Ausgabe 
14.8.1887
 
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soll sie werden. Wenn man so aussieht wie sie, kann man das wohl beanspruchen. Und sie that die Hausarbeit selbst.

Sie sah es gar nicht gern, daß Ingeborg für Peter Ohlsen's Großmutter die Briefe an den jungen Matrosen zu schreiben pflegte. Ja, wenn der Jugendgespiele Johannes Möller geheißen hätte, das möchte ihr eher gefallen haben.

Zuweilen Abends in der Dämmerung legte Jule Paulsen in aller Stille die Karten für ihre Inge. Sie verstand sich auf solche Künste und glaubte eben so fest daran, daß die Karten die Zukunst verkündeten, als daran, daß es gut gegen allerlei Krankheiten wäre, eine Muskatnuß eingenäht im Kleide zu tragen, oder daß es Unglück brächte, Schweinen zu begegnen oder am Montag ein Werk zu beginnen. Sie würde sich sehr gehütet haben, Ingeborg zu sagen, daß sie unter demHerzbuben den stillen Johannes zu verstehen pflegte, ja, sie bemühte sich sogar, sich selbst solche Gedanken aus dem Sinne zu schlagen; aber wunderbar, ganz wunderbar blieb es doch, daß immer derHerzbube in Gemeinschaft mitRutenzehn welche doch nach dem Urtheil aller Sachverständigen viel Geld bedeutet in der Nähe derDame zu finden war, und daß sich beständigKlever, der verhängnißvolle Unglücksbrief als Hinderniß dazwischen drängte.

Dann schob Frau Jule so verdrießlich das ganze Spiel zu⸗ sammen, daß Ingeborg wohl lachend fragte:Was hast Du denn, Mutter? Liegt die große Erbschaft nicht in der richtigen Ecke?

Ach Kind, das verstehst Du nicht, sagte die Mutter,mit den Karten ist nicht zu spaßen.

Im Spätsommer machten die Zwillinge Möller eine Reise zu der auswärts verheiratheten ältesten Schwester und blieben mehrere Wochen fort,der Bildung wegen, sagte Mama Möller, welche sehr für Bildung schwärmte. Nun war Ingeborg fast auf die Mutter und Peter Ohlsen's Großmutter allein angewiesen, denn zu Frau Möller mochte sie, wenn die Freundinnen nicht daheim waren, ohne direkte Aufforderung nicht oft gehen, und mit den Nachbarsleuten hatte sie schon lange so gut wie keinen Verkehr mehr.

So hatte sie denn an einem sonnigen Nachmittage einen ihrer langen, einsamen Spaziergänge auf dem Deich entlang gemacht. Der Wind war frisch über das Meer hereingekommen und hatte ihr das Kleid und Haar zerzaust. Eigentlich gefiel es ihr am aller⸗ besten, so umherzulaufen ohne Handschuhe und Schirm.

Es war so schön gewesen draußen, wie seit lange nicht. Ein paarmal hatte sie früher die Möller'schen Mädchen mit hinaus genommen auf den Deich. Aber sie hatten es entsetzlich langweilig gefunden da draußen; ihnen hatte gegraut, als die Ebbe kam und die Watten so schwarz und unheimlich dalagen, und sie hatten nicht wieder mit gewollt, als Inge sie das nächstemal aufforderte.

Auch Inge graute, wenn Ebbe war. Dann rieselte es ihr wie ein Schauder vor Gespenstern durch die Glieder, und sie wagte es nicht, allein hinauszulaufen auf den Deich, wenn das Wetter trübe und dunkel war, wie man zur Mitternacht nicht gern über den Kirchhof geht. Sie ging schnell, ohne zur Seite oder hinter sich zu sehen, wenn die Fluth wich; ja, zuletzt war sie manchmal gelaufen, als verfolgte sie Jemand. Aber grade dies heimlich zitternde Grauen war ja auch schön.

