Ausgabe 
17.7.1887
 
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in verschiedenen Farben gehalten, so zeigt sich das letztere Gewebe nur in kräftigem Rahmgelb oder blassem Robgelb.

Für das Leben in den Bädern hat man viel weiße Toiletten aus Baumwollenstoffen entstehen lassen, welche in ihren Mustern sich die Carreaux, Linien und Broché's ihrer eleganten Gefährten in Wolle und Seide zum

orbilde erwählt, aber selbstverständlich in kleinem Maaßstabe. Und mit diesen Dispositionen wechseln die Durchbruchs-Dessins in reizendem Durch- einander ab. Noch mehr indeß als die weißbaumwollenen Kleider werden diejenigen aus weißer Wolle, weil praktischer und dauerhafter, wieder an der Tages⸗ rdnung sein, vornehmlich am Strande. Man bereitet sie auf verschiedene le. Weise, für letzteren Zweck ein wenig excentrisch, aber nur cin klein wenig. And am Strande billigen Mode, Sitte und Geschmack einen leichten Grad on Excentricität, und ich, der Mode getreues Echo, lehne mich nicht da⸗ gegen auf. Ich beschreibe Ihnen eine für das Seebad bestimmte Toilette aus weißer Vigogne, welche Ihnen sicher gefallen wird. Dieselbe zeigt den Rock mit mehreren Reihen marineblauer Galons garnirt, die Tunika darüber

ue einfach drapirt, auf der rechten Seite hoch aufgerafft und mit einem Revers n bon dunkelblauem Wollenstoff umsäumt. Das weiße Jaquette, mit großen, a0 blauen Passementerie-Knöpfen geziert, öffnet sich über einem blauwollenen

Chemiset, das am Halse mit blauen Moireébändern geschlossen ist. Hierzu kann man entweder einen runden HutCanotier aus grobem, weißem Paillasson mit blauem Moiréband, oder eine weiße Vigognemütze mit Visir und um den Kopf mit blauem Streif wählen.

1 5 Croquet und Lawn tennis liebt man die weißwollnen Kleider mit plissirtem oder flatterndem Rock und einer Blouse oder einem Jaquette Chemise Molière.

Welch' großen Erfolg haben überhaupt die Jaquettes in dieser Saison! Man trägt sie zu allen Arten von Kleidern, selbst seidenen, gern aus Wollen⸗ offen, rden, röthlich⸗rohgelb, goldbraun. Eine der gesuchtesten Schnitt⸗ formen für Jagquettes ist folgende: im Rücken fest anliegend, vorn gerade und lose, am Halse mit einem Knopf geschlossen und von hier ab über einer ö Chemise Molière oder über der Kleidertaille zurückweichend.

Um auf jene Belustigungen im Freien zurückzukommen, die sich auch bei uns mehr und mehr einbürgern, so ist es jetzt bei den Parisern Sitte 0 geworden, in der Umgegend ihrer Metropole ein Terrain zu miethen, das 5 sse in einen Garlen umwandeln lassen. In diesem Garten wird ein großer Platz für die genannten Spiele reservirt, ferner für Scheibenschießen ꝛc. Ein Zelt ist in einer Ecke errichtet und breitet seinen Schatten über einen Tisch auf welchem derLunch servirt wird. Man ladet seine intimen Freunde und die Jugend zu solchen Nachmittags⸗Gartenparthien ein, welche um sieben

