Ausgabe 
20.3.1887
 
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Lautlos vor Entsetzen und Staunen blickten die beiden Liebes⸗ leute auf ihre junge Herrin, die in dem falben Dämmerlicht go bleich wie eine Leiche aussah.

i Der Bursche faßte sich zuerst.

Wenn's denn sein muß! sagte er halb zu Kathrin gewandt. Diese aber rief:Wir haben ja nichts gethan, Fritz, sie schlagen ja Keinem den Kopf ab, der nichts gethan hat. Wir brauchen doch nur bezeugen, was wir gesehen haben!

So redet schnell, was wißt Ihr, was war es mit dem Tode des Herrn von Froysberg? drängte Erna.

Ja, sehen Sie, gnädiges Fräulein, der Fritz war vom Sonnenstein heimlich herübergekommen und wir sahen uns den Abend im Park, weil der Fritz mit mir verabreden wollte, daß ich den Dienst kün⸗ digen müßte und daß Sie mich gewiß aufnehmen würden.

Und weil ich die Kathrine da nicht lassen wollte, denn man kannte den gnädigen Herrn in dem Punkt gut genug und er hatte die Kathrin schon mehrfach küssen wollen; und mich schlug er fast todt, weil ich gegen ihn aufgemuckt hatte, denn ich war vor Wuth über seine Nachstellungen ganz wild unterbrach Fritz sein Mädchen.

Weiter, weiter, sprecht von dem Morde! keuchte Erna.

Es war gar kein Mord, gnädiges Fräulein, es hat ihm Keiner was gethan; er hat seine Strafe von Gott selbst gekriegt, erwiderte Fritz. ö

Ja, sehen Sie, das war so! unterbrach Kathrin.

Fritz soll erzählen, rasch, rasch! drängte Erna.

Nun, es war so, begann dieser,wir standen im Park bei den großen Eichen, da hörten wir, daß der gnädige Herr und der Herr Baron von Willwarth zurückkamen von der Fuchsjagd. Sie waren schon ganz nahe. Na, so krochen wir natürlich in das Gebüsch und versteckten uns. Die Beiden kamen näher, lachten und waren sehr vergnügt. Ich denke, sie sollen an uns vorbei⸗ gehen, aber nein, just ein sechs oder acht Schritte von uns in einer offenen Laube bleiben sie stehen und sprechen von ihrer Jagd und erklärten sich das mit einem Stock, mit welchem der gnädige Herr auf der Erde zeichnet, und ich denke just so bei mir: Sollte man es ihm nun wohl zutrauen, daß er solch' ein Wütherich ist? Und dabei fiel mir ein, daß ich ihn todtschlagen müßte, wenn er mir die Kathrin noch einmal anrührte. So wie ich das denke, blickt er auf. Ich aber hatte mich nicht gehütet, so daß mein Kopf über die Büsche wegragte, und so gucken wir Beiden uns just in das Gesicht, denn der Mond schien taghell, und die Kathrin neben mir hat er, glaube ich, auch gesehen. Mein Lebtag vergeß ich nicht, wie sich sein Gesicht veränderte und wie er auf einmal einen Ton ausstieß wie ein Wilder. Ich hörte es aus dem Ton und wußte es ganz gewiß: Jetzt schießt er Dich todt! und dann hat er die Kathrin. Und indem springt der gnädige Herr auf mich zu. Was ich in dem Augenblick that, wußte ich selbst nicht. Ich dachte nur an das Mädchen und daß ich nichts hatte, mich zu wehren. So reiße ich die Kathrin an mich und werfe mich zurück. Er hinter mir her. Da fällt der Schuß und ich denke noch, der gilt mir, sehe mich aber gar nicht um, sondern schlüpfe mit der Kathrin hinter die alte Steingrotte, wo es von dem Schatten der Bäume ganz dunkel war. Das Alles hatte kaum eine Minute gedauert. Und da hören wir denn, wie der Herr Baron rief: Zum Teufel, Froysberg, was fällt Dir ein? und wieder: Froysberg! Froysberg! Darauf sehen wir, wie er in das Gebüsch geht und wie er dann auf einmal den gnädigen Herrn herausschleppt. Das Mondlicht fällt dem voll auf's Gesicht, es war kreideweiß, aber ich begriff nicht, was passirt war; dann sehe ich, wie der Herr Baron ängstlich an ihm herumsucht und wie er plötzlich: Hülfe! Hülfe! schreit. Daß er todt wäre, unser gnädiger Herr, das dachte ich nicht, aber daß er sich geschossen hätte, das fuhr mir durch den Kopf und zu gleich, daß ich eigentlich Schuld daran sei, denn hätte er mich nicht gesehen, so wäre nichts passirt. Und wir dürfen den Hof nicht verlassen bei Nacht, das war bei Herrn Calander strenges Gesetz, wenn der horte, ich trieb mich Nachts hier herum, so war ich um die gute Stelle und um die Aussicht zu heirathen. So schwieg ich ganz still und machte mich mit der Kathrin davon, obgleich wir hörten, wie der Herr Baron nach Hülfe schrie.