Heute lag ihr immer ein Lied im Sinn, das sie einmal Abends, ehe die Zwillinge reisten, bei Möller's gehört hatte. Die Worte waren ihr kaum im Gedächtniß geblieben, nur die Melodie klang ihr im Ohre nach, das alle Musik so leicht auffaßte, und eine kurze Strophe sang sie im Gehen wohl zwanzigmal halblaut vor sich hin:

Reichthum allein thut's nicht auf Erden, Das ist nun einmal weltbekannt.

Mit Robert kann ich glücklich werden, Er gilt mir mehr, als Geld und Land.

Dann lachte sie.Nun will ich es nicht mehr singen. Ich kenne ja gar keinen Robert.

Aber ehe sie sich dessen versah, kam es ihr schon wieder halb⸗ laut über die Lippen:Reichthum allein

Ich will nur einmal zu der alten Großmutter Ohlsen hinein. gehen, dachte Ingeborg, sich selbst unterbrechend.Vielleicht, daß ein Brief angekommen ist. Es ist so lange her, seit der letzte kam, und sie ging auf das kleine Haus zu, ohne sich wegen ihrer zerzausten Frisur zu beunruhigen. Die Alte sah ja doch nichts mehr. (Fortsetzung folgt.)

Lose Blätter.

Opfer römischer Jungfrauen.(Siehe Illustration) H. Coomans gehört 1 jener Gruppe von Malern, welche unter Alma Tadema's Führung sich auf das ebenso weite als dunkle Gebiet der antiken Welt begeben haben. Coomans sucht uns die Schönheit und Poesie der römischen und hellenischen Frauenwelt zu veranschaulichen. Auf's Engste vertraut mit den Sitten und Trachten der schönen Griechinnen und Römerinnen, wird es ihm leicht, die jugendschönen klassischen Frauengestalten so zu drapiren und in solchen Stellungen zu zeigen, daß wir ihren Reiz und ihre Anmuth auf's Lebhafteste empfinden. Auf unserm Bilde stellt Coomaus eine Scene im Tempel der Juno vor dem Fest der Matronalien dar. Den Römern galt die Juno be kanntlich als Himmelskönigin und Schützerin der Ehen. Vor den Matro nalien, oder dem Hausfrauenfest pflegten die Frauen, denen der Kinder⸗ segen mangelte, Puppen als Opfergabe darzubringen, in der frohen Er⸗ wartung, daß die Himmelskönigin 1. in Erwiderung der Liebesgabe ein lebendes Püppchen bescheeren werde. Ein ähnlicher religiöser Gebrauch findet sich bei den Chinesen. R E.

Industrie der Lumpen. Lumpen, welches Grausen! Jeden überschleicht wohl bei dem Gedanken an dieses Wort ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Und doch sind auf diesem unscheinbaren Artikel zahlreiche Industrieen basirt, von denen allein, um eine herauszugreifen, die Textilindustrie nur in Frank reich 350 000 Menschen ihren Lebensunterhalt giebt. Davon entfallen auf Paris etwa 73 000, auf dessen Bannmeile ungefähr 12 000, auf die De⸗ partements nahezu 200 000 und auf Algier 5000. In diesen Ziffern sind die Lumpensammler, die Lumpenhändler und die Angestellten der Letzteren einbegriffen. Fügt man denselben die Händler mit alten Kleidern, deren Zahl über 15 000 beträgt, und dann diejenigen hinzu, die in den ver schiedenen Fabriken, welche sich mit der Verarbeitung dieser Lumpen be⸗ schäftigen, ihr Brod verdienen, so ergiebt dies für Frankreich eine Ziffer, welche die angegebene von 350 000 bei Weitem übersteigt. Auch in den Ausfuhrlisten des französischen Handels spielt der Artikel Lumpen eine sehr bedeutende Rolle; das Zentrum für den Handel mit dieser Spezialität ist Paris. Die Lumpenhändler der Provinzen und die Lumpensammler von Paris liefern die von ihnen gesammelten Lumpen an die Lumpengroßhändler dieser Stadt, so daß bei diesen Letzteren gewissermaßen die Lumpen von ganz Frankreich zusammenströmen. Die Arbeiter der Lumpensammlermeister und der Lumpengroßhändler theilen sich in Magazin-Tagelöhner und in Sortirerinnen. Erstere haben die von auswärts eingegangenen Ballen nach und von den Magazinen, sowie nach und von den Sortir-Lokalitäten zu bringen. Ein Magazin⸗Tagelöhner verdient in Paris sechs bis sieben Franks (4,80 bis 5,60 Mk.) pro Tag; die Sortirerinnen haben gewöhnlich Stücklohn und erhalten durchschnittlich einen Frank(80 Pf.) pro Kilo. A. B.