15 ich I 1 Ulbr beendet sind Die Toilette dazu ist sehr einfach, wenngleich etwas 1 kokett: Rock aus Toile in lebhafter Farbe oder aus groß und bunt schottisch 1 klarrirtem Madras, der schräg genommen. Polonaise aus Kaschmir oder h Maousseline de laine, hier einfarbig, dort geblümt, mit Schulterpasse nebst 0 1 Stehkragen aus Sammet und mit Sammetspangen um die bauschigen Aermel, i rander Strohhut in Amazonen oder Matrosenform, auch im Genre Louis IX. i und Rembrandt, sehr lange schwedische Handschuhe, farbige Zwirnstrümpfe und Spangenschuhe, gestreifter oder karrirter Sonnenschirm in den Tönungen der Toilette. Ich detaillire Ihnen dies Alles, weil solche Anzüge h in den Bädern floriren dürften. 0 Die Tournüre vermindert sich, Gott sei Dank, mehr und mehr. Ein kleines Kissen, dem Innern des Rockes angenäht, und ein einziger Reif, wenn man klein, zwei bis drei Reifen, wenn man von mittlerer oder großer h Figur ist: genügen für die moderne Toilette. Was den Tournüre⸗Unter⸗ rack betrifft, so findet er einzig und allein zu der Schlepprobe Anwendung, und auch da ist er immer nur von bescheidenem Umfange. Sollte die Mode, n irdem sie sich immer hübscher gestalltet, allen Ernstes vernünftig werden? Das wäre das goldene Zeitalter. Man kann uns wirklich nichts mehr vor⸗ werfen. Doch die Höhe der Hüte, der Stehkragen! Sonst wären wir aber ful, auch beinahe vollkommen in unserer Tracht. Denn von der häßlichen Form der übermäßig hochschnürenden Corsets und hochgearbeiteten Leibchen, an welcher viele Damen festhalten, hat sich die Mode längst abgewandt. 1 W Was man viel steht, ist der runde Hut eines düsteren, aber distinguirten I Gepräges aus schwarzem Bast(Reisstroh), gefüttert mit schwarzer, plissirter 1. Spitze und garnirt mit einem Gewinde aus gleicher, aber sehr breiter Spitze, das mit geschliffenen Jetnadeln durchsteckt, und aus welchem sich eine feine . Straußfeder⸗Aigrette in Rococofarben erhebt. Das Reisstroh, das man in f allen Farben hal, zeigt sich, nachdem wir nun in den Sommer weiter vor⸗ W geschritten, überhaupt vielfach in Hüten, besonders in Louis IX. und Louis XVI. 0 Die Garnitur ist hier in vollkommener Harmonie mit der Feinheit und

besteht in einer Wolke von Seidentüll, welche

Leichtigkeit des Stroh's und 5 0 Maiglöckchen mit

% auen graziösen Aigrettenstrauß schöner Blumen(Rosen

10 Schneebällen, Flieder, Glycinien zk.) umhüllt.

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0 ursch' und Philister. Ist der Ausdruck Bursch', welcher ehedem 4 1 5 r 1 des Studenten üblich war, von den Bursen ab⸗ 15 zuleiten, so daß aus bursarius(Mitglied einer Bursa) allmählich Bursch' geworden wäre! Man bestreitet es. Aber Thatsache ist, daß schon zur Zeit 4 des Doktor Faust, wie aus dem Faustbuch erhellt, der Ausdruckdie I Bursch', was doch leicht aus bursa corrumpirt sein kann, eine studentische

leitungen gegeben. Am glaublichsten scheint, daß es bei folgender Gelegen⸗ hät entstanden sei. Zu Jena hatten sich 1693 Studenten mit Handwerkern 0 gtrauft und waren dabei nicht am besten gefahren. Am Sonntag darauf 1 verflocht ein Pastor Götz diese Geschichte in seine Predigt, welcher er den ert:Simson, Philister über Dir! voranstellte. Das wurde dann unter

110 Genossenschaft bezeichnete Dem Worte Philister hat man viele Ab⸗ 10

der akademischen Jugend zum Stichwort und binnen Kurzem waren Philister⸗ thum und Bürgerthum in der Studentensprache gleichbedeutende Worte. Hundert Jahre später theilt Friedrich Laukhard in seiner 179297 er⸗ schienenen umfangreichen Selbstbiographie die Schilderung einesbonorigen Burschen von damals in Versen mit, welche ein gewisser Held verfaßt hatte und die beweisen, daß der deutsche Student in den 70 er und 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts demRenommisten Zachariä's noch immer auf ein Haar glich. Man höre nur:

Wer ist ein rechter Bursch'? Der, so am Tage schmauset,

Des Nachts herumschwärmt, wetzt(den Hieber auf dem Pflaster),

5 brüllt und brauset,

Der die Philister schwänzt, die Professores prellt

Und nur zu Burschen sich von seinem Schlag gesellt;

Der stets im Karzer sitzt, einhertritt wie ein Schwein,

Der überall besaut, nur von Blamagen rein,

Und den man mit der Zeit, wenn er g'nug renommiret,

Zu seiner höchsten Ehr' aus Gießen relegiret.

Das ist ein firmer Bursch', und wer's nicht also macht,

Nicht in den Tag'nein lebt, nur seinen Zweck betracht,

In's Saufhaus niemals kommt, nur in's Kollegium,

Was ist das für ein Kerl? Das ist ein Drastikum! Dr. A. B.

