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Körper bebte wie damals der kleine wilde Hund gebebt. Würde denn nirgends eine warme Hand sie so streicheln, wie damals das kranke Thierchen gestreichelt worden war? Würde man sie einlassen, wenn sie bittend bei fremden Leuten eintrat?
Sollte sie es wagen?
Irgendwo mußte sie doch hingehen— irgendwo— Sie war vor das Haus gekommen. Das Thor war verschlossen. Sie mußte die Glocke ziehen, und eine Frau öffnete.
„Was giebt's?“ Wie die Stimme rauh klang!
Die Frage schreckte sie. Was sollte sie sagen? Nach wem fragen, da sie doch des Kindes Namen nicht einmal kannte.
„Ach, ich möchte hinauf, in die erste Etage!“
„Zu wem?“ N
Das Kind blickte rathlos auf. Sie fühlte ihre Ohnmacht. Mit nervösen Händen zupfte sie an den spärlichen Franzen ihres Tuches, und murmelte etwas von„Namen vergessen“.
„So?“ Die Frau sah sie prüfend an.
„Was willst Du denn oben?“.
Wieder fehlte dem Kind die Antwort, und plötzlich faßte sie den raschen Entschluß, offen zu sein.
„Ich— ich bin— ich bin— ich habe kein Heim— die Bäckersfrau drüben— ich wollte oben fragen— die Kleine— ich möchte mal'rauf!“ Des Kindes Rede klang nicht zutrauen⸗ erweckend.— Die kleine verwahrloste Gestalt mit den wirren Haaren war wenig empfehlenswerth.„In den nächtlichen Straßen der Stadt pflegen gute Kinder nicht heimachlos umherzuirren,“ so sagte sich die gewissenhafte Vertreterin des Portierkellers, und zu verwundern war es nicht, daß sie der Sache keinen Glauben schenkte und daß das Kind bei ihr kein Verständniß fand.
„Zur Nachtzeit macht man keine Besuche; da oben schläft schon Alles. Mach' fort!“ Und die Thüre fiel in's Schloß, und Nora hörte hinter sich her Worte wie Vagabonden-Volk— Rumtreiber— zur Nachtzeit!“ Bitter kalt war es gewesen, als das Kind seinen einsamen Weg von dem Hause weg einschlug. Von der Thurmuhr, die sie kannte, schlug es langsam elf. Elf Uhr! Nicht weit von Mitternacht also! Und wo sollte sie hin? Sie hatte keine Freunde, keine Bekannte, der Korbflechter, der sie einst gütig aufgenommen, hatte die Schlafstelle, die er ihr überlassen, an einen benachbarten Händler vermiethet, und das eine Stübchen, das sie kannte, das ihr
noch eine Stätte gewährt haben könnte, war vergeben an die Frau
mit dem kläffenden Hunde. Wohin also sollte sie in ihrer Noth? Die Dunkelheit um sie her ängstigte sie, die Kälte durchzog ihren frierenden dürftig bekleideten Körper— die aufschlagenden Schritte verspäteter Fußgänger erschreckten sie, hetzten sie weiter. Gleichviel denn wohin— nur vorwärts! Sie hatte den Kopf gesenkt und schob gegen den pfeifenden Wind an— ohne Ziel, ohne deutliches Be— wußtsein an glimmernde, matt im Winde tanzende Laternenlichter— an schlecht beleuchtete Kellerwohnungen vorüber— immer weiter— planlos ohne zu denken— ohne etwas zu wollen, eigentlich— ja ohne rechten Begriff für das Oede ihrer Lage. Sie war so eilig, so ziellos gerannt, daß ihr der Athem ausging. Vor einer querlaufenden Straße blieb sie stehen. Dort lag eine Reihe von Häusern mit schmalen Vorstufen, welche zur Hausthür hinaufführten. Der Platz war nicht einladend, allein der Wind konnte dort nicht so wild jagen und das Haus war finster.
Auf den Stufen sank das Kind zusammen. Vor Kälte matt, mit wüsten Haaren und müden Füßen, so kauerte sie sich auf den Steinen nieder. Ihr Kopf fiel gegen die vorspringende Seitenmauer an und blieb so liegen. Sie regte sich nicht mehr— sie athmete fast nicht mehr, die Brust that ihr weh und der Kopf schwindelte ihr. Nicht einen Gedanken sandte sie der Vergangenheit nach, nicht eine Hoffnung setzte sie mehr in die Zukunft— sie lag ganz still — fast wunschlos da.