Erna Calander's Aufregung war unbeschreiblich. Hier, hier fand sich Rettung für Willwarth.

Kommt sofort mit mir, befahl sie den Beiden, aber diese

warfen sich vor ihr nieder und baten sie flehentlich, sie nicht un⸗

glücklich zu machen, denn sie hatten die ganze Scheu der Land-

bewohner vor einer Berührung mit den Gerichten.

Endlich gelang es ihren Versicherungen, die Beiden zu beruhigen, und sie gingen mit ihr. a

In Herrn Calander's Stube kam es zu einer erregten Szene. Noch war es Zeit, noch konnte man vor dem vollen Anbruch der Nacht die Kreisstadt erreichen.

Erna Calander war die Seele aller Vorbereitungen. Ein Reit-

knecht auf dem schnellsten Pferde wurde vorangeschickt, die Wagen angespannt, nach Rochlitz ein Bote entsendet, an den General tele⸗ graphirt; Kyburg, dessen Gegenwart nur fatale Zwischenfälle her⸗ beiführen konnte, sollte in aller Ruhe auf dem Sonnenstein bleiben.

Erna fragte nicht, ob sie mitfahren dürfe, sie fühlte sich so sehr die Hauptperson in der glücklichen Entwicklung dieses Dramas, daß sie nicht einmal daran dachte, zu Haus zu bleiben.

Tante Louise protestiite aber so energisch gegendiese neue

Don Quixoterie ihres Schützlings und sprach mit solcher Bestimmt⸗ heit davon, daß nur über ihre Leiche für Erna der Weg nach dem Kreisgefängniß gehe, daß die Letztere sich fügen mußte, umsomehr als Herr von Rochlitz sie bei Seite nahm und ihr zu bedenken

gab, daß ihr Erscheinen Erich vielleicht eher peinlich wie wohl-

thuend sein würde. i a

Das aufgeregte Mädchen sah sehr beschämt aus und so glühend roth vor Schrecken über sich selbst und dieseunerhörte Idee, wie Tante Louise es nannte, daß es jetzt selbstverständlich erschien, sie blieb zu Haus.

Calander empfahl den Damen, sich niederzulegen.Vor morgen wird kein weiterer Schritt geschehen, das ist gewiß, aber es soll auch nicht eine Minute versäumt werden, versicherte er.

Und wieder spielte Erich von Willwarth die verhaßte Rolle des Fangballs in den Händen des Schicksals. Er hätte sich nicht

träumen lassen, daß seine Befreiung so nahe sei! Unruhig auf- und

abgehend rauchte er ein Cigarre, da kein Schlaf in seine Augen

kommen wollte, als er Rochlitz' frische Stimme hörte, der schon

vom Anfang des Ganges her auf gut Glück rief:Heda, Erich! Kourage! Die Luft klärt sich! 1

Wie der Gefangene aufhorchte, wie ihm das Herz schlug!

Dann klirrten die Schlüssel und da war das rothe lachende Gesicht des braven Rochlitz, da war auch Calander!

Eine unbeschreibliche Erregung überkam Erich. Er hätte die Hand des alten Herrn küssen mögen, dessen Erscheinen ihm eine so trostvolle Hoffnung gab.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich Alles geordnet hatte

und bis die unverläßlichen Formalitäten erfüllt, ein neues Verhör

mit Erich abgehalten war, worin dieser über den Kutscher Fritz Aus⸗ kunft geben mußte, so weit er konnte.

Die Aussagen desselben betreffs der Gartenscene hatten genau

mit Erichs Aussagen gestimmt.

Laut auf jubelten die jungen Liebesleute, als sie erfuhren, daß man sie nicht im Gefängniß zurückhalten werde.

Erich jubelte nicht, aber er war sehr glücklich.

Rochlitz hatte ihm heimlich zugeflüstert:Sie hat es heraus- gebracht, Ihre Erna! Und sie erwartet, daß Sie sich morgen in der Frühe bedanken.

Ob dies geschah?

Der kleine Thurm am See war Zeuge davon und ein rechtes

Glück, daß einseltsamer Zufall Erna dahin geführt, wo ihrer wartend Erich von Willwarth saß und in jenem kleinen Buche las, oder zu lesen versuchte, welches sie ihm einst geliehen.

Ein rechtes Glück war es, denn sie hatten sich so viel zu sagen, daß Herr Calander mit der Nachricht der Verlobung und der Bitte um seinen Segen erst gegen die Mittagszeitüberrascht wurde.

Natürlich mußte Erich zum Diner bleiben. Ehe sie aber noch zu Tisch gingen, begann ein Wallfahrten ohne Ende nach dem

Sonnenstein, denn die ganze Gegend war inzwischen alarmirt worden von Gerüchten über die Vorgänge des gestrigen Tages und man

kam nun, von der Neuigkeit des heutigen überrascht zu werden.

Was immer auch die Einen und die Andern geglaubt und gesagt 1

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