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Blutrache unter den Albanesen. Unter den Albanesen war die Rache ein Recht und eine Pflicht; wie weit sie getrieben wurde, mag Nachstehendes zeigen, welches ein Reisender erzählte. Der Kapitän Doda, das Oberhaupt der Myrditen, der früher in osterreichischen Diensten gestanden hatte, starb in Ragusa und hinterließ zwei unerwachsene Söhne. Ihr Oheim machte 1834 einen Versuch, ihre Jugend zu benutzen und seine Neffen aus der erblichen Würde eines Stamp eng zu verdrängen. Einen nahen Ver wandten, den Bruder der Wittwe Doda's, der ihm Vorstellungen darüber machte, ermordete er. Darauf fiel er selbst von den Händen dieser Frau. Sein Sohn, der an einem Weibe sich nicht rächen durfte, weil es gegen die Sitte des Landes war, ermordete ihren Sohn, seinen älteren Vetter, und sie vergalt es dadurch, daß sie ihren Neffen, das einzige Kind ihres Schwagers, umbrachte. Hier hatte der Rachekrieg ein Ende, weil außer dem jüngern Sohne Doda's keine Männer mehr in der Familie lebten. Dieses Kind soll dennoch auch ermordet worden sein. Die Mutter, eine hübsche, kleine schwarzhaarige Frau, kam 1838 selbst nach Skutaria, um ihr Benehmen vor dem Pascha zu vertheidigen und darauf hinzuweisen, daß die Landessitte sie ermächtigte, die oben erwähnten Mordthaten mit dem

Dolche oder dem Pistol zu begehen. M.

Ein Feldprediger, der zum ersten Male einer Militärübung, in der viel kanonirt wurde, beiwohnte, befand sich am Abend mit dem kommandiren⸗ den General zusammen.Heute haben Sie sich wohl das höllische Feuer recht lebhaft vorgestellt? fragte dieser ihn.Allerdings, Excellenz, war die Antwort,besonders, als ich Sie mitten im Getümmel sah. W. 6.

Der Marquis Catinat, einer der begabtesten Feldherren Ludwigs XIV., hörte, wie man von dem Marschall Montrevel sprach, er sei so kaltblütig, daß er nach einer gewonnenen Schlacht ruhig Billard spiele. Ein Lächeln flog über Catinat's kühnes Soldatengesicht, aus seinen Augen zuckte ein Blitz des Spottes.Auch nach einer verlorenen Schlacht? bemerkte er.

W. G.

Kleinrussische Sprüchwörter: Ist nur Honig da, so findet sich auch ein Löffel. Liebe dein Weib, wie deine Seele und schüttle sie, wie deinen Birnbaum. Wenn der Abt zum Glase greift, greifen die Mönche zum Kruge. Füttere den Wolf noch so gut, doch steht sein Sinn nach dem Walde. Der Regen erfrischt das Gras, das Gebet den Menschen. Herrenhöflichkeit reicht nicht über die Schwelle hinaus. W. G.

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