Ueber ihr am Himmel erglänzten die Sterne. Weiter hin über den großen Häusern wanderte der Mond, und sein kaltes weißes Licht fiel hernieder auf die Straßen, in denen es finster war, und auf die schlafende Stadt und auf das Kind, das seine erste heimathlose Nacht auf den öden Steinen der Straße verbrachte.—
. Die kalte Morgenluft, die ihr um Stirn und Schläfen zog, weckte das Kind aus fast starrem Schlaf. Nora hob den Kopf und sah sich um. Ein frösteliger, nebel⸗ umhauchter Morgen war's und die Straßen schienen fast reglos. Eine Milchkarre kam langsam und hart rollend von der Seiten⸗ straße und fuhr holpernd an ihr vorüber. An einem Fenster des gegenüber gelegenen Hauses zog ein gähnendes, schlaftrunkenes Dienst⸗
mädchen das Wetterrouleau hoch und aus einer Souterrainwohnung
stieg, träge ausblickend, ein Mann, der eine kleine Blechkanne mit Kaffee trug und zur Arbeit ging. Eine kurze Zeit verstrich, in der die Straße und die Häuser in den Schlaf zurückzusinken schienen, dann aber erwachte Alles auf einmal.
Aus den Hausthüren traten geschäftige Hausmädchen, welche die Treppen abfegten, mehrere in Paletots gehüllte Herren gingen mit eiligen Schritten der Stadt zu, zwei junge Gesellen in blauen Blousen aus Wollenstoff stiegen aus einem Keller hervor, vor dem sie stehen blieben, um sich Cigarren anzuzünden, Läden wurden aufgeschlossen und Schaufenster geordnet.
Nora blickte verloren um sich. f
Wie verlassen kam sie sich vor, wie sehr verlassen!
Sie zog mit steifen Fingern kaltschauernd ihr Tuch empor um die Schultern und blickte mit trüben Augen in das schläfrige Ge⸗ treibe des erwachenden Tages. Erst bei dem klareren Licht, das hinter dem Nebelschleier des durchbrechenden Morgens hervortrat, erkannte sie, daß es über Nacht geschneit hatte.
Der erste Schnee! Er lag weiß und zart und fast zaghaft hin⸗ gehaucht über der Erde, und das Kind vergaß in seinem Staunen und in seiner Ueberraschung darüber auf Sekunden das Betrübende seiner Lage. Das Laub, das gestern noch rothbraun und welk auf allen Bäumen geflattert, war heute nicht mehr sichtbar. Ueber den trockenen Aesten schimmerte es feucht und glitzernd und schneeig und der Anblick des Weißen, Frischen, das doch das Auferstehen einer neuen Jahreszeit, den Beginn einer Wende bedeutet, gab dem jungen Morgen das Gepräge einer großen Veränderung, einer Veränderung, die, weil verhüllt, zu stillen Hoffnungen und verstohlenen Erwar⸗ tungen ermuthigt.
Der erste Schnee! Eine eigene Feierlichkeit verbreitete sich mit seinem Kommen über die Natur.
Nora starrte lange darauf nieder und es schien, als ob dem Kinde vor Ueberraschung alles Erinnern an Trübes entschwunden wäre. Der Kindermund lächelte ganz leise. Sie richtete sich auf und besah mit eifriger Neugierde die Straßen, die lebendig wurden, und die Menschen, deren Schritte die Schneespuren auslöschten, die Wagen, deren Räder die leichten, feuchten Flocken in ihrem Umkreisen mitnahmen, die sich öffnenden Hausthore, von deren vorspringenden Verzierungen der weiße Schneerand bei der leichten Erschütterung niederfiel.
Wie neu das die Welt machte! Nora's Augen öffneten sich weit. Sie streckte in kindlicher Neugier die kleine kalte Hand aus und faßte nach dem Schnee, der die Stufe unter ihr bedeckte. Un⸗ willkürlich formten sich ihre Lippen zu einem Liedrefrain, das sie aus ihrer kleinen Schule her kannte:
„Der Winter ist kommen, verstummt ist der Hain, Nun soll uns im Zimmer ein Liedchen erfreuen!“
Ein Liedchen! Bei dem Gedanken, bei der Melodie fiel ihr die Vergangenheit ein. Die Vergangenheit, die weit zurück lag, in jener Zeit, da sie das Liedchen mit der Mutter gesungen, Wort für Wort, Zeile um Zeile:
„Ein Lied und ein Spiel und ein Tänzchen dabei, Da sind wir so lustig, als wär es im Mai!“
So lustig! Armes kleines, verlassenes Mädchen! Sie weinte plötzlich hellauf. Auf den Vorstufen eines fremden Hauses hockend, heimathlos, ohne Freunde, ohne Obdach, nach einer kaltfröstelnden Nacht auf den Straßen der Stadt, derselben Stadt, durch die sie im vorigen Jahre beim ersten Schnee mit ihr gegangen war, von ihrer Hand geführt, von ihrer Stimme angesprochen. Und sie war todt, fort, für immer fort!
Unerbittlich hart trat die ganze Schwere ihrer Lage vor sie hin. Sie zog die frierenden Füße an ihrem Körper hoch und kauerte sich enger noch an die Mauer an.
Wenn das Zimmerchen doch noch leer geblieben wäre, wo sie
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