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XII.
Es waren Wochen vergangen seit dem Tage, da Nora in das Institut gekommen, und es hatte lange gewährt, bis der Nachklang jener schaurigen ersten Nacht von ihr gewichen war. Oftmals schien es, als sei von den Eindrücken etwas noch in ihr haften geblieben, denn es war eine Schreckhaftigkeit an ihr, eine Aengstlichkeit, die sie vorher nie gekannt, und die von der sanften beobachtenden Lehrerin mit gütigem Auge bemerkt und mit Rücksicht behandelt wurde.
Das Kind hatte längst die Gewohnheiten des Hauses übersehen und in sich aufgenommen. Sie lebte sich mit ihrem kindlich weichen Herzen willfährig in sie hinein, ohne es durch Worte oder Blicke zu bekunden, wenn ihr Widerwärtigkeiten begegneten. Sie kannte die Insassen der Anstalt von der Vorsteherin der Arbeitssäle, der Waschhausräume und der Küche bis zur Inspektorin hinauf.
Vor der starkknochigen, rauh sprechenden Ersteren hatte sie genau solche Scheu wie vor der feinstimmigen, aber harten untersetzten In⸗ spektorin, deren Wort im Hause nur als höhere Instanz angerufen wurde, die aber sonst in die internen Hausangelegenheiten nicht ein⸗ sprach.
Nora schien seit den kurzen Wochen ihres Lebens in der Anstalt um vieles gealtert. Zum Theil war es eine innere Einsamkeit, die sie bedrückte— zum Theil aber ein Anderes, Wesentlicheres, das auf dem Kinde lastete. Ueber dem Hause lag das Mißtrauen. Die Vorgeschichte eines jeden Kindes ruhte wie ein Hemmschuh auf ihm, und verhinderte bei den meisten die besserungsfähige Umkehr vom Laster zur Tugend. Die Kinder waren zum größten Theil dem Laster entsprungen oder durch Umgang und Erziehung dem Bösen verfallen— welches Wunder denn, daß man sie, die man als kleine Verbrecherinnen empfing, auch als solche überwachte.
Den derb Angelegten schien dieses Regime zu behagen— ja, es hatte für sie einen Reiz— die wachsame über ihnen stehende Ordonnanz auf jedmögliche Art zu täuschen— das Gros der Zög— linge— es war ersichtlich— schien nicht einmal empfindlich gegen das Mißtrauen, das ihm überall entgegenstarrte und es mochte wahr sein, daß die Abhärtungen in dem Vorleben der meisten dieser heimath— losen Kinder sie unempfindlich machten gegen das, was dem Mädchen und Weibe das Höchste sein mußte: das seelische Feingefühl! Anders war es mit Nora. Unter dem Druck des mißtrauischen Ueberwachens, unter der steten Verdächtigung bösen Thuns, fiel sie in sich zusammen. Die spontane Natur des Kindes fand in seinen Ausdrücken keine Mittellaute. Sie liebte oder sie haßte. Sie empfing Liebe oder sie wies sie ab— sie hielt keine Mittellinie von matter Zuneigung — sie ertrug was sie ertragen mußte, aber sie zog sich mehr und mehr in sich zusammen— und wurde still und verschlossen gegen Alle— mit Ausnahme von einer unter den Schülerinnen, deren harmloses Wesen und anhängliche Zärtlichkeit ihr wohlthaten— gegen Hulda— und gegen die sanfte Lehrerin, in deren gütiger Haltung das Kind sich warm fühlte, und deren Blicke ihr Vertrauen schenkten.
Hatte die stille sanfte Frau erkannt, daß in der Brust dieses Kindes ein Etwas lag, das zarter war, als die äußere Hülle es be— kundete? Hatte ihr feiner Fraueninstinkt durchschaut, daß auf dem Kinde, das in seiner Anlage eine Welt von Offenheit und Ver— trauensseligkeit barg, die drückende Stimmung der Anstalt mit seiner mißtrauischen Schwere belastend ruhte, und daß die kleine Seele unter diesem Drucke litt?
Es mußte schon so sein, denn ihre Hand fuhr öfters, wenn sie dem dunklen sinnenden Kinderauge begegnete, sanft streichelnd— wie um stummen Trost zu geben— über das krause Haar der Kleinen, und in den kurzen Vesperpausen fand sie manche Minute, in der sie das Kind beobachtete.
„Bist Du nicht wohl?“ fragte sie sie eines Morgens, als Nora mit matten Schritten an's Fenster trat, und die Stirn gegen die kalte Scheibe drückte. g
Das Kind sah dankbar zu ihr auf.
„Doch— ganz wohl— nur— der Tag ist so lang!“
f„Der Tag, Nora? Das kann's nicht sein, vielleicht möchtest Du eine andere Thätigkeit als die in der Nähstube! Möͤchtest Du plätten lernen?“
Plätten lernen!„O!“ Das Kind jauchzte auf. Ja, das mochte sie! Das war ja die Thätigkeit der Mutter gewesen— ja— das wollte sie gerne!
