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fuhr nach der Südsee, und er ging als Schiffsjunge mit und kam erst in Jahren zurück zu seiner alten Großmutter. Es war ein ganz trauriger Abschied gewesen. Inge hatte sehr geweint, denn es war ihr eingefallen, daß sie doch eigentlich sehr, sehr viel von Peter Ohlsen hielte. Nun dachte sie daran, daß sie Peter ver⸗ sprochen hätte, zuweilen seine alte Großmutter zu besuchen.
„Schön wird das gerade nicht,“ dachte sie, denn die alte Frau war nicht wegen hervorragender Liebenswürdigkeit berühmt, und der Verkehr mit ihr war einigermaßen mühsam,„aber ich will es doch thun, weil Peter es gerne will.“
„Inge!“ rief ihr die Mutter entgegen, der das Mädchen viel zu langsam angegangen kam,„Inge, so spute Dich doch! Du zählst wohl die Steine auf der Straße? Herr Piek ist hier gewesen, und Du sollst den„Ländler“ mittanzen, und wir müssen gleich nach Möller's Laden und rothes Zeug für den Rock kaufen, und Fräulein Jürgens soll den Hut machen.“ Sie sprach so schnell, daß ein Wort das andere beinahe überstürzte.
„Was sagst Du, Mutter?“ rief das Kind. Und die Thränen, die noch eben so jammervoll über die runden Backen liefen, ver⸗ siegten ganz plötzlich. Vergessen war Peter Ohlsen und jede Spur von Trennungsweh über den rothen Rock mit Goldborte.
Unbeschreiblich stolz, wichtig und glücklich erschien sich dann Frau Juliane, als der große Tag des Kinderballes endlich anbrach. Inge war die kleine Königin des Abends; es hätte nicht der halblauten Bemerkungen neben und hinter ihr bedurft, um der Mutter das zu sagen, und Jule Paulsen's mütterliches Herz schwoll von Stolz und Glück.
Nun trug es sich zu, daß einige Wochen nach jenem Kinderball die älteste Tochter der schon vorerwähnten Familie Möller Hochzeit machte. Um den Polterabend recht lustig zu gestalten, waren allerlei Scherze und Aufführungen in Aussicht genommen, und unter Anderem sollte auch der Kostümtanz, an welchem zwei der kleinen Mädchen, die Zwillinge Anna und Marie, theilgenommen hatten, und dem man seiner Zeit viel Beifall gespendet hatte, wiederholt werden. Da nun Inge zu diesem Tanze unentbehrlich war, wurde ihr die Ehre einer Einladung zum Polterabend zu Theil, und sie durfte nicht nur den Gästen vortanzen, sondern auch dableiben, bis endlich, ganz spät, Alles vorbei war. Frau Jule verfehlte nicht, alle Einzelheiten dieses denkwürdigen Abends ihren Nachbarinnen sehr oft mit großer Um— ständlichkeit vorzutragen.
Von dieser Zeit an sah man Inge oft in der Möller' schen Familie. Man fand sie würdig, die Spielkameradin der jüngeren Kinder zu sein. Es war eine Ehre, die wohl geschätzt sein wollte und von Jule Paulsen auch wirklich außerordentlich empfunden wurde, denn die Möͤller's, welche den größten und elegantesten Laden des Ortes besaßen und nach kleinstädtischen Begriffen für sehr reich galten, waren von der hervorragenden Stellung ihrer Familie um so mebr überzeugt, als dieselbe nicht immer diesen erhabenen Rang eingenommen, sondern sich von einem ehemals sehr bescheidenen Stand⸗ punkt durch eigene Kraft und Rährigkeit emporgearbeitet hatte.
Es war eine ziemlich zahlreiche Familie, denn außer der ältesten, kürzlich verheiratheten Tochter und Inge's beiden Freundinnen, waren noch zwei kleinere Kinder und ein Sohn vorhanden. Der letztere war ein großer, stiller, ernsthafter junger Bursche mit langen, rothen Handgelenken, großen Füßen und einem gutmüthigen, unscheinbaren, etwas blassen Gesicht. Den widerspenstigen Haaren versuchte er ver— gebens durch kunstvollen Bürstenstrich einen eleganten Fall zu geben. Für's erste bekleidete er noch die würdige Stellung eines Handlungs— lehrlings.
Ein flotter Verkäufer war der Johannes bis jetzt noch nicht, überhaupt ging ihm alles„Flotte“ vollständig ab. Er war so ein. silbig und schwerfällig, daß es seinen rührigen Papa zuweilen fast zur Verzweiflung brachte.
„Jung', laß das Räsonniren sein! Du schwatzt einen ja in Grund und Boden hinein!“ rief Herr Möller unwirrsch, wenn sein Erbe und Nachfolger stundenlang ungefragt den Mund nicht aufgethan hatte.
Wäre es nach dem Kopf des Johannes gegangen, so wäre er freilich kein Kaufmann geworden. Einmal, vor langer Zeit, hatte er den Wunsch ausgesprochen, studieren zu dürfen, aber sein Plan war so unverkennbar lau aufgenommen worden, daß er in seiner schüchternen Art nicht wieder darauf zurückgekommen war und sich mit dem, was für ihn das Gegebene zu sein schien, abzufinden suchte, so gut es denn ging. Auch hinderte dies alles nicht, daß er
der Abgott seiner guten, korpulenten Mama war, die ihm so leicht 5
keinen seiner selten geäußerten Wünsche versagte; die Zwillinge.
endlich waren kleine, gewöhnliche, rothlockige Mädchen.