Jenkins. Das höchste Lebensalter, das in der historischen Zeit zu finden ist, hat zweifellos der englische Fischer Henry Jenkins erreicht. Er war 1500 zu Bolton geboren und starb erst 1670. Er wurde oft zu Rath gezogen, wenn von alten Rechten vor dem Gericht verhandelt wurde. So entschied er 1660 einen Zehntenprozeß des Vikars von Cetterick. Er er⸗ innerte sich noch der Zeit, da es in England Klöster gab. Er war schon über vierzig Jahre alt, als sie aufgehoben wurden.Porkshire, sagte er,war damals in Aufruhr, als die Mönche vertrieben wurden. Er hakte das ganze England katholisch gesehen, dann die Einführung der protestantischen Konfession erlebt, hierauf die Wiedereinführung der katholischen und zuletzt die Be⸗ gründung der anglikanischen Hochkirche. Zu seiner Zeit wurde die Armada zerstört und die holländische Republik gegründet. Drei Königinnen, Anna Bowlein, Katharina Howard und Malia Stuart, wurden enthauptet, ein König von Spanien stieg auf den englischen Thron, einer von Schottland wurde in Westminster gekrönt, und dessen Sohn verblutete vor dem eignen Palast. Zuletzt erlebte er 1666 den großen Brand zu London. Jenkins konnte weder lesen noch schreiben, doch besaß er bis in sein hohes Alter nicht nur körperliche, sondern auch geistige Gesundheit, sodaß er sich der Vorfälle in seinem Leben erinnerte. Man begrub ihn auf dem Kirchhofe seines Geburtsortes, obwohl er in Ellerton gestorben war, und errichtete einen kleinen Pfeiler auf seinem Grabe. Später wurde ihm eine Inschrift in der benachbarten Kirche errichtet, die bis auf unsere Tage gekommen ist. W. G.

Das Alter der Erde nahm der gelehrte Kanonikus Ricopero auf mindestens 14 000 Jahre an. Er berechnete diese aus den Lavaschichten des Aetna.Wenn, sagte er,2000 Jahre erforderlich sind, um eine dünne Schicht Pflanzenerde auf der Lava zu bilden, so muß, da ich sieben verschiedene Schichten gesehen habe, die unterste Lavamasse vor 14000 Jahren aus dem Aetna geflossen sein. Der Bischof zürnte ihm seiner Ketzerei wegen.Meint Ihr ein besserer Historiker als Moses zu sein? rief er. Ich nicht; aber der Aetna, der freilich nicht redet, dessen Schrift aber deutlich zu mir spricht, lautete die Antwort des Kanonikus. W. G.

Wie die Gelehrsamkeit des 16. Jahrhunderts geschätzt wurde. Im Jahre 1557 wurde die Professur der Philologie bei der Erfurter Universität durch den Tod erledigt. Man wünschte schnelle Besetzung der Stelle, da die soeben errichtete Universität zu Jena Abbruch zu thun drohte. Der Rektor magnificus schrieb demnach nach Löwen und erbat sich, da nirgends eine größere Menge von Gelehrten zu finden sei, einen Professor, der für achtzig Thaler jährlich täglich zwei Stunden die griechische und lateinische Sprache zu lehren habe. W. G.

Der große Frankenkönig, Kaiser Karl, beschäftigte sich in seinen letzten Tagen mit Bücherkorrekturen. Sehr lag ihm eine richtige Herstellung des Textes der Evangelien am Herzen. Er berief zu dem Zwecke Syrer und Griechen an seinen Hof. Einer seiner Heerführer konnte eine solche Beschäftigung für den gewaltigen Helden nicht begreifen; aber dieser erwiderte: Mit dem Schwerte in meiner Faust habe ich mir nur den Weg gebahnt, daß ich diese Beschäftigung treiben kann. W. G.

Hochwohlgeborene Sünder. Hans von Thümmel war Page der Luise Dorothea von Meiningen. Als er einst in dieser Eigens Thür des Beichtstuhles der Hofkirche öffnen mußte, hörte er, wie de 505 zu seiner Gebieterin sagte:Durchlauchtigste, gnädigste Herzoß große, erhabene Sünderin! Bald darauf verließ die Herzogin den Beichtstuhl und bemerkte auf dem Antlitze des Pagen ein Lächeln.Ei, ei, Er hat gehorcht, rief sie:Je nun, unser Geistliche meint es doch gut und christlich mit uns. Aehnlich wie Luise Dorothea wurde der Herzog Friedrich II. von seinem Geistlichen angeredet:Durchlauchtigster Herzog! gnädigster Fürst und Sünder! Wem fällt dabei die Buchformel der Nürnberger Patrizier nicht ein, dieIch armer, hochwohlgeboren Sünder! begann? W. 6.

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