Ausgabe 
17.4.1887
 
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n 127.

Wenn die doch noch das Recht gehabt hatte, auf

mit ihr gelebt! eine Stunde nur an der Stelle, wo das eiserne Bett gestanden, niederzuknien und an sie zu denken! Wenn sie sie doch mitgenommen hätte, als sie fortging auf so lange lange!

Die Straßen wurden lebendiger. Von der scharfen Ecke kam ein junger Bursche in raschem Tempo gelaufen, der an den Haus⸗ thüren einzelner Häuser Halt machte, um etwas unter die Thürspalte zu schieben. Ein Zeitungsjunge! Nora bemerkte, da er näher kam, den eingeknifften Stoß Blätter unter seinem Arm. Er trug eine gestrickte Mütze aus dunkler Wolle, die ihm den Kopf, die Stirn und die Ohren deckte, so daß nur der untere Theil eines sehr runden, rothen Gesichts zu sehen war. Er lief rasch und, Nora horchte darauf hin, er pfiff im Laufen und zuweilen schlug er mit dem freien Arm seinen Körper, um ihn warm zu machen.

Wie munter er daherlief ja, er pirouettirte mit den Füßen, Nora hörte von Weitem, in der Stille des frühen Morgens, den klappernden Klang seiner Hacken auf dem feuchten Steinpflaster.

Er kam näher. Wenige Häuser nur lagen zwischen ihm und ihr. Sie mußte wohl fortgehen, bevor er kam. Sie war ja nicht berechtigt, die Vortreppe des Hauses zu belegen; wenn sie nicht freiwillig ging, so würde er sie gewiß hart anschreien oder weg⸗ stoßen, sie gehörte dort nicht hin, sie war ja eine Ausgestoßene, eine Diebin, so hatte die Bäckersfrau gesagt, ein Straßenkind, die auf die Polizei gehörte.

Die Polizei! Nora fuhr bebend zusammen. Sie hatte öfters gesehen, wie man Betrunkene über den Weg gezerrt, um sie auf die Polizei zu bringen. Entsetzlich! Wenn man sie über die Straßen. In ihrer Naivetät bildete sie sich ein, selbst so weit gekommen zu sein. Sie zitterte so heftig, daß sie sich nicht aufrichten konnte, aber fort wollte sie, fort mußte sie, bevor der Junge da sie verrieth, der roth⸗ wangige, muntere Junge mit den Zeitungen. Sie versuchte sich auf⸗ zurichten, ihre Glieder waren so steif und o weh! Zu spät! Da war er schon! Sie sah nicht auf, aber sie fühlte seine Nähe und sie kauerte sich von Neuem willenlos in ihre Ecke und war⸗ tete das Entsetzliche ab. Mochte er also kommen, der Junge mit den aufklappernden Stiefeln, mochte er sie finden und was immer gegen sie unternehmen, sie hatte keine Kraft mehr, sie konnte nur schweigen und zittern. Das Kind hob den Kopf, als er heran kam. Seine Gestalt war vor der untersten Stufe der Treppe an⸗ gelangt, er stand vor ihr! Die Zeitung hatte er doppelt gelegt, nun bückte er sich, um sie unter die Thür einzuschieben, da sah er sie!

Er beugte sich neugierig über sie und Nora hatte furchtsam ihr Gesicht verhüllt dann stieß er einen Ruf aus, der ihr in's zitternde Herz fuhr.

Alle Wetter, wer? Ein Mädel, ein Herrje Du! Das

Kind fuhr auf. Die Stimme, den Ruf, sie mußte ihn kennen, es

war keine Täuschung, er, er war's, der frische Bursche vom Bäckerladen! Er beugte sich und sah sie forschend an.

Kleine Ente, wie kommst Er schluckte die Frage her⸗ unter und setzte eine andere an deren Stelle:Frierst wohl?

Frieren? O ja, ja!

Armes Ding!

Bei seinem mitleidigen Ruf rollten ihr die Thränen, die an⸗ gesammelten, über das Gesicht. Er hatte Mitleid mit ihr, er sprach sie gütig an, er fragte nicht, wieso es gekommen, daß sie hier vor dem Hause, beim anbrechenden Tag so allein, zitternd vor Kälte lag. Er warf den Haufen Zeitungen, den er trug, auf die schneebeflockte Stufe, zog schweigend den Ueberrock aus und hing ihn ihr um die Schultern. Das Kleidungsstück war ungefügig, er mußte sich bücken, um den Knopf unter ihrem Kinn in das eingerissene Knopfloch zu schieben. Dann blieb er vor ihr stehen.

Hast Du hier die Nacht gesessen?

Sie nickte, ohne zu sprechen. In ihrem Hals wurde es eng und schwulstig, so daß sie nicht sprechen konnte. a

Wie kommst Du denn her?

Sie zögerte mit der Antwort. Sollte sie ihm verrathen, daß sie zur Diebin geworden, sollte sie gestehen, wie sie darauf gestoßen worden war? f i

Die Bäckersfrau ich ich hatte so oft schon kein Mittag⸗ brod und die Semmeln standen herum und und

Aha!

Er hatte verstanden. Nora wußte es, und daß er nicht ging, daß er bei ihr verblieb, ließ ihr das Herz hochaufschlagen.

Na und?