Anfangs imponirte Inge der etwas alltägliche Prunk der Wohnung mit seinem rothen Plüsch und der Vergoldung gewaltig, und in dem großen, wohlgehaltenen Garten wagte sie sich nur schüchtern zu be— wegen, aber sie gewöhnte sich bald daran und that, als wenn sie
zu Hause wäre, und wenn sie Abends in ihr wirkliches Zuhause ü
zurückkehrte, erschien es ihr manchmal unbeschreiblich ärmlich und widerwärtig und das alte Kleid der Mutter entsetzlich geflickt und abgetragen.
Zuweilen ging sie zu Peter Ohlsen's Großmutter, nicht gar zu oft, denn die Alte war langweilig und, wie gesagt, nicht sonderlich liebenswürdig. Nein, hübsch war es nicht bei Peter Ohlsen's Groß⸗ mutter.
Oder doch, zuweilen war es hübsch. Das war dann, wenn Peter Ohlsen's seltene Briefe eingetroffen waren und Ingeborg sie vorlesen mußte, weil das schwache Augenlicht der alten Frau eben⸗ so wenig ausreichend war, wie ihre mangelhaften Lesekünste.
O, was sah Peter Ohlsen alles, und was erlebte er? Freilich, an's Land kam er als Schiffsjunge nicht allzu viel, auch wenn das Schiff vor Anker lag, aber er erlebte trotzdem genug. Seine kecken, lustigen Augen fanden offenbar immer das heraus, was Spaß machte zu sehen und erzählen zu hören. Und wenn er von einem Sturm geschrieben hatte, so horchte Ingeborg hinterher doppelt aufmerksam und mit wohligem Grauen, wenn die Wellen in der Nacht hoch gingen und sie ihr Rauschen im Bett hören konnte, und wenn er schrieb von den Chinesen, in deren Land er gewesen war, so ging sie Abends, wenn sie heim kam, an die kleine lackierte Kiste, in welcher jene Sachen lagen, die Jens Paulsen einst von seinen Fahrten mitgebracht hatte, kramte sie vor sich aus und fragte die Mutter tausenderlei.
An solchen Tagen trieb es sie manchmal, wieder stundenweit dem Deich entlang zu laufen, wie sie früher mit Peter Ohlsen ge. than hatte, und sich draußen, weit weg von allen Menschen, in das kurze, feine Strandgras hinzustrecken, grade in den blauen Himmel oder in die Sonne hineinzusehen, oder den Flug der Moͤven zu verfolgen, die ihre langen, silbernen Schwingen bis dicht an die grauen Wellen senkten. Ihr mißtönender Schrei schien ihr nicht häßlich. Sie liebte, da zu liegen und mit ihrer süßen Stimme halblaut über das Wasser hinzusingen. In solchen Stunden hatte sie den fernen Gespielen lieb, und sie sehnte ihn sehr herbei. Der Mutter sprach sie wohl auch von dem, was Peter Ohlsen geschrieben hatte, aber in einer beiläufigen, gleichzültigen Weise. Bei Möllers sprach sie nie von ihm. Sie kannten ihn ja doch nicht.
Ein paar Jahre vergingen so. Ingeborg wurde mit den Zwil⸗ lingen zugleich eingesegnet, und nun hatte Jule Paulsen eine er⸗ wachsene Tochter. Der immer noch etwas schüchterne Johannes, den selbst ein zeitweiliger Aufenthalt in der Fremde nicht lebhafter gemacht hatte, wurde ordentlich roth, als er sie zum erstenmal„Fräu⸗ lein“ nannte, worüber die ganze Familie in ein nicht enden wollendes Gelächter ausbrach, mit Ausnahme der Mama, die es nicht gern mochte, wenn man ihren Aeltesten neckte.
Wer diesem guten, treuen, unbeholfenen Menschen hätte in das Herz sehen können, der würde freilich darin so viel Treffliches gefunden haben, so viel ehrliche Bescheidenheit, so viel Güte und Selbstlosigkeit, daß ihm vielleicht das Necken sehr bald vergangen sein würde. Aber es war nicht so ganz leicht, dies alles zu finden. Auf den ersten Blick sah man nur die ungeschickte Gestalt, das wenig schöne Gesicht, das starre Haar, und nur die guten grauen Augen hätten einen allenfalls einigermaßen mit Johannes Müller's äußerem Menschen aussöhnen können. Aber die Zwillinge und Ingeborg dachten nicht daran, nach seinen Augen zu sehen, sondern spielten ihm manchen übermüthigen Streich, aber halb aus Gutmüthigkeit, halb aus Ungeschick still über sich er⸗ gehen ließ.
„Meine Inge ist bei Möllers wie Kind im Hause,“ rühmte Frau Jule gegen die Nachbarinnen, und sie nahm es nicht als Kränkung auf, daß sie selbst von diesem Verkehr ausgeschlossen war. In ihren einsamen Stunden spann sie heimlich allerlei schöne Pläne.
„Meine Inge soll keine Hausarbeit thun,“ dachte die thörichte Frau,„das macht die Hände hart und rauh, wie Dienstmädchen⸗ hände. Und wer weiß, was fur ein Glück ihr noch blüht. Reich
den er wohl bemerkte,
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