Und die sanfte Fürsprecherin verstand es, bei der Inspektorin
für sie zu bitten und Nora wurde nach der Plättstube versetzt. Die Fürsprache der Lehrerin hatte dem Kinde die Beschäftigung geschafft, die ihr lieb war, dafür aber weckte ihre freundliche Fürsorge die mißgünstige Abneigung der Mädchen gegen das Kind.
„Sie schmeichelt sich bei ihr ein,“ sagten sie ihr nach,„sie macht sich bei der Lehrerin lieb Kind, damit sie's gut hat,“ und die gehässigen Reden waren kaum in's Leben gekommen, als auch Luise— die nicht umsonst unter den Zöglingen gehetzt hatte— die Stimmung benutzte und weiter gegen die„Stille“— so nannte sie Nora— aufstachelte.
„Trau' ihr nicht,“ hatte die kleine Hulda am ersten Tage ihres Eintritts im Institut ihr zugeflüstert, und„sie schleicht umher und lauert,“ hatte sie später hinzugefügt.
Daß sie„herumschleiche“, hatte Nora entdeckt, und die Ent⸗ deckung trug ihr jene Bitterniß ein, die den Grundstein legte zu dem Leide, das in dem Hause langsam aber sicher für sie erwuchs.
„Sie hat Heimlichkeiten,“ flüsterte Hulda eines Abends, als
das verwachsene Mädchen mit leisen Schritten im Schlafsaal hin
und her ging und mit halb zugekniffenen Augen und ungeduldigen Mienen auf das Einschlafen der Mädchen zu warten schien,„siehst Du's, daß sie was vor hat?“
Im Augenblick sah es Nora nicht, aber dieselbe Nacht erwies es.
Der helle Mondlichtsstreif, der bleich und gespenstisch durch's Fenster in den Schlafraum fiel, ließ das leicht erregbare Kind nicht einschlafen und mit offenen Augen in ihrem Bette liegend, sah sie, wie das verwachsene Mädchen sich leise von ihrem Lager erhob und tastend an's Fenster schlich.
Sie schien auf etwas zu horchen. Ein leises Geräusch drang vom Hofe herauf, ein Geräusch, das auch Nora mit Besorgniß er— füllte. Wer konnte in der Nacht— es klang wie das Klinken eines Riegels— dort unten sein?
Luise verblieb am Fenster. Nora folgte ihren Bewegungen, und sah mit Befriedigung, wie sie sich eiligst ankleidete. Gewiß stieg sie hinab, um die Vorsteherin zu wecken.— Es währte lange, bis sie wieder heraufkam. Nora lag im Halbschlaf, und des Mädchens Kommen schreckte sie auf. Sie fuhr in ihrem Bette empor und sah auf die Eintretende. Sie war todtenblaß und ihre Lippen schienen geöffnet und heftiger zu athmen.
War ihr etwas begegnet? Sollte sie sie ansprechen? Nein doch. Luise war ihr nicht wohlgesinnt— sie würde ihre Hilfe in jedem Falle barsch zurückweisen— sie würde— was war denn das? Warum fuhr das Mädchen bei ihrem Anblick zusammen? Was hatte sie nur, daß sie sich, bekleidet wie sie war, rasch auf das Bett niederwarf und sich schlafend stellte.
Nora mußte über das seltsame Gebahren des Mädchens nach- denken, bis sie einschlief, und mit dem Erwachen wäre jede Er⸗ innerung an die nächtlichen Scenen wohl verwischt oder unklar zer— stoben gewesen, wenn nicht von der Störung sonst Notiz genommen worden wäre.
Es hatten noch Andere in der Nacht das Klinken des Hofthor⸗ riegels gehört und die Sache kam zur ernstlichen Untersuchung und brachte seltsame Dinge an den Tag.
Man hatte bei Tagesanbruch gefunden, daß die Seitenpforte vom Hofe zur Straße unverriegelt und nur angelehnt war, und diese Thatsache gab zu gründlicher Inquisition Anlaß. Die Mädchen wurden der Reihe nach darum befragt und Nora meldete wahrheits⸗ getreu und ahnungslos, was sie davon wußte. Was sie in der Nacht gehört, was sie gesehen und„Luise wüßte es auch und gewiß noch ausführlicher,“ so berichtete sie,„denn Luise sei muthig hinuntergegangen— sie habe sie sprechen hören— wahrscheinlich habe ihr Anruf den Verdächtigen verjagt!“
Seltsam! Luise stand vor ihr und leugnete, von dem Allen etwas zu wissen. Nora müßte geträumt haben. Sie habe die ganze Nacht fest geschlafen und von einer etwaigen Ruhestörung nichts, absolut nichts gemerkt. Nora stand vor der Erklärung sprachlos und verstand nicht, weshalb das verwachsene Mädchen log.
Seit jener Stunde wuchs der Haß Luisens gegen Nora boͤs⸗ willig empor. Fast schien's, als suche sie nach einem Anlaß, das Kind bei einer Unthat abzufassen.
Nora fühlte das, ohne es zu verstehen.
Gewiß— das Mädchen haßte sie— wiewohl sie diesen Haß durch nichts veranlaßt hatte. Als wenn sie das überhaupt je hätte thun können! Als ob in ihrem Herzen je etwas von Gehässigkeit
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