Und? Nora erzählte rasch von den Ereignissen im Laden. Und wie ich die Semmel gegessen hatte, berichtete sie,da kam die Frau herein. Sie schimpfte und und schlug, und wie ich

immer ganz still blieb, da sagte sie, ich hätte das Stehlen gut ge.

lernt und daß meine Mutter auch auch gestohlen hätte und Das Kind brachte die Worte nur mühsam hervor, der Zorn, der sie gestern übermannt, schien auch heute von Neuem durchbrechen zu wollen. Hast Du gehauen? Der Junge fragte es ganz ruhig, fast so, als sei die Haltung des Mädchens eine gegebene gewesen. Ja, ich hab' gehauen! Ich habe gekratzt und gebissen, das

hab' ich! (Fortsetzung folgt.)

oe glätter.

Kaiserliche Gemüthlichkeit. Im Sommer 1414 kam Kaiser Sigismund nach Straßburg im Elsaß, worüber die sehr lopal gesinnte Reichsstadt, und ganz besonders der weibliche Theil ihrer Bewohner, in freudige Aufregung gerieth. Am frühen Morgen des nächsten Tages erschienen infolge einer e ihnen getroffenen Verabredung nahezu anderthalb hundert Jung⸗ rauen und jüngere Frauen aus den Familien der Rathsverwandten und der Genossen der Kaufmannsgilde vor dem Schlafzimmer des Monarchen. Diesem, der noch in Morpheus Armen lag, blieb kaum soviel Zeit, sich Unterhosen und Morgenrock anzuziehen; denn schon erschien eine Deputation der Damen im Zimmer, welche ihn ohne Rücksicht darauf, daß er noch ohne Strümpfe und Schuhe war in ihre Mitte nahm und mit ihm nicht nur über den Marktplatz, an welchem das Absteigequartier des Kaisers lag, sondern auch in die benachbarten Gassen hinein tanzte. In der Körbergasse kauften sie ihm für neun Kreuzer ein Paar Schuhe, dagen sie ihm an und tanzten dann weiter mit ihm fort. Sigismund ieß sich dies Alles ruhig gefallen, denn er war ein sehr gutmüthiger Herr und voll frohen Humors, so 1 er an der ausgelassenen Lust der 1 0 Gefallen fand. Diese führten ihn, als er sich sattsam mit ihnen herum⸗ gedreht, unter Gesang in sein Quartier zurück. Die Chronik erzählt weiter, daß der Monarch, um sich für die ihm gekauften Schuhe zu revanchiren, bei einem Straßburger Goldschmied 150güldene Ringelein bestellte, welche er das Skück mit anderthalb Gulden heinisch bezahlte und die er am Tage seiner Abreise an die 150 tanzlustigen Besucherinnen vertheilte, worüber diese sich sehr freuten.

Die heldenmüthigen Weiber von Salona. Salona, ein Dorf in Dalmatien, früher eine Stadt, ist zur Zeit der alten Römer der Tapferkeit ihrer Weiber 100 berühmt geworden. Während des Bürgerkrieges wischen Julius Cäsar und Pompeius entschied sich Salona für den Ersteren. Dee wollte es mit Gewalt bezwingen und sandte seinen Feldherrn

ctavius mit einer Flotte dorthin. Allein die Einwohner wiesen die Auf⸗ forderung, sich dem Usurpator zu unterwerfen, zurück, und Cäsar getreu, beschlossen sie, ihre Stadt auf das Aeußerste zu vertheidigen; Salona ward ein zweites Carthago, ein zweites Sagunt. Die Bürger bewaffneten die Sklaven; die Frauen opferten ihr Haar, um davon Sehnen für die Bogen zu machen. Die Belagerung der Stadt zog sich so in die Länge, daß die Wachsamkeit der Belagerer allmählich ers laffte. Die Vertheidiger benutzten einen günstigen Augenblick, das feindliche Lager zu überrumpeln und das Belagerungsheer 11 schlagen und zu zerstreuen. Octavius hob die Be⸗ lagerung auf und kehrte unverrichteter Sache nach Dyrrhachium zu Pompejus zurück. Nach Dio Cassius waren es hauptsächlich die salonitanischen Frauen, welchen die Stadt ihre Rettung verdankte. Sie kleideten sich, nach seiner Erzählung, als Furien, drangen mit brennenden Fackeln in der Hand bei nächtlicher Stille in das feindliche Lager, steckten die Belagerungsmaschinen in Brand, und verbreiteten einen so panischen Schrecken unter den Feinden, daß es den ihnen nacheilenden Männern leicht wurde, dieselben in die Flucht zu schlagen. M.

Ludwig XIV. von Frankreich wollte nicht blos als Beschützer der Dichter und Gelehrten glänzen, sondern pfuschte den Ersteren auch ab und u in's Handwerk. So übergab er denn auch einmal dem berühmten Dichter Neikolas Boileau Verse von seiner Komposition und ersuchte ihn um sein Urtheil über selbige. Die Verse waren herzlich schlecht, und so zögerte Boileau, der weder der Wahrheit in's Gesicht schlagen, noch die Autoren- Eitelkeit des Monarchen verletzen wollte, mit der Antwort. Doch Ludwig XIV. bestand darauf, seine Meinung zu wissen. In diesem Dilemma verfiel der Dichter auf einen geschickten Ausweg. Er rief nämlich mit Emphase aus: Ew. Malestät ist Nichts unmöglich! Sie haben schlechte Verse machen wollen, und siehe! selbst dies ist Ihnen gelungen. Mit sauersüßem Lächeln nahm der König dies zweifelhafte Lob hin.

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