch lange nicht. 8
Erst nachdem sich längst die Thür hinter ihr geschlossen hatte, tauchte er nachdenklich die Feder ein.
Acht Tage später athmete die Landräthin Heußner zum ersten Male wieder auf seit der Flucht ihres Sohnes. Von Amsterdam aus hatte er geschrieben, er lebte wenigstens. Zum ersten Male hatte sie sich aus dem apathischen Traumleben erwecken lassen, in


